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Häusliche Gewalt: Kinder sind immer betroffen!

Mit einem eigenen Youtube-Kanal gehen die Männerberatung der AWO Werra-Meißner und das Institut NoMos neue Wege zur Überwindung Häuslicher Gewalt

ein Mann erklärt etwas auf einem Flipchart

Alexander Bentheim (Redaktion)

»Der ist doch noch so klein, der kriegt doch gar nichts mit.« – »Die haben doch geschlafen.« – »Die Kinder waren in einem anderen Zimmer.« – Das sind typische Verharmlosungsstrategien, wenn es um Kinder geht, die in Familien leben, in denen Gewalt ausgeübt wird. Dabei geht es nicht immer um Schlagen, Treten, an den Haaren ziehen oder auf den Boden stoßen. Häusliche Gewalt äußert sich auch in schreien, beleidigen, demütigen, bedrohen.

»Die Kinder wissen genau, was passiert«, sagt Ralf Ruhl, Männerberater der AWO im Werra-Meißner-Kreis. »Sie erleben die Spannung zwischen den Eltern, die Aggression – und auch die Angst.« Insbesondere die Angst eines Elternteils übertrage sich auch auf die Kinder. »Die wollen ja, dass ihre Familie ganz und heil bleibt«, so Robert Moos, Täter*innenberater beim Institut NoMos. Deshalb würden sie sich immer wieder zwischen das streitende Paar stellen und werden somit oft selbst zur Zielscheibe der Gewalt.

Verantwortung für Taten und Gefühle übernehmen: Moos und Ruhl wenden sich mit ihren Videos bewusst an – potentielle – Täter. Während der Corona-Pandemie konnte ihre Gruppe »Verantwortungstraining für Männer« nicht stattfinden. »Da haben wir uns gedacht, die Männer sind sehr oft im Internet unterwegs, aber ein Angebot für Täter gibt es da noch nicht«, so erklärt Ruhl den Beginn des Projekts. »Verantwortungstraining« nennen sie ihr Angebot. Denn sie wollen, dass Männer – und die stellen immer noch 80 Prozent der Täter*innen beim Delikt Häusliche Gewalt – Verantwortung für ihre Taten und ihre Gefühle übernehmen.

»Wir verurteilen die Tat, nicht den Täter«, sagt Ruhl. Und Moos ergänzt: »Wir wollen wissen, was einen Mann dazu bringt, seiner Frau und seinen Kindern Schaden zuzufügen. Und das, obwohl er behauptet, dass er sie liebt, dass sie für ihn das Wichtigste auf der Welt seien.«

Verhaltensänderung beginnt mit einem Entschluss – eben das Verhalten ändern zu wollen. Ruhl und Moos bieten in ihren Videos nützliche Tools, wie z.B. das Krisenthermometer und den Notfallplan. Sie erläutern, was passiert, wenn die Polizei kommt und wie eine Paardynamik entsteht, die Gewalt befördert. Wer es ernst meint damit, seine Kinder gewaltfrei erziehen zu wollen, aber Schwierigkeiten hat, seinen Zorn im Zaum zu halten, der findet in diesen Videos Anleitung und Unterstützung. (Foto © Robert Moos)

Zum Videokanal Täterberatung Häusliche Gewalt mit allen Beiträgen

Die Videos als Einzelbeiträge:
Du hast es in der Hand – Vorstellung des Tutorials (4’30“)
Dein Krisenthermometer (4’04“)
Wut, Kränkung, Provokation (4’13“)
Dein Notfallplan (3’25“)
Bilanz und Konsequenzen der Tat (6’56“)
Gewaltspirale und Kreislauf der Liebe (6’40“)
Kinder und Häusliche Gewalt (5’23“)
Häusliche Gewalt und Kinder – Experte Manuel Schwab (7’09“)
Verhalten entsteht im Kopf (3’45“)
So gelingt Kommunikation (6’32“)
Wenn die Polizei kommt (7’25“)
Paardynamik (7’55)

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»Ein seltsamer Wachtraum«

Eine Kultur des Dialogischen in Zeiten des Direktiven

Zwei Männer auf einer Bank unterhalten sich

Frank Keil

Männerbuch der Woche, 21te KW. – Was werden wir erinnern? Und was wird an Erinnertem bleiben? Noch sind wir darin verfangen, die Gegenwart auch nur ansatzweise zu begreifen. Die plötzlich so anders ist als geplant. Da trifft es sich gut, dass Alexander Kluge und Ferdinand von Schirach sich in dem Trostbüchlein »Trotzdem« über die Corona-Krise unterhalten und die Rechtsgeschichte der Einschränkung diskutieren. (Foto © deVante | photocase.de)

Zur Rezension

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0800 123 9900

Neue Hotline für von Gewalt betroffene Männer und Männer*

Ein nachdenklicher Mann

Alexander Bentheim (Redaktion)

Männer erleben Gewalt, erleiden Gewalt, erdulden Gewalt – in der Kindheit, auf der Straße, in Institutionen oder auch in der Partnerschaft. So weisen etwa die polizeilichen Kriminalstatistiken jährlich wiederkehrend aus, dass etwa 3/4 aller von körperlicher Gewalt betroffenen Menschen männlich sind.

Während Frauen sich bereits seit den 1970er Jahren auf breiter gesellschaftlicher Ebene für ihren Schutz, für Rat und Hilfe einsetzten, lautete ein traditionelles männliches Mantra zu oft noch: »Indianer kennen keinen Schmerz«, oder: »Was einen nicht umbringt, macht einen härter«. Die Geschichte der Kritik an solchen (pädagogischen) Überzeugungen ist lang und kennt insbesondere aus der Jungen- und Männer(bewegungs)arbeit viele Initiativen, Projekte und Förderungen mit dem Ziel, solch ungesunden Einstellungen praktisch und emphatisch entgegenzuwirken. – Daher nun äußerst erfreulich: mit dem »Hilfetelefon Gewalt an Männern« gibt es einmal mehr eine auch geschlechterpolitisch relevante Maßnahme, Rat und Hilfe für von Gewalt betroffene Männer zu bündeln und ein Unterstützungsnetz mit bundesweiter Bedeutung aufzubauen.

Das Hilfetelefon ist zu erreichen unter 0800 1239900 zu diesen Sprechzeiten: montags-donnerstags von 9-13 Uhr sowie 16-20 Uhr und freitags von 9-15 Uhr. Parallel gibt es die Möglichkeit, Kontakt auch per Mail an beratung@maennerhilfetelefon.de aufzunehmen und sich auf der Website www.maennerhilfetelefon.de vorab oder weiter zu informieren. Dort wird u.a. erläutert, was unter Gewalt verstanden wird und welche Formen und Dimensionen es gibt: Häusliche Gewalt, Gewalt im öffentlichen Raum, Sexualisierte Gewalt, physische Misshandlungen in der Kindheit, Zwangsheirat, Mobbing, Stalking/Cyberstalking, psychische Gewalt, Gewalt mit Diskriminierungsbezug.

Finanziell gefördert wird es von den Ländern Nordrhein-Westfalen und Bayern, umgesetzt wird das Männerhilfetelefon von der man-o-mann männerberatung in Bielefeld und der Beratungsstelle »via – Auswege aus der Gewalt« der AWO Augsburg.
Neben der Beratung für direkt betroffene Männer gibt es eine Unterstützung für Angehörige oder Fachpersonal, sich über Hilfsmöglichkeiten für gewaltbetroffene Männer zu informieren; die Sprechstunde für Fachpersonal wird in Bielefeld montags von 9-10 Uhr unter der Telefonnummer 0521. 68676 angeboten, die in Augsburg gibt es mittwochs von 15-16 Uhr unter der Telefonnummer 0821. 45033920. (Foto © Meder | photocase.de)

Weitere Links:
> gemeinsame Pressemitteilung der Länder NRW und Bayern
> das Statement der NRW-Ministerin Ina Scharrenbach zum Start des Hilfetelefons
> Pilotstudie »Gewalt gegen Männer in Deutschland« (im Auftrag des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, 2004) als Kurzfassung oder als Langfassung

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Sozialraumanalyse mit Jungengruppen

Das Lernfeld Stadtteilbegehung und die Technik der Autofotografie

Ein fotografierener Junge

Matthias Scheibe

Dass sozialraumanalytische Techniken in der Jungenarbeit gewinnbringend eingesetzt werden können, lässt sich anhand konzeptionell und methodisch strukturierter Stadtteilbegehungen gut darstellen. Innovativ ist hierbei, dass die Lebenswelten von Jungen gemeinsam mit ihnen auf Bedeutungszusammenhänge hin »abgeklopft« werden und damit für sie zusätzliche, auch neue Erkentnnisse über die Verortung in den eigenen Lebenswelten, Wertvorstellungen, Bedürftigkeiten erbringen können. Zusammen mit neun Studenten des Vertiefungsmoduls »Genderreflektierende Jungen- und Männerarbeit« testete der Autor – unter Einsatz der Autofotografie – eine solche (simulierte und dann ausgewertete ) Stadtteilbegehung. (Foto © Jonathan Schöps | photocase.de)

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