Das weiße Rauschen des Universums

Ob man Weihnachten mag oder auch nicht so sehr – dass man etwas verschenkt, bleibt meist nicht aus. Vielleicht ein Buch? Oder zwei? Und gegebenenfalls an sich selbst?

Akrobatik im Garten

Text: Frank Keil
Foto: carlitos, photocase.de

 
Männerbücher der Woche, 51te KW. – Alles über die Liebe, die Geschichte des Bleistiftes, dazu ein (isländischer) Abschiedsblick auf Vaters Bibliothek und ein Ausflug in die postsowjetische Geisterwelt von Lettland – vier eigensinnige Titel empfehlen sich.

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Tiefensuche mit Heinz

Man meint, so gut wie alles über das Schicksal der so genannten Heimkinder zu wissen. Doch genauer hinzuschauen, noch genauer, lohnt immer.

Text: Frank Keil
Foto: Mikhail Nilov, pexels.com

 
Männerbuch der Woche, 50te KW. – Christiane Florin erzählt in »Keinzelfall«, wie Heinz ein katholisches Heim überlebte. Und berichtet von fortlaufender Deklassierung und der bis heute verschleppten Aufarbeitung der Leiden bundesdeutscher Heimkinder gleich mit.

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Vaterschaft, die stille Revolution im Körper

Vater zu werden ist ein sowohl emotional als auch körperlich einschneidendes Ereignis im Leben eines Mannes; Neurobiologie und Anthropologie befassen sich zunehmend mit diesen Zusammenhängen. Eine ARTE-Dokumentation zeigt, dass Männer in einem förderlichen gesellschaftlichen Rahmen ihr väterliches Potenzial voll entfalten können.

zwei Männer pflegen ein Kleinkind

Text: Alexander Bentheim (Redaktion)
Foto: Karola G, pexels.com


Seit 1965 verbringen Väter in Deutschland, Frankreich und vielen anderen westlichen Ländern viermal so viel Zeit mit ihren Kindern wie früher. Doch was bedeutet das für sie? Mit dem wissenschaftlich lange vernachlässigten Thema Vaterschaft befassen sich heute Forschende verschiedener Disziplinen, von der Neurobiologie bis zur Anthropologie.
Der US-Anthropologe Lee Gettler hat herausgefunden, dass sich bei Männern, die kürzlich Väter wurden, der Hormonhaushalt verändert: Der Testosteronspiegel sinkt, während das Stresshormon Cortisol und das »Bindungshormon« Oxytocin ansteigen. Noch überraschender: Je mehr sich ein Vater um sein Kind kümmert, desto stärker fällt dieser Effekt aus – und über die Epigenetik können diese Veränderungen sogar an die nächsten Generationen weitergegeben werden.

Doch nicht nur Biologie prägt die Vaterschaft. Der französische Bioakustiker Nicolas Mathevon widerlegt das Klischee, dass nur Mütter das Weinen ihres Babys sicher erkennen. Entscheidend dafür ist allein, wie viel Zeit ein Elternteil mit dem Kind verbringt.
Und die israelische Neurobiologin Ruth Feldman zeigt: Bei schwulen Vätern, die gemeinsam ein Kind großziehen, aktivieren sich im Gehirn sowohl typisch »mütterliche« als auch »väterliche« Areale. Die amerikanische Anthropologin Sarah Blaffer Hrdy bestätigt diese Hypothese und betont die Bedeutung der sogenannten »Allo-Eltern«, die die biologischen Erzeuger beim Großziehen des Nachwuchses unterstützen.

Dass Väter für die Entwicklung ihrer Kinder wichtig sind, ist kein modernes Phänomen. Studien an Baumsteigerfröschen und Nachtaffen belegen, dass väterliche Fürsorge in der Evolution schon früh überlebenswichtig war. Beim Menschen kommt es jedoch auf den gesellschaftlichen Rahmen an: In tansanischen Ethnien, wo Väter stark in die Kindererziehung eingebunden sind, haben sie messbar weniger Testosteron als kinderlose Männer.
Die Botschaft der Forschung ist damit klar: Väter sind nicht nur »Helfer«, sondern prägen ihre Kinder biologisch und emotional – wenn die Umstände es zulassen (was im Umkehrschluss aber auch bedeutet: wenn es die Umstände nicht zulassen oder verhindern, hat dies ebenso Auswirkungen). Die Dokumentation von Jacqueline Framer zeigt, wie Vaterschaft Männer tiefgreifend prägt und warum die Bindung zwischen Vater und Kind für unsere Gesellschaft essenziell ist.

Die ARTE-Dokumentation wird gesendet am 06.12.25 und ist dort in der Mediathek verfügbar bis einschließlich 05.02.26.

Papa mit Herz und Hand

Eine Depression betrifft die gesamte Familie – in diesem Kinderbuch kümmert sich der Vater um alles, was die Situation erträglicher macht.

Vater versorgt die Wunde des Sohnes mit einem Pflaster

Text: Ralf Ruhl
Foto: Pavel Danilyuk, pexels.com

 
Eine seelische Krankheit, vor allem eine Depression, betrifft die gesamte Familie. Im sehr realistisch illustrierten Bilderbuch »Wilmo« von Francis Kaiser kümmert sich der Vater mit viel Herz und Hand um die Kinder und seine erkrankte Frau. Und hält damit die Familie zusammen.

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Eine Kugel im Buch

Bald könnten es vier Jahre sein, die der Angriffskrieg gegen die Ukraine dann wütet. Wie schreibt man darüber, wie vermittelt man das selbstverständliche und alltägliche Grauen den Menschen, die Sicherheit gewohnt sind?

Auto fährt doch vernebelte Berge

Text: Frank Keil
Foto: Callum Hilton, pexels.com

 
Männerbuch der Woche, 47te KW. – Der ukrainische Romancier, Essayist und Lyriker Andriy Lyubka blickt in »Die Rückseite des Krieges« auf die sich ständig verschiebenden Zonen zwischen Front, Hinterland und zuschauendem Ausland.

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Männer und Depression – das stumme Leiden

Nach neuestem Wissensstand sind wesentlich mehr Männer von Depressionen betroffen als bislang bekannt. Die ARTE-Dokumentation zeigt, warum »männliche Depressionen« oft unentdeckt bleiben, beleuchtet aktuelle Erkenntnisse zur Diagnostik und Behandlung sowie Möglichkeiten, das mitunter tödlich endende Schweigen der Männer zu überwinden.

Mann sitzt traurig an einem Tisch

Text: Alexander Bentheim (Redaktion)
Foto: Andrew Neel, pexels.com


In den meisten europäischen Ländern sind Frauen doppelt so häufig wegen Depressionen in Behandlung wie Männer. Zugleich gelten Depressionen als Hauptursache für Suizide und unter den jährlich 47.000 Menschen, die sich in der EU das Leben nehmen, befinden sich dreimal so viele Männer wie Frauen. Wie kann das sein?

Tatsächlich sind sehr viel mehr Männer depressiv. Ihre Krankheit wird jedoch häufig nicht diagnostiziert – unter anderem, weil sie sich als vermeintlich »starkes« Geschlecht keine Hilfe suchen. Alex McClintock aus Perth in Schottland will dieses Rollenbild überwinden; er hat eine Gruppe gegründet, in der Männer über ihre Gefühle sprechen.
Depressionen bei Männern bleiben oft auch unerkannt, weil sie sich häufig hinter unerwarteten Symptomen wie etwa aggressivem Verhalten verstecken. Eine Klinik in der Nähe von Paris bietet die Behandlung von aggressivem Verhalten bei »männlichen« Depressionen an. Dort hat sich Vincent Rouchère schon mehrmals behandeln lassen. »Meine Traurigkeit kann ich nicht rauslassen. Ich weiß nicht, wie man weint«, sagt er. »Dieser Überfluss an Traurigkeit ist in Wut umgeschlagen.« In der Klinik lernt er, seine Wut zu kanalisieren und wieder Zugang zu den dahinter liegenden Emotionen zu finden.

Depressionen bei Männern geraten zunehmend in den wissenschaftlichen Fokus. Die Dokumentation von Ole Neugebauer (Deutschland 2024, 53 Minuten) blickt auf den aktuellen Stand der Depressionsforschung und zeigt, wie männliche Betroffene von einer geschlechtersensiblen Prävention sowie einer auf Männer zugeschnittenen Diagnostik und Behandlung profitieren. Der Film ist in der ARTE-Mediathek noch verfügbar bis zum 15.01.2026.

Ein Freund ist fort

Erinnerungen an Albrecht


Texte: Alexander Bentheim, Jasper Lammering, Hartmut Meyer, Nils Hanraets
Fotos: Alexander Bentheim, Kristina Patzelt, Julia Windisch, Susanne Lammering


Lieber Albrecht, heute ist dein Geburtstag, die 60 hättest du vollgemacht, aber das wurde dir nicht gegönnt, von welcher höheren Macht auch immer. Als mich die Nachricht von deinem Tod erreichte, habe ich es nicht geglaubt, dann nicht verstanden, dann nicht wahrhaben wollen, es fühlte sich dumpf an und unwirklich, erst vor kurzem hatten wir doch telefoniert, und du warst so hörbar glücklich wie lange nicht, weil es gerade eben eine Entfristung bei deinem neuen Arbeitgeber gegeben hatte. »Hey, es gibt gute Nachrichten! Das kommende Jahr ist für mich gesichert. Und es gibt eine Perspektive ab 2027«, schriebst du. Und wir phantasierten darüber, wie und wann wir das wohl feiern könnten …
Dann ging die Telefonkette im Freundeskreis los, wie kann das sein, wer weiß mehr, wer hat noch mit ihm gesprochen, gab es Anzeichen (nein, die gab es nicht), was genau ist passiert, wer hat ihn gefunden, wieso und weshalb und warum … und wieder und wieder: unfassbar.

Eine Reise durch die Erinnerungen begann (und hält an), dein hintersinniges Lachen höre ich, deine süffisanten Kommentare zu diesem und jenem Weltereignis, deine geduldigen Erläuterungen aus einem immensen Wissen heraus zu vielen Themen, ob aus Kultur, Umwelt, Landwirtschaft, Lokalpolitik, Musik, Fotografie. Der Klang deiner Stimme, so nah und nie wieder. Und ja, Erinnerungen auch an deinen zuletzt manchmal schweren, bedächtigen Gang, deine Kurzatmigkeit (die sich in letzten Jahren wieder verbesserte), deine Gesundheit, um welche dich mehr zu kümmern du beständig aufschobst, weil du für andere und Wichtigeres unterwegs warst, und ja, auch nicht erinnert werden wolltest und dann schmallippig werden konntest.
Ich habe sogar danach gesucht, was ich weniger an dir mochte, um damit den Verlustschmerz etwas zu mindern, aber ich habe nicht viel gefunden – die mangelnde Selbstfürsorge gehörte zwar dazu, aber was echte Freundschaft ist: sich das sagen zu können und auch zu dürfen, um im nächsten Anlauf sich trotz Irritation wieder etwas tiefer miteinander verbunden zu fühlen. Überhaupt die vielen Gespräche, über den bäuerlichen Hof, die Herkunftsfamilie, Hoffnungen und Befürchtungen, oft berufliche Potenziale und Optionen, und über Liebesbeziehungen und das Alleinsein.

Und nun das. Fort für immer.

Einige Spuren sind noch zu sehen, eine Zeit lang noch, vielleicht auch etwas länger, etwa dein YouTube-Kanal, dein Facebook-Profil, dein XING-Eintrag, dein Insta-Account – ja, du warst unterwegs, präsent, vernetzt, engagiert. Auch für unsere MännerWege konnte ich dich gewinnen mit einem ersten Beitrag, aus dem dann – weil du als Käsehöker ja viel erlebst – eine Reihe »Geschichten vom Markt« entstehen sollte, die wir aus Zeitgründen immer wieder verschoben und zu der es nun nicht mehr kommt.

»Blixxm – Das regionale Magazin« war das Online-Portal für die Region, dass du seinerzeit gegründet hattest und wirklich ambitioniert angegangen bist (ich erinnere einige Gespräche darüber), leider aber nicht wie erhofft so erfolgreich, dass es dich finanziell hätte tragen können (und ich weiß, wie es sich anfühlt, ohne materielle Substanz mit einer Zeitschrift Geld verdienen zu wollen). In der kleineren, weniger aufwändigen Version hast du »Blixxm« auf Facebook fortgeführt, wo du dann im Dezember 2024 einen persönlichen Rückblick über ein »insgesamt ereignisreiches« Jahr schriebst, deine neue Aufgabe als Pressemensch am Theaterpädagogischen Zentrum in Lingen schon im Blick: »OP, unter Bedingungen erzwungener Jobwechsel. Dank guten Menschen in meinem Umfeld gemeistert und sehr gut in der neuen Aufgabe angekommen. Danach sah es vor einem Jahr nicht aus, dass sich derart viel verändert. Schade ist, dass ich meine Wochenmärkte nur noch als Gast wahrnehme, dass ich mich nicht von meinen Kunden und Kollegen vernünftig verabschieden konnte. Der Markt war immer mehr für mich, als schlicht etwas zu verkaufen. Es sind Freundschaften entstanden, die auch andauern. Allerdings freue ich mich auch, nicht mehr mitten in der Nacht aufstehen zu müssen und bei Kälte, Regen und Hitze auszuharren. Es macht Spaß in dem kommunikativen, lebendigen Team im kreativem Umfeld zu arbeiten. Einen ganz herzlichen Dank an alle, die mir in diesem unruhigen Jahr zur Seite standen.«

»Blixxm« mit seinen immerhin 3.127 Follower*innen ist auch der Ort, an dem viele an dich gedacht haben, zum Beispiel Johann Bardenhorst (»Du hast uns und mich bei Alternation seit 2004 begleitet, insbesondere zu Festivalzeiten hast Du uns von Aufbau bis Abbau gerne begleitet und über Stonerock, Rock am Pool, über Veranstaltungen von Alternation, Kulturforum und Kultur im Treff geschrieben und berichtet. Im Laufe der Zeit bist Du uns/mir ein wichtiger und freundschaftlich verbundener Begleiter und Berater geworden. Deine kritische Betrachtungsweise von außen war mir sehr wichtig. Vor ein paar Wochen haben wir uns noch über die Kulturszene in der Grafschaft unterhalten. Auch über die Politik, da waren wir uns zwar nicht immer einig, aber Dein verschmitztes Ach, die Spezialdemokraten wird mir immer positiv im Gedächtnis bleiben.«), Daniela De Ridder (»Albrechts Klugheit und Humor werden uns fehlen, er hatte immer ein herzliches Wort für mich übrig, auch wenn es ihm selber nicht gut ging. Sein Witz, seine guten Analysen fand ich immer bereichernd. Und auch seinen Charme und wie er uns den Käse anpreisen konnte…. einschließlich der Verpackung! Er war und ist ein ganz besonderer Mensch. Mir bleibt das warme dankbare Gefühl, ihn gekannt zu haben. Die Welt ist ohne ihn ein klein wenig düster geworden und der Verlust schmerzt. Lieber Albrecht, Du fehlst!«), Magdalene Widmer (»Er war bei allen unseren Veranstaltungen stets mit seiner Kamera dabei. Ob beim Drachenbootrennen oder bei dem Mamsterorakel zur Fußballweltmeisterschaft. Nicht nur die Information war ihm wichtig, sondern die Menschen in unserer Gemeinde.«), Thorsten Norgall (»Ein Pläuschchen mit dir war immer etwas ganz Besonderes, ob am Käsestand, oder bei Veranstaltungen, oder auch sonst wo. Dein herzliches Lachen, deine Freundlichkeit und deine Kompetenz werden mir und vielen anderen sehr fehlen. Ich wünsche dir auf deinem Weg alles Liebe und Gute und deinen Angehörigen unendlich viele schöne Erinnerungen an einen tollen Menschen.«) oder Svenja Hemke (»Gute Reise Albrecht! Ruhe in Frieden. Sei dir sicher du hast viel bewegt.«).

Na klar, ich erinnere auch gerne die Feiern, Partys und Veranstaltungen in der Villa Remy, immer hattest du großen Spaß, Gästen einen Raum zu öffnen, dort trafen sich auch Menschen, die sich ewig nicht gesehen hatten. Die Villa als Knotenpunkt und Schnittstelle, lokale Bands und Kabarett gab es da, sogar Henrik Freischlader spielte mit Band zum Abschluss seiner Tour im Mai 2010 in deinem Wohnzimmer. Hier entstand auch deine Idee, Material für ein Crossmedia-Projekt zur Geschichte der Schüttorf Open Airs zu sammeln, was Fahrt in einer Facebook-Gruppe für die Festivalveteranen aufnahm und dort eine virtuelle Heimat fand – das Buch jedoch muss nun jemand anderes schreiben.

Zuletzt dann das Weltkindertheaterfestival im Juli, dass du als Pressemensch und Fotograf begleitet hast. Eine Woche Urlaub haben wir uns genommen, um in Lingen dabei zu sein, acht Aufführungen der Kinder und Jugendlichen konnten wir miterleben, es war eine sehr besondere, quirlige Atmosphäre auf den Bühnen, im Foyer und draußen auf dem Freigelände, und du stets als Ruhepol dazwischen, selbst noch als der Sturm Mitte der Woche das halbe Außengelände zerlegte. Und ich hatte das Gefühl: nach so vielen Jahren Suche nach deinem Platz im Leben hast du endlich ein berufliche Heimat gefunden, in die all deine Erfahrungen einfließen und aus der heraus du etwas Bleibendes gestalten kannst. Aber die Erntezeit war nur kurz.

Auf der Beerdigung sind sicher 200 Menschen gewesen, die sich dir verbunden fühlten, eine beeindruckende Zahl. Das zu erleben, hätte dich verlegen gemacht, aber auch gefallen. Den Sarg mitzutragen, wonach ich von deinem Jasper gefragt wurde, wäre eine Ehre gewesen, allein aus gesundheitlichen Gründen war es mir nicht möglich, und das hättest du dann auch nicht gewollt. So hat einer meiner Neffen und zugleich dein Patenkind die Aufgabe übernommen; er hat es gut gemacht! Und während wir in der langen Schlange stehen, um dir am Grab ein letztes Mal nahe zu sein, pflügt nebenan ein Landwirt unverdrossen seinen Acker, macht Lärm mit seinem Trecker in die traurige Stille des Friedhofs hinein, und wir denken: skurril! Aber es hätte dir ein Schmunzeln ins Gesicht gezaubert, für diesen Humor warst du zu haben und er hat uns verbunden.

Gute Reise, mein Lieber, und schick gelegentlich ein Zeichen, wenn hier unten mal jemand von uns nicht weiterweiß.

Dein Freund Alexander

 
(Slideshow by click on pic)




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Ich möchte als Sohn noch ein paar Dinge sagen. Vielen Dank, dass so viele von euch gekommen sind. Die vielen Beileidsbekundungen, die mich auf allen möglichen Wegen erreicht haben, zeigen mir nochmal sehr eindrucksvoll, was für ein beliebter und besonderer Mensch mein Vater war. Wir haben gerade schon in der Rede von Pastor Fender von seinen vielen Berufen gehört, und in all diesen hat er so viele Kontakte geknüpft.

Mein Job ist da ganz anders. Ich bin Softwareentwickler und sitze die meiste Zeit alleine vor meinem Computer zu Hause oder im Büro, und bin manchmal auch ganz froh, meine Ruhe zu haben. Für Papa war das nichts. Er musste immer unter Leute. Die meiste Zeit hat er zwar alleine gewohnt, aber musste dann auch immer wieder raus, zum Beispiel zum Buffys. Dort hat er sich dann mit egal wem unterhalten über die politische Weltlage, über Musik oder über die nächste Veranstaltung im Komplex.

Wenn ich ihm manchmal geholfen habe auf dem Markt, hat er sich für jede Kundin, jeden Kunden immer Zeit genommen und mit kurzen Gags ihren Alltag aufgehellt. Gegen Silvester hat er besonders den älteren immer gesagt »Aber keine wilden Partys!!!«. Worauf sie dann immer ganz überrascht gesagt haben: »Nein, nein, nur ein Glas Cherry ;)«. Als Sohn verdreht man da schon mal die Augen, nach dem fünften Mal in ebenso vielen Minuten, aber für die Leute auf dem Markt war das super. Papa hat auch selbst gesagt, dass Markt für ihn immer mehr war als Verkaufen, sondern auch Bekanntschaften und sogar Freundschaften schließen.

Eine weitere Story, die das verdeutlicht, fand letztes Jahr zu Weihnachten statt. Ich bin mit Papa nach Lingen gefahren, um die »Feuerzangenbowle« dort im Kino zu sehen. Sowohl auf dem Weg dorthin, im Kino als auch auf der Zugfahrt zurück haben wir alle 5 Minuten Bekanntschaften getroffen, mit denen Papa sehr einfach schnell ins Gespräch gekommen ist, wie er es eben einfach konnte.
Wegen diesen ganzen Bekanntschaften und seinem tollen neuen Job beim Theaterpädagogischen Zentrum hatte er sogar mit dem Gedanken gespielt, in den nächsten Jahren nach Lingen zu ziehen.

In letzter Zeit etwas weniger, aber wir haben über die Jahre viele solcher Ausflüge gemacht. Da ich nicht bei ihm aufgewachsen bin, war er für mich lange Zeit der klassische Wochenend-Papa. Und an jedem zweiten Wochenende hab ich ihn dann entweder zu seiner Arbeit für die Zeitung begleitet, wir haben irgendwas gegärtnert oder gebaut bei der Villa Remy, oder wir haben einen Ausflug gemacht. Ob das der Transport eines Tisches nach London und zurück war, die Fahrt nach Hamburg zu Ringo Starr oder die vielen anderen Konzerte. Ich behalte die vielen sehr schönen Erinnerungen.

Ich hatte ja gedacht, dass der etwas ruhigere Job und dass er endlich mit dem Rauchen aufgehört hat, auch dazu führen würde, dass er mir noch etwas länger erhalten bleibt, aber so sollte es nicht sein. Man muss die Zeit genießen, die man mit den Menschen hat und ich hatte mit meinem Papa eine tolle Zeit. – Danke!

Jasper Lammering, Dortmund, Trauerrede am 18.10.25 in Ohne

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Ich blicke nun zurück auf 35 ereignisreiche Jahre mit Albrecht. Jahre, in denen ich oft eine anregend gemeinsame Zeit mit ihm verbringen durfte. Wertvolle Momente unter anderem auch deshalb, weil sich gewisse Parallelitäten in unseren Lebenswegen auftaten.

Der Umgang mit ihm war aus meiner Sicht aber auch nicht immer ganz leicht. Gelegentlich erschien er mir sogar etwas rechthaberisch. Aber – ich habe mit der Zeit auch herausfinden können, woran das lag: denn man hatte ihn zum »sich durchsetzen« erzogen. Nur dann erschien es wohl erfolgversprechend zu sein, das Leben zu meistern. Soweit ich es beurteilen kann, entstand dadurch aber auch die Konkurrenzsituation zwischen den Geschwistern, unter der Albrecht ein Leben lang litt.

Das zeugt von keiner glücklichen und entspannten Kindheit. Und die war dann auch noch zusätzlich geprägt von Mobbing unter den Grundschulkindern an der Ohner Schule. Das Leben für Albrecht bedeutete daher von Anfang an »immer kämpfen« …

Dies zu wissen hat dazu geführt, dass ich manche Verhaltensweisen von ihm verstanden habe und manche Gesprächssituationen tolerieren konnte. Und dann – sah man über diese nur vordergründige Art hinweg – entpuppte sich Albrecht als inspirierender Gesprächspartner! Durchaus eloquent, gebildet und witzig! Er lachte so gern. Alle seine Kunden auf den Märkten haben sehr davon profitiert. Die Arbeit am Käseverkaufsstand war daher für ihn wie auch für uns Marktgänger sehr belebend!

Nach dem Bruch mit dem Bruder eröffnete sich am TPZ in Lingen ein für ihn neues und sehr interessantes Betätigungsfeld. Ich habe ihn dort auch einmal besucht, und alle schienen wirklich sehr einvernehmlich miteinander auszukommen. Das war sehr erfreulich mitanzusehen! Alles schien gut zu sein.

Aber dann kam es, wie wir alle wissen, viel zu früh. Es ist keine leere Phrase, wenn ich meine hoffen zu dürfen, dass er seinen Frieden nun gefunden hat. – Albrecht, mach‘ es gut!

Hartmut Meyer, Schüttorf

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Es ist Montag, der sechste Oktober, kurz vor sechs, abends. Der Tag war lang. Ich habe Kopfschmerzen und bin müde. Ich sitze in meinem Büro und versuche die Zeit bis zur Vorstandssitzung sinnvoll zu überbrücken und möglichst effektiv zu sein. Termin-Tetris spielen, die weitere Woche planen. Dinge vorbereiten. Noch schnell die To-Do-Liste ergänzen. Notizen machen. Sachen ordnen. Noch diese eine wichtige Mail raushauen.
In Gedanken bin ich schon auf der Sitzung. Hoffentlich wird die nicht so lang. Ein Blick auf die Uhr sagt: Ich muss langsam los…
Ein Klopfen. Eine schemenhafte Gestalt hinter der Glastür. »Ja…?!« – Ich bin erschrocken, wie genervt ich klinge.
Die Tür öffnet sich langsam und Albrecht steht im Türrahmen. Wie fast immer farbenfroh in schwarz. Der obligatorische Fleece-Pulli. Sein unverkennbares Grinsen. Schelmisch. Offen. Sympathisch. Ansteckend. Wortlos steht er da und winkt im Queen-Elizabeth-Style. Und steht. Und winkt. Und grinst. Ich sehe ihn fragend an. »Ja…?!«
»Bis morgen!« sagt er unbeeindruckt freundlich, winkt noch einmal, dreht sich um und geht. »Bis morgen!« murmele ich und widme mich – die Uhr im Blick – wieder meiner Mail. »Typisch…« denke ich und muss zwangsläufig ebenfalls grinsen. Aber das sieht er schon nicht mehr. »Bis morgen, Albrecht! Schönen Feierabend!«

Das war unser letztes Zusammentreffen, bevor Albrecht plötzlich und viel zu früh gestorben ist, und damit genau so unerwartet ging, wie er zu uns gekommen war.

Während ich diesen Text schreibe, merke ich wie sehr er (mir) fehlt. Er hat mich und das TPZ leider nur eine kurze Zeit begleitet. Aber er hat einen tiefen und bleibenden Eindruck hinterlassen. Als ganz besonderer Mensch und Kollege. Als »Alberto« und »Dennebär«. Als schwarzer Fleece-Fels in der Brandung. In unzähligen Momenten wie diesem. Momenten, die geprägt waren von seiner ganz besonderen Fähigkeit, Stress bei anderen wahrzunehmen und selbst im größten Chaos Ruhe und Gelassenheit auszustrahlen und zu verbreiten. Ob im Festivaltrubel, bei Projekten, in anstrengenden Sitzungen und Diskussionen oder im ganz normalen Wahnsinn. Mit einem Lächeln, einem Spruch, einem Plausch, einem offenen Ohr oder einfach nur mit ehrlichem Interesse. Das tat gut. Mir, dem Team, dem TPZ. Auch wenn es manchmal herausfordernd war, das zu erkennen, wertzuschätzen und zuzulassen. Es tat gut. Es tut gut. Es war seine »Zauberkraft«. Und die wird noch lange nachklingen: In gemeinsamen Erinnerungen. In Gedanken. Auf dem Flur im TPZ. In Mir. In dem Grinsen, dass sich gerade in meinem Gesicht ausbreitet.
Es ist Donnerstag, der sechste November, kurz vor sechs abends. Der Tag war lang. Ich sitze in meinem Büro und schreibe diesen Text. Muss gleich los zur Besprechung. Ich höre ein Geräusch im Flur und drehe mich um.

Der Türrahmen ist leer. Trotz aller Trauer muss ich grinsen! Und bin sehr dankbar, Dich kennengelernt haben zu dürfen, Albrecht.

Nils Hanraets, Lingen, Leiter TPZ

»Ganz oben, letzte Reihe«

Trump. Die hohen Zustimmungswerte für die AfD. Der fortlaufende Krieg gegen die Ukraine, der Völkermord im Sudan, dazu die Klima-Krise und all das private Ungemach – Tag für Tag mehr als genug Gelegenheiten wie Gründe, um zu verzweifeln. Und nun?

Text: Frank Keil
Foto: nicolasberlin, photocase.de

 
Männerbuch der Woche, 46te KW. – Heike Geißler nähert sich in ihrem mäandernden und vor allem offenherzigen Essay »Verzweiflungen« den Grundgefühlen unserer Tage.

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Schlafanzüge für die Ewigkeit

Ein Bild mit zehn Geschwistern.

10 Geschwister im Schlafanzug

Text und Foto: Georg Schierling
Reihe »Bilder und ihre Geschichte«


Die zehn (!) Kinder aus dem Hause Schierling, 1936, mein Vater ist Kind #7 in der Reihe. Alle haben ihren Schlafanzug an. Warum das Familienfoto in Schlafanzügen gemacht wurde – niemand kann sich an den Grund dafür erinnern. Es weiß auch niemand mehr, aus welchem Anlass das Foto der Kinder gemacht wurde. Immerhin wurde dafür extra ein Fotograf nach Hause geholt.
Die Mutter der zehn Kinder, meine Oma, hat das Foto immer in Ehren gehalten. Es hing in ihrem Wohnzimmer. Auch etliche der anderen Geschwister meines Vaters haben das Foto geliebt, denn es hing stets an prominenter Stelle in den jeweiligen Wohnungen. Zuletzt habe ich es 2024 gesehen in der Wohnung meines inzwischen 91-jährigen Onkels in den USA. Er ist Kind #8 und zusammen mit der Schwester, Kind #10, sind beide die letzten noch lebenden Geschwister.
Die drei großen Brüder waren als Soldaten im Krieg und kamen allesamt lebend zurück nach Hause, ein Wunder. Mein Vater ist gegen Kriegsende als vierter Sohn knapp an der Einziehung zum Volkssturm vorbeigekommen, weil er gerade eben noch etwas zu jung dafür war.
Dieses Foto ist das einzige überlieferte Foto aller Kinder. Es ist danach nie mehr gelungen, alle zehn Geschwister noch einmal zu einem Foto zusammenzubringen. Gerade deshalb war den Geschwistern das Bild von 1936 so wertvoll!


Mehr Bilder aus der Reihe »Bilder und ihre Geschichte« gibt’s im Archiv.

»Während mein Bruder sich betrank, schrieb ich.«

Was bestimmt unser Leben? Die Herkunft, die Klasse, dazu die Eltern und die Familie, in der wir aufwachsen, und dann das Umfeld – oder das, was wir daraus machen?

ein Mann am Fenster stützt seinen Kopf in die Hand

Text: Frank Keil
Foto: Andrea Piacquadio, pexels.com

 
Männerbuch der Woche, 45te KW. – Édouard Louis nähert sich in seinem nächsten autofiktionalen Roman »Der Absturz« mal wütend, mal emphatisch seinem älteren Bruder und seiner (eigenen) sozialen Herkunft.

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