Die Angst zum Freund machen

Angst ist richtig übel. Am allerübelsten ist Angst im Dunkeln. Aber wie Orion, der kleine Held der Geschichte, diese Angst zu seinem Freund macht, ist wirklich außergewöhnlich.

Junge im Lichtschatten einer Jalousie

Text: Ralf Ruhl
Foto: Elisabeth Bergdolt, photocase.de

 
Mama hat keine Ahnung, also von den Dingen, vor denen Orion Angst hat. Wie Spinnen, Gewitter, Monster, das Weltall, Mädchen, der Kleiderschrank. »Blühende Fantasie«, sagt Mama. Davor müsse man ja nun wirklich keine Angst haben. Hat Orion aber doch, und da nützt so ein Gerede rein gar nichts … »Orion und das Dunkel« ist ein witziges, wunderbar illustriertes Bilderbuch von Emma Yarlett für Kinder ab 3 Jahre.

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Der ganz große Fußballtraum

Einmal zum Probetraining bei einem großen Verein eingeladen werden – kann dieser Traum für einen Einwandererjungen wahr werden? Bei all den rassistischen Vorurteilen und sozialen Ausgrenzungen?

zwei Jungen spielen Fußball

Text: Ralf Ruhl | EM-Special »rund & kantig«
Foto: Karlsbart, photocase.de

 
Den ganzen Abend in der Frittenbude seines Vaters stehen, das nervt Kian gewaltig. Nicht nur der Mief des Fettes. Oder die blöden Sprüche der Kids aus der Schule. Vor allem nervt es, dass er nur einmal in der Woche zum Fußballtraining darf. Zusätzlich am Wochenende zu den Spielen. »Das reicht«, meint sein Vater. Und verweist darauf, dass schließlich seine Pommes mit Currysoße die ganze Familie ernähren, und das nicht nur wortwörtlich … – »Kian geht aufs Ganze!« von Bali Rai ist weit mehr als eine klassische Fußballgeschichte!

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Wenn Mama brüllt …

… wird Papa immer kleiner. Und das macht dem achtjährigen Aaron Angst. Denn die Familie, die eigentlich Sicherheit bieten sollte, wird so zum Ort der Gefahr.

ein kleiner trauriger Junge hält sich die Ohren zu

Text: Ralf Ruhl
Foto: LP, photocase.de (Symbolbild)

 
Endlich greift ein Kinderbuch – von Clemens Fobian (Text) und Eva Planet (Illustration), angeregt von der Bundesfach- und Koordinierungsstelle Männergewaltschutz – das Thema »Häusliche Gewalt gegen Männer« auf. Und zwar richtig gut!

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Abenteuer, Freiheit, Diktatur

Ein Abenteuerroman für Jugendliche – mit Männerbildern, die zu Auseinandersetzungen und Entscheidungen herausfordern.

Text: Ralf Ruhl
Foto: time., photocase.de

 
Ferne Länder, Segelromantik, Stürme und Schiffbruch – Rachel van Kooijs Buch »Der Kajütenjunge des Apothekers« hat alles, was ein Abenteuerroman für Jugendliche braucht. Und steckt gerade deshalb voller Männlichkeit, von toxisch bis gut gemeint. Was sich folgerichtig zu einem Lehrstück über das Aufkommen einer brutalen Diktatur verdichtet.

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Wenn David nur noch Jude ist

Wer anders ist, das bestimmen die anderen. Das muss der 13-jährige David erfahren, als er sich eher zufällig als Jude outet. Chaos, Liebe, Gewalt, Verrat und Freundschaft – dieser Roman hat alle Zutaten, die ein gutes Jugendbuch braucht. Ein gutes? Mehr als das!

Jugendlicher mit Pfeife hinterm Haus

Text: Ralf Ruhl
Foto: norndara, photocase.de (Symbolbild)

 
David ist Jude. Weiß aber keiner. Also seine Eltern und seine Schwester natürlich, aber niemand in der Schule. Sieht man ja auch niemandem an, ob er arm ist, Krebs hat, gut in Mathe ist oder eben Jude ist. Das will David auch so. Er will nicht angeglotzt werden, angesprochen auf etwas, das für ihn völlig normal und somit gar nicht so wichtig ist, nicht angefeindet werden – und vor allem will er nicht allein sein. Sondern dazugehören. Wie alle pubertierenden Jungen … Danny Wattin’s »Davids Dilemma« ist das Beste, das ich seit Jahren zum Thema Antisemitismus gelesen habe!

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»Visionssuchen halfen mir dabei, meinen inneren Vaterkonflikt zu klären und als Mann nachzureifen.«

Der MännerWege Fragebogen – beantwortet von Peter Maier, Kühbach b. Augsburg

Mann allein am Strand

Leitfragen: Alexander Bentheim und Ralf Ruhl
Fotos: cw-design, photocase.de | privat

 
Kindheit in der Nachkriegszeit

Geboren bin ich 1954 in einem Dorf in Ostbayern. Mein Vater war Hitlerjunge, die Propaganda der Nazi-Zeit hatte ihn total verblendet. Einmal gestand er mir, dass er noch bis zum 1. Mai 1945, kurz bevor die Amerikaner einrückten, jeden im Dorf mit seiner Pistole erschossen hätte, der etwas gegen Hitler gesagt hätte. Obwohl mein Vater sich deswegen im Nachhinein sehr schämte und sich innerlich von der Nazi-Ideologie lossagte, war meine Erziehung durch ihn dennoch sehr autoritär geprägt. Und es gab für mich mehrere heftige Gewalterfahrungen durch meinen Vater.

Mein Vater hatte einen Doppelberuf: Er war Landwirt und Viehhändler und es war sowohl ihm als auch mir seit frühester Kindheit an sonnenklar, dass ich als sein Erstgeborener einmal in seine Fußstapfen treten sollte. Daher war es für mich ein Schock und ein totaler Bruch in meiner Biographie, als mein Vater mich nach der 5. Klasse Volksschule plötzlich gegen meinen Willen aufs Gymnasium schickte. Die nächsten neun Jahre war ich als Fahrschüler täglich zwei Stunden auf der Strecke – ins 31 Kilometer entfernte Gymnasium des Nachbarlandkreises. Mein jüngerer Bruder sollte nun einmal den Hof übernehmen, mein Vater wollte mich nicht mehr zu Hause haben. Ich war draußen aus dem Hof, raus auch aus der männlichen Ahnenlinie und irgendwie auch aus der Familie, die von meinem Vater geprägt und total dominiert wurde.

Als mich mein Vater dann in der 7. Klasse wegen der Note Drei in einer Erdkunde-Arbeit kritisierte, packte mich eine heilige Wut und ich beschloss, nun Tag und Nacht für die Schule zu lernen und zugleich täglich im großen Hof mit damals großem Stall voll Vieh mitzuarbeiten – 365 Tage im Jahr. Ich wollte meinem Vater zeigen, was ich draufhabe und sein Kritiker-Maul ein für alle Mal stopfen. Mein Vater war nun am Beginn meiner Pubertät zu meiner größten Herausforderung im Leben und zu meinem größten Gegner geworden, den ich täglich durch gute Leistungen und viel Arbeit auf dem Hof niederzukämpfen versuchte. Dies gelang wohl auch, hatte aber zur Folge, dass ich zu einem Lern- und Arbeitsroboter wurde. Meine Pubertätsentwicklung fand, da vollkommen auf den Vater und auf die Arbeit fixiert, hauptsächlich im Verborgenen statt.

Im Alter von 17 Jahren gab es dann den nächsten Schock für mich: Da mein Vater erkannte, dass ich für ihn auf dem Bauernhof sehr nützlich war, wollte er, dass ich nun nach dem Erwerb der Mittleren Reife das Gymnasium sofort verlassen und bei ihm zu Hause »einsteigen« sollte. Als »Bauernbub« hatte ich mich in der fernen Schule mühsam durchgebissen und ein gutes Zeugnis erreicht. Dieses war jedoch für meinen Vater plötzlich nichts mehr wert. Denn es hatte sich herausgestellt, dass mein jüngerer Bruder für das Bauer-Sein doch nicht geschaffen war. Nun wollte der Vater wieder mich als seinen potentiellen Nachfolger zu Hause haben.

Doch diesmal wehrte sich etwas in mir. Ich fühlte mich wie eine Schachfigur, die von meinem Vater auf dem »Brett seiner Lebensplanung« in autoritärer Weise beliebig herumgeschoben werden sollte. Ich war doch nicht sein Besitz! Ich sagte gar nichts und blieb stur am Gymnasium, machte ein sehr passables Abitur und leistete anschließend sofort meinen 15-monatigen Wehrdienst als Sanitäter ab. Mir war aber klar, dass diese Zeit nur eine Art von Moratorium für mich war: Denn das Damoklesschwert des Bauernhofes und der Erwartungen meines Vaters an mich hingen die ganze Zeit drohend über mir. Was sollte ich nun tun?

Ich gehe meinen eigenen Weg

Kurz vor der Entlassung aus der Bundeswehr 1975 forderte mich mein Vater an einem Samstag im Juni erneut offensiv auf, dass ich nach Ende des Wehrdienstes bei ihm auf dem Hof »einsteige« – als Abiturient ohne jede Lehre oder berufliche Ausbildung. Da brach es, selbst für mich unerwartet, aus mir heraus: »Vater, ich möchte mich mit Menschen beschäftigen und nicht mit Feld und Vieh!« Raus war es. Das waren die ultimativen Trennungsworte zwischen meinem Vater und mir. Mein Satz war ein Schlag für uns beide – für meinen Vater und für mich selbst. Denn eigentlich wäre ich gerne Bauer geworden, ich wusste aber, dass ich zu Hause immer nur der Knecht oder sogar der Leibeigene meines autoritären Vaters sein würde und nie ein eigenes Leben neben ihm entwickeln konnte. Ich musste unbedingt von ihm weg.

Nun aber kamen auch aus meinem Vater ebenfalls todernste Worte, die viele Jahre in mir nachhallten: »Ja so einen wie Dich kann ich hier nicht brauchen! Wenn Du schon diese sichere Existenz des Bauernhofes ausschlägst, dann sieh zu, dass Du eine Arbeit findest, mit der Du zu hundert Prozent Deine Existenz sichern kannst!« Das empfand ich als eine starke Drohung und als Abwertung meines anderen Weges, den ich ab jetzt gehen wollte.

In diesem Moment spürte und wusste ich zweierlei: Zum einen hatte mich mein Vater, der vollkommen mit seinem Hof identifiziert war, ab jetzt total fallen gelassen. Für ihn war ich nichts mehr wert und wie gestorben. Jede Vaterliebe, die Vaterenergie, die Vaterkraft in mir und der Vatersegen waren aus mir gewichen. Mein Vater stand nicht mehr hinter mir, für ihn war ich ein Versager, ein Feigling, ein Verräter, der sich aus der Familie und der Verantwortung davonstiehlt. Ein junger Mann hat es aber sehr schwer, auf eigene Mannes-Beine zu kommen, wenn ihm diese Vater-Qualitäten entzogen werden und fehlen.

Zum anderen wusste ich, dass ich ab jetzt vollkommen auf mich allein gestellt und ohne jede moralische Unterstützung durch meinen Vater war. Ich wollte Gymnasiallehrer werden und musste mich an der Uni ganz alleine durchkämpfen. Zudem waren die Aussichten auf eine Anstellung als bayerischer Gymnasiallehrer damals sehr schlecht, es gab nur weniger Stellen, wenn ich mit Studium und Referendariat fertig sein würde. Auf keinen Fall aber wollte ich auf den Bauernhof meines Vaters zurückkehren, falls es beruflich als Pädagoge nicht klappen sollte.

Angetrieben von Existenzangst und der Drohung des Vaters schaffte ich das 1. Staatsexamen in meinen beiden Fächern Physik und Katholische Religionslehre mit Bravour. Vor dem Referendariat wollte ich mir jedoch einen lange gehegten Wunsch erfüllen: Ich ging 1981 für ein halbes Jahr auf eine Missionsstation in einem kenianischen Buschdorf. Dort war ein früherer Religionslehrer von mir, ein Comboni-Missionar, in der Erst-Evangelisierung afrikanischer Stämme tätig. Mehrere Monate lang machte ich in der benachbarten staatlichen Secondary School meine ersten Gehversuche als junger Lehrer. Das war inspirierend und der ganze Auslandsaufenthalt bedeutete im Grunde den nächsten wichtigen Schritt in meiner Ablösung (Initiation) von meinen Eltern.

Schwierigkeiten als Lehrer mit Jungen

Als ich dann jedoch im September 1981 mit dem Referendariat begann, wehte mir ein sehr kalter Wind an bayerischen Gymnasien entgegen. Aufgrund der guten Noten im 1. Staatsexamen bekam ich 1983 doch noch eine feste Beamtenstelle. Nun war meine berufliche Existenz gesichert. Aber nun begann meine Not. Denn ich hatte immer wieder große Schwierigkeiten im Unterricht, vor allem mit Jungen. Sie erkannten meine Autorität als Lehrer nicht an, rebellierten und versuchten laufend, meinen Unterricht zu stören. Jetzt rächte es sich, dass ich keine wirkliche Jugend gehabt hatte wie die meisten meiner Altersgenossen im Dorf. Als Fahrschüler ins weit entfernte Gymnasium und durch die tägliche Arbeit auf dem Bauernhof war ich der Dorfgemeinschaft und meinen Kumpeln aus der Volksschulklasse vollständig entfremdet worden. Ich musste mir jetzt schmerzlich eingestehen, dass ich meine Pubertät nie richtig durchlebt hatte. Daher konnte ich mich auch nicht so richtig in die Lage von Jungen in ihrer Pubertät einfühlen. Was wollten sie bloß von mir?

Heute ist mir vieles klar: Die Jungen suchten damals Stärke, Coolness, Humor und vor allem Orientierung und Anerkennung durch einen männlichen Lehrer. Sie wollten und brauchten für ihre Persönlichkeitsentwicklung einen »starken« Lehrer, an dem sie sich reiben konnten und der in der Lage war, ihnen Grenzen zu setzen. Doch was ist ein starker Lehrer? Offensichtlich strahlte ich diese Stärke überhaupt nicht aus. Die Jungs wollten testen, ob ich ihnen und ihrer geballten Jungen-Energie gewachsen war. Und sie waren bedürftig nach männlicher Energie und suchten Zuwendung, Klarheit und Kraft, um sich an mir als männlicher Bezugsperson auf ihrem Weg zum Erwachsenwerden orientieren zu können. Das konnte ich ihnen aber aufgrund meiner eigenen Defizite nicht bieten und ihre starken Energien machten mir große Angst. Diesen war ich kaum gewachsen.

Den Jungs war es aber egal, woher ich kam und was ich fühlte. Sie hatten kein Verständnis für mein eigenes, mir selbst noch unbewusstes unterschwelliges Bedürfnis nach Zuwendung und Mitgefühl. Da dieses von meinem eigenen Vater nie wirklich gestillt worden war, suchte ich die Anerkennung fälschlicher Weise bei den Jungen in meinen Klassen. Verkehrte Welt! Wir waren also in unserem Bedürfnis nach männlicher Anerkennung und Zuwendung zu Konkurrenten geworden.

Das konnte nicht gut gehen und darum suchte ich schon bald nach Beginn meines Referendariats nach Hilfe: Zehn Jahre lang machte ich berufsbegleitend eine ambulante Psychotherapie – zunächst fünf Jahre lang als Einzeltherapie, später zusätzlich auch als Gruppentherapie und das zwei Mal pro Woche. So konnte ich viele Defizite aus meiner eigenen Jugendzeit erkennen und heilen. Das half mir sehr und ermöglichte es mir, in meinem Beruf stabil zu bleiben. Dennoch vermisste ich etwas Entscheidendes in meinem Beruf, aber ich konnte lange nicht wirklich sagen, was dies war.

Die Initiations-Thematik ändert alles

Dies änderte sich erst, als ich um die Jahrtausendwende auf die Initiations-Thematik stieß. In zwei Workshops mit dem afrikanischen Schamanen, Männer-Initiator und Buch-Autor Malidoma Patrice Somé 2001 und 2002 war ich ausschließlich mit Männern zusammen und konnte erleben, dass ich mit meinem Vaterkonflikt nicht alleine war. Fast alle waren auf der Suche nach sich selbst als Person, vor allem aber als Mann. In diesem Kreis von Männern fühlte ich mich angenommen und geborgen. Das war neu für mich und sehr wohltuend. Daher war ich anschließend auch drei Jahre lang Mitglied in einer Malidoma-Männer-Gruppe in München, die sich nach dem zweiten Workshop gebildet hatte.

Fast zeitgleich nahm ich an drei Visionssuchen in der Tradition der amerikanischen School of lost Borders teil, in den Jahren 2000, 2003 und 2007. Jedes dieser elementaren Rituale in der Natur dauerte 12 Tage. Der Kern davon war jeweils die sogenannte »Solozeit«, eine Auszeit von vier Tagen und Nächten ganz allein in der Natur ohne Essen, ohne Zelt und ohne alle Kommunikationsmittel wie dem Handy, unsichtbar für alle anderen Menschen. In diesen jeweils 100 Stunden Alleinsein in einer Art von »Anderswelt« war ich ganz auf mich gestellt und mit mir selbst konfrontiert, schmorte im eigenen Saft und stellte mir viele Lebensfragen. Die drei Visionssuchen halfen mir enorm dabei, meinen inneren Vaterkonflikt zu klären und als Mann nachzureifen.

Und plötzlich war mir klar, was mir selbst und meinen Jungs in der Schule die ganze Zeit gefehlt hatte: ein elementares Übergangsritual vom Jugendlichen ins Erwachsensein. Als ich im August 2007 von den Nockbergen in Kärnten herab zur Alm stieg, die das Basislager für unsere Visionssuche-Gruppe war, wusste ich, dass ich ab jetzt solch ein fundamentales Ritual auch meinen Schülern anbieten sollte. Doch zunächst wollte ich für mich selbst die Grundlagen dafür schaffen: Von 2007 bis 2009 machte ich die Fortbildung zum Initiations-Mentor und Jugend-Visionssuche-Leiter in der Tradition der School of lost Borders in einer Gruppe in Niederbayern.

Acht Jahre lang veranstaltete ich danach zusammen mit kleinen Leitungsteams das sogenannte WalkAway-Seminar für 15- bis 17-jährige Jugendliche, ein viertägiges erlebnispädagogisches Ritual in der Natur, eine Visionssuche für junge Menschen. Die Jugendlichen ließen sich darauf ein, nach einer zweitägigen Vorbereitung für 24 Stunden im Wald zu verschwinden und einen Tag und eine Nacht zu überstehen – ohne Essen, ohne Zelt und vor allem ohne ihr geliebtes Smartphone, unsichtbar für alle Menschen. Am vierten Tag frühmorgens standen die Eltern bereit, um ihre jugendlichen Kinder zu begrüßen. Im nahen Seminarzentrum konnte man dann jeweils für drei Stunden eine Stecknadel fallen hören, während die Jungen und Mädchen ihre ergreifenden Geschichten von allein da draußen in der wilden Natur erzählten.

Dieses Ritual hat den Jugendlichen enorm in ihrer Persönlichkeitsentwicklung geholfen – zu mehr Selbstbewusstsein, Selbständigkeit und Selbstverantwortung auf ihrem Weg hin ins Erwachsensein. Das Ritual hat nicht selten auch die ganze Familie verändert. 83 Mädchen und Jungen haben mit mir diesen WalkAway absolviert, zwei Drittel von ihnen waren Jungen. Die dabei gemachten Erfahrungen haben mich so angeregt und motiviert, dass ich schon 2009 anfing, darüber Bücher zu schreiben: »Initiation – Erwachsenwerden in einer unreifen Gesellschaft« . Dieser Schreibfluss hielt an und hat mich sehr erfüllt. In das erst vor kurzem veröffentliche Buch »WalkAway – Jugendliche auf dem Weg zu sich selbst« ist die Essenz meiner Erfahrungen mit Initiationsritualen eingeflossen. Die Situation der Jungen stand dabei jedoch immer im Mittelpunkt. Zugleich dienten diese Bücher stets meiner Selbstreflexion und Befreiung meines eigenen Mann-Sein.

Nun hatte ich mein Lebensthema gefunden: Initiation. Das spürten wohl auch meine Schüler, denn nun wurde ich von den meisten von ihnen sehr geschätzt und anerkannt – als ihr männlicher Lehrer und für viele auch als eine Art Lebensbegleiter und Mentor, der sich gut in ihre Entwicklungssituation als Jugendliche einfühlen konnte. Als ich 2020 nach vierzig Jahren im Schuldienst verabschiedet wurde, galt ich bei Schülern und Kollegen als der respektierte »Mister WalkAway«, der stets sein eigenes Ding gedreht hatte. Als Supervisor versuche ich in meiner Pension, vor allem Lehrer in ihrem Beruf zu beraten zu bestärken. Als Autor sehe ich meine Aufgabe darin, im deutschsprachigen Raum für das Initiations-Thema zu werben und dieses mit heutiger Pädagogik zu verbinden.

Fundamentale Erkenntnisse

:: So viele Männer haben nie eine richtige Ablösung von den Eltern und eine Initiation in ihr eigenes Mann-Sein erlebt. Obwohl beruflich vielleicht erfolgreich, fühlen sie sich unruhig und haben Schwierigkeiten, ihren Mann in Familie und Gesellschaft zu stehen. Aus eigener Erfahrung möchte ich heutigen Männern zur Stärkung zweierlei empfehlen: eine Visionssuche zu machen und eine Männergruppe zu suchen.
:: Die von uns Europäern lange Zeit verachteten indigenen Völker hatten ein Urwissen bezüglich des Lebenskreises und der Lebensübergänge, das uns aufgeklärten, meist nur rational orientierten »Westlern« fehlt. Wir können gerade in der Initiations-Thematik viel von diesen traditionellen Völkern lernen, die ein noch elementares Wissen über das Leben und die Natur bewahrt haben.
:: Gerade die Jungen bedürfen einer besonderen gesellschaftlichen Beachtung. Im heutigen Schulsystem, das immer »weiblicher« ausgerichtet ist, gelten sie nicht selten als das »schwache Geschlecht«. Jungen sollten täglich mehrere Stunden lang be-vatert werden, um sich gut entwickeln zu können. Doch so oft sind die Väter – z.B. aus beruflichen Gründen – nicht da, sondern physisch und emotional »abwesende Väter«. Gerade männliche Lehrkräfte und Leiter von Sportgruppen haben hier eine enorme Aufgabe, den Jungen männliche Orientierung zu geben, ihnen Grenzen zu setzen und sie in ihrem Wesen liebend anzunehmen.
:: Mir ist aufgefallen, dass besonders in Deutschland die verantwortlichen Bildungsbehörden den Initiations-Begriff und geeignete Initiationsrituale wie den viertägigen WalkAway fürchten »wie der Teufel das Weihwasser«. Sie wollen mit dieser Thematik nichts zu tun haben und verweisen etwaige Initiativen vehement in den privaten Bereich. Doch hier lässt man gesellschaftlich und schulisch eine wichtige Aufgabe ungenutzt. Denn auch hierzulande sollen ja gerade die Jungen durch passende Rituale und Zeremonien den Übergang vom Junge-Sein ins Erwachsen-Sein bewältigen und erwachsen werden können. Sie brauchen solche Rituale. Vermutlich gibt es aber die folgende Problematik: Im deutschen Faschismus wurden germanische Rituale, Zeremonien und Symbole von der Nazi-Ideologie in übler Weise für rassistische und kriegerische Zwecke missbraucht. Daher fürchtet man heute womöglich, als Neonazi beschimpft zu werden, wenn man den Begriff »Initiationsritual« benutzt. Die WalkAway-Seminare, die ich angeboten haben, sind jedoch von den Initiationsritualen nordamerikanischer Indianerstämme, den »native americans«, beeinflusst und daher unberührt von faschistischen Ideologien.

 
 

 
 
 
 
 
:: Peter Maier, Jg. 1954, Gymnasiallehrer, Jugend-Initiations-Mentor, WalkAway-Leiter, Supervisor, Autor. Meine Bücher »Initiation – Erwachsenwerden in einer unreifen Gesellschaft. Band I: Übergangsrituale« und »Band II: Heldenreisen« sowie »WalkAway – Jugendliche auf dem Weg zu sich selbst« sind als Print oder eBook hier erhältlich: www.initiation-erwachsenwerden.de und www.alternative-heilungswege.de; einen knappen Überblick über meine Arbeit gibt es auch in einem Flyer. Kontakt: info@initiation-erwachsenwerden.de.

»Immer wieder berührende Momente im Miterleben von Lernprozessen bei den Jugendlichen.«

Der MännerWege Fragebogen – beantwortet von Christian Sieling, Dietzenbach b. Frankfurt/M.

Mann erzeugt Feuerkreis vor Publikum in der Nacht

Interview: Alexander Bentheim und Ralf Ruhl
Fotos: Nena2112, photocase.de | Alexander Bentheim

 
Was war oder ist dein persönlich-biografischer Zugang zu Jungen-, Männer- und Väterthemen? Was dein politisch-thematischer Zugang?
Über den Zivildienst und persönliche Beziehungen wurde ich zunächst Krankenpfleger und arbeitete in diesem Feld 17 Jahre. Schon in der Ausbildung ca. 1988 initiierte ich eine regionale Krankenpflegeschüler*innen-Selbstorganisation und darin eine Gruppe »Männer in der Krankenpflege“ (dazu gibt es sogar noch ein damals getipptes kurzes Papier mit geschlechtsbezogenen Reflexionen).
Politisch bin ich v.a. seit meiner Darmstädter Zeit ab 1987 in der außerparlamentarischen Linken aktiv, temporär auch in der damaligen »Sonntagsgruppe Darmstadt« mit einer seit 1993 arbeitenden Männerteilgruppe dieser ca. 15-köpfigen politischen Aktivgruppe. Mit drei Männern dieser Gruppe nahm ich 1993 erstmals am Bundesweiten Männertreffen im nahen Bessunger Forst teil, was mich von den Ideen und Erfahrungen her bis heute begleitet.

Welche waren damals und sind heute deine zentralen Themen in der Beschäftigung mit Jungen, Männern und Vätern? Wie hat sich dein Engagement entwickelt, ggf. verändert?
1993 begann ich auch in der wohl ziemlich einmaligen Männerkreistanzgruppe der VHS Darmstadt mitzutanzen, bis heute, jetzt mit Dreierteam aus Teilnehmern, die das Erbe unseres 2021 verstorbenen Tanzlehrers Philipp Mitterle weiterführen. Außerdem begann ich 1993 an der Uni Frankfurt Pädagogik auf Diplom zu studieren, faktisch aber gleich Gender Studies, v.a. im Fachbereich Soziologie. 1995 begann ich dann auch ein über Jahre zusammengewürfeltes Halbjahrespraktikum mit geschlechtsbezogener Arbeit für verschiedene regionale Jugendbildungswerke, meist in geschlechterreflektierten Schulprojekten. Während eines Unistreikes bildeten wir eine 7-köpfige AG »autonomes Tutorium kritische Männerforschung«; persönlich halten wir den Kontakt bis heute. Mein Diplom 1999 war dann eine (nicht veröffentlichte) kritische Auseinandersetzung mit den sexualpädagogischen Diskursen der Jungenarbeit, die ich im Rückgriff auf die Theorien von Michel Foucault kritisch betrachtete.

Gibt es für dich ein nachhaltiges gesellschaftliches/historisches Ereignis – auch im Kontext deiner Arbeit?
Nein. Oder viele, je nachdem. Für mich wichtig ist meine mit jeweiligen Ereignissen verwobene persönlich-politische Entwicklung, das ist in Kürze nicht beschreibbar.

Eine wichtige persönliche Erfahrung im Zusammenhang mit deinen privaten oder beruflichen Beziehungen?
Seit August 2000 bin ich Vater, erst von einem Sohn, ab 2009 auch von einer Tochter. Anders als ich es bei meinem Vater als selbstständigem Dachdecker und Vater ab 1963 erlebt habe (ich erinnere z.B. Vater, Onkel und andere erwachsene Männer in den 60ern nur weit vorlaufend vor uns Kindern mit den Müttern), wollte ich dagegen immer auch nah und selbstverständlich begleitend im Alltag bei meinen Kindern sein. Daher habe ich meinen Beruf auf halbtags beschränkt und hatte bis zur Pubertät auch sehr viel gemeinsame Zeit mit meinen Kindern.

Eigenschaften, die dich in deiner Arbeit und/oder Beziehungen zu anderen ausmachen?
Eigenschaften zu benennen finde ich generell nicht offen genug, als kontaktfreudig könnte ich mich aber immer bezeichnen.

Hast du eine Lebensphilosophie, ggf. ein Lebensmotto?
Mein grundlegendes Lebensmotto verdanke ich wohl meiner sehr katholischen Mutter: »Liebe Deinen Nächsten!«. Dazu möchte ich meine Mitmenschen in Begegnungen kennen und verstehen lernen und da sein, wenn ich gebraucht werde und etwas beitragen kann. Lange musste ich aus politischen Reflexionen heraus Abstand zur (Herrschaftsinstitution) Kirche nehmen, seit einigen Jahren fühle ich mich meinem in der Kindheit gewachsenen Glauben wieder sehr verbunden, auch wieder bei Besuchen in Kirchen und Klöstern – da gab es übrigens die ersten vorsichtigen Wiederannäherungen bei den morgendlichen Workshops »Taizé-Lieder singen« im Rahmen der Bundesweiten Männertreffen.

Was treibt dich – trotz manchmal widriger Umstände – weiter in deiner Arbeit an?
Eine grundlegende Motivation liegt wohl in meinem Mut zur Selbstheilung, auch wenn mich als Dachdeckersohn z.B. extreme Höhenangst begleitet. In Kindheit und Jugend habe ich manche Ohnmachtserlebnisse mit bzw. durch andere Jungs durchleben müssen, als Kind auch in Krankenhäusern, damals gab es nur sehr eingeschränkte, nicht mal tägliche Besuchszeiten. In der abgesicherten beruflichen Rolle brauche ich eigentlich nicht übermäßig viel Mut, wie es Außenstehende hinsichtlich meiner Zielgruppen manchmal vermuten, aber schon ein zuversichtliches, selbstbewusstes, angstfreies und offenes Zugehen auf Menschen und ein klares Angebot zur (Arbeits)Beziehung. Wenn dann erfolgreich wertschätzende Resonanz kommt, hat das letztlich auch viel geheilt (und da habe ich übrigens auch einige Kollegen in der Jungenarbeit mit ähnlichen Erfahrungen in ihrer Jugendzeit kennen gelernt).
Und schließlich ganz zentral ist, vermutlich auf christlichen Fundament, mein Sehnen nach einer gerechteren Welt, auch für zukünftiges Leben, und auch aus dem Schmerz heraus beim Betrachten jetziger und geschichtlicher Ungerechtigkeiten und Zerstörungen. Als entscheidende Entwicklungsschritte sehe ich dabei das radikale, selbstreflexive Öffnen und Engagieren für lebbare Vielfalt – auch eben in politisch, fachlichen Diskursen, weg von den damals jugendlichen Kämpfen für das vermeintlich klar identifizierte »Gute« (was in den 90er Jahren der westdeutschen Linken für mich im Nachhinein erschreckend viel ideologische Begrenztheit, auch männlich-patriarchale bedeutet).

Was ist für dich »Erfolg« in deiner Auseinandersetzung mit Jungen-, Männer- und Väterthemen? Hast du Beispiele?
Meine Jugendbildungsarbeit, die sich auf Beziehungsarbeit stützt, wirkt m.E. wegen punktueller und zeitlich befristeter Impulse und Projekte über dann nachhaltig in Erinnerung bleibende Lernerlebnisse an außerschulischen Lernorten. Das sind z.B. das »Blindenmuseum«, besondere Ausstellungen, Reisen … die selbst explizit Geschlechterthemen als Impulse anbieten können, aber nicht müssen, auf jeden Fall in der Gruppe aber geschlechtsbezogen reflektiert werden. Daneben wirkt das Sich-umeinander-kümmern in der Gruppe und mein Part der Fürsorge für das Rahmenprogramm einschließlich Organisation, An- und Abreise, Verpflegung, Unterkunft … bei aller Hinführung zu selbsttätigen Lernerlebnissen darf dies als Basiserfahrung nicht unterschätzt werden, nicht zuletzt auch in Verantwortung und angemessener Offenheit für ein gutes Wieder-voneinander-Abschied-nehmen.

Wo siehst du Brüche in deinen beruflichen oder freundschaftlichen Beziehungen? Wodurch wurden diese verursacht?
Ehrlich gesagt habe ich sehr große Privilegien in meiner Arbeit im Jugendbildungswerk, als einer in sich geschlossenen kleinen Einheit in der Kreisjugendförderung, denn bis heute können wir unsere Projekte zu dritt auf zwei Vollzeitstellen selbst gestalten und durchführen. Nicht einen einzigen Arbeitsauftrag zum reinen Abarbeiten habe ich bis jetzt von der Leitung erhalten. Allenfalls das Budget ist für manche Teilvorhaben zu begrenzt – bezogen auf meine Projekte stehen nur ca. 7.000 bis 8.000 Euro Veranstaltungsmittel bei ca. 40-50 Veranstaltungseinheiten pro Jahr zur Verfügung. Und das kooperierende System Schule passt nicht immer zu meinen Projekten, lässt mich aber in der Regel gerne selbstverantwortlich machen, insbesondere mit den als »problematisch« angesehenen Jungs. Viel Anerkennung erinnere ich da, und eigentlich keine wirklich blockierenden Widerstände.

Mit welchen Institutionen und Personen warst du gerne beruflich oder privat verbunden oder bist es noch?
Neben der fachlichen Wertschätzung von erfahrenen Kolleg*innen, die mir ebenso wichtig ist wie die elementaren Kooperationen in der kommunalen Jugendbildungsarbeit auf Landkreisebene (welche zentral von Wertschätzung und Verlässlichkeit leben), gibt es für mich immer wieder berührende Momente im Miterleben von Lernprozessen bei den Jugendlichen.
Besondere Erlebnisse waren für mich, auch ganz persönlich, sechs jährliche Geschichtswochenendreisen mit der Jungengruppe eines Jugendraumes. Diese kam zunächst mit dem eigenen Anliegen, ein KZ zu besichtigen, was dann zu Fahrten nach Buchenwald, Verdun, Leipzig, Bremerhaven, Berlin und auch in den Geburtsort meines verstorbenen Vaters nach Bischofferode im Eichsfeld führte, mit jeweils vielen geschichtsbezogenen und persönlichen Erlebnissen. Und genauso hatte ich auch unvergessliche Erlebnisse mit Jungengruppen in den Tagen, als meine Mutter 2018 starb, von der mich erreichenden Todesnachricht mitten im Projekt bis zum Austausch über Trauererlebnisse während der Gruppenarbeit.

Was gibt dir persönlich Sinn und Erfüllung in deinen beruflichen und privaten Beziehungen? Was ist dir (mit) gelungen, worauf bist du (zusammen mit anderen) vielleicht auch stolz?
Das immer wieder berührende Feedback der Jungen. Ein besonderes Beispiel, das mich im Frühjahr tief durchatmen ließ und welches ich nicht vergessen werde: ein Junge, 8. Jahrgang Gesamtschule, verblieb mit zunächst Widerständen beim Wochenschulprojekt »Soziale Jungs«. »Wir sind die, die kein Sozialpraktikum hinbekommen haben«, sagte er, und der Direktor merkte an: »Ich hoffe, Sie überleben die Jungs«. Mein Ansatz war jedoch: »Was heißt für uns überhaupt sozial?«. Immer startend mit einem gemeinsamen Frühstück und morgendlichen offenem Tischgespräch: dass die Nutella plötzlich verschwunden war, kam hier respektvoll und auf Augenhöhe »auch auf den Tisch« – ebenso wie dann ein Besuch im Blindenmuseum, das gemeinsame Schauen der Filme »Masel Tov Cocktail« und »Ziemlich beste Freunde« mit gegenseitiger Assistenzübung »Cola anreichen«. Nach dem Abschied am Freitagmittag im Raum im 1. Stock rief mich der Junge aus der 8. Klasse unten vom Schulhof aus der sich entfernenden Gruppe heraus noch mal ans Fenster: »Herr Sieling, Herr Sieling … es war so geil, wir haben so viel gelernt, Herr Sieling, ich habe von Ihnen gelernt, wie man mit Menschen umgeht – ich rufe Sie mal in zwei Jahren an.« Das hat mich sehr berührt.

Welches Projekt würdest du gerne noch umsetzen, wenn du die Möglichkeiten dazu hättest? Und was möchtest du gegen Ende deines Lebens erreicht haben?
Was ich mir mit Blick auf meinen Abschied von beruflicher Arbeit und letztlich vom Leben wünsche: den Abschied annehmen und Danke sagen können für all das geschenkte Leben, und das direkt den Menschen oder in nachfühlenden erinnernden Gedanken und im Gebet.
Konkret, auch um den Kreis beruflicher Tätigkeit zu schließen, ein Praktikum in einem Hospiz in der Pflege, vielleicht wenn ich 65 bin. Sterbebegleitung in der Pflege war für mich eine gleichermaßen umfassende und tiefgreifende Tätigkeit, denn begonnen habe ich nach der Krankenpflege-Ausbildung damals bewusst auf der AIDS-Station der Frankfurter Uniklinik. In meinen Rentenzeiten kann ich mir ein Ehrenamt im Hospiz-Bereich durchaus vorstellen, zum Lernen, Annehmen und Geben. Dann würde ich auch ein Abschiedsjahr 2029/30 im Jugendbildungswerk planen, vielleicht mit einem Fachtag, den ich zum Thema »Abschied in der Arbeit mit Jugendlichen« anbiete. Und noch viele bundesweite Männertreffen, Kreistänze, meine Kinder ins Leben gehen sehen, zuversichtlich sein bis zum 80. Geburtstag und gerne auch darüber hinaus …

 
 

 
 
 
 
 
:: Christian Sieling, ich bin Jg. 1963 und wohne in Frankfurt/M. zusammen mit meiner Familie und Hund seit 16 Jahren. Ich arbeite seit 2000 als Jugendbildungsreferent für das kommunale Jugendbildungswerk des Kreises Offenbach mit dem auch damals so ausgeschriebenen Schwerpunkt »Jungenarbeit und Geschlechterseminare« auf meinerseits gewollter 0,5-Teilzeitstelle. Seit 2000 mache ich auch mit bei der informellen »Fachgruppe Jungen*arbeit Hessen«, die seit ca. 2009 einen jährlichen Fachtag anbietet.

»Ich bin immer noch hungrig danach, in dieser verrückten Welt Sinn und Perspektive zu finden.«

Der MännerWege Fragebogen – beantwortet von Dirk Achterwinter, Bielefeld

Interview: Alexander Bentheim und Ralf Ruhl
Fotos: roterfuchs38, photocase.de | privat

 
Ich bin ein Kind der 1960er-Jahre und daher mitgeprägt von der Adenauer-Ära. Meine Großväter und mein Vater waren sehr in ihre jeweiligen Arbeiten eingebunden, in der Metall- und Textilindustrie und mit Karrieren als Meister oder zumindest Vorarbeiter, aber auch damit beschäftigt, ihre Kriegserlebnisse »zu verarbeiten«; die Schatten der Nazi-Zeit waren lang. Der mütterliche Teil meiner Familie musste die eigene traumatische Fluchtbiographie bewältigen.
Ich war in den 1970ern auf einer reinen Jungenrealschule, die einen hohen Anspruch an sich hatte, aber wenig pädagogisches Grundverständnis entwickeln konnte. Die ersten Lehrerinnen wurden als exotische Wesen wahrgenommen, von uns als Schülern und auch vom alten männlich-traditionellen Lehrerkollegium. Dank der damaligen Bildungsreform konnte ich dann Abitur machen und habe schließlich – nach einem kurzen Versuch, evangelische Theologie zu studieren – Zivildienst in einer stationären Einrichtung der Jugendhilfe gemacht und dann an der Uni in Bielefeld den Abschluss als Diplom-Pädagoge.
Im Studium war einer meiner Schwerpunkte die Sexualpädagogik. Weil damals auch schon Männer in der pädagogischen Arbeit fehlten, bekam ich Anfragen für die Arbeit mit Jungengruppen zu sexualpädagogischen Themenbereichen. Das hat sich mit vielen inhaltlichen Variationen bis in die 2020er-Jahre fortgesetzt. Ich habe nach dem Studium bei Pro Familia, bei der AWO, der Diakonie und der Caritas gearbeitet. Von 1993 bis 2023 war ich in Beratungsstellen tätig, lange auch in Leitungsfunktionen. Und da ich immer auf der Suche nach Wegen zu mir selbst war, um mich selbst besser verstehen zu lernen, habe ich auch mehrere Zusatzausbildungen gemacht.
Privat fahre ich gerne Motorrad, gehe gern laufen (am liebsten am Meer), liebe das Bogenschießen und mag Fantasie-Geschichten wie »Das Rad der Zeit« und »Star Wars«.
Diese biographischen »Rohdaten« sind wichtig, um zu verstehen, warum die Männer- und Jungenarbeit immer eine Rolle für mich gespielt hat. Denn die Frage nach der eigenen Identität ist für mich immer auch eine geschlechtsspezifische und die Wurzeln liegen in der eigenen Biographie. Auch hier spielt die Variable »Geschlecht« und die daran geknüpften Erwartungen aus dem sozialen Umfeld eine große Rolle. So war in meiner Herkunftsfamilie immer klar, dass ich als erstgeborener Sohn eine ganz bestimmte Rolle mit klar definierten Aufgabenbereichen zu erfüllen habe. Die familiären Erwartungen und die damit verbundenen Introjekte waren so also immer an die Rolle als Junge und dann später als Mann geknüpft.

Was war oder ist dein persönlich-biografischer Zugang zu Jungen-, Männer- und Väterthemen? Was dein politischer und fachlicher Zugang?
Bei mir ist das ganz klar die Suche nach dem »Wer bin ich?«, »Wo komme ich her?« und »Bin ich richtig, so wie ich bin?« Meine männlichen Vorbilder, mein Vater und meine Großväter, haben mir ganz klassische Biografien vorgelebt. Vorbilder, denen ich folgen wollte und ich dann doch gemerkt habe: »Diese Schuhe passen mir nicht richtig.« Irgendetwas stimmte nicht, aber woran liegt das? Aus dieser »Defizit«-Wahrnehmung und den Erwartungen an mich entstand nach und nach die Auseinandersetzung mit der eigenen Rolle. Als Kind hatte ich die Vorbilder »Old Shatterhand«, »Winnetou«, »Dietrich von Bern« und »Der rote Kosar«. Als Jugendlicher waren mir eine Zündapp GTS 50, der Film »Easy Rider«, Lederjacken, »bloß keinen Tanzkurs machen!« und »Rebellen sind cool« wichtig. Als junger Erwachsener stand ich auf den Ford Fiesta GT, fragte nach lebenswerten Werten, ging zu Kirchentagen, war Kindergottesdiensthelfer, Kriegsdienstverweigerer und schließlich Zivildienstleistender, der sich fragte, was aus ihm einmal werden soll.
So wie mein Vater wollte ich nicht leben, aber wie dann? Arbeit hatte trotz allem einen hohen Stellenwert, nur welchen? Identitätsstiftend soll sie sein, aber wie für mich? Und Sexualität: wie soll ich damit umgehen, wo kann ich mich orientieren? Gleichzeitig fragen und sprechen ging nicht. Im Hintergrund das gesellschaftliche Rauschen um Willy Brandt und »Mehr Demokratie wagen«, eine Bildungsreform, Lehrer auf dem Weg zu sich selbst, die Nachrüstungsdebatte, Wohngemeinschaften als Lebensform, Helmut Kohl und die Spendenaffäre. Ich war auf der Suche nach etwas, das ich nicht klar definieren konnte, und fühlte mich angesprochen von BAP in »Fuhl am Strand«: »Hey, Vorbild, dank dir schön, ich glaub, ich bekomm es langsam selber hin«. Trotzdem wirken sie, diese männlichen Vorbilder, gerade wenn sie aus dem Familiären kommen. Das Männliche war irgendwie konstant, nur alle Fragen drumherum nicht. Wie Mannsein richtig geht, konnte mir niemand sagen, die realen Vorbilder waren jedenfalls nicht die, die mich fasziniert hätten. Also weitersuchen.
Entscheidend war dann, dass ich selbst Vater wurde. Als ich das erfuhr, konnte ich eine Woche nicht schlafen. Ich wusste einfach nicht, wie ich diese Rolle, die Verantwortung meistern könnte oder müsste. Das Pädagogik-Studium gab ein paar kleine Antworten und Denkansätze, aber so richtig zufriedenstellend war das nicht. Es gab einige Männer, die ähnlich unterwegs waren wie ich, was auch hilfreich war, dennoch gab es in dieser Szene auch viel warme Luft, Narzissmus, Konkurrenz und den einen oder anderen Abstoß. Die alten Männlichkeitsmythen wirkten auch hier noch.
Heute würde ich sagen: es war ein dynamischer Prozess, Ergebnis offen. Er wurde geprägt von vielfältigen Einflüssen, den damaligen Politiken, individuellen Beziehungserfahrungen, eigenen scheiternden Gehversuchen und immer wieder der Sehnsucht: Da muss doch was sein! Aber liegt es an mir? Am Patriachat? Stelle ich mich einfach nur an? Wichtig war für mich eine Erfahrung, die am Ende jeder Aus- und Fortbildung angesichts der anstehenden Prüfung die wiederkehrende Frage »Kann und schaffe ich das überhaupt?« aufwarf. Viele Selbstzweifel traten in diesen Phasen nach vorne. Als mir das klar wurde und ich – auch dank der Trauma-Ausbildung – mehr und mehr die Verhaltensmuster verstand, konnte ich Stück für Stück mehr in die innere Ruhe finden. Ich hatte endlich Erklärungen, welche Personen und Themen und Einflüsse mich auf meiner Suche nach meiner Männlichkeit auf welche Weise beeinflusst haben und es teils immer noch tun.
Jetzt, mit 62 Jahren, ändert sich mein Bild von mir als Mann noch einmal, der ergebnisoffene Prozess läuft also weiter. Aber auf einem anderen Niveau. Es gibt nach all den Jahren und Lebenserfahrungen mehr Selbst-Akzeptanz. Nur das fällt noch schwer: Meine Enkelin Paula sagt »Opa« zu mir, eine Spielart von Mannsein, die ich nicht so gut annehmen kann. Denn »Opa« hat was mit offenen Sandalen und weißen Socken und Flecken auf einem alten Hemd zu tun. Das mag ich nicht. Und trotzdem entspricht das Bild der Rollenerwartung meiner Enkel an mich, ganz geschlechtsspezifisch.

Welche waren damals und sind heute deine zentralen Themen in der Beschäftigung mit Jungen, Männern und Vätern?
Da bin ich wohl immer noch Gestalttherapeut. Die Jungen und auch Männer und Väter haben ja das Recht, mit ihren ganz eigenen Themen zu kommen. Die sind vielfältig und variantenreich, bunt und schillernd, auch traurig und sehr bewegend. Meine Aufgabe ist, mit ihnen im Kontakt zu schauen: »Was bringst du mit? Wo willst du hin? Wie kann das gelingen?« Bei den Jungen bin ich, je nach Alter und Entwicklungsstand, auch direktiv, schließlich habe ich mehr Lebenserfahrung und kenne die eine oder andere Klippe im Meer des Lebens. Bei jungen Männern in ihren 20ern erlebe ich oft, dass diese ein eindeutiges Coaching ansprechen und auch fordern; ihre Themen sind aktuelle Lebenskrisen, Partnerschaften, Gestaltung der beruflichen Biographie. Da haben sich Haltung und Auftrag der Klienten gegenüber früher verändert. Ältere Männer in ihren 40-50ern brauchen oft mehr Raum und Zeit, um ihre Themen benennen zu können. Hier spielt auch Scham eine Rolle. »Bin ich Ordnung, wenn ich als Mann Hilfe und Unterstützung brauche? Darf ich das überhaupt?« In der Paarberatung, wenn Kinder ein Thema sind, kommt das eigene männliche Rollenbild deutlich zum Tragen. Die Wünsche der Partnerin und Mutter werden zwar erkannt, gewürdigt, respektiert, doch es fehlt den Männern an »Werkzeugen« für die Umsetzung, um ihr und den Kids auch gerecht zu werden. Da sind die jungen Männer in den 20ern und 30ern deutlich flexibler.
Natürlich sind das nur recht grobe Zuschreibungen. Die Motivationen, sich auf die Auseinandersetzung mit den eigenen Bildern einzulassen, sind so vielfältig wie die eigenen Biographien und die Dynamiken der Partnerschaften. Wiederkehrende Themen sind die eigene und partnerschaftliche Sexualität einschließlich Lust auf Männlichkeit und Potenz, Umgang und Verbalisierung von Ängsten, Vorstellungen von Erfolg, das Gelingen von Partnerschaften, erlebte Verletzungen und Kränkungen mit ihren Wirkungen, die Furcht vor Einsamkeit, nicht ausgesprochene Traurigkeiten. Viele Themen kreisen auch um Trennung und Scheidung und die daraus entstehenden Probleme und Fragen, die bis hin zur Begleitung bei Prozessen vor dem Familiengericht reichen können, z.B. Regelung der Besuchszeiten, Unterhaltszahlungen, Umgang mit erlebter oder ausgeübter Gewalt und Kränkungen in der Beziehung, Zukunftshoffnungen und -ängste, Rettungsphantasien.

Wie hat sich dein Engagement für Jungen und Männer oder Väter entwickelt, ggf. verändert?
Es verändert sich immer wieder. In den Beratungsstellen gab es einen festen Rahmen durch Gesetze, Verträge und Finanzierungen. Aktuell kommen Selbstzahler. Dadurch verändert sich das Klientel, mit dem ich arbeite. Gleich geblieben sind allerdings die genannten Inhalte. Selbstzahler erlebe ich aktuell als sehr motiviert. Die ratsuchenden Männer wollen für sich weitere Schritte gehen und sind aktiv in diesem Prozess engagiert.
Für Jungen biete ich nach wie vor Projekte an. Es gibt mittlerweile mehr Männer, die das tun, und ich begrüße das. Gleichzeitig ist hier auch ein »Markt« entstanden, einzelne Kollegen leben von dieser Projektarbeit, was wiederum übliche wirtschaftliche Sachzwänge schafft. Trotzdem halte ich für gut, dass sich dieses Berufsfeld mehr und mehr professionalisiert. Das biete für viele Jungen Chancen. Vor 10-15 Jahren sah das Feld noch anders aus, da fehlte dieser Ansatz.
Mit der LAG Jungenarbeit NRW arbeite ich immer noch zusammen. Auch hier ist wunderbar zu beobachten, dass die Jungenarbeit dank des Engagements der Mitarbeitenden einen hohen professionellen und akzeptierten Standard erreicht hat.
Was über die Jahre gleichgeblieben ist: die meisten Jungenprojekte werden nach wie vor von weiblichen Fachkräften bzw. Lehrerinnen initiiert.
Meine innere Arbeitshaltung ist ruhiger geworden. Früher habe ich viel mit der Dynamik der jeweiligen Gruppe gearbeitet. Heute kann ich aus der Ruhe heraus andere Impulse setzen.

Das für dich nachhaltigste gesellschaftliche / historische Ereignis – auch im Kontext deiner Arbeit?
In meiner subjektiven Wahrnehmung gibt es – wie beschrieben – Unterschiede in den Generationen. Die jüngeren Männer schauen in ihren 20-30er Jahren bewusster und reflektierter auf ihre Rolle. Vor allem, was das Thema Vaterschaft angeht. Diesen Unterschied erkläre ich mir damit, dass (a) die jungen Mütter und Partnerinnen dieser Männer ihre Ansprüche und Rechte bewusster einbringen und Familie auch anders leben wollen als in früheren Generationen; (b) Bildung und Ausbildungen, auch Verdienste und materielle Sicherheiten heute in einem viel direkteren Zusammenhang damit stehen; (c) über die Jahre hinweg die Geschlechterdiskussionen offensichtlich doch fruchtbar waren: es hat sich etwas bewegt. Wer das wie bewertet, das bleibt wahrscheinlich immer sehr subjektiv. Mir persönlich jedenfalls haben die gemachten Erfahrungen viel Sicherheit gegeben.
Wichtig für mich war die Trauma-Ausbildung. Hier habe ich noch einmal gut gelernt und letztendlich auch verstanden, dass nicht ich Erfahrungen mache, sondern – im bewussten Widerspruch zum vorherigen Satz – die gemachten Erfahrungen mich gemacht haben. Die Trauma-Theorie kann hier vieles gut mit der Psychoedukation erklären und nachvollziehbar machen, was mich lange beschäftigt hat und was ich vorher nicht, dann aber sehr gut »greifen« konnte.

Eine wichtige persönliche Erfahrung im Zusammenhang mit deinen privaten und beruflichen Beziehungen?
Was für mich ein riesiger Schatz war und ist, das sind die vielen intensiven Begegnungen mit Männern und auch Jungen in der Beratung, in der Projektarbeit, auf Fortbildungen. Teilweise wurden daraus langjährige Freundschaften bzw. tragende Beziehungen, die immer auf irgendeine Weise mit »Männerthemen« verbunden sind. Gleichzeitig sind sie sehr individuell und bunt und vielseitig und wirklich bereichernd.
Ich habe auch von nicht wenigen Förderschülern so viel gelernt. Diese Jungs haben mir Verhaltensweisen gezeigt, die ich als sehr herausfordernd erlebt habe. Und gleichzeitig, in der konstruktiven Auseinandersetzung, habe ich Stück für Stück verstanden, warum dieses Verhalten dieser Jungs ganz viel Sinn macht. Durch sie habe ich gelernt »in Mustern« (Verhaltensmustern und deren Ursachen) zu denken. Das war ein tolles Geschenk. Oder um es mit dem »Konzept des guten Grundes« meines Trauma-Ausbilders Lutz-Ulrich Besser zu sagen: diese Jungs waren sehr authentisch.

Drei Eigenschaften, die dich in deiner Arbeit und Beziehung zu anderen ausmachen?
Selbstlob fällt mir schwer, da bin ich doch sehr protestantisch sozialisiert! Aber Humor gehört zu mir (als geborener Rheinländer, der seit 1984 in Ostwestfalen lebt) und beständig neugierig, weil stets auf dem Weg, mich und andere besser zu verstehen. Und immer noch hungrig danach, in dieser verrückten Welt Sinn und Perspektive zu finden. Ich habe das große Glück, in meiner eigenen Familie viel Sicherheit und Stabilität zu bekommen, das kann ich dann auch gut weitergeben; ein riesiger Schatz.

Was ist für dich Erfolg in deiner Auseinandersetzung mit Jungen-, Männer- und Väterthemen? Hast du Beispiele?
Kürzlich war ich mit einem in seiner Seele sehr verletzten Jungen beim Bogenschießen. Er hat 15 von 20 Pfeilen auf eine Entfernung von ca. 18 Meter in ein sehr kleines Ziel gesetzt. Was er aufgrund seiner vielen unterschiedlichen Diagnosen und dass er es im Leben wirklich nicht leicht gehabt hat, eigentlich gar nicht hätte bewerkstelligen können. Aber er war erfolgreich, und wir haben uns beide sehr gefreut. Das sind die kleinen Augenblicke, die viel bewirken, auch wenn das nicht messbar ist. Die Kunst ist für mich als Pädagogen, viele dieser kleinen Situationen zu schaffen und daraus step-by-step etwas Größeres entstehen zu lassen. Ich denke, das gelingt nur durch Kontakt- und Beziehungsarbeit.
Ein anderes Beispiel ist ein Junge, den ich schon lange beruflich begleiten darf. Seine Eltern haben hohe Berufsabschlüsse und Geld spielte in der Familie nie eine Rolle. Der Sohn wurde aber nie so gesehen, wie er es sich gewünscht hat. Er entsprach nicht den Erwartungen der Eltern. Er hat nur Einsen in der Schule und zieht weiße Hemden zur Zeugnisübergabe an. Aber er ist einsam, kämpft in der Familie immer wieder um Akzeptanz, hat keine Freunde und wurde im System Schule zum Mobbingopfer. Als die Eltern dann angefangen haben, die Situation ihres Sohnes mehr und mehr zu verstehen, beide an der Schule für ihn kämpften und einen Wechsel ermöglichten, erging es ihm zusehends besser. Diesem Jungen fehlt noch viel an Unterstützung, aber das ist schon mal gelungen und war ein kleiner, aber deutlicher Erfolg.
Ein drittes Beispiel habe ich aus der Paarberatung. Ein beruflich erfolgreicher Mann konnte seiner neuen Partnerin erzählen, dass er nie emotional positive Körperberührungen durch seine Eltern erlebt hatte. Körperlichkeit und Nähe waren dagegen immer direkt mit Sexualität verbunden, diese wiederum sehr stark mit Leistungsdruck (»seinen Mann stehen müssen«). Was zu noch mehr Druck führte, so dass er nie darüber sprechen konnte. Mit der Beratung war dies aber endlich möglich, ein wichtiger Schritt zur Klärung seiner Probleme.
Das sind für mich drei Beispiele für sicher nur kleine Erfolge, die aber doch einen guten Weg weisen.

Was gibt dir persönlich Sinn und Erfüllung in deinen beruflichen und privaten Beziehungen?
Das ist relativ einfach zu beantworten: Lachen, Spaß, erlebte Leichtigkeit. Im Kontakt mit Anderen Ideen, Projekte, Inhalte weiter gestalten zu können, dazu dann auch die Rückmeldungen der Klienten und Kooperationspartner. Zu sehen, dass meine Arbeit angenommen wird, ich immer wieder angesprochen werde und dass sich begonnene Prozesse weiterentwickeln können. Zusammengefasst: Positive Kontakte, aus denen sich neues Kreatives entwickelt; die gute Balance zwischen Selbstwahrnehmung und externer Rückmeldung; das Gefühl von Selbstwirksamkeit in einer verrückten Welt.

Was ist dir (mit) gelungen, worauf bist du (zusammen mit anderen) vielleicht auch stolz?
Ich bin Gründungsmitglied der LAG Jungenarbeit NRW. Ich bekomme Anfragen und Aufträge, konnte ein Image entwickeln und lebe quasi auch von meinem »Ruf«. Da wo ich mich für Jungenarbeit eingesetzt habe, ist etwas geblieben, es gibt kleine erkennbare Spuren. Und ja, ich habe mich mit meinen Themen weiterentwickelt und konnte auf diesem Weg anderen gerecht werden. Das freut mich.

Mit welchen Institutionen und Personen warst du gerne beruflich und privat verbunden oder bist es noch?
Mit sehr vielen ehemaligen Kollegen und Kolleginnen aus den verschiedenen Institutionen, in denen ich unterwegs war, aber auch mit freiberuflichen Kollegen und Kolleginnen. Glücklich bin ich darüber: aus den Gründungszeiten der Jungenarbeit sind viele positive Beziehungen und Kontakte erhalten geblieben, und aus diesen heraus gibt es auch jetzt noch schöne und gute Kooperationen, etwa mit der LAG Jungenarbeit NRW. Und es gibt Vernetzungen zum Thema Trauma mit den Kolleg*innen um den Jugendhof Vlotho. Auch hier hat sich die positive Kultur der Zusammenarbeit erhalten. Nicht zuletzt ist es auch die Familie mit den daraus entstandenen Verzweigungen, das spielt für mich eine ganz große Rolle.

Was hat die Männer ausgemacht, mit denen du gerne zusammengearbeitet oder Zeit verbracht hast?
Es gab immer Gemeinsamkeiten, dabei auch sehr oft die Auseinandersetzung mit der eigenen Geschlechterrolle, aber ebenso mit dem Moped fahren, zusammen durch den Teutoburger Wald laufen oder verlorene Pfeile wiedersuchen. Vielleicht ist »auf der Suche sein« ein Merkmal meiner Generation: verstehen wollen und daher viel Bereitschaft zum Nachdenken. Der Liedermacher Klaus Hoffmann sagt es mit der Liedzeile: »Diese Kinder erkennen sich am Gang«. Das meint für mich das Gefühl und das Wissen, da teilt jemand mit mir ein Thema, es gibt gemeinsame Schnittmengen, »etwas« verbindet uns. Ich habe wenig destruktive Konkurrenz erlebt, die Lust auf Abenteuer, auf Spaß, Lachen und Freude am Tun – klischeehaft so ein bisschen wie in den Zigaretten-Werbungen – standen im Vordergrund.

Hast du eine Lebensphilosophie, ein Lebensmotto?
Ja, mehrere, aus verschiedenen Quellen: »Nur im Kontakt mit dir kann ich mich finden« (aus der Gestaltarbeit), »Nicht ich mache Erfahrungen, Erfahrungen machen mich« (aus der Traumatherapie) und »Der Weg ist das Ziel«, was sich ziemlich abgegriffen anhört, aber dennoch für mich gilt.

Wo siehst du Brüche in deinen beruflichen oder freundschaftlichen Beziehungen? Wodurch wurden diese verursacht?
Brüche und dann Veränderungen gab es immer dann, wenn verschiedene »Dynamiken der Entwicklung« unterschiedliche Geschwindigkeiten entfalteten, etwa als ich Vater wurde. In meinem Umfeld war ich einer der ersten, das hat mein Leben verändert, sowohl hinsichtlich meiner ganz alltäglichen Aufgaben bis hin zur inneren Haltung.
Beruflich veränderte sich einiges mit der Übernahme der ersten Leitungsfunktion. Da gab auch so etwas wir Neid, Skepsis, Reserviertheit. Jetzt, mit 62 Jahren, kann ich aber auch sagen: die Brüche waren gut, sie haben zu meiner Weiterentwicklung beigetragen, haben mich gefordert, ich musste hier und da etwas verändern. Die oft zitierte Weisheit »Krise als Chance« ist vielleicht etwas übertrieben, bei mir war es aber so, dass durch die Brüche immer auch Bewegung entstand. Und parallel gab es dann auch Entwicklungen im Selbstbewusstsein, mit der Erfahrung: Ich komme auch nach Brüchen klar, ich muss vor Veränderungen nicht so viel Angst haben.

Wo liegen für dich die hartnäckigsten Widerstände gegen dein Verständnis vom Umgang mit Jungen-, Männer- und Väterthemen?
Der Diskussionsbedarf innerhalb der Jungen-Männer-Szene war oft größer und anstrengender als mit Menschen – Frauen, Männern, Vätern – außerhalb dieser Peergruppe. Vielleicht ist das auch einer der Gründe, dass ich mich eher am Rand dieser Szene sehe und nicht im Zentrum. Ich bin ganz dankbar, dass die Jungen- und Männerarbeit nicht der alleinige Schwerpunkt meiner beruflichen Orientierung geblieben ist. Auch wenn sie mich immer noch gut begleitet. Ich bin von daher in keinem aktiven Gremium mit dieser Schwerpunktsetzung. Das ist auch gut so.

Was treibt dich – trotz manchmal widriger Umstände – weiter in deiner Arbeit an?
Die protestantische und sozialdemokratische Arbeitshaltung meiner männlichen Vorfahren und die Chance, damit ebenso selbstwirksam zu werden und mein Geld zu verdienen. Weiterhin die stete Suche nach Antworten; Spaß an dem, was ich tue und mich immer wieder gut selbst spüren zu können; das Wissen um die Erfahrungen, die den Alltag leichter machen; der Wunsch, in dieser verrückten Welt kleine positive Impulse zu setzen. Und auch Anerkennung und Lob von außen so wie die Abenteuerlust auf Neues.

Welches Projekt würdest du gerne noch umsetzen, wenn du die Möglichkeit dazu hättest? Und was möchtest du gerne gegen Ende deines Lebens erreicht haben?
Ein »Bielefelder Büro für Beratung und Supervision« (BBBS) wäre ein Traum. Ein loser Zusammenschluss von engagierten Kolleg:innen, die Angebote und Projekte speziell für die sozialen Arbeitsfelder Kita, Schule, stationäre Jugendhilfe, Jugendämter, Beratungsstellen entwickeln. Mit passenden Antworten und Perspektiven für engagierte Teams und Leitungen, um diese angesichts gegenwärtiger Überlastungen, die strukturell defizitär bedingt sind, zu unterstützen und damit zu entlasten. Parallel dazu wäre es schön, die Beratungsarbeit mit Jungen und Männern weiter zu verbessern. Wenn ich einmal abtrete, wären schön bebilderte Erinnerungen an mich bei denen, die noch bleiben, schon cool.
 
 

 
 
 
 
 
:: Dirk Achterwinter, Jg. 1961, Diplom-Pädagoge, mit weiteren Qualifikationen als Sexualpädagoge, Gestalttherapeut, Systemischer Supervisor (DGSv) und Traumatherapeut, die je auch immer meinem Wunsch eines Selbstfindungsprozesses folgten. Ich lebe mit meiner Partnerin in einer langen Beziehung seit 1979, habe einen Sohn, eine Tochter und zwei Enkelkinder. – www.achterwinter-beratung.de

»Es geht mir um Geschlechtergerechtigkeit.«

Der MännerWege Fragebogen – beantwortet von Matthias Stiehler, Dresden

Interview: Alexander Bentheim und Ralf Ruhl
Fotos: Matthias Stiehler | Michael Tischendorf

 
Was war oder ist dein persönlich-biografischer Zugang zu Jungen-, Männer- und Väterthemen? Was dein politischer und fachlicher Zugang?
1984 geriet ich in eine schwere persönliche Krise. Ich lebte in einer Partnerschaft, wir hatten ein Kind. Meine damalige Partnerin und ich waren beide mit unserer gemeinsamen Situation unglücklich. Von meiner Erziehung her war ich fest davon überzeugt, dass ich einen größeren Anteil Schuld trug, denn ich war der Mann. Und meine Eltern, die beide zwar bis zum Schluss zusammenblieben, waren nach meinem Eindruck eigentlich auch immer unzufrieden. Insbesondere meine Mutter klagte fast täglich ihr Leid. Ich war überzeugt, dass ich mein Verhältnis zu meinem Vater aufarbeiten musste, um partnerschaftsfähiger zu werden. Gesellschaftlich war ich dabei durch die feministische und männerkritische Sichtweise der damaligen BRD geprägt. Denn als Theologiestudent war ich in der DDR nicht nur mit Westliteratur versorgt, sondern wir rezipierten auch die dortigen Diskussionen.
In der Folge meiner persönlichen Krise ging ich in eine stationäre Psychotherapie. Dort entwickelte ich jedoch ein Gespür dafür, dass meine Sicht zu einseitig war. Zugegeben, die Kritik an meinem Vater war berechtigt. Aber es war eben nicht nur mein Vater, dem ich meine Schwierigkeiten zu »verdanken« hatte. Meine Mutter hatte einen ebenso großen Anteil. Das war zugegeben erschütternd für mich. Denn ich erkannte, dass ein partnerschaftliches Miteinander von Frauen und Männern auch die gemeinsame Verantwortung für die entstandene Situation betrifft.
Ich gründete dann gemeinsam mit Gleichgesinnten eine Selbsthilfegruppe, in der sowohl Männer als auch Frauen waren. Das entsprach konsequent den gewonnenen Einsichten und bestimmt mich bis heute.

Das für dich nachhaltigste gesellschaftliche/historische Ereignis – auch im Kontext deiner Arbeit?
Das wesentliche Ereignis für mein männerpolitisches Engagement war dann die deutsche Einheit 1989/90. In Bezug auf Fragen der Geschlechtergerechtigkeit fiel mir die heftige Ideologisierung im Westen auf. Das war in meinen DDR-Kreisen – akademisch gebildete, alternative, bürgerbewegte Szene – nicht in gleichem Maße so. Wenn ich ehrlich bin, verstehe ich bis heute dieses Gegeneinander der Geschlechter in den alten Bundesländern nicht. Ich denke, das hat vor allem mit der größeren Bedeutung von materiellem Besitz zu tun, was in der Geschlechterdiskussion bis heute fortwirkt. Frauen haben sich – vermutlich zurecht – materiell abhängiger in ihren Partnerschaften gefühlt. Andererseits war der emotionale Zugriff der Mütter auf ihre Kinder aufgrund der traditionellen Rollenverteilung größer. Ich brauchte eine Weile um zu verstehen, dass aktive Vaterschaft im Westen nicht so selbstverständlich war, wie es meine Generation in der DDR bereits gelebt hat – zumindest in den alternativen Kreisen. Das mag zu der für mich nur schwer zu verstehenden Unterschiedlichkeit geführt haben, mit der Frauen und Männer beurteilt werden und die bis heute andauert. Sie ist geprägt von Verständnis für Begrenzungen der Mütter und kritischer Sicht auf die Fehler der Väter. Mir jedenfalls war es auch und gerade unter den neuen gesellschaftlichen Erfahrungen wichtig, für das Miteinander von Frauen und Männern in Kritik und Würdigung einzutreten.
Eine wichtige Zäsur war für mich daher erreicht, als 2001 der Erste Deutsche Frauengesundheitsbericht herausgegeben wurde. Den fand ich gut und richtig. Das Problem war nur, dass es keinen Männergesundheitsbericht an seiner Seite gab. Dabei wusste ich – ich arbeitete mittlerweile in einer Beratungsstelle des Gesundheitsamtes Dresden – dass die Männergesundheitsforschung ebenso lückenhaft und rudimentär war. Es gab nur bei Weitem nicht diese gesellschaftliche Lobby. Männer haben ebenfalls massive gesundheitliche Probleme und sie litten vergleichbar unter den gesellschaftlichen und oftmals auch privaten Anforderungen. Da mag man viel von »patriarchaler Dividende« sprechen. Die geringere Lebenserwartung sollte uns hier jedoch zu einer differenzierten Betrachtung führen. Für mich war es daher eine Frage von Geschlechtergerechtigkeit, sich ebenso um die Männer zu kümmern. Die Reduktion von Männerproblemen auf marginalisierte Gruppen griff mir zu kurz.
2001 initiierte ich eine Initiative für einen bundesdeutschen Männergesundheitsbericht, der viele Männer (und auch einige Frauen) in der Forderung nach einem solchen zusammenführte. Klaus Hurrelmann unterstützte mich dabei nach Kräften.

Welche waren damals und sind heute deine zentralen Themen in der Beschäftigung mit Jungen, Männern und Vätern?
Mein Engagement in den folgenden Jahren bezog sich vor allem auf die Männergesundheit. Das entsprach meiner Expertise in meiner Arbeit im Gesundheitsamt und meiner gesundheitswissenschaftlich ausgerichteten Promotion. Ich war Teil der sich nun stärker artikulierenden Männergesundheitsbewegung. U.a. war ich Gründungsmitglied des Netzwerks Jungen- und Männergesundheit, ich war Gründungs- und Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Mann und Gesundheit (DGMG), und später dann auch Vorstandsmitglied der Stiftung Männergesundheit.
Als besonderen Erfolg sehe ich, dass die DGMG gemeinsam mit der Stiftung Männergesundheit 2010 einen ersten deutschen Männergesundheitsbericht herausgegeben hat. Er fand seine Fortsetzung in weiteren Berichten der Stiftung Männergesundheit, die jeweils ein bestimmtes Thema im Fokus haben. Ich war dabei Mitherausgeber des ersten, zweiten und vierten Berichts. Zuvor, 2007, hatte ich gemeinsam mit Theodor Klotz das Buch »Männerleben und Gesundheit« herausgegeben. Ebenfalls 2007 entwickelte ich gemeinsam mit einem Freund aus der AIDS-Hilfe Dresden das Internetprojekt »Pflege Deinen Schwanz«, das die Förderung sexueller Gesundheit von Männern im Fokus hat.
2017 initiierte ich innerhalb der Stiftung Männergesundheit den »Tag der ungleichen Lebenserwartung« (10. Dezember), zu dem wir in den Folgejahren Social-Media-Kampagnen und Vor-Ort-Projekte durchführten.
Über das Thema Männergesundheit hinaus führte ich Ende der Neunziger-, Anfang der Zweitausenderjahre Männerwochenenden in Dresden durch. Ich absolvierte zudem eine therapeutisch-beraterische Ausbildung. Mit Freunden, die ich dort kennenlernte, bot ich über mehrere Jahre Männerworkshops in Naumburg an, bei denen es um tiefenpsychologisch fundierte Selbsterfahrung ging. Darüber hinaus leite ich seit 2005 Männergruppen, die tiefenpsychologisch ausgerichtet sind und körpertherapeutische Elemente enthalten.
Zur gleichen Zeit begann ich gemeinsam mit meiner Frau, Paarberatungen anzubieten. Unser Ansatz, dass wir als Frau und Mann und als Alltagspaar den Paaren in Krisensituationen zur Verfügung stehen, ist ihnen eine große Hilfe und für mich persönlich beglückend. Darin verwirklicht sich mein Streben nach Geschlechtergerechtigkeit, bei dem Frauen wie Männer gleichermaßen verständnisvoll und kritisch betrachtet werden.

Eigenschaften, die dich in deiner Arbeit und in Beziehungen zu anderen ausmachen?
Es geht mir bei all meiner Arbeit um das Miteinander. Es ist für mich beispielsweise nicht vorstellbar, einen Mann in der Männergruppe, der sich über ein aktuelles Problem in seiner Partnerschaft beschwert, nicht auf seine Anteile bei der Entstehung der Schwierigkeiten anzufragen. Gleiches gilt für unsere Arbeit mit Paaren. »Parteiliche Beratung«, egal ob für Männer oder für Frauen, lehne ich ab, denn sie hilft den Betroffenen kaum, die Verantwortung für das eigene Leben zu übernehmen. Das bedeutet jedoch nicht, in gesellschaftlichen oder strukturellen Fragen keine Haltung einzunehmen. Ich wende mich nur gerade auch im Geschlechterdiskurs gegen die schon im Vorhinein feststehenden Antworten.
Diese Haltung erfordert natürlich auch, diesen Anspruch bei sich selbst zu leben. Insbesondere die gemeinsame Arbeit mit meiner Frau in den Paarberatungen erfordert beständige Auseinandersetzung mit dem eigenen Verhalten und den eigenen Haltungen. Wir befinden uns daher in einem steten Selbsterfahrungsprozess, den wir in Supervision, Intervision und dem gemeinsamen Leben umsetzen. Dabei erlebe ich, dass unsere Liebe zueinander wächst.

Was ist für dich »Erfolg« in deiner Auseinandersetzung mit Jungen-, Männer- und Väterthemen? Und welches Projekt würdest du gerne noch umsetzen, wenn du die Möglichkeiten dazu hättest?
Erfolge sehe ich in meiner Auseinandersetzung mit den angesprochenen Themen, wenn ich in meiner beständigen Auseinandersetzung vorankomme. Ich habe gerade mein neues Buch »Partnerschaft ist zweifach« fertiggestellt. Es beschreibt weitergehende Erkenntnisse, die wir in zahllosen Paarberatungen gewonnen haben. Das Schreiben zwingt zur Genauigkeit und Klarheit. Auf dieses Buch bin ich wieder stolz. Zumal der Titel das Thema der Geschlechtergerechtigkeit auf den Punkt bringt.
Erfolg ist auch, wenn Paare oder einzelne Menschen mit meiner oder unserer Unterstützung einen guten Weg für sich finden. Diese direkte, unmittelbare Arbeit kann beglückend sein und gibt mir Energie.
In gleicher Weise kann ich das für mein politisches Engagement für die Männergesundheit leider so nicht sagen. Sicher gibt es mittlerweile eine größere gesellschaftliche Aufmerksamkeit gegenüber Männergesundheitsthemen, wenn wir die letzten zwanzig Jahre betrachten. Immerhin wurde auch vom Robert-Koch-Institut 2014 ein staatlicher Männergesundheitsbericht herausgegeben. Aber auf diesem Gebiet halten sich das Gefühl, etwas erreicht zu haben, und das Gefühl der Vergeblichkeit, die Waage. 2023 bin ich vom Vorstand der Stiftung Männergesundheit zurückgetreten und habe mich damit vom Thema Männergesundheit weitgehend zurückgezogen.
Dennoch bin ich auf mein jahrelanges gesellschaftliches Engagement stolz. Ich denke, ich habe auf meine Weise Akzente gesetzt und vor allem thematisch genau das vertreten, was ich vertreten wollte und was ich weiterhin vertreten werde. Insofern gibt es kein Projekt, das bis zu meinem Lebensende noch umgesetzt werden müsste, um meinem Leben Sinn zu geben. Nichtsdestotrotz werde ich sicher weitere Projekte vorantreiben, solange ich die Kraft dazu habe. Ein bis zwei Buchideen habe ich jedenfalls schon im Kopf.
 
 

 
 
 
 
 
:: Dr. Matthias Stiehler, Jg. 1961, Dresden. Maschinenbauschlosser, Theologe, Erziehungswissenschaftler, Psychologischer Berater. Verheiratet, drei Kinder, sechs Enkel. www.matthias-stiehler.de.
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Schöne neue Jungenwelt

Mit diesem Bilderbuch ist man bei der Jungenerziehung moralisch auf der richtigen Seite. Als Vater, Mutter, Erzieherin… Aber ist es das, was Jungen brauchen?

Text: Ralf Ruhl
Foto: LP, photocase.de

Scott Stuart will mit »Echte Jungs wie Du und ich« zeigen, dass es das allein richtige Männerbild nicht gibt. Dass historisch das Männerbild nur auf Kraft und Macht gebaut war. Demgegenüber setzt er Selbstbestimmung und Freiheit. Allerdings mit moralischer Verpflichtung des Gemeinsinns für andere. »Du kannst selbst entscheiden, was für ein Mann du sein willst«, ist seine Botschaft an die Jungen. Klingt gut, stimmt und funktioniert so aber leider nicht …

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