»Schon das Ansprechen von Gefühlen, Problemen, Situationen kann oft der Ansatz für eine Lösung sein.«

Der MännerWege Fragebogen – beantwortet von Michael Roth, Duisburg

Interview: Alexander Bentheim und Ralf Ruhl
Fotos: privat

 
Michael, was waren deine biografischen Zugänge zu Jungen-, Männer- und Väterthemen? Welche Themen waren damals und heute zentral in deiner Beschäftigung mit Jungen und Männern? Und wie hat sich dein Engagement entwickelt, ggf. verändert?
Als 15-jähriger Georgspfadfinder übernahm ich eine Juffi-Gruppe (Juffis werden die Jungpfadfinder genannt) mit ca. acht Jungen im Alter 10-12/13 Jahren; es war die Zeit der 1968er. Mit 16 wurde ich – als Nachfolger meines 5 Jahre älteren Bruders – zum sog. Stammesleiter einer (Vor)Ortsgruppe gewählt, den Posten hatte ich ca. fünf Jahre lang inne. Und mit 17 leitete ich ein Lager in der Eifel mit ca. 18 Jungen.
Mein Vater – 43 Jahre alt, als ich 1952 als jüngstes von drei Kindern geboren wurde (es gab neben dem Bruder noch eine knapp drei Jahre ältere Schwester) – war Modellbaumeister und hatte eine Schreinerei hinter unserem Wohnhaus. Nach meinem Bruder ging auch ich dort in die Lehre, weil es »so einfach« war und ich daher auch viel Zeit bei meinen Pfadfinderfreunden verbringen konnte.
Mein Vater war von ca. 1927 bis 1936 in der katholischen Jugend aktiv und erzählte uns Kindern einiges aus dieser Zeit, von seiner Jugendgruppe, den gemeinsamen Unternehmungen, Radtouren, Wanderungen, Zeltlagern und von Jugendkaplänen, mit denen sie Tischgottesdienste – Eucharistiefeiern im kleinen Kreis – feierten. Das hat uns Kinder geprägt. Ich übernahm die progressive, kritische Einstellung zur katholischen Kirche, war immer bemüht, das für die Menschen und für die Gemeinschaft Wichtige aus den »Lehren« der Kirche umzusetzen. Ich hatte das Glück, immer wieder Priester zu erleben, die auch offener dachten. Meine eigene junge Familie kehrte dann mit einigen anderen ehemaligen Pfadfindern der konservativen Ortsgemeinde den Rücken, denn wir fanden Gefallen an der kleinen Gemeinde in der Innenstadt, die von einem weltoffenen Karmeliterpater geleitet wurde. Über 20 Jahre lang war ich dort im Gemeinderat leitend tätig und konnte sogar meine Vorstellung von einer Gemeinde ohne amtliche priesterliche Leitung umsetzen.
Das Gemeinschaftliche, das gemeinsame Tun in der Gruppe, hatte mich auch angesteckt; seit der frühen Jugend war ich mit der »Arbeit« mit Jungen und Jugendlichen im Sinne einer steten Organisation des gemeinschaftlichen Zusammenseins »betraut«. Ich habe dann auch Leiterkurse besucht, mein Wissen mit etwas Pädagogik und Psychologie angereichert, und bis zum Alter von ca. 26 Jahren war ich in verschiedenen Stadtleitungen der DPSG-Jugendarbeit aktiv. Während meiner Zeit als Leiter veränderte sich die DPSG als Organisation stark: Aus dem Verband der »Waldläufer« wurde ein moderner Jugendverband, der gemeinschaftlich und sozial engagiert ist, und dessen selbständige Ortsgruppen den katholischen Kirchengemeinden nahe, aber nicht von ihnen abhängig sind. Noch einige Jahre später wurde aus dem Jungenverband ein koedukativer Verband.

Gab es für dich nachhaltige gesellschaftliche Ereignisse – auch für den Kontext deiner Arbeit und für deine privaten und beruflichen Beziehungen?
Das Zusammensein von Jungen/Männern und Mädchen/Frauen war für mich eine nachhaltige Erfahrung, ich lernte Gleichberechtigung im Miteinander. Das half mir im weiteren Leben: bei der Organisation von Aktionen z.B. im Umweltschutz, für den damals sog. »Dritte Welt«-Gedanken, hinsichtlich von fairem Handel oder für benachteiligte Menschen. Aber auch als Verliebter, als Ehemann, als Vater eines Sohnes und zweier Töchter sowie als Lehrmeister von drei Frauen und 27 Männern spielte die Erfahrung und Vermittlung von Gleichberechtigung eine wichtige Rolle.
Besonders das demokratische, gemeinschaftliche Handeln ist eine Erfahrung, die ich nicht missen will. Dabei war das Miteinander im Pfadfinderverband ein wichtiges Erfahrungsfeld, in dem ich auch meine kritische Haltung zu »Obrigkeiten«, besonders zu autoritären wie der katholischen Kirche, entwickelt habe.

Was hat die Männer/* ausgemacht, mit denen du gerne zusammengearbeitet oder Zeit verbracht hast?
Zum 40sten Geburtstag schenkte mir ein Bekannter ein Männerbuch – den Titel weiß ich nicht mehr, aber das Lesen über Freiräume für Männer in der Ehe und über Männergruppen weckte eine neue Seite in mir. Ich war durch die vorhergehende Beratungsarbeit, mit der wir aus unserer ersten Ehekrise herausfanden, sensibilisiert. Zum 41sten im Kreis der Männergäste habe ich eine Männergruppe im westlichen Ruhrgebiet gegründet. Und bei den Gruppentreffen habe ich dann die Erfahrung gemacht, dass alleine schon das Ansprechen von Gefühlen, Problemen, Situationen oft der Ansatz für eine Lösung sein kann, dass die Sichtweisen und Reaktionen der anderen Männer etwas in mir und den Männern in Bewegung brachte.
Mit 47 Jahren – 1999 war das – habe ich an einem Männerseminar der evangelischen Kirche mit Richard Rohr teilgenommen; mein erster Kontakt zu »fremden« Männern und meine ersten Gespräche mit schwulen Männern.
2000 bin ich als Teilnehmer zu den bundesweiten Männertreffen gekommen, was in gewisser Weise spät war. Ich habe dort und in den späteren Männertreffen die Vielfalt der Männer, die sehr unterschiedlichen Bedingungen ihres Heranwachsens, ihrer jeweiligen Familiensituationen und von den Beziehungen der Männer zu ihren Vätern erfahren.
Das Jahr 2000 sollte auch mein Sabbatjahr werden; mit einem Mann aus der Männergruppe bin ich auf den »Spuren der Kaiser« (alter Krönungsweg) nach Rom geradelt. Drei Wochen enges Männerzusammenleben führte zu Erfahrungen, die ich schätzen gelernt habe: Vertrauen auf den Anderen, faire Auseinandersetzungen, Respekt, Nähe, Gemeinschaft.
Rückblickend denke ich: ohne die Erfahrungen mit Gruppen und Männern hätte ich keinen Freunde*innenkreis. Auch wären mir einige Dinge nicht gelungen: der Zusammenhalt in der Ehe mit der Entstehung einer 15-köpfigen »Sippe«, die Ausbildung von meist schon älteren bzw. volljährigen Azubis, die Gründung eines »Dritte Welt Ladens« sowie der langwierige Prozess der Umgestaltung der Gemeinde zu einer Gemeinschaft mit selbstbestimmender Leitung.

Hast du ein Lebensmotto?
Probieren geht über studieren – oder: Versuch macht klug.

Eigenschaften, die dich in deiner Arbeit und/oder Beziehungen zu anderen ausmachen?
Machen, Zuverlässigkeit, 80% Toleranz, Treue.

Wo liegen für dich die hartnäckigsten Widerstände gegen dein Verständnis vom Umgang mit Jungen-, Männer- und Väterthemen?
Im Orga-Team zur Vorbereitung der Männertreffen habe ich Erfahrungen mit dem Ausdiskutieren von Argumenten über die Konsensfindung bis hin zu einstimmigen Entscheidungen gemacht. Ich denke, nach dieser Erfahrung, dass in unserer Gesellschaft heute zu oft fehlt: andere zur wirklichen AUS-Sprache kommen zu lassen, einander zuhören, nachfragen, Gemeinsamkeiten und Verbindendes suchen – was bedeutet, sich auch immer wieder auf andere Menschen einzulassen und ihr »Sosein« zu respektieren.
Die immer noch vorherrschende männliche Macht in Gesellschaft, Politik, Wirtschaft beeinflusst unser Denken. Ich erlebe jetzt im Alter, dass sich bei den Männern eine Teilung auftut: die einen werden sensibler, weicher, einfühlsamer, andere bleiben »Indianer«, »Männer wie wir«, hinter ihren uralten Mauern.
Da unser Leben auf Gemeinschaft, auch Partnerschaft angelegt ist, habe ich meiner Frau und Partnerin viel in meiner Reifung zu verdanken. Sie hat mir immer wieder mein Verhalten gespiegelt. Oft habe ich das zunächst »hart« empfunden, aber in der Reflexion später annehmen können – zumal mich meine Partnerin besonders in meinen schweren Zeiten unterstützt hat.

Welches Projekt würdest du gerne noch umsetzen, wenn du die Möglichkeiten dazu hättest? Und was möchtest du gegen Ende deines Lebens erreicht haben?
Im letzten Lebensdrittel erfolgt für mich die »Kür«: nachdem im ersten Drittel das Lernen dran war, im zweiten Drittel die Arbeit, die Familie und das Wirtschaften (und meine Frau trug die Hauptlasten in der Familie einschließlich der Kinder), will ich nun mehr mittragen, auch mehr mitgestalten an einer friedlichen Welt. Nach 45 Ehejahren mit meiner Frau Ingrid sind unsere drei Kinder und sieben Enkelkinder zugleich Baustellen und Genuss in dieser Welt. Sie haben unsere volle Unterstützung, solange wir können und sie uns anfordern. Das heißt für mich »allzeit bereit« und »look to the kids« – alte Pfadfinder-Sätze bleiben aktuell.
Und in einem Teil der dann noch verbleibenden »freien Zeit« sorge ich als Mitarbeiter im ADFC mit für ein fahrradfreundliches und sicheres Duisburg – mein Beitrag zum besseren Klima und zur Mobilität der Nachkommen.

 
 

 
 
 
 
 
:: Michael Roth, geb. 1952 in Duisburg und immer dort geblieben, geprägt vom Dreiereck Pott, Niederrhein und dem Bergischem. Nach Realschule Modellbauer-Handwerk (Gießerei) erlernt. Als Tischlermeister die Werkstatt meines Vaters übernommen und über 30 Tischler:innen ausgebildet. Jungen und Männerarbeit in der DPSG. Männergruppe gegründet, Teilnehmer an einigen Männertreffen. Über 20 Jahre Vorstand im Gemeinderat einer überörtlichen katholischen Gemeinde.

Wenn David nur noch Jude ist

Wer anders ist, das bestimmen die anderen. Das muss der 13-jährige David erfahren, als er sich eher zufällig als Jude outet. Chaos, Liebe, Gewalt, Verrat und Freundschaft – dieser Roman hat alle Zutaten, die ein gutes Jugendbuch braucht. Ein gutes? Mehr als das!

Jugendlicher mit Pfeife hinterm Haus

Text: Ralf Ruhl
Foto: norndara, photocase.de (Symbolbild)

 
David ist Jude. Weiß aber keiner. Also seine Eltern und seine Schwester natürlich, aber niemand in der Schule. Sieht man ja auch niemandem an, ob er arm ist, Krebs hat, gut in Mathe ist oder eben Jude ist. Das will David auch so. Er will nicht angeglotzt werden, angesprochen auf etwas, das für ihn völlig normal und somit gar nicht so wichtig ist, nicht angefeindet werden – und vor allem will er nicht allein sein. Sondern dazugehören. Wie alle pubertierenden Jungen … Danny Wattin’s »Davids Dilemma« ist das Beste, das ich seit Jahren zum Thema Antisemitismus gelesen habe!

Zur Rezension

»Visionssuchen halfen mir dabei, meinen inneren Vaterkonflikt zu klären und als Mann nachzureifen.«

Der MännerWege Fragebogen – beantwortet von Peter Maier, Kühbach b. Augsburg

Mann allein am Strand

Leitfragen: Alexander Bentheim und Ralf Ruhl
Fotos: cw-design, photocase.de | privat

 
Kindheit in der Nachkriegszeit

Geboren bin ich 1954 in einem Dorf in Ostbayern. Mein Vater war Hitlerjunge, die Propaganda der Nazi-Zeit hatte ihn total verblendet. Einmal gestand er mir, dass er noch bis zum 1. Mai 1945, kurz bevor die Amerikaner einrückten, jeden im Dorf mit seiner Pistole erschossen hätte, der etwas gegen Hitler gesagt hätte. Obwohl mein Vater sich deswegen im Nachhinein sehr schämte und sich innerlich von der Nazi-Ideologie lossagte, war meine Erziehung durch ihn dennoch sehr autoritär geprägt. Und es gab für mich mehrere heftige Gewalterfahrungen durch meinen Vater.

Mein Vater hatte einen Doppelberuf: Er war Landwirt und Viehhändler und es war sowohl ihm als auch mir seit frühester Kindheit an sonnenklar, dass ich als sein Erstgeborener einmal in seine Fußstapfen treten sollte. Daher war es für mich ein Schock und ein totaler Bruch in meiner Biographie, als mein Vater mich nach der 5. Klasse Volksschule plötzlich gegen meinen Willen aufs Gymnasium schickte. Die nächsten neun Jahre war ich als Fahrschüler täglich zwei Stunden auf der Strecke – ins 31 Kilometer entfernte Gymnasium des Nachbarlandkreises. Mein jüngerer Bruder sollte nun einmal den Hof übernehmen, mein Vater wollte mich nicht mehr zu Hause haben. Ich war draußen aus dem Hof, raus auch aus der männlichen Ahnenlinie und irgendwie auch aus der Familie, die von meinem Vater geprägt und total dominiert wurde.

Als mich mein Vater dann in der 7. Klasse wegen der Note Drei in einer Erdkunde-Arbeit kritisierte, packte mich eine heilige Wut und ich beschloss, nun Tag und Nacht für die Schule zu lernen und zugleich täglich im großen Hof mit damals großem Stall voll Vieh mitzuarbeiten – 365 Tage im Jahr. Ich wollte meinem Vater zeigen, was ich draufhabe und sein Kritiker-Maul ein für alle Mal stopfen. Mein Vater war nun am Beginn meiner Pubertät zu meiner größten Herausforderung im Leben und zu meinem größten Gegner geworden, den ich täglich durch gute Leistungen und viel Arbeit auf dem Hof niederzukämpfen versuchte. Dies gelang wohl auch, hatte aber zur Folge, dass ich zu einem Lern- und Arbeitsroboter wurde. Meine Pubertätsentwicklung fand, da vollkommen auf den Vater und auf die Arbeit fixiert, hauptsächlich im Verborgenen statt.

Im Alter von 17 Jahren gab es dann den nächsten Schock für mich: Da mein Vater erkannte, dass ich für ihn auf dem Bauernhof sehr nützlich war, wollte er, dass ich nun nach dem Erwerb der Mittleren Reife das Gymnasium sofort verlassen und bei ihm zu Hause »einsteigen« sollte. Als »Bauernbub« hatte ich mich in der fernen Schule mühsam durchgebissen und ein gutes Zeugnis erreicht. Dieses war jedoch für meinen Vater plötzlich nichts mehr wert. Denn es hatte sich herausgestellt, dass mein jüngerer Bruder für das Bauer-Sein doch nicht geschaffen war. Nun wollte der Vater wieder mich als seinen potentiellen Nachfolger zu Hause haben.

Doch diesmal wehrte sich etwas in mir. Ich fühlte mich wie eine Schachfigur, die von meinem Vater auf dem »Brett seiner Lebensplanung« in autoritärer Weise beliebig herumgeschoben werden sollte. Ich war doch nicht sein Besitz! Ich sagte gar nichts und blieb stur am Gymnasium, machte ein sehr passables Abitur und leistete anschließend sofort meinen 15-monatigen Wehrdienst als Sanitäter ab. Mir war aber klar, dass diese Zeit nur eine Art von Moratorium für mich war: Denn das Damoklesschwert des Bauernhofes und der Erwartungen meines Vaters an mich hingen die ganze Zeit drohend über mir. Was sollte ich nun tun?

Ich gehe meinen eigenen Weg

Kurz vor der Entlassung aus der Bundeswehr 1975 forderte mich mein Vater an einem Samstag im Juni erneut offensiv auf, dass ich nach Ende des Wehrdienstes bei ihm auf dem Hof »einsteige« – als Abiturient ohne jede Lehre oder berufliche Ausbildung. Da brach es, selbst für mich unerwartet, aus mir heraus: »Vater, ich möchte mich mit Menschen beschäftigen und nicht mit Feld und Vieh!« Raus war es. Das waren die ultimativen Trennungsworte zwischen meinem Vater und mir. Mein Satz war ein Schlag für uns beide – für meinen Vater und für mich selbst. Denn eigentlich wäre ich gerne Bauer geworden, ich wusste aber, dass ich zu Hause immer nur der Knecht oder sogar der Leibeigene meines autoritären Vaters sein würde und nie ein eigenes Leben neben ihm entwickeln konnte. Ich musste unbedingt von ihm weg.

Nun aber kamen auch aus meinem Vater ebenfalls todernste Worte, die viele Jahre in mir nachhallten: »Ja so einen wie Dich kann ich hier nicht brauchen! Wenn Du schon diese sichere Existenz des Bauernhofes ausschlägst, dann sieh zu, dass Du eine Arbeit findest, mit der Du zu hundert Prozent Deine Existenz sichern kannst!« Das empfand ich als eine starke Drohung und als Abwertung meines anderen Weges, den ich ab jetzt gehen wollte.

In diesem Moment spürte und wusste ich zweierlei: Zum einen hatte mich mein Vater, der vollkommen mit seinem Hof identifiziert war, ab jetzt total fallen gelassen. Für ihn war ich nichts mehr wert und wie gestorben. Jede Vaterliebe, die Vaterenergie, die Vaterkraft in mir und der Vatersegen waren aus mir gewichen. Mein Vater stand nicht mehr hinter mir, für ihn war ich ein Versager, ein Feigling, ein Verräter, der sich aus der Familie und der Verantwortung davonstiehlt. Ein junger Mann hat es aber sehr schwer, auf eigene Mannes-Beine zu kommen, wenn ihm diese Vater-Qualitäten entzogen werden und fehlen.

Zum anderen wusste ich, dass ich ab jetzt vollkommen auf mich allein gestellt und ohne jede moralische Unterstützung durch meinen Vater war. Ich wollte Gymnasiallehrer werden und musste mich an der Uni ganz alleine durchkämpfen. Zudem waren die Aussichten auf eine Anstellung als bayerischer Gymnasiallehrer damals sehr schlecht, es gab nur weniger Stellen, wenn ich mit Studium und Referendariat fertig sein würde. Auf keinen Fall aber wollte ich auf den Bauernhof meines Vaters zurückkehren, falls es beruflich als Pädagoge nicht klappen sollte.

Angetrieben von Existenzangst und der Drohung des Vaters schaffte ich das 1. Staatsexamen in meinen beiden Fächern Physik und Katholische Religionslehre mit Bravour. Vor dem Referendariat wollte ich mir jedoch einen lange gehegten Wunsch erfüllen: Ich ging 1981 für ein halbes Jahr auf eine Missionsstation in einem kenianischen Buschdorf. Dort war ein früherer Religionslehrer von mir, ein Comboni-Missionar, in der Erst-Evangelisierung afrikanischer Stämme tätig. Mehrere Monate lang machte ich in der benachbarten staatlichen Secondary School meine ersten Gehversuche als junger Lehrer. Das war inspirierend und der ganze Auslandsaufenthalt bedeutete im Grunde den nächsten wichtigen Schritt in meiner Ablösung (Initiation) von meinen Eltern.

Schwierigkeiten als Lehrer mit Jungen

Als ich dann jedoch im September 1981 mit dem Referendariat begann, wehte mir ein sehr kalter Wind an bayerischen Gymnasien entgegen. Aufgrund der guten Noten im 1. Staatsexamen bekam ich 1983 doch noch eine feste Beamtenstelle. Nun war meine berufliche Existenz gesichert. Aber nun begann meine Not. Denn ich hatte immer wieder große Schwierigkeiten im Unterricht, vor allem mit Jungen. Sie erkannten meine Autorität als Lehrer nicht an, rebellierten und versuchten laufend, meinen Unterricht zu stören. Jetzt rächte es sich, dass ich keine wirkliche Jugend gehabt hatte wie die meisten meiner Altersgenossen im Dorf. Als Fahrschüler ins weit entfernte Gymnasium und durch die tägliche Arbeit auf dem Bauernhof war ich der Dorfgemeinschaft und meinen Kumpeln aus der Volksschulklasse vollständig entfremdet worden. Ich musste mir jetzt schmerzlich eingestehen, dass ich meine Pubertät nie richtig durchlebt hatte. Daher konnte ich mich auch nicht so richtig in die Lage von Jungen in ihrer Pubertät einfühlen. Was wollten sie bloß von mir?

Heute ist mir vieles klar: Die Jungen suchten damals Stärke, Coolness, Humor und vor allem Orientierung und Anerkennung durch einen männlichen Lehrer. Sie wollten und brauchten für ihre Persönlichkeitsentwicklung einen »starken« Lehrer, an dem sie sich reiben konnten und der in der Lage war, ihnen Grenzen zu setzen. Doch was ist ein starker Lehrer? Offensichtlich strahlte ich diese Stärke überhaupt nicht aus. Die Jungs wollten testen, ob ich ihnen und ihrer geballten Jungen-Energie gewachsen war. Und sie waren bedürftig nach männlicher Energie und suchten Zuwendung, Klarheit und Kraft, um sich an mir als männlicher Bezugsperson auf ihrem Weg zum Erwachsenwerden orientieren zu können. Das konnte ich ihnen aber aufgrund meiner eigenen Defizite nicht bieten und ihre starken Energien machten mir große Angst. Diesen war ich kaum gewachsen.

Den Jungs war es aber egal, woher ich kam und was ich fühlte. Sie hatten kein Verständnis für mein eigenes, mir selbst noch unbewusstes unterschwelliges Bedürfnis nach Zuwendung und Mitgefühl. Da dieses von meinem eigenen Vater nie wirklich gestillt worden war, suchte ich die Anerkennung fälschlicher Weise bei den Jungen in meinen Klassen. Verkehrte Welt! Wir waren also in unserem Bedürfnis nach männlicher Anerkennung und Zuwendung zu Konkurrenten geworden.

Das konnte nicht gut gehen und darum suchte ich schon bald nach Beginn meines Referendariats nach Hilfe: Zehn Jahre lang machte ich berufsbegleitend eine ambulante Psychotherapie – zunächst fünf Jahre lang als Einzeltherapie, später zusätzlich auch als Gruppentherapie und das zwei Mal pro Woche. So konnte ich viele Defizite aus meiner eigenen Jugendzeit erkennen und heilen. Das half mir sehr und ermöglichte es mir, in meinem Beruf stabil zu bleiben. Dennoch vermisste ich etwas Entscheidendes in meinem Beruf, aber ich konnte lange nicht wirklich sagen, was dies war.

Die Initiations-Thematik ändert alles

Dies änderte sich erst, als ich um die Jahrtausendwende auf die Initiations-Thematik stieß. In zwei Workshops mit dem afrikanischen Schamanen, Männer-Initiator und Buch-Autor Malidoma Patrice Somé 2001 und 2002 war ich ausschließlich mit Männern zusammen und konnte erleben, dass ich mit meinem Vaterkonflikt nicht alleine war. Fast alle waren auf der Suche nach sich selbst als Person, vor allem aber als Mann. In diesem Kreis von Männern fühlte ich mich angenommen und geborgen. Das war neu für mich und sehr wohltuend. Daher war ich anschließend auch drei Jahre lang Mitglied in einer Malidoma-Männer-Gruppe in München, die sich nach dem zweiten Workshop gebildet hatte.

Fast zeitgleich nahm ich an drei Visionssuchen in der Tradition der amerikanischen School of lost Borders teil, in den Jahren 2000, 2003 und 2007. Jedes dieser elementaren Rituale in der Natur dauerte 12 Tage. Der Kern davon war jeweils die sogenannte »Solozeit«, eine Auszeit von vier Tagen und Nächten ganz allein in der Natur ohne Essen, ohne Zelt und ohne alle Kommunikationsmittel wie dem Handy, unsichtbar für alle anderen Menschen. In diesen jeweils 100 Stunden Alleinsein in einer Art von »Anderswelt« war ich ganz auf mich gestellt und mit mir selbst konfrontiert, schmorte im eigenen Saft und stellte mir viele Lebensfragen. Die drei Visionssuchen halfen mir enorm dabei, meinen inneren Vaterkonflikt zu klären und als Mann nachzureifen.

Und plötzlich war mir klar, was mir selbst und meinen Jungs in der Schule die ganze Zeit gefehlt hatte: ein elementares Übergangsritual vom Jugendlichen ins Erwachsensein. Als ich im August 2007 von den Nockbergen in Kärnten herab zur Alm stieg, die das Basislager für unsere Visionssuche-Gruppe war, wusste ich, dass ich ab jetzt solch ein fundamentales Ritual auch meinen Schülern anbieten sollte. Doch zunächst wollte ich für mich selbst die Grundlagen dafür schaffen: Von 2007 bis 2009 machte ich die Fortbildung zum Initiations-Mentor und Jugend-Visionssuche-Leiter in der Tradition der School of lost Borders in einer Gruppe in Niederbayern.

Acht Jahre lang veranstaltete ich danach zusammen mit kleinen Leitungsteams das sogenannte WalkAway-Seminar für 15- bis 17-jährige Jugendliche, ein viertägiges erlebnispädagogisches Ritual in der Natur, eine Visionssuche für junge Menschen. Die Jugendlichen ließen sich darauf ein, nach einer zweitägigen Vorbereitung für 24 Stunden im Wald zu verschwinden und einen Tag und eine Nacht zu überstehen – ohne Essen, ohne Zelt und vor allem ohne ihr geliebtes Smartphone, unsichtbar für alle Menschen. Am vierten Tag frühmorgens standen die Eltern bereit, um ihre jugendlichen Kinder zu begrüßen. Im nahen Seminarzentrum konnte man dann jeweils für drei Stunden eine Stecknadel fallen hören, während die Jungen und Mädchen ihre ergreifenden Geschichten von allein da draußen in der wilden Natur erzählten.

Dieses Ritual hat den Jugendlichen enorm in ihrer Persönlichkeitsentwicklung geholfen – zu mehr Selbstbewusstsein, Selbständigkeit und Selbstverantwortung auf ihrem Weg hin ins Erwachsensein. Das Ritual hat nicht selten auch die ganze Familie verändert. 83 Mädchen und Jungen haben mit mir diesen WalkAway absolviert, zwei Drittel von ihnen waren Jungen. Die dabei gemachten Erfahrungen haben mich so angeregt und motiviert, dass ich schon 2009 anfing, darüber Bücher zu schreiben: »Initiation – Erwachsenwerden in einer unreifen Gesellschaft« . Dieser Schreibfluss hielt an und hat mich sehr erfüllt. In das erst vor kurzem veröffentliche Buch »WalkAway – Jugendliche auf dem Weg zu sich selbst« ist die Essenz meiner Erfahrungen mit Initiationsritualen eingeflossen. Die Situation der Jungen stand dabei jedoch immer im Mittelpunkt. Zugleich dienten diese Bücher stets meiner Selbstreflexion und Befreiung meines eigenen Mann-Sein.

Nun hatte ich mein Lebensthema gefunden: Initiation. Das spürten wohl auch meine Schüler, denn nun wurde ich von den meisten von ihnen sehr geschätzt und anerkannt – als ihr männlicher Lehrer und für viele auch als eine Art Lebensbegleiter und Mentor, der sich gut in ihre Entwicklungssituation als Jugendliche einfühlen konnte. Als ich 2020 nach vierzig Jahren im Schuldienst verabschiedet wurde, galt ich bei Schülern und Kollegen als der respektierte »Mister WalkAway«, der stets sein eigenes Ding gedreht hatte. Als Supervisor versuche ich in meiner Pension, vor allem Lehrer in ihrem Beruf zu beraten zu bestärken. Als Autor sehe ich meine Aufgabe darin, im deutschsprachigen Raum für das Initiations-Thema zu werben und dieses mit heutiger Pädagogik zu verbinden.

Fundamentale Erkenntnisse

:: So viele Männer haben nie eine richtige Ablösung von den Eltern und eine Initiation in ihr eigenes Mann-Sein erlebt. Obwohl beruflich vielleicht erfolgreich, fühlen sie sich unruhig und haben Schwierigkeiten, ihren Mann in Familie und Gesellschaft zu stehen. Aus eigener Erfahrung möchte ich heutigen Männern zur Stärkung zweierlei empfehlen: eine Visionssuche zu machen und eine Männergruppe zu suchen.
:: Die von uns Europäern lange Zeit verachteten indigenen Völker hatten ein Urwissen bezüglich des Lebenskreises und der Lebensübergänge, das uns aufgeklärten, meist nur rational orientierten »Westlern« fehlt. Wir können gerade in der Initiations-Thematik viel von diesen traditionellen Völkern lernen, die ein noch elementares Wissen über das Leben und die Natur bewahrt haben.
:: Gerade die Jungen bedürfen einer besonderen gesellschaftlichen Beachtung. Im heutigen Schulsystem, das immer »weiblicher« ausgerichtet ist, gelten sie nicht selten als das »schwache Geschlecht«. Jungen sollten täglich mehrere Stunden lang be-vatert werden, um sich gut entwickeln zu können. Doch so oft sind die Väter – z.B. aus beruflichen Gründen – nicht da, sondern physisch und emotional »abwesende Väter«. Gerade männliche Lehrkräfte und Leiter von Sportgruppen haben hier eine enorme Aufgabe, den Jungen männliche Orientierung zu geben, ihnen Grenzen zu setzen und sie in ihrem Wesen liebend anzunehmen.
:: Mir ist aufgefallen, dass besonders in Deutschland die verantwortlichen Bildungsbehörden den Initiations-Begriff und geeignete Initiationsrituale wie den viertägigen WalkAway fürchten »wie der Teufel das Weihwasser«. Sie wollen mit dieser Thematik nichts zu tun haben und verweisen etwaige Initiativen vehement in den privaten Bereich. Doch hier lässt man gesellschaftlich und schulisch eine wichtige Aufgabe ungenutzt. Denn auch hierzulande sollen ja gerade die Jungen durch passende Rituale und Zeremonien den Übergang vom Junge-Sein ins Erwachsen-Sein bewältigen und erwachsen werden können. Sie brauchen solche Rituale. Vermutlich gibt es aber die folgende Problematik: Im deutschen Faschismus wurden germanische Rituale, Zeremonien und Symbole von der Nazi-Ideologie in übler Weise für rassistische und kriegerische Zwecke missbraucht. Daher fürchtet man heute womöglich, als Neonazi beschimpft zu werden, wenn man den Begriff »Initiationsritual« benutzt. Die WalkAway-Seminare, die ich angeboten haben, sind jedoch von den Initiationsritualen nordamerikanischer Indianerstämme, den »native americans«, beeinflusst und daher unberührt von faschistischen Ideologien.

 
 

 
 
 
 
 
:: Peter Maier, Jg. 1954, Gymnasiallehrer, Jugend-Initiations-Mentor, WalkAway-Leiter, Supervisor, Autor. Meine Bücher »Initiation – Erwachsenwerden in einer unreifen Gesellschaft. Band I: Übergangsrituale« und »Band II: Heldenreisen« sowie »WalkAway – Jugendliche auf dem Weg zu sich selbst« sind als Print oder eBook hier erhältlich: www.initiation-erwachsenwerden.de und www.alternative-heilungswege.de; einen knappen Überblick über meine Arbeit gibt es auch in einem Flyer. Kontakt: info@initiation-erwachsenwerden.de.

Hausnummer 23, vierter Stock

Warum ist der Blick zurück meist keiner, bei dem man vor Überschwang wegdriftet? Weil vielleicht nur so die Spannung bleibt und es eine Zukunft gibt?

Text: Frank Keil
Foto: Özlem23, photocase.de

 
Männerbuch der Woche, 46te KW. – Der dänische Lyriker Søren Ulrik Thomsen erzählt in seinem Erinnerungsessay »Store Kongensgade 23« mehr als gekonnt vom Dasein in seiner Ungleichzeitigkeit.

Zur Rezension

»Das meiste, was ich in der Jungenmedizin gelernt habe, habe ich durch die Jungen und jungen Männer gelernt.«

Der MännerWege Fragebogen – beantwortet von Bernhard Stier, Hamburg

verschmitzt schauender Junge

Interview: Alexander Bentheim und Ralf Ruhl
Fotos: Alexander Bentheim

 
Was war dein persönlich-biografischer Zugang zu Jungen-, Männer- und Väterthemen?
Ich stamme aus einem sehr empathischen, patriarchalisch geprägten Elternhaus mit klarer Rollenstruktur. Erst später, in der Auseinandersetzung mit meiner eigenen Vaterrolle und Partnerschaft, erkannte ich auch die »weichen« Seiten meines Vaters und die starke Rolle meiner Mutter, eine Familie mit 4 Kindern und allem, was dazugehört, zusammenzuhalten. Sie war es auch, die für das Thema »Gesundheit« zuständig war, einem Thema, welches mein Vater, zumindest für sich, völlig ausgeklammert hatte. Der Körper musste – vor allem auch in Bezug auf berufliche Anforderungen – »wie selbstverständlich« funktionieren.
Mein frühes Interesse für die Jugendmedizin, als Kinder- und Jugendarzt schon zu Klinikzeiten und später in eigener Praxis, lehrte mich die Erkenntnis, dass Jungen und junge Männer gegenüber Mädchen und jungen Frauen medizinisch und psychisch schlechter versorgt sind. Schnell wurde mir klar, dass dies zum einen mit der nach wie vor bestehenden Vorstellung von Männlichkeit zu tun hat (»Mann und krank geht gar nicht«), wie ich sie in meinem Elternhaus kennengelernt hatte. Zum anderen bestehen aber deutlich schlechtere Versorgungsstrukturen und medizinische Expertise – zumal, wenn scheinbar der Bedarf geringer ist, ausgedrückt etwa in verminderter Inanspruchnahme medizinischer Unterstützung. Im Laufe der Zeit sah ich viele Jungen und Männer mit Erkrankungen, die sich »rein zufällig« bei den Vorsorgeuntersuchungen ergaben und von ihnen »nicht bemerkt worden waren«. Allerdings folgte auch, je mehr ich mich mit »Jungenmedizin« – einem Begriff, den ich 2005 erstmals formulierte – beschäftigte und mir Kenntnisse erwarb, dass die Inanspruchnahme deutlich gesteigert und sehr dankbar aufgenommen wurde. Dies wiederum zeigte mir, dass ein Zuständigkeits- und Expertiseangebot sehr gut in der Lage ist, die medizinische und psychische Versorgungslage zu verbessern. Und dass es dadurch möglich ist, die Vorstellung von »Männlichkeit und Krankheit geht nicht zusammen« zu überwinden.
Im Jahr 2006 folgte daraufhin das erste Jugendmedizin-Lehrbuch (inzwischen in der 2. Auflage 2019) mit einem eigenen Jungenmedizinkapitel und 2013 das erste Handbuch zur Jungengesundheit.

Und dein politisch-thematischer Zugang?
Durch meine Tätigkeit im Netzwerk »Jungen- und Männergesundheit« lernte ich Männer kennen, die sich außerhalb des rein medizinischen Bereichs beruflich mit Jungengesundheit beschäftigen und vielfältige Expertise entwickelt haben. Gleichzeitig wurde mir umso mehr deutlich, dass hierbei in der medizinischen Versorgungsstruktur deutliche Defizite bestanden. Im Gegensatz zur Kinder- und Jugendgynäkologie gab es für Jungen und junge Männer keine vergleichbaren Strukturen und Zuständigkeiten. Als Konsequenz wurde ich zuständig für Jungenmedizin im Netzwerk »Männergesundheit« und war Mitbegründer der Fachgruppe »Jungenmedizin/Jungengesundheit« des Bundesforum Männer. Parallel dazu initiierte ich eine Beauftragung für Jungenmedizin und Jungengesundheit im Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte Deutschlands e.V., dessen erster Beauftragter ich für diese Thematik wurde. Leider kam es bislang nicht zur Gründung einer interdisziplinären Arbeitsgemeinschaft Jungenmedizin/Jungengesundheit – dieses Vorhaben ist aber nicht aufgegeben.

Welche sind heute deine zentralen Themen in der Beschäftigung mit Jungen und Männern?
Neben der Jugendmedizin und darin dem speziellen Lebensabschnitt »Pubertät« ist nach wie vor mein zentrales Thema die Verbesserung der medizinischen Expertise und Versorgungsstruktur für Jungen und junge Männer. Dabei sah und sehe ich einerseits meine Aufgabe darin, in zahlreichen Kapiteln zur Jungenmedizin in pädiatrischen Lehrbüchern sowie in vielfältigen Artikeln zu unterschiedlichen jungenmedizinischen Themen in medizinischen Fachzeitschriften im In- und Ausland die jungenmedizinische Expertise zu verbreiten und »in die Fläche« zu bringen. Andererseits helfe ich durch Vorträge und Seminare, das Interesse zum jungenmedizinischen Handeln zu fördern und damit die konkreten Versorgungsstrukturen zu verbessern.
Das meiste, was ich in der Jungenmedizin gelernt habe, habe ich durch die Jungen und jungen Männer, die meinen medizinischen Rat suchten und suchen, gelernt. So ist meine feste Überzeugung, dass es der beste Weg ist, über das Interesse für dieses Gebiet zum Handeln zu kommen. Die Jungen und jungen Männer danken es einem vielfältig!

Wie hat sich dein Engagement für Jungen, Männer und/oder Väter entwickelt, ggf. verändert?
Das Interesse und die Beschäftigung mit jungenmedizinischen Themen hat sich etwas in Richtung der Thematik »Jungengesundheit« verlagert, ganz im Sinne des Begründers der Salutogenese, dem amerikanisch-israelischen Gesundheitswissenschaftler Aaron Antonovsky (1923–1994), der diese als Gegenbegriff zur Pathogenese eingeführt und in einem komplexen Modell ausformuliert hat. In diesem Zusammenhang sehe ich den Wandel der »Männlichkeit« im Laufe des 20. und beginnenden 21. Jahrhunderts als eines der zentralen Themen an. Das Ringen der Geschlechter um ihre gleichberechtigte Rolle und Verantwortung in unserer Gesellschaft ist nach wie vor geprägt von Verlustangst und Niederlagen. Dabei zeigen sich – während ich diese Zeilen schreibe – z.T. in verheerender Weise die »Fliehkräfte« des Rückschritts in eigentlich überkommen geglaubte Männlichkeitsstrukturen. Und doch hoffe ich, dass sich die Errungenschaften eines gleichberechtigt lernendenden Miteinanders der Geschlechter nicht mehr aufhalten lassen. Jeder und Jede ist dabei gefragt!

Das für dich nachhaltigste gesellschaftliche oder historische Ereignis – auch im Kontext deiner Arbeit?
Der Fall der »Berliner« Mauer und die Wiedervereinigung war und ist für mich das nachhaltigste Ereignis. Es hat wieder einmal bewiesen, dass (a) alles seine Zeit hat, (b) der Glaube an und der Einsatz für etwas, an das man glaubt, selbst wenn es noch so unwahrscheinlich ist, Erfolg haben kann, (c) Hartnäckigkeit und ein langer Atem – und nicht Mutlosigkeit und Verzweiflung – gefragt sind, und (d) letztlich nicht die Attribute »Feuer und Schwert«, sondern gegenseitiges »Verständnis und Demut« den Erfolg möglich machen. Das gilt gleichermaßen auch für das geeinte Europa – insbesondere das deutsch-französische Verhältnis.

Eine wichtige persönliche Erfahrung im Zusammenhang mit deinen privaten und beruflichen Haltungen und Beziehungen?
Durch meine, nun schon seit über zwanzig Jahren währende, Beschäftigung mit der Jungenmedizin und Jungengesundheit hat sich auch meine persönliche Einstellung sehr geändert. So ist Gesundheit für mich nicht mehr selbstverständlich gegeben, sondern erfordert ein Kümmern. Krankheit ist für mich keine Niederlage, kein Manko, kein Stigma, sondern eine Herausforderung, die es entweder zu bewältigen oder anzunehmen gilt. So bin ich im beruflichen wie auch im privaten Leben langsam vom Kämpfer (Typ »lonesome cowboy«) zum Vor- und Nachdenker geworden. Dabei denke ich auch viel über meine Männlichkeitsprägung nach, wohlwissend, dass sich nicht alles so einfach über Bord werfen lässt. Diese Erkenntnisse versuche ich auch an meine Söhne und männlichen Enkel weiterzugeben bzw. sie mit ihnen zu teilen.

Drei Eigenschaften, die dich in deiner Arbeit und Beziehungen zu anderen ausmachen?
Toleranz, Zuverlässigkeit, Verantwortungsbewusstsein.

Was ist für dich »Erfolg« in deiner Auseinandersetzung mit Jungen-, Männer- und Väterthemen? Hast du Beispiele?
Ja, einige. Zum Beispiel, dass die »Jungs« kommen und bei mir Rat suchen; dass Eltern sich an mich wenden, wenn es mit speziellen Jungen-Themen Probleme gibt. Auch dass Kolleg*innen meine Expertise anfragen und ich mit meinem Anliegen das Bewusstsein für Jungenmedizin und Jungengesundheit voranbringe, auch immer wieder gehört und gefragt werde, das ist für mich Erfolg. Ich hoffe sehr, dass das bald auch mein*e Nachfolger*in im BVKJ sagen kann – nichts ist unendlich!

Was gibt dir persönlich Sinn und Erfüllung in deinen beruflichen und privaten Beziehungen?
Eine von Liebe und gegenseitigem Verständnis geprägte Beziehung, eine große und empathische Familie, langjährige Freundschaften, gemeinsame Aktivitäten und geistige Herausforderungen »am Puls der Zeit«. Und nach wie vor meine jungenmedizinische Expertise »an den Mann und die Frau« bringen zu können. Das gilt auch für mein privates Umfeld mit zwei Söhnen und fünf männlichen Enkeln.

Was ist dir (mit) gelungen, worauf bist du (zusammen mit anderen) vielleicht auch stolz?
Dass die »Jungenmedizin« inzwischen zu einem feststehenden Begriff geworden ist und zunehmend mehr in den Fokus genommen wird. Allerdings ist eine gleichwertige medizinische Versorgung der Geschlechter noch (lange) nicht erreicht. Dranbleiben ist die Devise.

Mit welchen Institutionen und Personen warst du gerne beruflich oder privat verbunden oder bist es noch?
Hier ist als erstes meine seit 35 Jahren bestehende Ausbildungstätigkeit in pädiatrischer Ultraschalldiagnostik zu nennen. Dieses seither bestehende Team aus fünf Männern stellt für mich den Idealtypus einer intensiv gelebten Männerfreundschaft dar. Diese Freundschaften haben mir sehr viele Erkenntnisse auch zur »Männergesundheit« geliefert und sind auch eine wesentliche Basis meiner beruflichen Tätigkeit. In diesem Zusammenhang ist mir auch die Verbreitung und Ausbildung sonografischer Expertise in der Jungenmedizin, und generell in der Kinder- und Jugendgynäkologie, bei jungen Kolleg*innen ein wichtiges Anliegen.
Das Netzwerk »Jungen und Männergesundheit«, allen voran Gunter Neubauer und Reinhard Winter, war(en) und sind immer noch wichtige Ideengeber, um mit meinen jungenmedizinischen Themen über den Tellerrand zu schauen.
Meine Tätigkeit im BVKJ e.V. und meine interdisziplinären Symposien zur Jungenmedizin bei den DGKJ-Kongressen – zusammen mit Maximilian Stehr, Wolfgang Bühmann und Manfred Endres.
Last but not least Alexander Bentheim, mit dem sich immer wieder trefflich über diese Themen diskutieren lässt.

Was hat die Männer/* ausgemacht, mit denen du gerne zusammengearbeitet oder Zeit verbracht hast?
Die Zusammenarbeit hat mir – neben fachlichem Input – vor allem die vielfältigen Seiten des »Mannseins« immer wieder deutlich gemacht. Man ist nicht nur einfach Mann, sondern hat vielfältige, auch für die soziale Gemeinschaft wertvolle Facetten, die es weiterzuentwickeln gilt. Es ist schön, ein Mann zu sein, aber auch immer wieder Aufgabe und Herausforderung. Diese Facetten haben mir diese Männer in unterschiedlicher Art in zahlreichen Gesprächen und Diskussionen, aber auch und gerade im Beisammensein und gemeinsamen Erleben, z.B. bei Segeltörns, nahegebracht.

Hast du eine Lebensphilosophie, ggf. ein Lebensmoto?
»Solange wir das Leben haben, sollen wir es mit den uns eigenen Farben der Liebe und der Hoffnung malen« (Marc Chagall).

Wo siehst du Brüche in deinen beruflichen oder freundschaftlichen Beziehungen? Wodurch wurden diese verursacht?
Im »Alpha-Tier«-Gehabe, welches auch ich zeitweilig gelebt habe. Aber das Alter macht milde und nachdenklicher. Ich versuche, diese Nachdenklichkeit, Milde und Toleranz auch meinen Söhnen und Enkeln zu vermitteln – eine nicht immer leichte Aufgabe.

Wo liegen für dich die hartnäckigsten Widerstände gegen dein Verständnis vom Umgang mit Jungen- und Männerthemen?
»Zwei Dinge pflegen den Fortschritt der Medizin aufzuhalten: Autoritäten und Systeme« (Rudolf Virchow). Das musste ich leider immer wieder erfahren in meinem Begehren, die Jungenmedizin und Jungengesundheit voranzubringen.

Was treibt dich – trotz manchmal widriger Umstände – weiter in deinem Engagement an?
Dass eine medizinische Gleichberechtigung und gute gesundheitliche Versorgung, unabhängig vom Geschlecht, noch (lange) nicht erreicht ist. Meine Veröffentlichungen, Seminare und Vorträge sollen entsprechend auch dabei helfen, die hegemoniale Männlichkeit zu überwinden.

Welches Projekt würdest du gerne noch umsetzen, wenn du die Möglichkeiten dazu hättest? Und was möchtest du gegen Ende deines Lebens erreicht haben?
Eine interdisziplinäre AG-Jungenmedizin/ Jungengesundheit.

Eine nicht gestellte Frage, die du aber dennoch gerne beantworten möchtest?
Die Frage fällt mir gerade nicht ein, aber die Antwort wäre: »Die stärkste Musik ist die, die man macht, weil man sie mit anderen teilen will.« (Herbie Hancock)

 

 
 
 
 
 
 
:: Bernhard Stier, Arzt, Autor, Referent zu den Schwerpunktthemen Jungengesundheit, Pubertät, Jungen- und Jugendmedizin, Sonografie, lebhaft in Hamburg. Mehr zu mir gibt’s hier.

Klassenfahrt des Grauens

Ein Jugendroman über das buntdramatische Leben von 15jährigen.

Jugendliche auf einem Hügel gegen das Abendlicht

Text: Ralf Ruhl
Foto: Alexander Bentheim

Eine Klasse voller Mädchen, Jungen, Sternchen. Biodeutsch, ausländischdeutsch, migriert. Alle Personen in diesem Roman sind irgendwie Loser, fühlen sich verloren – aber sie arbeiten daran, zurecht zu kommen mit dem Leben. Und der Liebe.

Zur Rezension

»Man kann Kinder für das Aufräumen ein bisschen austricksen«

Martin Tolkmitt, 13, Schüler der Stadtteilschule Niendorf und Teilnehmer am Halbjahreskurs »Soziale Jungs vor Ort«, über seine Mitarbeit im Kinderhaus »Fliewatuut«.

2 Kinder spielen im Matsch

Interview: Alexander Bentheim
Foto: suze, photocase.de

Martin, was hat dich am meisten beeindruckt während deiner Mitarbeit?
Dass wir tatsächlich viel mit den Kindern gespielt und sie beschäftigt haben, was ich zuerst gar nicht als richtige Hilfe gesehen habe. Ich dachte, spielen bedeutet nicht so viel, aber doch, darüber kann man ja Vertrauen herstellen.

Mit wie vielen Kindern hattest du zu tun und in welchem Alter waren diese?
Das waren so bis zu 15-16 Kinder, im Alter von 2 bis 6 Jahre.

Was hat dich überrascht, das du zuvor nicht gewusst hast?
Dass ein Kind einfach zu weinen anfängt, nur weil es mich sieht. Also das war in einer Situation, wo wir fangen spielen wollten, und plötzlich weinte der Junge los. Vielleicht war ihm das zu plötzlich mit dem Spiel, obwohl ich mich schon bemüht hatte, nicht zu schnell zu sein. Aber nach kurzer Zeit war das vorbei. Ach ja, und dass manche Kinder richtig gewalttätig sein können, also dass sie Spielzeug nehmen und dich damit schlagen oder an deinen Klamotten ziehen. Dann habe ich zwar »Stop!« gesagt, aber so richtig zugehört hat wohl niemand. Erst als die Erzieherin dazu kam, haben sie aufgehört. Ich muss wohl etwas strenger werden. Oder konsequenter. Überhaupt mussten wir aber auch aufpassen, dass sie sich nicht verletzen, weil sie schon ein bisschen wild waren.

Was hast du gelernt, wovon du sagst: das nehme ich mit aus dieser Zeit?
Dass man mit den Kindern nicht sofort losspielen kann, sondern warten muss, bis sie zu dir kommen. Ich wollte eine Verbindung herstellen zu einem Kind, aber das war etwas schwierig, weil ich ja neu war und unbekannt für das Kind. Da muss man erstmal etwas anderes machen und warten, bis sie zu dir kommen und dann kannst du fragen: »Na, willst spielen?« Man muss sich halt langsam kennenlernen.

Würdest du etwas verbessern wollen oder anders machen?
Ja, vielleicht nicht so sehr nur mit den Kindern spielen, sondern ihnen auch beibringen, nicht so wild zu sein. Was ich aber nicht geschafft habe … vielleicht bin ich ja zu nett und wollte keinen »bösen« Eindruck vermitteln. Und ich hätte gern noch etwas mehr Anleitung gehabt, was wir mit den Kindern machen sollen. Am Anfang hab ich viel gefragt, was wir mit denen machen, aber da gab es nicht so viele Antworten. Wir sollten wohl selbst herausfinden, was wir alles machen können.

Fühltest du dich insgesamt wohl in der Einrichtung, mit den Kindern?
Zuerst war es ungewohnt, weil ich vorher noch nie – also als schon etwas Älterer – in einer Kita war. Da habe ich so viele Kinder gesehen und wusste nicht genau, was ich mit denen nun machen soll. Es war alles neu, aber mit der Zeit habe ich mich schon wohlgefühlt und es war dann alles einfacher.

Hast du ein Beispiel für ein Spielangebot, bei dem die Kinder richtig neugierig oder begeistert waren?
Neugierig weiß ich jetzt nicht so, aber die haben oft Fangen gespielt mit uns, und sie haben damit auch angefangen, und Bela – mit dem zusammen ich im Kinderhaus war – und ich haben dann halt mitgemacht. Dann haben sie uns erwischt, aber wir sind auch wieder rausgekommen und dann gab es viel Geschrei. Da war dann natürlich viel Begeisterung und Spaß dabei.

Würdest du diese Arbeit anderen Jungs empfehlen? Und welche Voraussetzungen bräuchte jemand deiner Meinung nach dafür?
Man braucht auf jeden Fall Geduld. Am Anfang war es ja so, dass wir darauf warten mussten, dass die Kinder auf uns zukommen, nicht umgekehrt. Und man braucht etwas Mut, mit ihnen zu sprechen, weil man ja bei dem Altersunterschied nicht gleich weiß, wie man sie ansprechen kann, vor allem wenn man keine kleinen Geschwister hat. Und man sollte nicht schnell reizbar sein oder wütend werden, nicht alles persönlich nehmen, weil man ja auch ein Vorbild sein soll. Das brauchte uns auch nicht gesagt werden, denn das haben wir schon selbst schnell gemerkt, dass man sich vorbildlicher verhalten muss.

Gab es Kinder, mit denen du mehr anfangen konntest als mit anderen?
Am Anfang fand ich manche aggressiver und manche netter. Aber eigentlich waren sie alle ganz lieb, wenn wir sie dann besser gekannt haben. Über das gemeinsame Spielen mochten wir dann alle gleich gern.

Gibt es noch etwas, das du erwähnenswert findest?
Man kann die Kinder für das Aufräumen, was ja niemand gerne macht, austricksen: indem man sagt, dass es ein Spiel ist, und wer mehr aufräumt, der gewinnt. Dann kann man einfach dabeistehen und die Kinder räumen schon alles auf. Bela hat jüngere Geschwister und daher weiß er, wie man das richtig ansprechen kann, so mit einem leicht kindlichen »Dialekt« 🙂

Für Selbstfürsorge nur bedingt sensibel

Der fünfte Männergesundheitsbericht liefert aktuelle Daten, im Schwerpunkt diesmal zur Situation junger Männer. Manche Ergebnisse bleiben sorgenvoll, andere sind durchaus ermutigend.

Junger Mann sitzt nachts auf einer Wiese

Text: Thomas Gesterkamp
Foto: Thosa Photo, photocase.de

Die spezifischen physischen und psychischen Probleme von Männern sind erst seit relativ kurzer Zeit Gegenstand gründlicher empirischer Forschung. Dabei stellen die rigiden Erwartungen an das angeblich »starke Geschlecht« schon lange ein erhöhtes Risiko für das allgemeine Wohlbefinden dar. Während sich Ansätze einer weiblichen Perspektive auf die Medizin schon vor der Jahrtausendwende etablierten, entwickelte sich erst mit erheblicher Verzögerung ein männliches Pendant. Nun hat die regierungsunabhängige, von Spenden finanzierte Stiftung Männergesundheit ihren bereits fünften »Männergesundheitsbericht« herausgegeben.
Die aktuelle Expertise behandelt das Thema »Junge Männer und ihre Gesundheit«. Im Zentrum der neuen Untersuchung steht eine umfangreiche Datenerhebung durch das Münchner Forschungsinstitut Kantar Public. Das wissenschaftliche Team befragte auf repräsentativer Basis über 2.000 junge Männer zwischen 16 und 28 Jahren; vergleichend wurden auch über 1.000 Frauen in diesem Alter interviewt. Als zentrale Erkenntnis konstatiert der Bericht, dass »Gesundheitsbewusstsein, Gesundheitsverhalten und Gesundheitsstatus der jungen Männer mit ihrer jeweiligen Vorstellung von der männlichen Geschlechtsrolle verbunden ist« (…)

Zur Rezension

»Wenn jemand etwas nicht verstanden hat, klären wir das und finden gemeinsam die Lösung heraus.«

Rino Centanaro, 16, hat gleich zwei Praktika in der Grundschule gemacht – beim ersten Mal in der Nachmittagsbetreuung, beim zweiten Mal im Unterricht.

Schuljunge macht Hausaufgaben

Interview: Alexander Bentheim
Foto: REHvolution.de, photocase.de

Rino, warum hast du gleich zwei Praktika in der Grundschule gemacht?
Ich arbeite gerne mit Kindern und ganz allgemein mag ich den Sozialbereich. Von der Grundschule erfuhr ich von Christian Herzog von der SGA Bramfeld, da habe ich dann zuerst bei einer Erzieherin mitgeholfen, und dann im zweiten Praktikum im Unterricht, fast so als »Hilfslehrer«. Ich habe also beide Bereiche in der Grundschule kennengelernt. Und jetzt würde ich gern Erzieher werden.

Was waren deine Aufgaben und Tätigkeiten?
Hauptsächlich den Kindern helfen z.B. dadurch, dass sie für eine kurze Zeit aus den Klassen genommen werden und man alleine mit ihnen arbeitet, damit sie alles besser verstehen lernen. Also eine Einzelfallhilfe, kann man so sagen.

Was hat dich am meisten beeindruckt während deiner Mitarbeit?
Wie die Kinder so drauf sind. Manche waren sehr respektvoll, andere waren das überhaupt nicht gegenüber den Lehrern oder anderen Kindern. Sie waren wirklich sehr unterschiedlich.

Mit wie vielen Kindern hattest du zu tun und in welchem Alter waren diese?
Etwa 20 Kinder, im Alter von 8-9 Jahren, das ist die 3. Klassenstufe.

Was hat dich überrascht, wovon du zuvor nicht gewusst hast?
Dass es richtig anstrengend ist, vorne zu stehen und die Aufmerksamkeit der Kinder zu bekommen. Und dass es wichtig ist, wie du deinen Unterricht vorbereitest: Also du kannst den Kindern natürlich einfach ein Arbeitsblatt zum Durchlesen geben – oder du gestaltest deinen Unterricht eben anders. Du arbeitest dann direkter mit den Kindern. Oder auch mit allen zusammen, dass sich niemand alleine fühlt. Und wenn jemand etwas nicht verstanden hat, klären wir das in der großen Gruppe und finden gemeinsam die Lösung heraus.

Was hast du gelernt, wovon du sagst: das nehme ich mit aus dieser Zeit?
Das Vertrauen der Kinder. Ich war zwar nur 3 Wochen da, aber in dieser Zeit haben mir einige Kinder von ihren Problemen zuhause erzählt. Ich hätte nicht gedacht, dass das so schnell gehen kann mit dem Vertrauen entwickeln. Diese Erfahrung nehme ich gerne mit.

Würdest du irgendetwas verbessern wollen oder ganz anders machen?
Nein, es war eigentlich vieles perfekt und passte auch. Vielleicht die Nachmittagsbetreuung, dass die besser aufgebaut ist, da gab es kaum Absprachen mit der einen Erzieherin, das hätte mehr sein können; gefühlt habe ich die Arbeit für sie gemacht, vor allem an dem einen Tag. So musste ich schon einiges selbst in die Hand nehmen, woran man ja auch lernen kann, aber das war am Anfang eine Überforderung, denn ich war mir nicht sicher, was ich tun sollte. Im zweiten Praktikum war das anders, da hat mich der Lehrer mitgenommen und mir gezeigt, wie er arbeitet und was anliegt. Er hat mich richtig gut angeleitet.

Fühltest du dich insgesamt wohl in der Einrichtung, mit den Kindern, mit der Anleitung?
Ja, da gibt es nichts auszusetzen.

Hast du ein Beispiel für ein Angebot, wo die Kinder richtig neugierig und begeistert waren?
Ja, ich habe mit den Kindern eine ganz neue Sportart gemacht, »Spikeball« heißt die, und sie kannten das nicht. Entsprechend aufgeregt waren sie. Dazu haben wir dann auch ein kleines Turnier durchgeführt, und wir hatten richtig viel Spaß.

Würdest du die Arbeit anderen empfehlen? Und welche Voraussetzungen bräuchte jemand deiner Meinung nach dafür?
Ganz viel Geduld und dass jemand die Kinder auch gerne verstehen lernen will, also nicht nur so ein »Ja, ja«, sondern sich wirklich interessieren und offen sein auch für die Unterschiedlichkeit.