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»Da war noch was«

Filmpremieren über sexualisierte Gewalt gegen Jungen – in Wuppertal am 30. September

Mann hält sich die Hand vors Gesicht

Alexander Bentheim (Redaktion)

Detlev kommt mit drei Jahren ins Kinderheim der Evangelischen Brüdergemeinde Korntal. In den folgenden 10 Jahren wird er – wie mehrere hundert andere Kinder in diesem Heim – immer wieder beleidigt, geschlagen, vergewaltigt und beschädigt von mehreren Täterinnen und Tätern. Erst viele Jahrzehnte später ist er so weit, die Gewalt, die ihm angetan wurde, therapeutisch aufzuarbeiten und zusammen mit anderen Opfern Schuldeingeständnisse und Entschädigungen einzufordern. Aus einem Opfer, dem die Würde genommen wurde, wird ein aktiver Überlebender, der für die Rechte der Betroffenen kämpft.
Michael wird als Kind erstmals während einer Geburtstagsfeier von einem Familienfreund missbraucht. Der zweite Täter ist ein katholischer Priester des Don Bosco-Jugendzentrums, der vorgibt, den »schwierigen« Jungen zu therapieren, und ihn dabei immer wieder sexuell missbraucht und vergewaltigt. Als Teenager ist ein Hausfreund der dritte Täter. Michael fühlt sich selbst schuldig am Missbrauch und isst sich eine Schutzschicht an. Die Therapien haben ihn gerettet, sagt der schwule Mann heute.
Ingo wächst Ende der 60er Jahre in Berlin-Kreuzberg auf. Der Fotograf von nebenan, dem er sein Vertrauen schenkt, missbraucht ihn und setzt ihn mit sexuellen Fotos unter Druck. Von einem zweiten Täter wird er dann auf den Kinderstrich am Bahnhof-Zoo geschickt. Mit Selbstverletzungen, Drogen und Alkohol versucht er sich abzuschirmen und zu überleben. Erst viele Jahre später kann er darüber reden und hilft nun anderen Betroffenen in der Selbsthilfe.
Hermann wird in seiner Kindheit zuhause von seinem Vater jahrelang missbraucht. Über langjährige Therapien versucht er, den schwierigen Weg aus der Einsamkeit zurück ins Leben und in Liebesbeziehungen zu finden.
Uwe wird über viele Jahre im Kinder- und Jugendheim in Weißwasser in der DDR-Zeit durch ältere jugendliche Heimbewohner drangsaliert und sexuell missbraucht. Viele Jahre später gründet er eine eigene Selbsthilfegruppe.

Jungen und Männer sind in großer Zahl von sexualisierter Gewalt in verschiedenster Weise betroffen. Viele Betroffene schweigen aus Scham lange über das, was ihnen angetan wurde. In der Dokumentarfilmreihe »Da war noch was« erzählen Männer im Alter zwischen 19 und 57 Jahren von ihren Erfahrungen mit sexuellem Missbrauch, Übergriffen und Vergewaltigungen in ihrer Kindheit und Jugend durch Familienangehörige, im Heim, in der Jugendarbeit, von katholischen Priestern oder evangelischen Mitarbeitern – Menschen, die das Vertrauen der Jungen für ihren Missbrauch böse ausnutzten und sie damit nachhaltig verletzten.

»Ich bin nicht schuld – ich konnte mich nicht wehren!« Die Betroffenen beschreiben, welche physischen und psychischen Folgen die Taten für sie hatten und wer oder was ihnen geholfen hat, mit ihren Verletzungen wieder zurück ins Leben zu finden und ihre Ohnmachtsituation als Opfer zu überwinden. Weitere Themen sind, wie die Täter das Vertrauen der Betroffenen erschlichen und sie manipulierten, wie die Polizei, Gerichte und Täterorganisationen mit ihnen als Opfer umgingen, die erschwerte Entwicklung ihrer Identität als Mann sowie der Umgang in der Familie, unter Freunden und in Liebesbeziehungen.

Die Filmreihe wurde zu Aufklärungszwecken für die Präventionsarbeit produziert, um den Betroffenen eine Stimme zu geben, zur Unterstützung von Jungen und Männern mit ähnlichen Erfahrungen und zur Sensibilisierung gegenüber Jungen und Männern. »Das Wichtigste ist: Reden!«, sagt ein Betroffener am Ende des Films.

Premiere: 30.09.2019, 19 Uhr | Ort: Rex Filmtheater Wuppertal (Kipdorf 29) | Eintritt: frei für junge Menschen bis 27 Jahre und Personen, die Leistungen nach dem SGB II / SGB XII erhalten oder einen Wuppertalpass besitzen. Alle anderen zahlen 4 Euro | Publikumsdiskussion im Anschluss an die Filmaufführung | Kartenreservierung: Medienprojekt Wuppertal. Dort ist auch eine DVD-Bestellung (Kauf oder Ausleihe; 62 Min. plus Bonus 157 Min., freigegeben ab 12 Jahren) möglich | Zum Trailer | Mehr Infos (Foto © altanaka | photocase.de)

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Durch die Wüste

Vom afrikanischen Dorf ins deutsche Großstadtleben

Ein Schmied bearbeitet ein heißes Eisen

Stefan Moes

Als ich Abiel Ende April 2017 kennenlernte, wirkte er kindlich und verlegen. Er schaute seinem Gesprächspartner nicht ins Gesicht, sondern drehte beim Gespräch den Kopf zur Seite. Das verstärkte den Eindruck von Unsicherheit. In seiner Heimat sei es Sitte, Erwachsene nicht direkt anzusehen, erklärte er. Bis dahin hatte ihm niemand gesagt, dass sein Blick zur Seite nicht nur unhöflich wirkte, sondern in unserer Kultur auch als Zeichen für Verschlagenheit genommen werden könnte.
Abiel war damals 18 Jahre alt. Ein Flüchtling aus Eritrea. In Hamburg bekam er ein Zimmer in einer betreuten Jugendwohnung, Taschengeld und einen Platz in einer Flüchtlingsklasse der Berufsschule. Er brauchte nicht lange, um einzusehen, dass er sich nicht länger auf kulturelle Gewohnheiten aus der Heimat berufen konnte. »Kultur ist, was man ändern kann«, erklärte ich ihm. Wenn er in Deutschland Erfolg haben wolle, müsse er hiesige Verhaltensweisen anzunehmen lernen.
Drei Jahre lang hatte die Flucht durch den Sudan, die Sahara und übers Mittelmeer gedauert – eine furchtbare Erfahrung, erzählte Abiel. Er wollte sich dem Zugriff des Militärs entziehen, das Männer wie Frauen zum unbefristeten Dienst heranzieht. Und er wollte etwas aus sich machen, einen Metallbauer. Diesen Beruf hat sein Vater. (Foto © esebene | photocase.de)

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Zu den vorausgehenden Tagebuchaufzeichnungen

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Über die Anstrengungen der Integration. Ein Tagebuch.

Verbundenheit

Stefan Moes

24. April 2017. Vor mir steht Abiel, ein schlanker, hoch aufgeschossener junger Mann mit feinen Gesichtszügen. Vor zwei Jahren floh er aus Eritrea nach Europa. Er kann das schon gut auf Deutsch erzählen. So kalt habe er sich Deutschland nicht vorgestellt. In seiner Heimat scheine immer die Sonne. Bei der Ankunft in Italien habe er am Strand schlafen können. Das muss er in Hamburg nicht. Abiel teilt sich mit zwei anderen Flüchtlingen eine betreute Jugendwohnung.
Jeden Morgen stehe er um vier Uhr auf, erzählt er, um in eine überbetriebliche Ausbildungsstätte zu fahren. In einem Praktikum lerne er dort den Umgang mit Metall. Sein Betreuer, ein Sozialpädagoge, ergänzt: Abiel gehe in die 10. Klasse. Mit dem Lesen hapere es noch, auch das Schreiben falle ihm schwer. Wir reden ein wenig über seine Pläne. Was passiert, wenn er keine Arbeit findet? (Foto © kb-photodesign | photocase.de)

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