Eine Kugel im Buch

Bald könnten es vier Jahre sein, die der Angriffskrieg gegen die Ukraine dann wütet. Wie schreibt man darüber, wie vermittelt man das selbstverständliche und alltägliche Grauen den Menschen, die Sicherheit gewohnt sind?

Auto fährt doch vernebelte Berge

Text: Frank Keil
Foto: Callum Hilton, pexels.com

 
Männerbuch der Woche, 47te KW. – Der ukrainische Romancier, Essayist und Lyriker Andriy Lyubka blickt in »Die Rückseite des Krieges« auf die sich ständig verschiebenden Zonen zwischen Front, Hinterland und zuschauendem Ausland.

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Ein Freund ist fort

Erinnerungen an Albrecht


Texte: Alexander Bentheim, Jasper Lammering, Hartmut Meyer, Nils Hanraets
Fotos: Alexander Bentheim, Kristina Patzelt, Julia Windisch, Susanne Lammering


Lieber Albrecht, heute ist dein Geburtstag, die 60 hättest du vollgemacht, aber das wurde dir nicht gegönnt, von welcher höheren Macht auch immer. Als mich die Nachricht von deinem Tod erreichte, habe ich es nicht geglaubt, dann nicht verstanden, dann nicht wahrhaben wollen, es fühlte sich dumpf an und unwirklich, erst vor kurzem hatten wir doch telefoniert, und du warst so hörbar glücklich wie lange nicht, weil es gerade eben eine Entfristung bei deinem neuen Arbeitgeber gegeben hatte. »Hey, es gibt gute Nachrichten! Das kommende Jahr ist für mich gesichert. Und es gibt eine Perspektive ab 2027«, schriebst du. Und wir phantasierten darüber, wie und wann wir das wohl feiern könnten …
Dann ging die Telefonkette im Freundeskreis los, wie kann das sein, wer weiß mehr, wer hat noch mit ihm gesprochen, gab es Anzeichen (nein, die gab es nicht), was genau ist passiert, wer hat ihn gefunden, wieso und weshalb und warum … und wieder und wieder: unfassbar.

Eine Reise durch die Erinnerungen begann (und hält an), dein hintersinniges Lachen höre ich, deine süffisanten Kommentare zu diesem und jenem Weltereignis, deine geduldigen Erläuterungen aus einem immensen Wissen heraus zu vielen Themen, ob aus Kultur, Umwelt, Landwirtschaft, Lokalpolitik, Musik, Fotografie. Der Klang deiner Stimme, so nah und nie wieder. Und ja, Erinnerungen auch an deinen zuletzt manchmal schweren, bedächtigen Gang, deine Kurzatmigkeit (die sich in letzten Jahren wieder verbesserte), deine Gesundheit, um welche dich mehr zu kümmern du beständig aufschobst, weil du für andere und Wichtigeres unterwegs warst, und ja, auch nicht erinnert werden wolltest und dann schmallippig werden konntest.
Ich habe sogar danach gesucht, was ich weniger an dir mochte, um damit den Verlustschmerz etwas zu mindern, aber ich habe nicht viel gefunden – die mangelnde Selbstfürsorge gehörte zwar dazu, aber was echte Freundschaft ist: sich das sagen zu können und auch zu dürfen, um im nächsten Anlauf sich trotz Irritation wieder etwas tiefer miteinander verbunden zu fühlen. Überhaupt die vielen Gespräche, über den bäuerlichen Hof, die Herkunftsfamilie, Hoffnungen und Befürchtungen, oft berufliche Potenziale und Optionen, und über Liebesbeziehungen und das Alleinsein.

Und nun das. Fort für immer.

Einige Spuren sind noch zu sehen, eine Zeit lang noch, vielleicht auch etwas länger, etwa dein YouTube-Kanal, dein Facebook-Profil, dein XING-Eintrag, dein Insta-Account – ja, du warst unterwegs, präsent, vernetzt, engagiert. Auch für unsere MännerWege konnte ich dich gewinnen mit einem ersten Beitrag, aus dem dann – weil du als Käsehöker ja viel erlebst – eine Reihe »Geschichten vom Markt« entstehen sollte, die wir aus Zeitgründen immer wieder verschoben und zu der es nun nicht mehr kommt.

»Blixxm – Das regionale Magazin« war das Online-Portal für die Region, dass du seinerzeit gegründet hattest und wirklich ambitioniert angegangen bist (ich erinnere einige Gespräche darüber), leider aber nicht wie erhofft so erfolgreich, dass es dich finanziell hätte tragen können (und ich weiß, wie es sich anfühlt, ohne materielle Substanz mit einer Zeitschrift Geld verdienen zu wollen). In der kleineren, weniger aufwändigen Version hast du »Blixxm« auf Facebook fortgeführt, wo du dann im Dezember 2024 einen persönlichen Rückblick über ein »insgesamt ereignisreiches« Jahr schriebst, deine neue Aufgabe als Pressemensch am Theaterpädagogischen Zentrum in Lingen schon im Blick: »OP, unter Bedingungen erzwungener Jobwechsel. Dank guten Menschen in meinem Umfeld gemeistert und sehr gut in der neuen Aufgabe angekommen. Danach sah es vor einem Jahr nicht aus, dass sich derart viel verändert. Schade ist, dass ich meine Wochenmärkte nur noch als Gast wahrnehme, dass ich mich nicht von meinen Kunden und Kollegen vernünftig verabschieden konnte. Der Markt war immer mehr für mich, als schlicht etwas zu verkaufen. Es sind Freundschaften entstanden, die auch andauern. Allerdings freue ich mich auch, nicht mehr mitten in der Nacht aufstehen zu müssen und bei Kälte, Regen und Hitze auszuharren. Es macht Spaß in dem kommunikativen, lebendigen Team im kreativem Umfeld zu arbeiten. Einen ganz herzlichen Dank an alle, die mir in diesem unruhigen Jahr zur Seite standen.«

»Blixxm« mit seinen immerhin 3.127 Follower*innen ist auch der Ort, an dem viele an dich gedacht haben, zum Beispiel Johann Bardenhorst (»Du hast uns und mich bei Alternation seit 2004 begleitet, insbesondere zu Festivalzeiten hast Du uns von Aufbau bis Abbau gerne begleitet und über Stonerock, Rock am Pool, über Veranstaltungen von Alternation, Kulturforum und Kultur im Treff geschrieben und berichtet. Im Laufe der Zeit bist Du uns/mir ein wichtiger und freundschaftlich verbundener Begleiter und Berater geworden. Deine kritische Betrachtungsweise von außen war mir sehr wichtig. Vor ein paar Wochen haben wir uns noch über die Kulturszene in der Grafschaft unterhalten. Auch über die Politik, da waren wir uns zwar nicht immer einig, aber Dein verschmitztes Ach, die Spezialdemokraten wird mir immer positiv im Gedächtnis bleiben.«), Daniela De Ridder (»Albrechts Klugheit und Humor werden uns fehlen, er hatte immer ein herzliches Wort für mich übrig, auch wenn es ihm selber nicht gut ging. Sein Witz, seine guten Analysen fand ich immer bereichernd. Und auch seinen Charme und wie er uns den Käse anpreisen konnte…. einschließlich der Verpackung! Er war und ist ein ganz besonderer Mensch. Mir bleibt das warme dankbare Gefühl, ihn gekannt zu haben. Die Welt ist ohne ihn ein klein wenig düster geworden und der Verlust schmerzt. Lieber Albrecht, Du fehlst!«), Magdalene Widmer (»Er war bei allen unseren Veranstaltungen stets mit seiner Kamera dabei. Ob beim Drachenbootrennen oder bei dem Mamsterorakel zur Fußballweltmeisterschaft. Nicht nur die Information war ihm wichtig, sondern die Menschen in unserer Gemeinde.«), Thorsten Norgall (»Ein Pläuschchen mit dir war immer etwas ganz Besonderes, ob am Käsestand, oder bei Veranstaltungen, oder auch sonst wo. Dein herzliches Lachen, deine Freundlichkeit und deine Kompetenz werden mir und vielen anderen sehr fehlen. Ich wünsche dir auf deinem Weg alles Liebe und Gute und deinen Angehörigen unendlich viele schöne Erinnerungen an einen tollen Menschen.«) oder Svenja Hemke (»Gute Reise Albrecht! Ruhe in Frieden. Sei dir sicher du hast viel bewegt.«).

Na klar, ich erinnere auch gerne die Feiern, Partys und Veranstaltungen in der Villa Remy, immer hattest du großen Spaß, Gästen einen Raum zu öffnen, dort trafen sich auch Menschen, die sich ewig nicht gesehen hatten. Die Villa als Knotenpunkt und Schnittstelle, lokale Bands und Kabarett gab es da, sogar Henrik Freischlader spielte mit Band zum Abschluss seiner Tour im Mai 2010 in deinem Wohnzimmer. Hier entstand auch deine Idee, Material für ein Crossmedia-Projekt zur Geschichte der Schüttorf Open Airs zu sammeln, was Fahrt in einer Facebook-Gruppe für die Festivalveteranen aufnahm und dort eine virtuelle Heimat fand – das Buch jedoch muss nun jemand anderes schreiben.

Zuletzt dann das Weltkindertheaterfestival im Juli, dass du als Pressemensch und Fotograf begleitet hast. Eine Woche Urlaub haben wir uns genommen, um in Lingen dabei zu sein, acht Aufführungen der Kinder und Jugendlichen konnten wir miterleben, es war eine sehr besondere, quirlige Atmosphäre auf den Bühnen, im Foyer und draußen auf dem Freigelände, und du stets als Ruhepol dazwischen, selbst noch als der Sturm Mitte der Woche das halbe Außengelände zerlegte. Und ich hatte das Gefühl: nach so vielen Jahren Suche nach deinem Platz im Leben hast du endlich ein berufliche Heimat gefunden, in die all deine Erfahrungen einfließen und aus der heraus du etwas Bleibendes gestalten kannst. Aber die Erntezeit war nur kurz.

Auf der Beerdigung sind sicher 200 Menschen gewesen, die sich dir verbunden fühlten, eine beeindruckende Zahl. Das zu erleben, hätte dich verlegen gemacht, aber auch gefallen. Den Sarg mitzutragen, wonach ich von deinem Jasper gefragt wurde, wäre eine Ehre gewesen, allein aus gesundheitlichen Gründen war es mir nicht möglich, und das hättest du dann auch nicht gewollt. So hat einer meiner Neffen und zugleich dein Patenkind die Aufgabe übernommen; er hat es gut gemacht! Und während wir in der langen Schlange stehen, um dir am Grab ein letztes Mal nahe zu sein, pflügt nebenan ein Landwirt unverdrossen seinen Acker, macht Lärm mit seinem Trecker in die traurige Stille des Friedhofs hinein, und wir denken: skurril! Aber es hätte dir ein Schmunzeln ins Gesicht gezaubert, für diesen Humor warst du zu haben und er hat uns verbunden.

Gute Reise, mein Lieber, und schick gelegentlich ein Zeichen, wenn hier unten mal jemand von uns nicht weiterweiß.

Dein Freund Alexander

 
(Slideshow by click on pic)




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Ich möchte als Sohn noch ein paar Dinge sagen. Vielen Dank, dass so viele von euch gekommen sind. Die vielen Beileidsbekundungen, die mich auf allen möglichen Wegen erreicht haben, zeigen mir nochmal sehr eindrucksvoll, was für ein beliebter und besonderer Mensch mein Vater war. Wir haben gerade schon in der Rede von Pastor Fender von seinen vielen Berufen gehört, und in all diesen hat er so viele Kontakte geknüpft.

Mein Job ist da ganz anders. Ich bin Softwareentwickler und sitze die meiste Zeit alleine vor meinem Computer zu Hause oder im Büro, und bin manchmal auch ganz froh, meine Ruhe zu haben. Für Papa war das nichts. Er musste immer unter Leute. Die meiste Zeit hat er zwar alleine gewohnt, aber musste dann auch immer wieder raus, zum Beispiel zum Buffys. Dort hat er sich dann mit egal wem unterhalten über die politische Weltlage, über Musik oder über die nächste Veranstaltung im Komplex.

Wenn ich ihm manchmal geholfen habe auf dem Markt, hat er sich für jede Kundin, jeden Kunden immer Zeit genommen und mit kurzen Gags ihren Alltag aufgehellt. Gegen Silvester hat er besonders den älteren immer gesagt »Aber keine wilden Partys!!!«. Worauf sie dann immer ganz überrascht gesagt haben: »Nein, nein, nur ein Glas Cherry ;)«. Als Sohn verdreht man da schon mal die Augen, nach dem fünften Mal in ebenso vielen Minuten, aber für die Leute auf dem Markt war das super. Papa hat auch selbst gesagt, dass Markt für ihn immer mehr war als Verkaufen, sondern auch Bekanntschaften und sogar Freundschaften schließen.

Eine weitere Story, die das verdeutlicht, fand letztes Jahr zu Weihnachten statt. Ich bin mit Papa nach Lingen gefahren, um die »Feuerzangenbowle« dort im Kino zu sehen. Sowohl auf dem Weg dorthin, im Kino als auch auf der Zugfahrt zurück haben wir alle 5 Minuten Bekanntschaften getroffen, mit denen Papa sehr einfach schnell ins Gespräch gekommen ist, wie er es eben einfach konnte.
Wegen diesen ganzen Bekanntschaften und seinem tollen neuen Job beim Theaterpädagogischen Zentrum hatte er sogar mit dem Gedanken gespielt, in den nächsten Jahren nach Lingen zu ziehen.

In letzter Zeit etwas weniger, aber wir haben über die Jahre viele solcher Ausflüge gemacht. Da ich nicht bei ihm aufgewachsen bin, war er für mich lange Zeit der klassische Wochenend-Papa. Und an jedem zweiten Wochenende hab ich ihn dann entweder zu seiner Arbeit für die Zeitung begleitet, wir haben irgendwas gegärtnert oder gebaut bei der Villa Remy, oder wir haben einen Ausflug gemacht. Ob das der Transport eines Tisches nach London und zurück war, die Fahrt nach Hamburg zu Ringo Starr oder die vielen anderen Konzerte. Ich behalte die vielen sehr schönen Erinnerungen.

Ich hatte ja gedacht, dass der etwas ruhigere Job und dass er endlich mit dem Rauchen aufgehört hat, auch dazu führen würde, dass er mir noch etwas länger erhalten bleibt, aber so sollte es nicht sein. Man muss die Zeit genießen, die man mit den Menschen hat und ich hatte mit meinem Papa eine tolle Zeit. – Danke!

Jasper Lammering, Dortmund, Trauerrede am 18.10.25 in Ohne

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Ich blicke nun zurück auf 35 ereignisreiche Jahre mit Albrecht. Jahre, in denen ich oft eine anregend gemeinsame Zeit mit ihm verbringen durfte. Wertvolle Momente unter anderem auch deshalb, weil sich gewisse Parallelitäten in unseren Lebenswegen auftaten.

Der Umgang mit ihm war aus meiner Sicht aber auch nicht immer ganz leicht. Gelegentlich erschien er mir sogar etwas rechthaberisch. Aber – ich habe mit der Zeit auch herausfinden können, woran das lag: denn man hatte ihn zum »sich durchsetzen« erzogen. Nur dann erschien es wohl erfolgversprechend zu sein, das Leben zu meistern. Soweit ich es beurteilen kann, entstand dadurch aber auch die Konkurrenzsituation zwischen den Geschwistern, unter der Albrecht ein Leben lang litt.

Das zeugt von keiner glücklichen und entspannten Kindheit. Und die war dann auch noch zusätzlich geprägt von Mobbing unter den Grundschulkindern an der Ohner Schule. Das Leben für Albrecht bedeutete daher von Anfang an »immer kämpfen« …

Dies zu wissen hat dazu geführt, dass ich manche Verhaltensweisen von ihm verstanden habe und manche Gesprächssituationen tolerieren konnte. Und dann – sah man über diese nur vordergründige Art hinweg – entpuppte sich Albrecht als inspirierender Gesprächspartner! Durchaus eloquent, gebildet und witzig! Er lachte so gern. Alle seine Kunden auf den Märkten haben sehr davon profitiert. Die Arbeit am Käseverkaufsstand war daher für ihn wie auch für uns Marktgänger sehr belebend!

Nach dem Bruch mit dem Bruder eröffnete sich am TPZ in Lingen ein für ihn neues und sehr interessantes Betätigungsfeld. Ich habe ihn dort auch einmal besucht, und alle schienen wirklich sehr einvernehmlich miteinander auszukommen. Das war sehr erfreulich mitanzusehen! Alles schien gut zu sein.

Aber dann kam es, wie wir alle wissen, viel zu früh. Es ist keine leere Phrase, wenn ich meine hoffen zu dürfen, dass er seinen Frieden nun gefunden hat. – Albrecht, mach‘ es gut!

Hartmut Meyer, Schüttorf

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Es ist Montag, der sechste Oktober, kurz vor sechs, abends. Der Tag war lang. Ich habe Kopfschmerzen und bin müde. Ich sitze in meinem Büro und versuche die Zeit bis zur Vorstandssitzung sinnvoll zu überbrücken und möglichst effektiv zu sein. Termin-Tetris spielen, die weitere Woche planen. Dinge vorbereiten. Noch schnell die To-Do-Liste ergänzen. Notizen machen. Sachen ordnen. Noch diese eine wichtige Mail raushauen.
In Gedanken bin ich schon auf der Sitzung. Hoffentlich wird die nicht so lang. Ein Blick auf die Uhr sagt: Ich muss langsam los…
Ein Klopfen. Eine schemenhafte Gestalt hinter der Glastür. »Ja…?!« – Ich bin erschrocken, wie genervt ich klinge.
Die Tür öffnet sich langsam und Albrecht steht im Türrahmen. Wie fast immer farbenfroh in schwarz. Der obligatorische Fleece-Pulli. Sein unverkennbares Grinsen. Schelmisch. Offen. Sympathisch. Ansteckend. Wortlos steht er da und winkt im Queen-Elizabeth-Style. Und steht. Und winkt. Und grinst. Ich sehe ihn fragend an. »Ja…?!«
»Bis morgen!« sagt er unbeeindruckt freundlich, winkt noch einmal, dreht sich um und geht. »Bis morgen!« murmele ich und widme mich – die Uhr im Blick – wieder meiner Mail. »Typisch…« denke ich und muss zwangsläufig ebenfalls grinsen. Aber das sieht er schon nicht mehr. »Bis morgen, Albrecht! Schönen Feierabend!«

Das war unser letztes Zusammentreffen, bevor Albrecht plötzlich und viel zu früh gestorben ist, und damit genau so unerwartet ging, wie er zu uns gekommen war.

Während ich diesen Text schreibe, merke ich wie sehr er (mir) fehlt. Er hat mich und das TPZ leider nur eine kurze Zeit begleitet. Aber er hat einen tiefen und bleibenden Eindruck hinterlassen. Als ganz besonderer Mensch und Kollege. Als »Alberto« und »Dennebär«. Als schwarzer Fleece-Fels in der Brandung. In unzähligen Momenten wie diesem. Momenten, die geprägt waren von seiner ganz besonderen Fähigkeit, Stress bei anderen wahrzunehmen und selbst im größten Chaos Ruhe und Gelassenheit auszustrahlen und zu verbreiten. Ob im Festivaltrubel, bei Projekten, in anstrengenden Sitzungen und Diskussionen oder im ganz normalen Wahnsinn. Mit einem Lächeln, einem Spruch, einem Plausch, einem offenen Ohr oder einfach nur mit ehrlichem Interesse. Das tat gut. Mir, dem Team, dem TPZ. Auch wenn es manchmal herausfordernd war, das zu erkennen, wertzuschätzen und zuzulassen. Es tat gut. Es tut gut. Es war seine »Zauberkraft«. Und die wird noch lange nachklingen: In gemeinsamen Erinnerungen. In Gedanken. Auf dem Flur im TPZ. In Mir. In dem Grinsen, dass sich gerade in meinem Gesicht ausbreitet.
Es ist Donnerstag, der sechste November, kurz vor sechs abends. Der Tag war lang. Ich sitze in meinem Büro und schreibe diesen Text. Muss gleich los zur Besprechung. Ich höre ein Geräusch im Flur und drehe mich um.

Der Türrahmen ist leer. Trotz aller Trauer muss ich grinsen! Und bin sehr dankbar, Dich kennengelernt haben zu dürfen, Albrecht.

Nils Hanraets, Lingen, Leiter TPZ

Heldenreise über den Kniepsand

Fatih Akin hat die Kindheitserinnerungen von Hark Bohm überzeugend umgesetzt: AMRUM ist ein bewegender Film über die letzten Tage der NS-Diktatur in Nordfriesland, eine komplexe Jungenfreundschaft und eine verschlungene Heldenreise.

Text: Frank Keil
Foto: Gordon Timpen | bombero international GmbH & Co. KG | Rialto Film GmbH | Warner Bros. Entertainment GmbH

 
Morgen schon wird es aus dem Volksempfänger tönen: Der Führer ist tot! Ist gefallen in seinem unermüdlichen Kampf gegen den Bolschewismus. Bis zum letzten Atemzug habe er gerungen, doch es hat nicht geholfen. Nun muss das deutsche Volk ohne ihn auskommen; muss sehen, wie es klarkommt. Und während die einen sich für eine neue Zeit bereithalten, was immer sie auch bringen mag, packt die anderen eine Mischung aus brutalem Trotz und nicht mehr niederzuhaltender Verzweiflung.
Wir sind auf der nordfriesischen Insel Amrum, in stoischer Formation ziehen die alliierten Bomber ihrer Wege, lassen dann und wann noch eine Bombe ins Watt fallen, Ballast abwerfen, denn bald, so sieht es aus, ist es geschafft. Ihnen nach schauen Nanning und Hermann, beste Freunde sind sie, 12 Jahre jung und gerade damit beschäftigt, Kartoffeln zu stecken, statt in der Schule zu sein. Die Erde ist schwer und nass und kaum zu bändigen, der Frühling zeigt sich mürrisch und abweisend und gräulich …

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Durch die Schichten des Schweigens

Wenn etwas vorbei ist, beginnt bald etwas Neues. Das weiß man, auch wenn es nicht hilft, denn alles braucht seine Zeit.

Eine Frau und ein Mann gehen im Lichtkegel einer beschatteten Straße

Text: Frank Keil
Foto: N.O.B., photocase.de

 
Männerbuch der Woche, 40te KW. – Sehr behutsam verknüpft Sylvain Prudhomme in seinem fabelhaften Roman »Der Junge im Taxi« eine Familiensuche mit dem Ende einer Liebe.

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»Und überall Affen«

Irgendwann kommt das Ende. Ist nicht mehr abzuhalten. Und was ist zu sehen und womöglich zu erkennen, was einen bis zuletzt trägt, tröstet oder schlicht beschäftigt?

Text: Frank Keil
Foto: Tina Ruisinger

 
Männerbuch der Woche, 35te KW. – Tina Ruisinger zeigt uns in ihrem Bilderband »Lebensbilder – Fotografie in der Palliative Care«, wie einem eigene Fotografien dabei helfen können, den bevorstehenden Tod zu begleiten, vielleicht ihn zu gestalten und für sich Abschied zu nehmen.

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Eine Wiederbegegnung

Wer hat nicht in seiner Jugend Hermann Hesse gelesen? Und später (angeblich erwachsen geworden) dessen Bücher wieder aussortiert? Zeit für eine (mögliche) Urteilsüberprüfung.

zwei Brüder Anfang des 20. Jahrhunderts

Text: Frank Keil
Foto: Brett Jordan, pexels.com

 
Männerbuch der Woche, 34te KW. – Hermann Hesse erzählt in seinem kleinen, kompakten Text »Erinnerung an Hans« vom Suizid seines jüngsten Bruders – und von einem anhaltenden Schuldgefühl.

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Seele auf Halbmast

So wunderbar seitenstarke Bücher sein können … manchmal braucht es nur ein Bündel Seiten und man taucht anhaltend ein in eine komplex-illustrierte Welt.

Hand und Bein eines Mannes

Text: Frank Keil
Foto: Rein Van Oyen, photocase.de

 
Männerbuch der Woche, 33te KW. – Édouard Louis erzählt in »Wer hat meinen Vater umgebracht« unfassbar genau, zupackend und produktiv von einer Sohn-Vater-Hass-Liebe.

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»Aufhören – ja, warum denn nicht?«

Eine Begegnung und ein Gespräch mit dem Fotografen Klaus Andrews über die Werkstatt seines Vaters, Hubschrauberflüge in der Arktis und warum sein Berufsleben nun für immer endet.

Mann mit Eselswagen vor alter Tankstelle

Text: Frank Keil
Foto: Klaus Andrews
Schwerpunkt »Endlichkeiten«


Ich lerne den Fotografen Klaus Andrews kennen, als ich im Stadtmuseum Schleswig seine Ausstellung besuche. Es geht um Tankstellen in Georgien.
Tankstellen in Georgien?
Er holt mich vom Bahnhof ab. Er trage eine blaue Jacke und stehe auf dem Parkplatz neben einem roten Auto, hatte er mir zuvor gemailt. Und nun steht neben einem roten Auto ein Mann in einer blauen Jacke. Wir fahren zum Museum, im Erdgeschoss (knarrender Holzfußboden, jeder Schritt ist zu hören) sind rundum seine Bilder gehängt.

Klaus Andrews stammt aus Norddeutschland, er hat in Hamburg vor vielen Jahrzehnten an der dortigen HfBK Visuelle Kommunikation studiert, und eine seiner ersten konzeptionellen Arbeiten, er ist damals im dritten Semester, war eine Foto-Serie über stillgelegte Tankstellen im Landkreis Pinneberg.
Ihm seien seinerzeit eines Tages die vielen Tankstellen aufgefallen, die nicht mehr in Betrieb waren und wie sie da verloren in der Landschaft gestanden hätten; er sei damals als junger Mann recht schüchtern gewesen, Leute anzusprechen und mit ihnen zu reden, nicht so sein Ding; da wären Tankstellen, noch dazu stillgelegte, verwaiste, genau das Richtige für ihn gewesen, passend, sozusagen, erzählt er mir während des Rundganges.
Und danach habe er immer wieder Tankstellen fotografiert, auf seinen vielen Reisen, etwa durch die USA, entlang der legendären Routen, die man aus Film und Literatur so gut zu kennen meine (Route 66 und Co). Und zuletzt ging es eben nach Georgien, dort gezielt und ausschließlich Tankstellen fotografieren: stillgelegte, aufgegebene und längst verlassene Tankstellen wie auch die, die unbeeindruckt in Betrieb seien; an die man fahre, um zu tanken, nachts weithin hell erleuchtet.

»Für mich schließt sich mit dieser Ausstellung ein Kreis«, sagt er.
Er sagt: »2600 Kilometer in zwei Wochen.« Und er zeigt auf eine Landkarte von Georgien, das von der Fläche etwa so groß ist wie Bayern.
Denn so viele Kilometer fahren sie (ihn begleitet die Übersetzerin Eto Jincharadse) mit einem Leihwagen kreuz und quer durchs Land; sie besuchen die Hauptstadt Tbilissi, fahren ans Schwarze Meer, reisen ins Grenzgebiet zu Aserbaidschan, zu den weitgehend versiegten Erdölquellen des Landes. Die so genannten abtrünnigen und vom Nachbarland Russland kontrollierten Provinzen Abchasien und Ossetien müssen sie auslassen.

Ich erfahre bei unserem Rundgang viel über die Geschichte Georgiens anhand seiner Tankstellen: dass zu Sowjetzeiten Tankstellen gebaut wurden, wenn immer Material vorhanden war, egal, ob man sie brauchte oder nicht; heute stehen viele von ihnen als zugewachsene Ruinen in der Landschaft herum. Dass mit der Unabhängigkeit des Landes 1991 ein regelrechter Tankstellenboom einsetzte; immer neuere Autos, die man sich vorher nicht leisten konnte, bevölkerten das Land und brauchten unentwegt Benzin. Korruption und Misswirtschaft wie auch Wirtschaftskrisen beendeten dann den Boom, von vormals 4.500 Tankstellen wurden 1.600 wieder geschlossen, heute sind die großen Tankstellenbetreiber in russischer Hand so wie auch die neue, zentrale Autobahn, die einmal quer durch das Land von Ost nach West führt, von chinesischen Investoren gebaut wird, womit China seinen auch politischen Einfluss auf Georgien erheblich ausbaut, während es besonders die junge Bevölkerung nach Europa drängt.

Mir gefallen seine Fotos; ihr schlichter, auf den Punkt gebrachter dokumentarischer Charakter ohne Kunstschnörkelei. Ich habe das alles nicht gewusst, was er mir erzählt, etwa über Tankstellenruinen als Treffpunkte für die Lkw-Trucker, die sich hier zu Konvois zusammenfinden, es wird geschätzt, dass jeden Tag bis zu 1.000 Lkws das Land durchqueren, auf dem Weg nach Russland, in die Türkei, nach Aserbaidschan und das mit ihm verfeindete Armenien; dass man an jeder noch so abgeschiedenen Tankstelle selbstverständlich mit der Bank- oder Kredit-Karte bezahlen kann, dass man aber selbst in der Hauptstadt sein Fahrzeug nicht selbst betanken kann, sondern das ein Tankwart erledigt, und wie er das visuell umgesetzt hat – das ist sehr gelungen.

Und zum Abschied sage ich etwas aufgekratzt: »Sie halten mich auf dem Laufenden, wenn Ihr nächstes Projekt spruchreif ist?«
»Es wird kein nächstes Projekt geben«, sagt er. Denn dies sei seine letzte Ausstellung gewesen, er höre auf zu fotografieren. Und zwar ganz und gar. Er sei jetzt Rentner.
Ich bin irritiert, er bemerkt das. »Aufhören – ja, warum denn nicht?«, sagt er freundlich und reicht mir die Hand.

Zum Gespräch und mehr Fotos.

Später ist es irgendwann zu spät

Es kommt nicht drauf an, den Gipfel zu bezwingen, sondern zu wissen, wann man umkehren muss.

zwei Männer vor einem Haus

Text und Foto: Tom Focke
Schwerpunkt »Endlichkeiten«


Also mein Leben ist eine Uhr, oder ein Kuchen. Geviertelt. Das letzte Viertel bricht an. Vielleicht wird es das Schönste nach der Jugend. Als Atheist glaube ich im Gegensatz zu Udo Lindenberg nicht daran, dass es hinter‘m Horizont weitergeht; im Radio läuft ein Podcast »Der Tod gehört zum Leben«.

Nach 40 Jahren Selbständigkeit als Tischlermeister fahre ich noch Senioren zur Tagespflege – es ist ein guter Abschluss, gerade zum Thema Endlichkeit. Da ich so ziemlich alle Gebrechen an Bord habe, überlege ich gerade, was besser ist, Schlaganfall oder Demenz. Ich entscheide mich für Schlaganfall, sollte es soweit sein, denn dann kann ich noch mit Leuten plaudern, wenn alles gut geht, so wie oben im Bild mit Genosse Scharfenberg, früher VoPo, dann Westcop und jetzt im betreuten Wohnen. Dafür erzähle ich ihm von den Grenztruppen der DDR, wo ich als Kurier mal eine Bild-Zeitung nach Berlin fahren musste. War ja schließlich ein Grenzdurchbruch und faxen konnte man nicht. Mit Demenz wird‘s schwierig mit der Konversation, die ich so liebe.

Ja, nach fünf Kindern, mehreren Häusern und einigen Turbulenzen werden meine eher rückständigen Tugenden Demut und Geduld noch etwas weiterentwickelt, denn die Endlichkeit nun täglich vor Augen und zuvor jahrzehntelang verdrängt, fühle ich mich jetzt gewappnet für die Dinge, die da noch kommen. Gute Freunde und Freundinnen haben mittlerweile Krebs – was auch ich meinem sudeten-wolgadeutschen Körper über die Jahre angeboten habe, war schon fahrlässig. Jetzt habe ich ein schlechtes Gewissen bei jeder Zigarette – mit so viel mühsam errungener Erkenntnis und Lebenslust wäre es jetzt echt blöd, vor der Ziellinie zu sterben. Aber Helmut Schmidt ist mein Argument: alles kann, nichts muss.

Ich bin jedoch auch vorbereitet, Patientenverfügung, etwas Rente und frei im Kopf, freue ich mich auf die nächsten 10 Jahre und ziehe nach MV. Vier Wohnungen und eine Scheune bieten genug Möglichkeiten für MännerWG, FeWo, Werkstatt oder Pflegefachkraft. »Oben fit und unten dicht – mehr wünsch‘ ich mir für‘s Alter nicht«? Mal schauen was wird … Es kommt nicht drauf an, den Gipfel zu bezwingen, sondern zu wissen, wann man umkehren muss. Zweite Scheidung läuft 🙂

Mein Leben ist endlich

Ich habe jetzt oft Anlass, über meinen Alltag und meine Lebensziele nachzudenken. Ich mach was draus.

ein Buch und 4 Stifte auf einer Tischplatte

Text und Foto: Georg Paaßen
Schwerpunkt »Endlichkeiten«


Inzwischen habe ich den 60sten Geburtstag hinter mir. Das Ende meines Lebens rückt näher. In der Geschäftigkeit des Alltags schießt mir immer mal wieder die Frage durch den Kopf: Ist das, was mich heute anstrengt, wirklich der Mühen wert? Für MännerWege spitze ich diesen Gedanken zu: Ist bei dem, womit ich mir in den letzten 12 Monaten die Lebenszeit vertrieben habe, etwas dabei, von dem ich hypothetischen interessierten Enkelkindern gerne erzählen würde?
Spontan komme ich in meinem Kopf über Gestammel kaum hinaus. Das verunsichert mich. Ich möchte von mir selbst denken, dass mein Alltag zu meinen Lebenszielen passt.

Was tun?

Als erstes möchte ich verlässliche Informationen zu meinem täglichen Leben. Also aufschreiben. Ein Tagebuch? Das bekam ich schon früher nicht hin. Es brauchte an den Tagen, an denen ich Lust hatte zu schreiben, sehr viel Zeit und Energie. Andererseits blieben viele Seiten meines Tagebuchs leer.
Ich erinnere mich an die Erzählung über einen Asketen, der Tag für Tag ein Stück Poesie aufschreiben wollte … auch wenn es nur zwei Zeilen wären. Schon 2018 fand ich ein »10-Jahre-Kalenderbuch«, die Seiten sind etwas größer als ein A5-Format. Für jeden Kalendertag eine Seite mit 10 Feldern. Für jedes Jahr ein Feld. Wenn ich klein schreibe, passen vier Zeilen hinein. Ich muss aber nicht klein schreiben – ich muss mich kurzfassen. Auch um das alles später noch entziffern zu können.

3652mal Notizen machen. Das passt.

Ich halte Tag für Tag einen Gedanken fest. Für meine Anfälle von Fabuliererei ist ohnehin kein Platz. Es zeigt sich, dass ich immer mal wieder einen Tag auslasse. Dann kann ich aber nachtragen (in meinem Alltag gibt es mit Mails und Social Media einiges, dass ich tageweise zuordnen kann). So mache ich das seit 2018.

Ich bin erstaunt, wie vielfältig ist, was ich so notiere. Ich bin immer mal wieder überrascht, was ich alles vergessen habe, und freue mich, Erinnerungen wieder zu begegnen. Manchmal überrascht mich auch, dass ich vor Jahren schon mal eine Idee hatte, die sich gestern noch ganz neu und originell anfühlte.

Ich habe jetzt oft Anlass, über meinen Alltag und meine Lebensziele nachzudenken. Ich mach was draus.

Mein Leben ist endlich.