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Letzte Chance

Nicht den Täter verurteilen, sondern die Tat

Ralf Ruhl

Eineinhalb Jahre auf Bewährung. 80 Sozialstunden und Teilnahme an einem Anti-Gewalt-Training. Das ist die letzte Chance für Maik. Denn der 17-jährige hat einen Mitschüler fast totgeschlagen. Stefan Gemmels Jugendroman »Befreiungsschlag« begleitet ihn durch die Stationen des Sozialtrainings. (Foto © Nanduu | photocase.de)

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»Baby, I die for you!«

Das Musical »Assassins« in der Hamburger Laeiszhalle – eine nicht zufällige Aufführung in der Woche des G20-Gipfels

 
 
Frank Keil (Text) | Alexander Bentheim (Fotos Generalprobe)

Es gibt diese Abende, da weiß der Kritiker, dass er den Block mit seinen handschriftlichen Notizen am nächsten Morgen nicht weiter anschauen wird, wenn er wieder am Schreibtisch sitzt. Einfach weil der Abend so gut war. So ausgezeichnet, manchmal auch schlicht großartig. Und dann braucht es keine minutiöse Ableitung im nachhinein: wieso, weshalb, warum und was wann passierte, sondern das Gesehene und Gehörte klingt und schwingt noch sehr in einem nach, hat sich noch lange nicht verflüchtigt, ist also weiterhin präsent trotz Rückfahrt und Schlaf und Zähneputzen und muss jetzt nur noch in Worte gefasst werden, die den Zauber und die Kraft des erlebten Abends vielleicht ein wenig erahnen lassen.
In diesem Fall: das Musical »Assassins«, gegeben in konzertanter Fassung in der kleinen Laeiszhalle in Hamburg. Die Songs und die Texte stammen von Stephen Sondheim, der dazu vorher in das Buch von John Weidman geschaut hat. Für die Regie verantwortlich ist Pedro Reichert, am Dirigentpult stand Roun Zieverink. Der auch in den Abend einführte, der nicht zufällig in den Vortagen des G20-Gipfels stattfand, der seit Tagen Hamburg immer mehr in eine Festung verwandelt und es geht ja erst los.

Dabei hat es das Thema in sich, werden doch die Geschichten von neun Attentätern erzählt, die sich erfolgreich oder erfolglos vornahmen, amerikanische Präsidenten vom Leben in den Tod zu befördern. Und schnell ist man da beim aktuellen amerikanischen Präsidenten und der Phantasie, wenn jetzt einer einfach … man wäre ihn los und zwar ein für alle mal, auch wenn Zieverink keinesfalls dazu aufrief, auf eine Vorstellung hin eine Tat folgen zu lassen, so wie denn auch später auf der Bühne niemand theatralisch zu Boden sank, oh no.

Denn dazu ist das Stück zu klug, es unternimmt eine Art sozialpsychologische Reise quer durch die amerikanische Geschichte und variiert immer wieder die Idee des einzelnen, sich erhebenden und dann erhaben agierenden Amerikaners, der am Ende gar nicht anders kann, als zur Waffe zu greifen. Immer wieder kann da einer gar nicht anders, als sich berufen zu fühlen, ins Leben eines anderen einzugreifen, der von den anderen gewählt wurde, weil das heißt ins Rad der Geschichte zu greifen und für immer großartig zu werden; weil das heißt, nicht vergessen zu werden und einzigartig zu bleiben – ob es nun gegen Abraham Lincoln oder Ronald Reagan geht; gegen JF Kennedy oder Gerald Ford.

Immer wieder wird aus der Idee eine Tat – und immer wieder wird diese Idee mit den Idealen der amerikanischen Mythologie angefüttert, den Konstruktionen grenzloser Freiheit, die grenzenlose Macht fern der Kontrolle durch die Gemeinschaft nach sich zieht: Einer muss jetzt tun, was er tun muss, er ganz allein, gegen alle anderen, nur für sich. Baby, I die for you! So wie auch Trumps „America first!“ eben nicht »Amerika zuerst!« meint, sondern »Ich zuerst!«, wer auch immer da gerade laut »Ich!« schreit. Und Trumps Anhänger haben das auch verstanden und fühlen sich einer wie der andere entsprechend gemeint, während wir Europäer immer noch über Amerika als Land, als Gemeinschaft, als Community und damit als Ganzes rätseln, das nur nebenbei.

Das – wie gesagt – wird sehr schön erzählt, also meist gesungen; wird gekonnt abgeleitet und geschickt illustriert. Der eigentliche Clou aber ist die Musik. Denn was Zieverink mit seinen 14 Sängern und Sängerinnen und dem elfköpfigen Attentat-Orchester da hinzaubert, ist einfach eine Klasse für sich. Klar gibt es die eingängigen Melodien zum bald Mitsingen, die schmissigen Sets, die einen vertrauensselig werden lassen – wir sind ja in einem Musical (der Kunstform, die vielleicht am ehesten Amerika und seinen auch ästhetischen Idealen von Unterhaltung am ehesten entspricht). Doch Zieverink sprengt die Konventionen des Musicals, er webt einen dichten Teppich aus musikalischen Anspielungen und Zitaten, bedient sich an der Westernmusik, am volkstümlichen Walzer, an der schwelgenden Tanzmusik der großen Ballsäle, wo man in den gesellschaftliche Aufstieg hinübertanzen möchte, so dass man es geschafft zu haben glaubt, wenn man morgens erwacht. Und immer wieder setzt die Musik Gegenakzente, stört sie selbst den allzu glatten Verlauf, macht sich zuweilen lustig über sich selbst und das jeweils mit großer, gekonnter Ernsthaftigkeit.

Das in Hamburg zu erleben, der selbsternannten Musical-Stadt, wo seit Jahrzehnten das ästhetische Imperium der Stage School nicht nur die Touristenströme lenkt, sondern mehr noch das Genre Muscial glatt bügelt und nivelliert und seines aufmüpfigen Charakters beraubt hat, war noch mal ein ganz besonderes Vergnügen.

 
Cast Rob Pitcher | Thomas Schreier | Johannes Beetz | Luciano Di Gregorio | Vini Gomes | Pedro Reichert | Sabine Meyer | Rosalie de Jong | Mark van Beelen | Dennis Henschel | Eszter Végvári | Stuart Pattenden | Sebastian Prange | Theresa Löhle
Orchester Thore Vogt | Jana Gugenheimer | Tom Richter | Dominic Harrison | Peter Harrison | Ken Dombrowski | Benjamin Stanko | Tamás Bárány | Vincent Dombrowski | Freya Obijion | Tobias Meisner

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»Ein zwiespältig großer Mensch«

Die Lebensgeschichte des Mahatma Gandhi als Jugendbuch – auch für Erwachsene

Teil eines alten Stacheldrahtes

Peter Bräunlein

Im Deutschland der 1970er und 80er Jahre war Ghandi als prinzipientreuer Vertreter eines gewaltlosen Befreiungskampfes und als Zivilisationskritiker populär. Eine neue Biografie von Marcel Feige wirft einen auch anderen Blick auf den »gewaltlosen Rebellen«. (Foto © marsj | photocase.de)

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Gewalt in Partnerschaften

Betroffene Männer für Interviewstudie gesucht

Ein Mann sieht ins Abendlicht

Alexander Bentheim (Redaktion)

Im Rahmen ihrer Masterarbeit ist Charli Larissa Pape, Studentin an der Univ.-Klinik für Medizinische Psychologie am Landeskrankenhaus Innsbruck (LKI), auf der Suche nach Männern, die Gewalt durch den/die (Ex)Partner/in erlebt haben und bereit sind, ein Interview über ihre Erfahrungen zu führen. Die Studie fokussiert persönliche Stärken und wahrgenommene Ressourcen derer, die in Gewaltbeziehungen leb(t)en, denen es jedoch gelang, einen Schritt aus der gewalttätigen Beziehung zu machen.
Ihre Arbeit ist Teil einer Untersuchung zum Thema Gewalterfahrungen und Krisenbewältigungskompetenzen (Resilienz). Die Interviews können im Raum Tirol und Süd-Bayern (München und weitere Umgebung) durchgeführt werden. Sie werden etwa 60 Minuten dauern. Die Gespräche werden auf Tonband aufgezeichnet und anonymisiert weiterverarbeitet. Sollten während oder nach der Befragung Probleme oder psychische Belastungen auftreten, kann – so Pape – ein Teilnehmer bei Bedarf jederzeit Kontakt für Entlastungsgespräche mit der Interviewerin aufnehmen. Auf Wunsch ist auch eine Weitervermittlung an die Innsbrucker Universitätsklinik für Psychotraumatologie und Traumatherapie möglich. Außerdem kann das Interview jederzeit ohne Angabe von Gründen abgebrochen werden.
Pape: »Ich bin auf die Mitarbeit betroffener Männer angewiesen, die damit einen wertvollen Beitrag zur Versorgung von Gewaltopfern in Tirol und Bayern leisten können. Wenn Sie sich angesprochen fühlen, bin ich über Ihre Teilnahme sehr dankbar!« (Foto © David-W- | photocase.de)

Mailkontakt: charli.pape@student.uibk.ac.at. Interessierte melden sich bitte bis Mitte Juli. Hinweis: Wenn ein persönliches Interview vor Ort nicht möglich oder erwünscht ist, kann das Interview auch via Skype durchgeführt werden.