Lottoglück Finnland

Wie will ich leben und wo ist mein Platz? Wie muss ich leben, weil es nun mal mein Leben ist? Und dann ist da noch die Frage, nach dem eigenen Lebensraum, den man sich nimmt.

Mann mit Rad und Schirm in einer albanischen Stadt

Text: Frank Keil
Foto: myn, photocase.de

 
Männerbuch der Woche, 18te KW. – Pajtim Statovci erzählt in »Meine Katze Jugoslawien« vom Aufeinanderprallen und Auseinanderbrechen verschiedener Daseinswelten, wo man doch nur für sich sein Leben gestalten und glücklich sein möchte.

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Wenn Mama brüllt …

… wird Papa immer kleiner. Und das macht dem achtjährigen Aaron Angst. Denn die Familie, die eigentlich Sicherheit bieten sollte, wird so zum Ort der Gefahr.

ein kleiner trauriger Junge hält sich die Ohren zu

Text: Ralf Ruhl
Foto: LP, photocase.de (Symbolbild)

 
Endlich greift ein Kinderbuch – von Clemens Fobian (Text) und Eva Planet (Illustration), angeregt von der Bundesfach- und Koordinierungsstelle Männergewaltschutz – das Thema »Häusliche Gewalt gegen Männer« auf. Und zwar richtig gut!

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Aggression als Ressource für Beziehungen

Seminarreihe über 4 Wochenenden ab 27. April 2024 (bis November) in Hamburg

Zwei Frauen, die sich von Angesicht zu Angesicht anschreien

Text: Alexander Bentheim (Redaktion)
Foto: nektarstock, photocase.de

 
»Konflikte wagen, Aggression entgiften, Klarheit gewinnen« – zu dieser Herausforderung laden Thomas Scheskat (Göttinger Institut für Männerbildung) und Heide Gerdts Frauen, Männer und diverse Menschen ein. Ob als Einzelne, als Paare oder zusammen mit Freund*innen geht es über diese vier Reisestationen:

:: Aggression – im erweiterten Sinn als Grundkraft und Ressource;
:: Sexualität als erotische Lebenskraft;
:: Abschied, Endlichkeit und Loslassen von idealen Beziehungserwartungen;
:: Lebenserfüllung im Alltag zwischen Wollen und Sollen.

Gearbeitet wird in einer festen Gruppe auf der Grundlage von Körperpsychotherapie, Tiefenpsychologie und weiteren Humanistischer Disziplinen. Details zur Reihe wie Ort, Anmeldung, Termine, Kosten etc. finden sich hier.

Es sind aktuell noch 3 Plätze frei.

Abenteuer, Freiheit, Diktatur

Ein Abenteuerroman für Jugendliche – mit Männerbildern, die zu Auseinandersetzungen und Entscheidungen herausfordern.

Text: Ralf Ruhl
Foto: time., photocase.de

 
Ferne Länder, Segelromantik, Stürme und Schiffbruch – Rachel van Kooijs Buch »Der Kajütenjunge des Apothekers« hat alles, was ein Abenteuerroman für Jugendliche braucht. Und steckt gerade deshalb voller Männlichkeit, von toxisch bis gut gemeint. Was sich folgerichtig zu einem Lehrstück über das Aufkommen einer brutalen Diktatur verdichtet.

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»Auch Opfer, selbstverständlich!«

Das bundesweite Männerhilfetelefon berät betroffene Männer zu Bewältigungs- und Handlungsmöglichkeiten nach Gewalterfahrungen.

Ausschnitt Gesicht alter Mann

Text: Thomas Gesterkamp
Redaktion: Alexander Bentheim
Foto: Ruben Jacob, photocase.de (Symbolbild)

 
Gewalt gegen Männer ist ein besonders heikles Thema in der geschlechterpolitischen Debatte. Antifeministische Maskulinisten greifen das Thema auf und stilisieren sich gern zum Opfer. Sie verharmlosen die Tatsache, dass im häuslichen Umfeld überwiegend Frauen die Leidtragenden sind. Umgekehrt war es lange ein Tabuthema, dass manche Männer ebenso gewaltbetroffen sein können. Ein Pilotprojekt in Ostwestfalen bietet ihnen seit knapp vier Jahren Hilfe an.

Zum Beitrag

Wenn David nur noch Jude ist

Wer anders ist, das bestimmen die anderen. Das muss der 13-jährige David erfahren, als er sich eher zufällig als Jude outet. Chaos, Liebe, Gewalt, Verrat und Freundschaft – dieser Roman hat alle Zutaten, die ein gutes Jugendbuch braucht. Ein gutes? Mehr als das!

Jugendlicher mit Pfeife hinterm Haus

Text: Ralf Ruhl
Foto: norndara, photocase.de (Symbolbild)

 
David ist Jude. Weiß aber keiner. Also seine Eltern und seine Schwester natürlich, aber niemand in der Schule. Sieht man ja auch niemandem an, ob er arm ist, Krebs hat, gut in Mathe ist oder eben Jude ist. Das will David auch so. Er will nicht angeglotzt werden, angesprochen auf etwas, das für ihn völlig normal und somit gar nicht so wichtig ist, nicht angefeindet werden – und vor allem will er nicht allein sein. Sondern dazugehören. Wie alle pubertierenden Jungen … Danny Wattin’s »Davids Dilemma« ist das Beste, das ich seit Jahren zum Thema Antisemitismus gelesen habe!

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Weiterhin Krieg

Der Krieg in Bosnien? Ja, den gab es. Aber was war da noch mal los? Was hat er mit den Menschen gemacht? Und hätte man daraus vielleicht etwas lernen können?

Text: Frank Keil
Foto: pur, photocase.de

 
Männerbuch der Woche, 3te KW. – Tijan Sila erzählt in »Radio Sarajevo« beeindruckend nah wie nüchtern vom Ende einer Kindheit unter ständigem Beschuss. Es hat seine Zeit gebraucht, bis er sich dieser Lebensphase literarisch nähern konnte.

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»Leidenschaftlich und zielstrebig in der Sache, aber auch vorsichtig, mit Rücksicht und behutsam.«

Der MännerWege Fragebogen – beantwortet von Karl-Heinz Michels, Ruderting

Leitfragen: Alexander Bentheim und Ralf Ruhl
Fotos (Ipomea tricolor, Portrait): Karl-Heinz Michels

 
Seit 1982 beschäftige ich mich in Männergruppen, auf Männertreffen, in antisexistischen Arbeitskreisen, in Seminaren über Männergewalt und in Beiträgen für verschiedene Männerzeitungen mit dem Thema Männlichkeit. Einige Jahre habe ich sogar beruflich in der Jungen- und Männerarbeit mein Geld verdient. In diese Zeit fiel auch das Ende »unserer« letzten Männerbewegungs-Zeitung »Moritz«. 1998 und 1999 habe ich im Alleingang versucht, mit »Moritz II.«, »äM für eine neue Männerkultur« und ein namenloses drittes Heft die Tradition, die mit »HerrMann« in den 1980er Jahren in Berlin begonnen hatte, zu retten. Damit sehe ich mich als Randfigur in der professionellen Männerszene, zähle mich selbst aber auf jeden Fall zu den Veteranen des Widerstands gegen die Männerherrschaft.

Der erste Mann meines Lebens, mein Vater, erlebte mit 15 den Zusammenbruch des Nazi-Reichs, war Maurer, ernährte mit seiner Arbeit eine bald 7-köpfige Familie, geriet aber vor lauter Arbeit schnell an den Rand, war der Außenposten in einer Familie von Mutter, drei Jungs, zwei Mädchen. 1950er Jahre, Nachkriegszeit: Wir alle in einem halben Bauernhaus in 2 Zimmern, Küche, Plumpsklo und Badewanne in der Scheune, etwas abseits des Dorfes (Mutter Flüchtling). Es war eng, niemand hatte ein eigenes Bett oder einen eigenen Platz, allein war man nur auf dem Klo. Jeder hatte ab einem bestimmten Alter seine Aufgaben im Haushalt, Garten, Acker. Ein warmer Stall, viel Nähe, viel Gefühl, auch viel Streit, Prügel, Arbeit. Ich war mit meinem 18 Monate älteren Bruder zuständig für den kompletten Abwasch, die jüngeren Geschwister beaufsichtigen, den Kartoffelacker, die Tiere (zwei Schweine, ein Schaf, viele Gänse, Enten, Hühner, Puten, Kaninchen, Katzen), die Kartoffelschalen jeden Abend zum Nachbarn zu tragen, dort Milch, Zeitung und manchmal Tomaten holen.
Junge? Männlich? Zuhause waren wir »die Jungs«. Beim Fußball und Eishockey und auf dem Schulweg nur Jungs. Zuhause waren »die Jungs« zuständig, wenn die Mutter nicht konnte: Windeln wechseln, wunde Kinderpopos cremen, pudern, Milchflaschen temperieren und verfüttern, abwaschen, fegen, Blumen- und Gemüsebeete jäten, Bohnen schnippeln, Johannisbeeren, Stachelbeeren, Kirschen, Pflaumen, Äpfel ernten und verarbeiten … Jungs schon! Mädchen waren fremde Wesen oder kleine Geschwister in Windeln.

Diese laute und lebendige Kindheit ist mir trotz Armut eine schöne Erinnerung. Wäre da nicht am Rande dieser Vater, der Mann als Außenposten in diesem warmen Familienstall, einsam, unzugänglich, gewaltig, bedrohlich. Von daher wohl meine ersten Zweifel an Männern, Mannsein, Männlichkeit. Junge sein war selbstverständlich, hatte aber wenig mit dieser »Männlichkeit« zu tun, die Väter und Onkel damals vorlebten.

Dann die Jugend als kompletter Ausfall: Umzug aus dem warmen engen Stall in ein selbst gemauertes kleinbürgerliches Haus, jeder sein eigenes Bett, seinen Arbeitsplatz, rausgerissen aus der Dorfgemeinschaft der Kindheit. Die jüngste Schwester krank, behindert, dann mit 6 Jahren gestorben. In der Schule Außenseiter, Prolet, kein Bildungsbürger, Fußballer, sonst gar nichts. Wo sollte Jugend da stattfinden? Männlichkeit nur als Negativ des tobenden, brüllenden, schlagenden Vaters. Und im Begehren von unerreichbaren und fremden Mädchen. Bei der Bundeswehr noch schlimmer: Junge Männer, Prügel, Sauforgien und sexistische Sprüche pur. Ich setzte mich von diesen rohesten Formen von Männlichkeitsgebaren ab, war das Weichei, der Schwuli, der Gebildete, der Votzenlecker …. außer beim Fußball.

Mit diesem ausgesprochen negativen Männerbild geriet ich an der Uni in die Hoch-Zeit der Frauenbewegung: Frauen-WGs, Frauengruppen, Frauenhäuser, Frauenschutzräume gegen die Gewalt der Männer (ich hätte auch gerne so einen Schutzraum gehabt). Und: alle Männer sind potentiell Vergewaltiger, profitieren von der Unterdrückung der Frauen und vom Männer-Bonus – ich auch! Ich geriet in eine Welt, in der ich mich mit Frauen solidarisierte und von Männlichkeit immer weiter entfernte, ohne einen Ansatz für eine eigene andere männliche Identität zu finden. Und dann auch noch von Frauen beschuldigt, verlacht und ausgegrenzt wurde, Ina Deters Kampflied »Neue Männer braucht das Land« habe ich noch im Ohr.
Politisch und öffentlich überzeugter Antisexist, war ich privat und emotional als Mann kaum greifbar. Beziehungen mit Feministinnen mehr Schuld als Lust, nie von Dauer. Der klassische Softie?

Diese Leerstelle, wie ich denn sein könnte und sollte, der neue antisexistische Mann, eigentlich ein (negatives) schwarzes Loch, sehe ich heute in der Rückschau als Quelle für meine seit damals kontinuierliche Beschäftigung mit dem Thema Männer.

Abarbeiten dieser Agenda: Privat und ehrenamtlich in Männergruppen, kontinuierlich von 1982 bis 2002, seit 1985 bis 2012 fast jedes Jahr beim bundesweiten Männertreffen, 1985 bis ca. 1990 Arbeitskreis antisexistischer Männer, Beiträge in den Männerzeitungen »HerrMann«, »Informationsdienst antisexistischer Männer«, »Moritz«, »Switchboard«, Chronist und Fotograf auf den bundesweiten Männertreffen bis 2012, im Orga-Team des Männertreffens 1996 in Finsterau/Bayernwald. Beruflich Teamer bei antisexistischer Jungenarbeit in der HVHS Frille, Referent zum Thema Jungenarbeit in Bildungseinrichtungen, 1999 bis 2002 Einzelbetreuung von Jungen und jungen Männern in einem sozialtherapeutischen Jugendhilfeprojekt. Brotberuf Biolehrer, dort immer für die Sexualkunde zuständig, als Klassenlehrer stets an der Genderfrage orientiert. Ein anderes Männerbild vorleben.

Soweit aus meiner Biografie und zur Frage meiner Zugänge zu Jungen-, Männer-, Väterthemen. Meine Hauptthemen waren und sind jedoch Gewaltfreiheit, Ökologie und eine Alternative zu den vorgeschriebenen Lebenswegen unserer gewalttätigen Gesellschaft finden. Ein Kernzitat aus Karin Struck’s »Klassenliebe« (das erste »Frauenbuch«, das ich las) ist mir zu all dem noch wichtig und galt damals wie heute: »Ich denke, wenn das Verhältnis des Menschen zur Natur ein räuberisches ist, dann ist es auch das des Mannes zur Frau, und umgekehrt. Seit dem siebzehnten Jahrhundert spätestens ist das Verhältnis zur Natur ein total räuberisches, wohl historisch notwendig wie die Unterjochung des Proletariats. Ja? Und jetzt? Ist nicht schon längst der Zeitpunkt da, wo beide Unterjochungen anachronistisch sind?« (S.23).

Die Themen meiner »Männer«zeit waren (a) Männergewalt: gegen Kinder, Frauen, Homosexuelle, und (b) Sexismus = Diskriminierung, Benachteiligung, Unterdrückung und Ausbeutung von Frauen, Mädchen und Weiblichkeit, inklusive eigener Positiv-/Negativ-Bilder von »Frau« und »weiblich«, d.h. eigene sexistische Vorurteile und Verhaltensweisen – deckt sich also ziemlich mit meiner Biographie.

Das Lager innerhalb der Männerbewegung, zu dem ich mich zählte und gezählt wurde: profilierter Antisexist mit offenem Ohr für Mythopoeten, Abgrenzung von Maskulinisten aller Art, Unterstützer des Feminismus. Anfangs war es die persönliche Betroffenheit, in Männergruppen, dann verstärktes Interesse an Öffentlichkeit, Diskurs und Profilierung einer antisexistischen männlichen Position; dabei Auseinandersetzung und Abgrenzung zu männerrechtlichen Positionen, Maskulinisten und anderen Versuchen, traditionelle Männerstereotypen wiederzubeleben und gegen die Frauenbewegung ins Spiel zu bringen.
Heute frage ich mich, ob angesichts der Komplexität und Vielfalt all meiner Beziehungen Geschlechtsidentität überhaupt noch von Bedeutung ist, und ob es nicht ein persönliches Moment gibt, sich daraus zu befreien und nur noch man selbst zu sein, mit weichen, harten, zweifelnden, lustvollen und selbstkritischen Anteilen.

Besondere Ereignisse in diesem Zusammenhang, die meinem Leben Sinn gegeben haben? Auf jeden Fall die Organisation und Durchführung des bundesweiten Männertreffens im O-Team 1996, männerpolitisch mein größtes Erfolgserlebnis. Und dann kommt schon meine Frau – jetzt im 35. Jahr meine Homebase für mein Leben als Mann?

Wichtig auch die Maueröffnung und Wiedervereinigung 1989/90 und die Erweiterung des bundesweiten Männerdiskurses durch »die ostdeutschen« Männer – endlich Männer, mit denen ich mich unbedenklich herzlich verstehe. Erst da wurde mir bewusst, wie stark auch in meinen (politischen) Männerbeziehungen mir der Klassismus immer schon Unbehagen beschert hat.

Eigenschaften, die mich in der Arbeit ausmachen? [1] »Verfolgt seine Ziele mit sanftem Ingrimm« (wie Holger Karl einmal bemerkte), kann aber auch hinschmeißen, wenn’s gar nicht passt. [2] Absolut zuverlässig, stur und treu. [3] Leidenschaftlich und zielstrebig in der Sache, aber auch vorsichtig, mit Rücksicht und behutsam. [4] Lange litt ich daran, dass ich mir meiner Männlichkeit nicht gewiss war. Heute schätze ich eher die Unsicherheiten als die Gewissheiten und genieße meine undefinierte Männlichkeit in der Schwebe über allen Normierungsversuchen.

Jetzt sehe ich in der Rückschau, wie aus dem harten antisexistischen Widerstandskämpfer gegen das Patriarchat ein gemütlicher alter Herr geworden ist. Jetzt glaube ich, dass ich bin, wie ich bin und kann mich über diese Geschlechter-Schubladen auch mal lustig machen. Dass ich männlich bin, spielt nur selten eine bewusste Rolle – ich halte mich nicht gern in einer Schublade auf. Und kaufe lieber mit meiner Frau Schuhe und Kleidung für sie – die Männerabteilungen sind dagegen so langweilig.
Ich habe es heuer geschafft, 1 von 9 Erdnüssen zum Keimen zu bringen, geerntet habe ich 5 Nüsse. Also keine Karriere als Erdnussbauer in Sicht.
Das bundesweite Männertreffen ist neben meiner SoLaWi / Solidarische Landwirtschaft die einzige Institution, der ich mich verbunden fühle.

Was die Männer ausgemacht hat, mit denen ich gerne zusammen war und zusammengearbeitet habe? Sie sind/waren für mich attraktiv, nahbar und leidenschaftlich an ihrer Sache. Und meine Lebensphilosophie: Ich bin geboren, das ist ein Geschenk, hier so zu sein, wie ich gerade bin.

In der Männerbewegung habe ich mich immer wieder gegen Professionalisierung und Gewerblichkeit abgegrenzt und gewehrt, weil ich alles als mein persönliches, idealistisches und privates Engagement betrieben habe und mich dann vereinnahmt und ausgenutzt fühlte. Negativbeispiel ist der Streit der Hamburger »MgM«-Männer mit »Jedermann« in Heidelberg – »Männer gegen MännerGewalt« als geschützter Markenname? Und die vielen Gespräche, wo es beim Netzwerken dann auch immer um Einkommensperspektiven, Gelder, Fördertöpfe ging. Naja, ich habe mich gottseidank ausklinken können, allerdings mit Verlusten.

Was mir in der Männersache eher Steine in den Weg gelegt hat? Dass wir sehr sehr unterschiedlichen Kulturen, Klassen, usw. entstammen und noch größere Interessenunterschiede haben – Männlichkeit ist eben doch keine per se einigende Idee. Und das ganze Gerede von Identität, Authentizität, Geltungssucht, das unsere Beziehungsfantasien hegemonialisiert. Da lerne ich umdenken.

Was mich antreibt? Nichts mehr. Ich bin Rentner und Pensionär und arbeite nur noch an selbstgewählten und »eigenen« Projekten, also ohne Antreiber und nicht mehr als Getriebener. Liebster Lohn für meine Arbeit sind gelungene herzliche Beziehungen.

Welches Projekt ich noch gerne umsetzen möchte? Mein Blumenbuch veröffentlichen und ein Blumenmuseum einrichten.

Und eine nicht gestellte Frage, die ich aber dennoch gerne beantworten möchte? Ja: Was war (bisher) meine größte Torheit im Feld von Männer- und Jungenarbeit? Zu glauben, es gäbe eine männliche Identität, nach der zu suchen und darüber zu streiten sich lohnte.
 
 

 
 
 
 
 
 
:: Karl-Heinz Michels, geb. 1952 im Emsland, verheiratet, keine Kinder. Berufe: Lehrer, SozialPädagoge, Fotograf, Schreiber, Rentner, Pensionär. Spezielles Interesse: Kulturgeschichte heimischer Blütenpflanzen. Und Erich Kästner’s »Es gibt nichts Gutes, außer man tut es«

»Mich ermutigt immer wieder, wieviel Wertschätzung wir von Menschen bekommen, weil sie sich endlich gesehen und anerkannt fühlen.«

Der MännerWege Fragebogen – beantwortet von Rainer Ulfers, Hamburg

Geschminkter Mann mit intensivem Blick

Interview: Alexander Bentheim und Ralf Ruhl
Fotos: norndara, photocase.de | privat

 
Vorweg: Jungen* und Männer* sind sehr verschieden und längst nicht alle Menschen definieren sich als männlich oder weiblich. Ich verwende das Sternchen* hinter Jungen* und Männer*, um diese Vielfalt abzubilden. Ich lasse das * weg, wenn ich mich explizit auf das tradierte Jungen- und Männerbild beziehe.

Was war oder ist dein persönlich-biografischer Zugang zu Jungen- und Männerthemen? Was dein politisch-thematischer Zugang?
Mein persönlich-biografischer Zugang zu Jungen*- und Männer*themen lässt sich von meinem politisch-thematischen Zugang (wie sicherlich bei vielen) nicht trennen. Schon zu Beginn der Schulzeit hatte ich das Gefühl, den Anforderungen der Außenwelt, wie ein Junge zu sein hat, nicht gerecht werden zu können oder zu wollen. Die Auseinandersetzung mit dem eigenen Schwulsein hat mir dann neue Möglichkeiten aufgezeigt, Mann*sein anders zu definieren. Gleichzeitig war die Konfrontation mit heteronormativer Männlichkeit oft schmerzhaft oder zumindest herausfordernd.
Während des Studiums der Sozialen Arbeit und meines wachsenden sozial- und gesellschaftspolitischen Bewusstseins und Engagements konnte ich meine vorher vorwiegend subjektiven Erfahrungen erweitern und einordnen. Hierbei danke ich insbesondere auch einigen mitstudierenden Freundinnen. Durch ihre feministischen Positionierungen wurde mir letztendlich klar, dass wir Männ*lichkeiten nicht unabhängig von der Situation von Frauen* in der Gesellschaft diskutieren können. In dieser Zeit, in den 1980er Jahren, gründeten wir auch eine erste Männer*gruppe.

Welche waren damals und sind heute deine zentralen Themen in der Beschäftigung mit Jungen und Männern?
Ich bin 1993 mit meinem Mann nach Hamburg gezogen und hatte das Glück, eine Stelle in der gerade gegründeten Anlaufstelle für Straßenkinder (KIDS) des Trägers basis & woge e.V. zu bekommen. Die Anlaufstelle startete mit einem Konzept niedrigschwelliger und lebensweltorientierter Sozialarbeit und hier begegnete ich Jungen* (zwischen 12 und 16 Jahren) aus der Bahnhofsszene, die dort Kontakte zu Pädosexuellen hatten, bei ihnen übernachteten oder teilweise mit ihnen lebten.
Ab diesem Zeitpunkt habe ich mich stark mit dem Thema Jungen* und sexualisierte Gewalt beschäftigt, und dieses Thema nicht wieder losgelassen. Es hat letztendlich dazu geführt, dass ich im Jahr 2010 die Beratungsstelle basis-praevent (Beratung für Jungen* und Männer* bei sexualisierter Gewalt) mit meinem Kollegen Clemens Fobian aufgebaut habe. Zwischen der Zeit im KIDS und der Gründung von basis-praevent habe ich noch viele Jahre in einer Anlaufstelle für männ*liche Sexworker (beim gleichen Träger) gearbeitet. Auch diese vielfältige und gleichzeitig vulnerable Zielgruppe hat mich sehr geprägt und mich mit den verschiedensten Modellen von Männ*lichkeiten konfrontiert. Insbesondere hat mich beeindruckt, dass dieses Klientel trotz diverser Problematiken wie Drogengebrauch, gesundheitlichen Gefährdungen durch HIV-Infektion, Wohnungslosigkeit, Mehrfachdiskriminierungen aufgrund von Prostitution und/oder ihrer Herkunft (viele waren bulgarische/rumänische Roma) gleichzeitig viele Ressourcen und Bewältigungsstrategien hatten, die insbesondere durch die akzeptierende und wertschätzende Haltung von den Mitarbeitenden zum Tragen kamen.

Wie hat sich dein Engagement für Jungen und Männer entwickelt, ggf. verändert?
In allen drei Arbeitsbereichen/Einrichtungen habe ich immer sehr von Netzwerkarbeit profitiert; die Auseinandersetzung mit Kolleg*innen in ähnlichen Arbeitsfeldern, das Entwickeln gemeinsamer Positionen und die Sichtbarmachung von gesellschaftlichen Missständen waren dabei handlungsleitend.
Ein Meilenstein in meiner Auseinandersetzung über Männ*lichkeiten war meine Weiterbildung in antisexistischer Jungenarbeit in der Heimvolkshochschule Frille bei Franz Gerd Ottemeier-Glücks.
Ebenso war die Notwendigkeit wichtig, sich sowohl direkt als auch theoretisch mit den speziellen Fragestellungen von Jungen*/Männern* zu befassen, die von sexualisierter Gewalt betroffen waren, und hierbei vor allem den besonderen Herausforderungen für männ*liche Betroffene aufgrund prägender Geschlechterbilder.

Das für dich nachhaltigste gesellschaftliche/historische Ereignis – auch im Kontext deiner Arbeit?
Die Welle der aufgedeckten Fälle sexualisierter Gewalt in Institutionen (Katholische Kirche, Odenwaldschule etc.) ab 2010 war prägend, insbesondere auch, weil hier hauptsächlich männ*liche Betroffene waren, die vorher nicht oder kaum sichtbar waren. Alle Männer*, die 2010 an die Öffentlichkeit gingen, haben vielen anderen Mut gemacht, sich Unterstützung zu holen.

Eine wichtige persönliche Erfahrung im Zusammenhang mit deinen privaten und/oder beruflichen Beziehungen?
Hier gibt es nicht nur eine wichtige Erfahrung, aber eine war sicher mein Coming-Out. Die Weiterentwicklung in der Partnerschaft und die gemeinsame Auseinandersetzung und Positionierung gegenüber Familie, Umwelt und im Beruf haben mein weiteres Handeln stark beeinflusst.
Dann bestärkt mich immer wieder in der Arbeit das mir entgegengebrachte Vertrauen und der Mut der von sexualisierter Gewalt betroffenen Jungen* und Männern*. Besonders im jährlichen bundesweiten Netzwerktreffen der Fachberatungsstellen zu sexualisierter Gewalt, die mit Jungen* und Männern* arbeiten, wird mir dabei auch immer wieder deutlich, wie wichtig die Reflexion der eigenen biografischen Erfahrungen für unsere Arbeit ist.
2022 habe ich eine angeleitete Selbsthilfegruppe für betroffene Männer* gestartet. Hier hat mich der Mut und die Offenheit der Teilnehmenden bei all ihrer Unterschiedlichkeit begeistert. Dabei wurde noch einmal deutlich, wieviel Kraft es Männern*gibt, zu merken, dass sie nicht die einzigen sind.

Eigenschaften, die dich in deiner Arbeit und Beziehungen zu anderen ausmachen?
Empathie, Neugier, Solidarität, Verlässlichkeit und Eigeninitiative in Zusammenarbeit mit anderen.

Was ist für dich »Erfolg« in deiner Auseinandersetzung mit Jungen- und Männerthemen? Hast du Beispiele?
Vielen Jungen*/Männern* fällt es aufgrund zugeschriebener Rollenbilder und -erwartungen schwer, sich Hilfe und Unterstützung zu holen. Für mich ist es ein Erfolg, wenn sie bei uns die Erfahrung machen, dass es kein Eingeständnis von Schwäche, sondern eine Stärke ist, sich an eine Beratungsstelle zu wenden. Ein weiterer »Erfolg« ist es, wenn es uns in der Begleitung von Betroffenen gelingt, dass diese sich auch nach vielen schmerzhaften Jahren der eigenen Vergangenheit stellen und feststellen, dass sie ihre oftmals belastende Lebenssituation verändern können.
Ein grundsätzlicher Erfolg ist es, zu sehen, dass die Ratsuchenden durch den parteilichen Ansatz in der Arbeit bestärkt (empowert) werden und dadurch mehr die Möglichkeiten und Chancen sehen, eigenes exploratives Verhalten zu nutzen.

Was gibt dir persönlich Sinn und Erfüllung in deinen beruflichen und privaten Beziehungen?
Ein großes Glück ist es, viele meiner persönlichen Themen bei diesem Träger miteinfließen zu lassen. Das betrifft u.a. alle Fragen rund um Gender, sexuelle Orientierungen und geschlechtliche Identität, Antidiskriminierung etc., und dass diese Themen nicht nur im Kontext von Beratung, sondern auch von Netzwerkarbeit und gesellschaftlicher Auseinandersetzung bearbeitet werden können (das Persönliche ist politisch).

Was ist dir (mit) gelungen, worauf bist du (zusammen mit anderen) vielleicht auch stolz?
Der Aufbau der Fachberatungsstelle basis-praevent und das Durchhaltevermögen von meinem Kollegen und mir bei unsicherer Finanzierung und bei gleichzeitig immer größerer Nachfrage hat uns bestärkt, weiterzumachen und die Beratungsstelle und uns selbst ständig weiterzuentwickeln (auch wenn die Beratung erwachsener betroffener Männer* auch nach 13 Jahren, Stand 2023, immer noch nicht finanziell gesichert ist).

Mit welchen Institutionen und Personen warst du gerne beruflich oder privat verbunden oder bist es noch?
Zuallererst möchte ich meinen Mann nennen, der mich immer bestärkt hat, die beruflichen Herausforderungen anzunehmen, und der sich immer für eine kritische Reflexion meines eigenen Tuns und Handelns zur Verfügung gestellt hat.
Im beruflichen Kontext waren und sind dies insbesondere die Menschen, die sich kritisch mit Männ*lichkeiten und Geschlechterfragen auseinandersetzen wollten/wollen, die über den Tellerrand gucken und – über die alltägliche Arbeit hinaus – Themen wie z.B. »Menschen mit Flucht oder Rassismuserfahrungen« oder »Intersektionalität« mitdenken.
Eine besondere Qualität hatte und hat die Zusammenarbeit mit meinem Kollegen Clemens Fobian, mit dem ich 2010 gestartet bin, das Konzept einer Beratungsstelle für männ*liche Betroffene sexualisierter Gewalt umzusetzen und weiterzuentwickeln. Über 13 Jahre in dieser Zweierkonstellation vertrauensvoll zusammenzuarbeiten, Standards weiterzuentwickeln und dabei immer wieder Ideen für Veränderung Raum zu geben, hat für mich einen besonderen Wert.

Was hat die Männer/* ausgemacht, mit denen du gerne zusammengearbeitet oder Zeit verbracht hast?
Lust auf eigene und gesellschaftliche Veränderungen.

Wo siehst du Brüche in deinen beruflichen oder freundschaftlichen Beziehungen? Wodurch wurden diese verursacht?
Ich bin mir unsicher, ob ich das Wort »Bruch« benutzen würde, aber ein wichtiger und nachhaltiger Einschnitt war mein eigenes Coming Out, was sich sowohl auf privater als auch beruflicher Ebene ausgewirkt hat, und dabei das Glück zu haben, dieses in einer fast 40-jährigen Partnerschaft mit meinem Mann auf vielen Ebenen gemeinsam zu bewältigen; dazu gehört auch der Weg vom Dorf in die Großstadt, die Auseinandersetzung in der Schwulenszene in den 1980er Jahren mit AIDS und damit auch mit dem Tod von Freunden.

Wo liegen für dich die hartnäckigsten Widerstände gegen dein Verständnis vom Umgang mit Jungen- und Männerthemen?
Im Widerstand von Teilen der Gesellschaft, aber auch einzelner Individuen, stereotype Rollenbilder und -klischees in Frage zu stellen, andere sexuelle Orientierungen und Geschlechtsidentitäten anzuerkennen, so also etwa in der Queerfeindlichkeit oder in aggressiven Genderdebatten. Diese Widerstände machen es jeder neuen Generation von Kindern schwer, sich ausprobieren zu können und ihre jeweils eigene Identität so zu entwickeln, dass sie nicht Abwertung und Ausgrenzung erleben, dass sie nicht unter dem Korsett gesellschaftlicher Erwartungen leiden, sondern sich zu selbständigen und selbstbewussten Menschen entwickeln können. In Bezug auf sexualisierte Gewalt sehe ich hier auch eine präventive Chance, weil ein solches gesellschaftlich verändertes Bewusstsein (in meiner Vorstellung) dazu führen würde, dass diese veränderte Gesellschaft weniger Täter*innen als auch Betroffene »produzieren« würde (mehr Verhältnisprävention statt Verhaltensprävention).

Was treibt dich – trotz manchmal widriger Umstände – weiter in deiner Arbeit an?
Mit anderen zu erkennen, welch positiver Gewinn es ist, sich mit Männ*lichkeiten auseinanderzusetzen und somit einerseits sich der Unterdrückung von Mädchen*/Frauen* und LGBTI+ Personen zu widersetzen und andererseits als Mann* zu erkennen, welcher Gewinn es ist, aus diesem engen Rollenkorsett der Männ*lichkeiten rauszuschlüpfen und für sich eigene Wege zu entdecken.
Auch viele Männer* sind Verlierer patriarchaler Strukturen, so ist z.B. die Suizid-Rate bei Männern* sehr hoch oder auch haben viele Jungen* und Männer* aufgrund von eigenen oder zugeschriebenen Rollenbildern Probleme, Hilfen in Anspruch zu nehmen.
Mich ermutigt immer wieder, wieviel Wertschätzung wir von Menschen bekommen, weil sie sich endlich gesehen und anerkannt fühlen, und wie viele Impulse wir gerade unter dem Ansatz der parteilichen Arbeit setzen können.

Welches Projekt würdest du gerne noch umsetzen, wenn du die Möglichkeiten dazu hättest? Und was möchtest du gegen Ende deines Lebens erreicht haben?
Diese Frage beantworte ich mir vielleicht, wenn ich im September 2024 mein Renteneintrittsalter erreicht habe.

Eine nicht gestellte Frage, die du aber dennoch gerne beantworten möchtest?
Zu Beginn meines Studiums 1979 hatte ich das Gefühl, dass die Gesellschaft im Auf- und Umbruch ist (gerade nach dem Mief und der Verdrängung der Nachkriegszeit). Es gab die großen Emanzipationsbewegungen und ich dachte, es gibt kein Zurück mehr. Jetzt erleben wir auf vielen Ebenen ein Rollback: immer mehr rechtes Gedankengut auch in der Mitte der Gesellschaft, Verschwörungsdenken, Spaltung der Gesellschaft, Queerfeindlichkeit, dass schon ein Gendersternchen Menschen aggressiv machen kann, und plötzlich gibt es in Buchhandlungen wieder verstärkt Aufteilungen nach rosa Mädchenbüchern und blauen Jungenbüchern … Die nicht gestellte Frage wäre also: Warum ist das so? Sehen die Menschen nicht die Vorteile einer offeneren Gesellschaft? Die Antwort überlasse ich aber anderen!

 

 
 
 
 
 
:: Rainer Ulfers, Jg. 1958, Dipl.-Sozialpädagoge und Trauma-Fachberater, wohnt in Hamburg und ist seit 1993 tätig bei basis & woge e.V.

Beratungsarbeit mit männlichen Tätern und Opfern häuslicher Gewalt

Die AWO in Nordhessen bietet eine unbefristete Stelle für präventive und intervenierende Täter*innenarbeit sowie allgemeine Männer- und Väterberatung

Nein steht auf einer Hand

Text: Alexander Bentheim (Redaktion)
Foto: pontchen, photocase.de

 
Der AWO Kreisverband Werra-Meißner e.V. in Nordhessen sucht ab Januar 2024 eine*n pädagogischen Mitarbeiter*in für die langjährig etablierte Männer- und Täterberatung. Die Stelle beinhaltet präventive und intervenierende Täter*innenarbeit im Sinne der Istanbul-Konvention (Art. 16) sowie allgemeine Männer- und Väterberatung. Umfassende Informationen zur Stelle und zum Arbeitsbereich finden sich in der Stellenbeschreibung und auf der Homepage. Inhaltliche Fragen beantwortet gerne auch der jetzige Stelleninhaber Ralf Ruhl: ralf.ruhl@awo-werra-meissner.de. Die Bewerbungsfrist endet am 15.11.2023.