Einmal durch den Kopf von Karl Ove Knausgård spazieren

Heute will alles fokussiert sein. Auf den Punkt gebracht, effektiv und zeitersparend. Um so besser, wenn man sich mal wieder verliert. Wohin auch immer.

Text: Frank Keil
Foto: ausdemweltall, photocase.de

 
Männerbuch der Woche, 2te KW. – »Im Augenblick« des norwegischen Romanciers Karl Ove Knausgård erweist sich als ein vergnüglich-praller Band mit Reportagen, Essays und Vorlesungen.

Zur Rezension

Stiller Dialog

Begegnung im Essener Folkwang Museum

Text und Foto: Alexander Bentheim
Reihe »Bilder und ihre Geschichte«


»Dancing with myself« hieß die Sammelausstellung zahlreicher Künstler*innen, die wir im Dezember 2016 im Essener Folkwang Museum besuchten. Der Titel der Ausstellung war vielschichtig und ambitioniert, weil nicht unmittelbar zugänglich, insbesondere, als wir am Bild »Ohne Titel (Alpino 1976)« des Meraner Malers Rudolf Stingel vorbeikamen. »Tanzen mit mir selbst«: ein eigenes Statement, ein Auftragsthema, eine Aufforderung an das Publikum? Und es hing dort kein Fotografie, sondern ein hyperrealistisches Gemälde, auf der Grundlage eines Militär-Ausweisfotos, aufgenommen, als Stingel 20 Jahre alt war. »Die Kontraste der Schwarz-Weiß-Fotografie, die Verschmutzungen des Stempels, die Gebrauchsspuren, die Heftklammerlöcher und die Falten sind mit beunruhigender Genauigkeit auf einer großen Leinwand reproduziert«, heißt es erläuternd zum Werk.
Wir blieben bei der Aufforderung. Was der Künstler einem sagen will, wie man so sagt und manchmal fragt, rückte bald in den Hintergrund (er war nicht anwesend, warum also spekulieren) – vielmehr trieb uns um: geschlossene Augen oder nur gesenkter Blick? Ein mehr beiläufiger Schnappschuss in einem offiziellen italienischen Dokument ist schwer vorstellbar. So sieht auch kein »Vaterlandsstolz« aus, eher eine unangenehme Stimmung und Situation, die Stingel in diesem Moment an sich vorbeiziehen lässt.
Was also sehen wir? Und die Gedanken tanzen bei und mit uns selbst, bringen Bewegung in unsere pazifistische Grundhaltung. Hier zeigt sich ein in sich zurückgezogener junger Mann in Uniform, vielleicht ist er unsicher oder deprimiert oder beschämt, vielleicht will er gar nicht fotografiert werden. Es sind die sich abwendenden Augen, die unsere inneren Dialoge über Militär und Männlichkeit ins Bewusstsein holen.

Das sitzt!

Neulich im Kunstmuseum – realistisch, gruselig, jugendlich.

Ron Mueck - Plastik Hockender Junge

Text und Foto: Frank Keil
Reihe »Bilder und ihre Geschichte«



»Ey Digga, Kunst ist echt nicht nice«, das mögen sie gedacht, sich einander zugeflüstert haben, die Jugendlichen, wie sie sich in Klassenstärke an einem Vormittag demonstrativ gelangweilt durch die Räume des ARoS schleppten, dem legendären Kunstmuseum im dänischen Aarhus. Doch dann war plötzlich Stille. War Aufmerksamkeit, war Ergriffenheit: als sie im abgedunkelten Untergeschoss vor der Skulptur »Boy« von Ron Mueck standen. Einer wie sie hockte vor ihnen, nur in riesengroß. Verletzlich, seltsam, dabei naturgetreu, irgendwie auch gruselig, schwer zu verstehen. Und sie zückten ihre Handys.
Mueck, Jahrgang 1958, hat lange fürs britische Kinderfernsehen gearbeitet, für die Sesamstraße, für die Muppet-Show; später gründete er eine Werbeagentur. Bis er genug vom kommerziellen Arbeiten hatte und es ihn zur Kunst zog, wo er zum Glück blieb. Hierzulande wurde er bekannt durch seine Skulptur »Dead Dad«, die lange im Landesmuseum Hannover zu sehen war: sein toter Vater lag vor einem, geschaffen aus Silikon und Fiberglas; kleiner, als er je als Vater war.



Mehr Bilder aus der Reihe »Bilder und ihre Geschichte« gibt’s im Archiv.

Zeit und Vertrauen tief fühlen

(…)

Mann mit offenen Armen vor Sonnenaufgang

Text: Martin Verlinden
Foto: Peggy Anke, pexels.com
Schwerpunkt »Endlichkeiten«


Rucksack der Pflichten ablegen, einfach dran vorbeigehen.

Mich den Momenten hingeben, befreit von »unabdingbaren Wünschen und Hoffnungen«.

Momente öffnen in Freiheit. Verweilen, wo ich willkommen bin und jederzeit gehen kann!

Zeitlos wachsen und spüren, wie tief am Nichts alles möglich –
ohne Zerren um eigene und anderer Wünsche.

So knüpf‘ ich Ketten von »JA‘s« in die eigene Seele und entspanne. So lieb ich mit starkem »JA«, das sich mein Gegenüber nicht erst verdienen muss.

Ein unbedingtes »JA«: mutig, entledigt der Ansprüche, selbstbewusst und klar, unabhängig vom Auf und Ab steifer Lebensumstände.
Vertrauend auf alles, was ich bewirken und spüren kann.

Ein so umfassendes, tägliches »JA«, wortlos gegeben,
enthält auch Zeiten erfüllenden Alleinseins –
wissend, dass alles möglich bleibt und enden darf.

Momente in Leichtfüßigkeit

Das Leben kann uns oft an unsere Grenzen führen und unsere Endlichkeit demonstrieren. Wenn wir dem Anspruch auf ewig Beständiges und dem Wunsch nach vertrauter Gleichförmigkeit widerstehen, schreckt uns die Endlichkeit von Momenten, Etappen oder Lebensphasen weniger.

Text: Martin Verlinden
Foto: Alexander Bentheim
Schwerpunkt »Endlichkeiten«


Hunger verzerrt deinen sichernden Geschmack.
Fassade weckt statt Verstehen nur kurzen Appetit.
Suchen überlagert genügsames Glück.

Nicht-Müssen gebärt moralische Freiheit. Den zarten Moment des flüchtigen Zufalls gewähren lassen, lockt zum Glücklichsein mit leichtem Nichts.

Begriffe verschleiern dein klares Erleben.
Anziehung geht Worten voraus – tief in uns und leis.
Abscheu bannt kein wohlgeformter Satz.

Worte verführen schnell den, der wankt.

Verstehen kann nur, wer Stille in sich wachsen lässt.
Sätze sind Schatten, verfliegen wie Nebel vor der Sonne in uns.

Momente des flüchtigen Zufalls gewähren lassen, lockt zum Glücklichsein mit leichtem Nichts und mit ihrem Enden.

Endlichkeit, 5

(…)

leeres Zimmer mit Bett und Stuhl

Text: Ralf Ruhl
Foto: Wendelin Jacober, pexels.com
Schwerpunkt »Endlichkeiten«


Eine Schicht Zeit
Noch unverklärt
Auf den Regalen und
Dem Ohrensessel

Die Zimmer nur Zimmer
Unnötig, auf Befehle
Und Erwartungen zu horchen

Der Rasenmäher arbeitet
Mulch auf, freiwillig,
legt zwischen Frühlingsblumen
eine Schicht Zeit

Endlichkeit, 4

(…)

gebundene Briefe und ein Foto

Text: Ralf Ruhl
Foto: Suzy Hazelwood, pexels.com
Schwerpunkt »Endlichkeiten«


Sterbeurkunde Vater
Sterbeurkunde Mutter
Heiratsurkunde Eltern
Geburtsurkunde Tochter
Geburtsurkunde Sohn
Scheidungsurkunde
Testament
Eröffnungsprotokoll des Nachlassgerichts
Vollmacht Vermögenssorge
Erbschaftssteuer
Grundbuchauszug
Erbschein
Rechnung

Endlichkeit, 3

(…)

alter Mann in Sonne und Schatten sitzt sich auf

Text: Ralf Ruhl
Foto: gregor, photocase.de
Schwerpunkt »Endlichkeiten«


Nur noch Ruhe
Lauschen auf das Zittern
Der rissig kühlen Hand
Die Welle, stockend
Und wässrig durch die Lunge

Ein Blick ohne zu sehen
Ein Blick ohne Hadern

Und der lange Ton
Der silbergrauen Maschine

Endlichkeit, 2

(…)

ein Mensch an einem See im Nebel in Regenjacke

Text: Ralf Ruhl
Foto: Gagaz Adam, pexels.com
Schwerpunkt »Endlichkeiten«


Im frühen Tau verschwindet
Der Morgengesang der Vögel

Wie kühlendes Tuch verhüllt
Der Tag meine letzte Gestalt

Die Mauer, einst mächtig und kalt,
Versandet in durchscheinender Seide

Nur noch ein Schritt

»Love me gender«

Eine persönliche Momentaufnahme

junger Mann mit Gitarre

Text: Marc Melcher
Foto: Pavel Danilyuk, pexels.com
Schwerpunkt »Endlichkeiten«


Diesen Song habe ich während meiner Weiterbildung zum Genderpädagogen beim Bayrischen Jugendring in Gauting 2007 geschrieben. Zwischen intensiven Gesprächen, Perspektivwechseln und kollektiven Aha-Momenten entstand der Text – wie ein Echo auf das, was da zwischen uns in der Gruppe passierte. Ich habe mich erinnert: an das Ringen um Begriffe, an das Loslassen alter Muster, an das Wachsen in Vielfalt.
Damals lief viel Blumfeld in meinen Kopfhörern – die »Hamburger Schule« hat meinen Blick auf‘s Schreiben und Fühlen geprägt. Diese Mischung aus poetischer Klarheit und emotionaler Wucht hat mich inspiriert, mich selbst in Sprache aufzulösen.
Jetzt, Jahre später, fühlt es sich richtig an, diesen Text zu teilen. Vielleicht, weil das Thema aktueller ist denn je. Vielleicht, weil ich heute klarer sehe, was damals schon angelegt war: ein Song zwischen Denken und Fühlen, zwischen Konstruktion und Sehnsucht. – Hier ist er:

[#1]
Teil eines Ganzen
dazu verdammt, dich zu lösen
von Ideologien & Verstand
von Mustern & Rollen
von der Realität ins Niemandsland

[Refrain]
Love me gender, hier und jetzt
immer wieder
ins Unendliche vernetzt

[#2]
den Sinn der Vielfalt zu verstehen
das Ganze zu begreifen
ohne Ende zu sehen

[Refrain]
Love me gender, hier und jetzt
immer wieder
ins Unendliche vernetzt

[Bridge]
die Komplexität des Wahnsinns trifft mich wie ein Pfeil
am Ende zieht gar nichts – nur jemand schreit
die Geschlechter vereint und trotzdem verloren
wie es scheint

[Refrain / Outro]
Love me gender, hier und jetzt
immer wieder
ins Unendliche vernetzt
Love me gender…
immer wieder…
ins Unendliche vernetzt…