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Lob des Schweißes

»Miesten vuoro« – ein mehr als sehenswerter Film über finnische Saunen, schwitzende Männer, Erzählungen aus dem Leben und den Trost, den es manchmal braucht.

Eine Hütte vor weitem Horizont

Frank Keil

Finnland ist nicht nur das Land des Tangos, damit der Melancholie und der schweigsamen Männer: Finnland ist auch das Land der Sauna. Der Dokumentarfilm »Miesten vuoro« (dt. »Was Männer sonst nicht zeigen«) erzählt von finnischen Saunen und finnischen Männern und was passiert, wenn sich finnische Männer in finnische Saunen setzen und dort schnörkellos aus ihrem Leben erzählen. Ein Film, der nicht zuletzt auch ein Statement gegen das hektisch-aufdringliche Durcheinanderreden ist, ob bei Facebook, Twitter oder Whatsapp. Denn hier wird noch gesprochen. Persönlich. Wort für Wort. Von Mann zu Mann, sozusagen. (Foto © temperclayfilm)

Zur Filmbetrachung nebst Publikumsgespräch mit Regisseur Mika Hotakainen

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Vaterschaft als Zeitenwende

Zweiteilige Doku von Tanja Reinhard und Jörg Laaks über »Väter – die neuen Helden« am 11.1. und 18.1. im WDR-Fernsehen.

Ein Koch bei der Arbeit

Alexander Bentheim (Redaktion)

Still, aber spürbar lösen die neuen Väter eine Revolution in unserer Gesellschaft aus. Über allem steht eine große Sehnsucht der Väter nach Zeit mit dem Kind. Sie wollen für sich etwas anderes als ihre Väter. Für sie ist die Vaterschaft eine Zeitenwende. Sie würden gerne weniger arbeiten und sind bereit, weniger zu verdienen oder sogar vorübergehend auf die Karriere zu verzichten.

Patrick Krings ist 26 und wird in wenigen Wochen Vater. Seine volle Stelle wird er aufgeben. Er und seine Frau wollen beide genug Zeit für ihr Kind haben. Marcel Schiefer (oben im Bild) ist einer der jüngsten Sterneköche in Deutschland und seit zwei Jahren Vater. Der Düsseldorfer sieht seinen Sohn so gut wie gar nicht, so anspruchsvoll ist es, das Sterne-Restaurant in Düsseldorf zu führen. Muss das alles wirklich sein? Er wird seinen Michelin-Stern abgeben, um mehr Zeit mit seinem Sohn verbringen zu können. Thomas Martha ist Vater einer anderthalbjährigen Tochter und zuständig für Frühstück und zur-Kita-bringen. Seine Tochter ist in der Kita auf dem unternehmenseigenen Campus untergebracht. Und sein Arbeitgeber schafft gerade die Präsenzkultur ab. Wenn er wollte, könnte Thomas Martha die Hälfte der Woche von zuhause arbeiten – ein Idealzustand für den jungen Familienvater.

Neue Aufgaben, neue Herausforderungen, und damit auch neue Rollen: Für heutige Väter ist vieles im Umbruch. Arbeit, Familie und Freizeit sinnvoll miteinander zu verbinden ist ein Balanceakt, es braucht Unterstützung vom Arbeitgeber, von der Politik und im privaten Umfeld. Was ist noch eine klassische Mutteraufgabe? Und was macht Vaterschaft eigentlich mit dem Männerbild? Auch auf dem Arbeitsmarkt bahnt sich eine Zeitenwende an: Einige Unternehmen haben bereits verstanden, dass sie die besten Mitarbeiter nur halten können, wenn sie ihnen auch Angebote für ein familienfreundliches Arbeiten machen. Unternehmen wie Vodafone oder Ergo holen sich Unterstützung durch den Hamburger Unternehmensberater Volker Baisch: Er zeigt Unternehmen, wie sie familienfreundlicher werden können – denn der Wettbewerb um die Väter hat längst begonnen. (Quelle: Sophie Schulenburg, WDR | Foto: Dieter Jacobi © WDR)

Sendungen: Montag, 11.01.16 und 18.01.16, jeweils 22.10h, WDR-Fernsehen, Reihe »Hier und Heute« (30 Min.). Wiederholung jeweils am folgenden Dienstag um 9.45h.

In der Mediathek abrufbar bis Januar 2017: Teil 1 und Teil 2.

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»Keiner von euch Spacken wird an mir rumoperieren!«

Viviane Andereggen‘s Kinofilm »Simon sagt auf Wiedersehen zu seiner Vorhaut« spielt mit dem Schauer des Akts der Beschneidung.

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Frank Keil

Es gibt Themen, die ploppen plötzlich auf und entfachen aus dem Stand eine wuchtige Debatte – und Jahre später reibt man sich verwundert die Augen, ob der Heftigkeit, an die man sich noch vage erinnert. So war das mit dem Thema »Beschneidung«, das im Jahr 2012 plötzlich die Zeitungsseiten füllte und für turbulente Talkshow-Einlagen sorgte.
Und so ist »Simon sagt auf Wiedersehen zu seiner Vorhaut« denn auch zunächst ein durchaus humorvoller Beitrag auf der Folie der Beschneidungsdebatte (und ein Spielfilm ist kein Dokumentarfilm, sondern wird getragen von ausgedachten Charakteren und konstruierten Begegnungen, die aus verständlichen Gründen nicht unserer Alltagslogik folgen müssen), allerdings stellt sich auf die Dauer der Strecke eine gewisse Abnutzung ein und man schaut immer unbeteiligter den inszenierten Irrungen und Wirrungen zu, in denen sich die Protagonisten verheddern. (Foto © element e filmproduktion gmbh)

Zur Rezension
Zum Trailer

Der Film wurde am 19.11.15 im Sender N3 ausgestrahlt; er ist in der dortigen Mediathek noch bis zum 27.12.15 zu sehen, aus Jugendschutzgründen von 20 Uhr bis 6 Uhr. Der Kinostart folgt.

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Ein Berg von einem Mann

Mit »Virgin Mountain« kommt ein wunderbarer Film aus Island in unsere Kinos, der einen Koloss von Mann ganz zart werden lässt.

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Frank Keil

Dicke Männer haben keine Lobby. Man bemitleidet sie, man macht Scherze über sie, man hat wirklich ein Verständnis dafür, dass sie es im Leben nicht leicht haben. Und Fúsi ist dick, sehr dick. Er passt eigentlich kaum in den schmalen Transporter, mit dem er auf dem Flughafen von Reykjavik die Koffer und Taschen aus der Abflughalle zum Flugzeug oder vom Flugzeug zurück in die Ankunftshalle bugsiert.

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Was muss man noch über ihn wissen? Er ist vierzig Jahre alt, und er wohnt noch bei seiner Mutter. Er ist auf die eigene schüchterne Weise mit einem kleinen Mädchen in seinem Wohnblock befreundet – was die umherwohnenden Erwachsenen sehr seltsam berührt. Er geht jeden Freitag beim Thailänder essen (immer das selbe), noch dazu hat er ein besonderes Hobby: Er stellt Schlachten des Zweiten Weltkrieges mit Hilfe kleiner Figuren und Modellen von Panzern, Haubitzen und Militär-Lkws nach. Aktuell ist er sehr mit der Schlacht bei Al Alamein beschäftigt – als im Spätherbst 1942 die Panzerverbände Rommels auf die Panzerverbände der 8. Britischen Armee stießen und sich die Wende des Zweiten Weltkrieges abzeichnete.

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Und sonst? Sonst geht Fúsi stoisch seiner Arbeit nach, isst in den Pausen die Brote, die ihm seine Mutter morgens geschmiert hat so wie er auch geduldig die Hänseleien seiner Kollegen erträgt, die es einfach nicht fassen können, dass Fúsi noch nie Sex mit einer Frau gehabt haben könnte.

Doch alles ändert sich, als seine Mutter und deren seltsamer Liebhaber ihm zum Geburtstag einen Tanzkurs schenken. Einen Tanzkurs? Da will Fúsi nicht hin. Denn was soll er da? Etwa tanzen? Bis er um der lieben Ruhe Willen doch an einem Abend ins Auto steigt (und Fúsi fährt bei seiner Körpergröße keinen Kleinwagen!) und einmal zum Kurs fährt. Und dort die scheinbar lebenslustige Sjöfn kennenlernt (ja, Sjöfn, in der nordischen Mythologie die Göttin der Liebe). Und Fúsis Leben bekommt einen ganz eigenen Drive – und ein wunderbarer Film über Einsamkeit und Liebe, über Freundschaft und seelische Abgründe entspinnt sich.

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»Fusí« wird grandios gespielt von Gunnar Jónsson. Ihn entdeckte der isländische Regisseur Dagur Kári, als Jónsson vor Jahren einen kurzen Auftritt im isländischen Fernsehen hatte und dabei einen Komiker gab. Jahre später und nach der Realsierung verschiedener Filmprojekte setzte er sich eines Abends hin und schrieb ein Drehbuch – nur und allein für Gunnar Jónsson. Und er legte eines fest: Entweder spielt Jónsson die ihm zugedachte Rolle oder das Drehbuch und damit das Filmprojekt verschwinden für immer in irgendeiner Schublade.
Das Drehbuch erreichte Jónsson dann per eMail, als dieser als Koch auf einem Containerschiff unterwegs war. Er nahm sich einen Tag Zeit, über die ganze Sache nachzudenken. Und gab dann sein »Okay«. Dagur Kári erzählt noch folgendes: »Gunnar sagte kurz vor dem Dreharbeiten zu mir: `Ich weiß ja nicht, wie man schauspielert, als schreie mich an, wenn ich irgendwas falsch mache.´ Ich habe ihn nicht einmal anschreien müssen, und mittlerweile sind wir gute Freunde.«

»Virgin Mountain« – so der internationale Titel der isländischen Originalfassung »Fúsi« – erhielt bei den diesjährigen Nordischen Filmtagen in Lübeck den Publikumspreis. Dieser Tage ist er in unseren Kinos gestartet. Ein Tipp: Wenn möglich, sollte man sich die isländische Fassung mit deutschen Untertiteln schauen. Denn der Sound der isländischen Sprache lässt Fúsis wortkarge Rede noch eindrücklicher erklingen, und viel lesen muss man ohnehin nicht. (Fotos © Alamode/FilmAgentinnen)

Und wer noch nicht überzeugt ist, hier geht es zum Trailer.