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Puppen sehen uns an

Die Hamburger Fotografin Julia Steinigeweg zeigt im Rahmen der Ausstellung »Gute Aussichten – junge deutsche Fotografie« ihre bemerkenswerte Arbeit »Ein verwirrendes Potential«.

Zwei Hände liegen auf dem Bauch einer Puppe

Frank Keil

Julia Steinigewege hat für ihre Abschlussarbeit an der Hamburger Hochschule für Angewandte Wissenschaften Puppen fotografiert, die mit Menschen zusammen leben. Und sie hat die folglich dazugehörigen Menschen abgelichtet. »Ich habe mich gefragt, was ein Mensch benötigt, um Liebe oder ein Gefühl der Liebe zu empfinden«, sagt sie. Dabei gehört es zur Ausgangslage ihres fotografisch forschenden Projektes, dass diese Art des Zusammenlebens unter dem Fokus der Liebe und der Beziehung nicht selbstverständlich sein dürfte, im Gegenteil: »Die meisten würden behaupten, dass es ein Gegenüber geben muss, auf das man seine Gefühle projezieren kann, und dass es ein Miteinander geben muss, mit dem man arbeiten und mit dem man zusammen wachsen kann.« Sie sagt: »Ich fand die Frage interessant, ob ein Austausch von Gefühlen notwendig ist oder jeder für sich alleine fühlt und liebt und damit losgelöst vom anderen Liebe erfährt«. Kurzum: »Welche Rolle spielt das Gegenüber, das in diesem Fall nur physisch vorhanden ist und nicht psychisch?«. (Foto © Julia Steinigeweg)

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»Ikarus landet«

Ausstellung von Arbeiten des Dresdener Künstlers und Märchenerzählers Frank-Ole Haake in der Fachstelle Jungen- und Männerarbeit

Auschnitt eines Gemäldes von Frank-Ole Haake

Alexander Bentheim (Redaktion)

In Dresden wird derzeit die Ausstellung »Ikaros landet« des Künstlers und Märchenerzählers Frank-Ole Haake vorbereitet, die in der Fachstelle Jungen- und Männerarbeit des Männernetzwerk Dresden e.V. (Schwepnitzer Str. 10, 01097 Dresden, Tel. 0351 7966348) vom 29. September (mit Vernissage um 18 Uhr) bis zum 15. Dezember (mit Finissage um 14.00 Uhr) stattfinden wird.
Frank-Ole Haake, der seit bald 20 Jahren auch auf vielfältige Weise in der Jungen- und Männerarbeit engagiert war (u.a. Männerzentrum im Biotop Kümmelschänke, Anti-Gewalt-Trainings, Einzelfall- und Familienhilfe) freut sich, dass mit der Ausstellung sein Arbeitsansatz – nämlich »wertschätzend, um Wunden und Traumata wissend, visionär, Wurzeln bildend« – eine weitere mediale Aufmerksamkeit erfährt. Zur Ausstellung wird es ein Begleitprogramm geben, mit dem Kindergärten und Schulen die Möglichkeit bekommen, sich an Hand der Arbeiten oder auch mittels der Märchen mit dem Thema Junge- und Mannsein auseinanderzusetzen – neue Geschichten zu Mann-Sein und Männlichkeit, insbesondere in diesen Zeiten, „wo die alten Krieger wieder Morgenluft schnuppern wollen“.
Wer nicht in Dresden dabei sein kann oder vorab schon neugierig auf die Arbeiten von Frank-Ole Haake ist, wird auf einer der vielen künstlerischen Seiten unter www.ole-bildermensch.de fündig – darunter Gemälde, Linoldrucke, Grafiken von Wasserskulpturen, Landschaften, Frottagen, Fotos von einem Garten der Träume – oder lauscht den Märchen und Mythen der Welt, die in »Oles Märchenkoffer« auf seinem YouTube-Kanal zu finden sind.

Weitere Infos zur Ausstellung und zum Begleitprogramm gibt es hier sowie im Flyer zur Ausstellung und auch direkt bei Frank-Ole Haake, Atelier in der Schokofabrik, Hopfgartenstrasse 1a, 01307 Dresden, Tel. 0351 4061455, sound@ole-bildermensch.de. (Foto © Frank-Ole Haake, Ausschnitt eines der Gemälde zum Ikarus-Thema).

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Von Hypermaskulinität bis Feminität

Mandeep Raikhy, Choreograf aus Indien, zeigt differenzierte Männlichkeiten im Tanz – auf dem Hamburger Kampnagel vom 5.-7. November

Alexander Bentheim (Redaktion)

Der renommierte Hamburger Veranstaltungsort für zeitgenössische darstellende Kunst »Kampnagel« präsentiert im Rahmen der »India Week 2015« zum ersten Mal eine Arbeit des indischen Choreografen Mandeep Raikhy, Absolvent des »Laban Dance Centre« in London, Leiter des »Gati Dance Forum« in Neu Delhi und einer der zurzeit interessantesten Protagonisten des zeitgenössischen Tanzes in Indien.
In seinem Stück »A MALE ANT HAS STRAIGHT ANTENNAE« seziert er gängige Vorstellungen von Männlichkeit, die sich im weiten Spektrum von Hypermaskulinität bis hin zu Feminität bewegen. Er widmet sich mit einem Ensemble aus sechs Tänzern und einer Tänzerin der Beschaffenheit des männlichen Körpers. Die Tänzer vergleichen Körperteile als Andeutung auf die klischeehafte männliche Sucht nach Wettbewerb, sie synchronisieren abstrakte Alltagsbewegungen und kreieren offene, humorvolle und zärtliche Situationen – ein Spiegel für das, was ist, und Ideen dafür, was sein könnte (alle Fotos © Soumita Bhattacharya).

Koordinaten: Do 5.11. und Fr. 6.11. und Sa 7.11., Kampnagel Internationale Kulturfabrik GmbH, Jarrestraße 20, 22303 Hamburg, Saal »K1«, jeweils 20 Uhr, Dauer ca. 55 Min., 18 Euro (erm. 10 Euro). Weitere Infos und Ticketreservierungen gibt es hier.
Special: Am Freitag, 6.11., gibt die Tanzkritikerin Gabriele Wittmann vor der Vorstellung um 19 Uhr einen Einblick in die zeitgenössische Tanzszene in Indien. Nach dem Stück findet ein Publikumsgespräch mit Mandeep Raikhy statt.

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Männer, mit denen man einen Abend verbringen möchte

Die unaufdringlichen Portraits von Gilles Soubeyrand

Alexander Bentheim

Nachdenkliche Gesichter, das fällt als erstes auf, wenn man die Männerportraits von Gilles betrachtet – und nicht nur einen kurzen Blick auf sie wirft. Vertieft in sich selbst oder konzentriert auf etwas, mit dem sie in diesem Moment beschäftigt sind. Oder aufmerksam für etwas sind, was außerhalb des Bildes, nicht sichtbar, nicht einmal ahnbar für den Betrachter, gerade zu passieren scheint.
»Ich fotografiere Menschen, keine Kleiderständer. Ich suche natürliche Gesichter mit starker Ausstrahlung«, sagt Gilles im Text seiner SedCard. Und deshalb sehen wir keine Typen, die Überlegenheit verkörpern oder andere ihre Verbitterung spüren lassen – sondern Persönlichkeiten, die authentisch erscheinen, einige fast schüchtern, andere stolz, auch geheimnisvoll, gar weise. Die Spuren des Lebens in ihren Gesichtern so nah betrachten zu können ist ein Glück und liegt nicht zuletzt am Gefühl des Fotografen für den Augenblick.
Gilles portraitiert Männer, mit denen man einen Abend verbringen möchte, bei einem guten Roten, um etwas von ihnen zu erfahren, wie sie die Welt sehen und welchen Rat sie wohl bereit halten würden, fragte man sie nach einem. Ob sie einen geben würden, wissen wir nicht. Aber Gilles kann ich befragen nach seinen Portraits und den Momenten ihrer Entstehung.

Gilles, sind Menschen deine hauptsächlichen Fotomotive?

Ja. Denn Menschen sind so unterschiedlich. Sie sind groß, klein, dick, dünn, haben unterschiedliche Haut- und Haarfarben. Vor allem aber – sie leben. Wenn ich mal vergleiche: Ein Gebäude kann ich mir anschauen. Wenn ich es nochmal sehen möchte, kehre ich dorthin zurück. Durch meine jahrzehntelange Erfahrung in der Fotografie habe ich unbewusst gelernt, Bilder in meinem Kopf zu speichern. Also brauche ich von Gebäuden keine Fotos zu machen.
Dagegen ist das Portrait eines Menschen ein unwiderbringlicher Moment, eine 1/125 Sekunde im Leben eines Menschen. Eine Gesichtsausdruck, ein Augenaufschlag, eine Geste. Das kommt so nie wieder. Ich fotografiere Menschen, weil sie leben.

Wo suchst und findest du die Männer, die du portraitierst?

Ich suche sie nicht, ich finde sie. Ich fotografiere sehr viel auf Jazzkonzerten. Und dies ist nach wie vor eine ziemliche Männerdomäne. Die Portraits sind fast ausschliesslich Live-Momente von Musikern, die mich teilweise schon lange kennen, meine Bilder mögen und Vertrauen zu mir haben. Die spontanen Live-Momente sind für mich viel spannender als arrangierte und gestellte Bilder.
Die meisten Männer, die ich fotografiert habe, sind eher introvertiert. Sie haben es nicht nötig, typisch männliche Merkmale wie Muskeln und Entschlossenheit zur Schau zu stellen. Sie leben aus dem Bauch heraus und haben ein natürliches Selbstbewusstsein. Und genau deshalb werden sie für mich als Fotograf interessant.

Mit welchem Blick schaust du auf Männer, mit welchem auf Frauen – die du ja auch fotografierst? Was ist gleich, was ist anders für dich als Fotograf?

Ein Mann muss Charakter, eine gewisse Weisheit und Intelligenz, kurz: eine Persönlichkeit ausstrahlen, damit er für mich fotografisch interessant wird. Nur ein durchtrainierter Body verbunden mit einem ausdruckslosen Blick reizen mich fotografisch nicht. Übrigens gilt das gleiche im Wesentlichen auch für Frauen. Übertrieben gestylte Frauen in aufreizender Kleidung, aber ohne Ausdruck im Gesicht, lassen mich kalt.
In erster Linie sind sowohl Männer wie Frauen Menschen. Und der jeweilige Mensch als Person muss mich interessieren, bevor ich ihn fotografiere. Dazu reicht bei mir eine ganz kurzer Blick – 1 bis 2 Sekunden – ob dieser Mensch mich interessiert.
Natürlich schaue ich ganz unterschiedlich auf Männer und Frauen. Bei einem Mann achte ich auf das Gesamtbild. Wie bewegt er sich, wie redet er, wie ist seine Mimik und Gestik? Bei einer Frau spielt zusätzlich ein gewisser erotischer Faktor eine Rolle. Hier riskiere ich manchmal einen etwas intensiveren »fotografischen« Blick auf das Gesicht, ohne dieser Frau zu nahe zu treten. Mein Fokus liegt dabei auf den Augen. Der zweite Blick fällt auf die Haare. An diesen beiden Merkmalen bleiben ich dann meist hängen. Wenn bei einer Frau, hier, mein Interesse geweckt ist, dann sind andere körperliche Merkmale wie Oberweite, Taille und Po zweitrangig.

Du fotografierst fast ausschließlich schwarzweiß? Warum?

Meine Originalbilder sind farbig. Beim Bearbeiten der Bilder suche ich geeignete Bilder heraus, die ich dann zusätzlich in Schwarzweiß bearbeite.
Die ganze Welt ist farbig, das Fernsehen ist farbig, die Werbung ist farbig, das Internet ist farbig. Unsere Augen sind von Farben übersättigt, ohne dass wir uns dessen bewusst sind.
Ich bin in einer Zeit aufgewachsen, in der das Fernsehen, die Kinofilme und die Fotos noch schwarzweiß waren. Man hat in seiner Phantasie die Farben hinzugefügt. Die großen Fotografen wie Newton, Lindbergh oder Bresson haben meist schwarzweiß fotografiert.
Schwarzweiße Bilder lenken das Auge auf das Wesentliche, das Auge wird nicht abgelenkt durch eine Farbe, die vom eigentlichen Bildinhalt ablenkt. Durch die Bearbeitung eines Farbbildes in Schwarzweiß verschwinden oft auch störende Elemente im Bildhintergrund oder Farbstiche.
Seit der digitalen Fotografie erfährt die Schwarzweißfotografie eine Art Renaissance. Man hat hier die Möglichkeit, aus einem Farbbild unendlich viele Schwarzweiß-Versionen zu machen. Und aus meiner Erfahrung mit über 100 Shootings kann ich sagen: Ausnahmslos jedes meiner Models war von meinen Schwarzweißbildern begeistert.

Wer oder was inspiriert dich in der Fotografie?

Inspiriert werde ich durch schauen, schauen und nochmal schauen. Jeden Tag durchforste ich ganz entspannt Fotoportale im Internet. Und finde dabei teilweise großartige Bilder anderer Fotografen. Diese Bilder bleiben dann ich meinem Kopf hängen, ohne dass ich sie auf meiner Festplatte speichere. Ich habe auch Bildbände bekannter Fotografen und gehe viel in Fotoausstellungen.
Bei meiner eigenen Fotografie versuche ich nicht, andere Bilder zu kopieren. Das geht schief, ist einfach so. Vielmehr warte ich den richtigen Moment bei einem Shooting ab, an dem ich, ohne darüber nachzudenken, meine eigene Interpretation eines Bildthemas finde.

Möchtest du etwas erreichen mit deinen Bildern? Was?

In erster Linie möchte ich meine Sicht der Welt in meinen Bildern wiedererkennen. Darüber hinaus möchte ich anderen interessierten Menschen meine Sichtweise mitteilen.
Ich möchte mit meinen Bildern nicht reich werden, auch nicht zeigen, was ich foto- und bearbeitungstechnisch »drauf« habe, sondern mir und anderen Menschen Freude machen.

Was macht dich glücklich in der Fotografie?

Einerseits der intensive Kontakt zu den Menschen, die ich fotografiere. Man kommt einem Menschen sonst kaum näher, selbst nicht in einem stundenlangen Gespräch. Zum anderen die Möglichkeiten, nach Herzenslust mit dem Licht spielen zu können und einen Ausschnitt aus seinem Gesichtsfeld festzuhalten.
Und schliesslich und ganz besonders: Ein gelungenes Bild lange anzuschauen, das Gefühl, ein Bild zu betrachten und dabei zu sagen: »Dieses Bild ist so großartig – kann gar nicht sein, dass ICH das gemacht habe«. Das ist so unglaublich, dass man es selbst erleben muss.

Wen würdest du noch gern portraitieren?

Den Dalai Lama. Und wenn sie noch leben würden: Meinen Vater und Willy Brandt. Dann einige hochinteressante männliche und weibliche Models in der Model-Kartei. Und ja, viele interessante Menschen, die ich täglich auf der Straße, in öffentlichen Verkehrsmitteln und in Cafés sehe.

Gilles Soubeyrand, Jg. 1957, lebt und arbeitet in Berlin. Er fotografiert seit über 40 Jahren. Zu finden sind er und seine Bilder unter seinem Model-Kartei-Account gilles und bei Facebook.

Die portraitierten Männer (in der Slideshow von Beginn): Mike Basden, Sopran-Saxophonist aus New York, im Oktober 2013 während einer Session. | Uri Gincel, Jazz-Pianist aus Tel Aviv, während einer Session in Berlin. | Guitar Crusher, Blues-Gitarrist und Sänger, der trotz seiner 84 Jahre noch regelmäßig auftritt; im August 2014 während eines Konzerts im Jazz-Club »A Trane« in Berlin. | Sigi, Ex-Bauunternehmer, Schauspieler, Videofilmer, Lebenskünstler, am Rande einer Foto-Version des Bildes »Susanna im Bade« des Fotografen Andreas Maria Kahn, Berlin. | Michael Clifton, Schlagzeuger, Comedian und Entertainer aus Denver, ebenfalls seit 1979 in Berlin lebend, während einer Session. | Ludovico Fulci, Pianist und Komponist aus Italien, während eines Konzerts in Berlin. | Kenneth Dahl Knudsen, Kontrabassist aus Dänemark, während eines Outdoor-Shootings. | Kelvin Sholar, Pianist aus Detroit, im »A Trane« Berlin. | Joel Holmes, Jazz-Pianist aus New York, der in Berlin, Kiew und Rom lebt, während einer Jam-Session. | Günter »Baby« Sommer, Schlagzeuger vom »Zentralquartett« und Free-Jazz-Legende aus der DDR, während einer Probe im Mai 2014. | Eric Vaughn, Jazz-Schlagzeuger aus Geogia (USA), der von Gilles bisher meist fotografierte Mann, während einer Jazz-Session in Berlin. | Dwight Thompson, Jazz-Sänger aus den USA, in Berlin lebend, im Dezember 2012 im »A Trane«. | DOWL, Fotograf und Male Model, in natürlichem Fensterlicht in einer Theaterkantine. | Gilles, der Fotograf.