Begegnung im Essener Folkwang Museum
Text und Foto: Alexander Bentheim
Reihe »Bilder und ihre Geschichte«
»Dancing with myself« hieß die Sammelausstellung zahlreicher Künstler*innen, die wir im Dezember 2016 im Essener Folkwang Museum besuchten. Der Titel der Ausstellung war vielschichtig und ambitioniert, weil nicht unmittelbar zugänglich, insbesondere, als wir am Bild »Ohne Titel (Alpino 1976)« des Meraner Malers Rudolf Stingel vorbeikamen. »Tanzen mit mir selbst«: ein eigenes Statement, ein Auftragsthema, eine Aufforderung an das Publikum? Und es hing dort kein Fotografie, sondern ein hyperrealistisches Gemälde, auf der Grundlage eines Militär-Ausweisfotos, aufgenommen, als Stingel 20 Jahre alt war. »Die Kontraste der Schwarz-Weiß-Fotografie, die Verschmutzungen des Stempels, die Gebrauchsspuren, die Heftklammerlöcher und die Falten sind mit beunruhigender Genauigkeit auf einer großen Leinwand reproduziert«, heißt es erläuternd zum Werk.
Wir blieben bei der Aufforderung. Was der Künstler einem sagen will, wie man so sagt und manchmal fragt, rückte bald in den Hintergrund (er war nicht anwesend, warum also spekulieren) – vielmehr trieb uns um: geschlossene Augen oder nur gesenkter Blick? Ein mehr beiläufiger Schnappschuss in einem offiziellen italienischen Dokument ist schwer vorstellbar. So sieht auch kein »Vaterlandsstolz« aus, eher eine unangenehme Stimmung und Situation, die Stingel in diesem Moment an sich vorbeiziehen lässt.
Was also sehen wir? Und die Gedanken tanzen bei und mit uns selbst, bringen Bewegung in unsere pazifistische Grundhaltung. Hier zeigt sich ein in sich zurückgezogener junger Mann in Uniform, vielleicht ist er unsicher oder deprimiert oder beschämt, vielleicht will er gar nicht fotografiert werden. Es sind die sich abwendenden Augen, die unsere inneren Dialoge über Militär und Männlichkeit ins Bewusstsein holen.
