Rolle und Rute

Angler, die stundenlang stumm vor irgend einem stillen Gewässer hocken, werden in unserer heutigen Turbo-Event-Gesellschaft gern verspottet. Jetzt widmet ihnen der Journalist und Schriftsteller Max Scharnigg ein wunderbares Buch.

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Text: Frank Keil
Foto: krockenmitte, photocase.de

Männerbuch der Woche, 32ste KW. – Kaum vorstellbar, dass es eines Tages ein besseres Buch über die Leidenschaft des Angelns geben sollte, als Max Scharnigg’s »Die Stille vor dem Biss – Angeln, eine rätselhafte Passion«. Wobei: rätselhaft? Oh, nein! Wer dieses Buch gelesen hat, der wird verstehen, was so wunderbar einzigartig am Angeln ist. Und noch viel mehr.

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»Beim Griff zum Glas häufig kein Maß«

Neue nationale Studie der Universität Zürich zeigt, dass Alkoholgesetze bei jungen Männern präventiv wirken – aber das reicht nicht.

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Text: Alexander Bentheim (Redaktion nach Quelle IDW)
Foto: lama-photography, photocase.de

Unter jungen Schweizer Männern ist riskantes Trinken relativ weit verbreitet. Gesetzliche Vorschriften – etwa zum Mindestalter für den Ausschank, zu Einschränkungen für den Verkauf oder für die Bewerbung von Alkoholika – wirken bei jungen Konsumenten jedoch durchaus präventiv, wie Wissenschaftler_innen der Universität Zürich anhand einer Befragung von rund 5.700 jungen Schweizer Männern aktuell zeigen.
Von den Befragten, im Durchschnitt 20 Jahre alt, sind jedoch auch knapp die Hälfte Risikotrinker (nach Definition der Wissenschaftler_innen entspricht dies dem Konsum von monatlich mindestens sechs oder mehr alkoholischen Getränke auf einmal) und beinahe ein Drittel von diesen hat zudem Probleme, die sich in einem wiederholten Trinkverhalten mit schädlichen Folgen oder Gefahren äußern. Die in der Schweiz erhobenen hohen Zahlen stimmen lt. Studie überein mit Ergebnissen aus anderen Ländern.

Untersucht wurde der Einfluss der gesetzlich verankerten Präventionsmaßnahmen auf den Alkoholkonsum der Befragten. Die Auswertung ergab, dass in den Kantonen mit mehr Präventionsmaßnahmen weniger Männer risikoreich oder missbräuchlich Alkohol tranken. Auch dieses Resultat deckt sich mit internationalen Studien, die zeigen, dass die Einführung von Alkoholgesetzen zu einer Abnahme des Alkoholkonsums sowie alkoholbedingter Gesundheitsprobleme geführt hat.
Hingegen hatten die Präventionsmaßnahmen keinen Einfluss auf Studienteilnehmer mit einer überdurchschnittlichen Tendenz zum »sensation seeking« oder zu antisozialem Verhalten: Männer, die ungeachtet der Risiken verstärkt nach neuen oder aufregenden Erlebnissen suchen, sind anfälliger für einen Risikokonsum respektive Alkoholprobleme. Dasselbe gilt für Männer mit der Tendenz, die Rechte und Anliegen anderer weitgehend zu missachten.

»Offenbar können mit den bestehenden Präventionsmaßnahmen die Männer mit dem höchsten Risiko nur schwer erreicht werden«, erklärt Simon Foster, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Studie. Ob dafür aber – wie in der Studie oder zumindest in der Pressemitteilung geschlussfolgert wird – allein die »persönliche Veranlagung« verantwortlich ist und es daher »spezieller Präventionsmaßnahmen« bedarf, welche »auf die Früherkennung zielen und auf die Persönlichkeitsprofile der betroffenen Männer zugeschnitten sind«, darf bezweifelt werden. Denn – ebenso wie in vielen anderen Ländern – braucht es vielmehr einen öffentlichen Imagewandel, der die Alkoholkultur auf ein sozial verträgliches Maß zurückfährt, männerspezifisches Trinkverhalten thematisiert – wie etwa das beeindruckende Raser-Projekt des Züricher »Netzwerk Schulische Bubenarbeit« – und exzessives Saufen damit vielleicht letztlich auch langweilig macht.

»Niemand kann es weiter bringen als zu sich selbst«

DLF-Feature von Sophie Gruber am 14. August über Literatur hinter Gittern

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Text: Alexander Bentheim (Redaktion nach Quelle DLF)
Foto: royjackson, photocase.de

Die Langeweile bekämpfen, sich disziplinieren, den eigenen Wortschatz bewahren, etwas tun, was man nie vorher getan hat und danach nie wieder tun wird: Es gibt viele Gründe, warum Andreas, Jens und Benni, ›Langsträfer‹ in der JVA Berlin-Tegel, ausgerechnet im Knast angefangen haben, eine Literaturgruppe zu besuchen. Zu schreiben, einander vorzulesen. Tief im Innern lauert vielleicht sogar die Hoffnung auf literarischen Ruhm. Vorläufig schreiben sie für sich selbst, die Gruppe, die Familie. Für alle, die es interessiert – nur für einen nicht: ihren Therapeuten. Ihr Thema, sagen sie, ist nicht ihre Tat. Ihr Thema ist ihr Alltag im Knast. »Niemand kann es weiter bringen als zu sich selbst«, schreibt Jens. »Ich aber muss, wenn es mir zu fad wird, ich zu sein, notgedrungen ein andrer werden ….« Das Feature gibt den Autoren ein kleines Stück Öffentlichkeit und die Chance, über sich zu erzählen.

Sendung: Freitag, 14.8.15, 20:10h, Deutschlandfunk, Reihe »Das Feature« (50 Min.)

Walter und Fiete

Der fulminante Roman »Im Frühling sterben« von Ralf Rothmann führt zurück in die letzten Kriegsmonate des Zweiten Weltkrieges.

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Text: Frank Keil
Foto: kallejipp, photocase.de

Männerbuch der Woche, 31ste KW. – Ralf Rothmann hat sich für seinen neuen Roman viel Zeit gelassen. Und er hat mal wieder sein ganzes Können in die Waagschale geworfen. Dass er beides getan hat, beschert uns nun einen so tiefgründigen wie existentiellen Stoff, der noch lange nachhallen wird.

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Fußballtrainer entscheiden irrational

Wenn eine Mannschaft unerwartet zurückliegt, treffen Trainer oft falsche Entscheidungen – sagt eine internationale Studie zur Verhaltensökonomik.

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Text: Alexander Bentheim (Redaktion nach Quelle IDW)
Foto: time., photocase.de

»Wir denken immer, Fußballtrainer seien Meister der Taktik. Wenn ihr Team aber hinter Erwartungen zurückliegt, dann fällen sie zuweilen ungünstige Entscheidungen«, so Daniel Schunk, Prof. an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz. Trainer wechseln dann zum Beispiel zu oft offensive Spieler ein, was die Lage noch verschlimmert. Der Wirtschaftswissenschaftler hat zusammen mit Leif Brandes, Prof. an der Warwick Business School in Großbritannien, und Björn Bartling, Prof. an der Universität Zürich, das Verhalten von Trainern und Spielern in 12 Saisons der deutschen Bundesliga und der britischen Premier League untersucht.

Die Wissenschaftler werteten 8.200 Spiele mit insgesamt 22.460 Toren, 42.359 Einwechslungen und 30.694 gelben und roten Karten aus. Die Analyse zeigt, dass Fußballtrainer wesentlich häufiger zu einer offensiveren Strategie übergehen, wenn ihr Team unerwartet zurückliegt. Liegt ein Team beispielsweise 0:1 zurück und ist dies nicht erwartet, dann wechseln sie vermehrt Stürmer gegen Verteidiger ein – mit negativen Konsequenzen: Die Tordifferenz verschlechtert sich um 0,3 Tore pro offensivem Wechsel. Das heißt, dass derartige Wechsel die Anzahl der Gegentore stärker erhöhen als die Anzahl der selbst geschossenen Tore, was sich auch in einer um 0,3 verschlechterten Punktzahl für das Team niederschlägt. Wenn ein Rückstand den Erwartungen von Publikum und Trainer entspricht, zeigen sich solche Effekte nicht. Die Erwartungen an die Teams haben die Wissenschaftler anhand von Sportwetten ermittelt.

Die Analyse ergab außerdem, dass die Schiedsrichter bei einem unerwarteten Rückstand wesentlich mehr Regelverstöße ahnden mussten. »Die Spieler haben während dieser Zeit 14 Prozent mehr gelbe oder rote Karten pro Minute erhalten, das ist ein sehr signifikanter Unterschied«, ergänzt Schunk. Wie die Analyse außerdem ergab, wurden mehr Karten für Tätlichkeiten oder für Meckern angezeigt.

Mit ihrer Studie testeten die Wissenschaftler ein Modell aus der Verhaltensökonomik, einem Forschungsgebiet der Wirtschaftswissenschaften. Das Modell geht davon aus, dass sich Menschen nicht immer rational verhalten, wenn ein Ergebnis hinter ihren Erwartungen zurückbleibt. »Genau dies sehen wir bei Fußballteams, wenn sie als Favoriten ins Spiel gehen«, sagt Leif Brandes. »Spieler und Trainer erhalten große Summen, um jede Woche vor einem riesigen Publikum zu spielen. Wie wir sehen, kann das psychischen Stress verursachen und irrationales Verhalten auslösen, indem ein zu großes Risiko eingegangen wird, falls die Erwartungen nicht erfüllt werden.« Die Studie über die beiden Spitzenligen des europäischen Fußballs zeigt, dass derartige Verhaltensweisen nicht nur unter kontrollierten Laborbedingungen, sondern auch im wirklichen Leben vorkommen. Björn Bartling ergänzt: »Das Ausmaß des Effekts ist enorm. Karten wegen Tätlichkeiten nahmen um 85 Prozent zu, wenn das Team unerwartet zurück lag.«

Damit wird einmal mehr die »klassische« Modellannahme der Wirtschaftswissenschaften in Frage gestellt, wonach der Mensch als Homo oeconomicus rein nach Gesichtspunkten der rationalen Nutzenmaximierung agiert.

Ein Strich durch die Lebensrechnung

Richard Wagners Auseinandersetzung mit »Herrn Parkinson«

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Text: Stefan Moes
Foto: busdriverjens, photocase.de

Ein Mann verliert die Kontrolle über seinen Körper. Mit 51 Jahren erkrankt er an Parkinson. Schüttellähmung hieß die Krankheit, bevor sie den Namen des englischen Arztes erhielt, der die Symptome vor 200 Jahren zum ersten Mal systematisch beschrieb. Der vorzeitige Abbau des Botenstoffes Dopamin im Gehirn führt zum Kontrollverlust: Die Muskulatur macht sich selbständig. Gliedmaßen verkrampfen oder zittern, die Gesichtszüge entgleisen … Dieser Bericht schont weder den Autoren, noch die Leser. Und erst recht nicht den erkrankten Leser. Denn Parkinson stört die Ordnung nicht, er übernimmt sie.

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Long Thanh will lachen

ARD-Reportage am 29. August über einen von »Agent Orange« betroffenen vietnamesischen Jungen

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Text: Alexander Bentheim (Redaktion nach Quelle NDR)
Foto: Lukow, photocase.de

Sich zu bewegen fällt ihm schwer, das Atmen auch. Die Muskeln schmerzen und die Knochen. Long Thanh ist kein Greis, sondern 13 Jahre alt. Er ist Opfer eines Krieges, der eigentlich längst zu Ende ist. Sein unsichtbarer Feind: das chemische Entlaubungsmittel »Agent Orange«, das die Amerikaner im Vietnamkrieg massenhaft über dem Dschungel Vietnams versprüht haben. Die Blätter fielen von den Bäumen und das Dioxin blieb, im Boden und Trinkwasser – mit schrecklichen Folgen bis heute.
Dieser Krieg ist 40 Jahre her. Drei Millionen Vietnamesen sind an den Folgen von Agent Orange erkrankt, 150.000 Kinder wurden seit Kriegsende mit schwersten Behinderungen geboren. Jahrelang hat Vietnam um Hilfe gebeten. Die USA haben stets vertröstet, geleugnet, gezweifelt, abgestritten. Bis heute will die amerikanische Regierung keinen direkten Zusammenhang zwischen »Agent Orange« und den behinderten Kindern sehen.

Long Thanh und sein ebenfalls kranker Bruder brauchen Pflege rund um die Uhr. Sie können sich nicht alleine anziehen, nicht selber essen. Sie können auch nicht in die Schule gehen. Beide Kinder sind seit ihrer Geburt schwer behindert. Ihr Vater Tran Nhat Lin war mit dem dioxinhaltigen Agent Orange in Berührung gekommen.
Das Leben der Familie ist nicht einfach, aber auf bewundernswerte Weise bewahren sie ihre Zuversicht. Und trotz seines schweren Schicksals ist Long Thanh neugierig, hat Freunde, will mehr vom Leben, als es ihm momentan bietet.

Aber wie soll das gelingen? Long Thanhs Familie ist arm. Durch die intensive Betreuung der Kinder und den geschwächten Vater kann die Mutter nicht genug Geld verdienen. Oft sind sie sogar auf Reisspenden aus ihrem Dorf angewiesen. Bildung ist Long Thanh bislang verwehrt – obwohl er wissbegierig ist. Als ARD-Reporter Philipp Abresch im Frühjahr 2015 die Familie von Long Thanh auf einer Reise durchs Land porträtiert hat, fanden sich spontan viele Zuschauer, die der Familie helfen wollten. Jetzt reist Philipp Abresch noch einmal in die entlegene ländliche Gegend, in der Long Thanh lebt – und bringt Hoffnung mit.

Sendung: Samstag, 29.8.15, 16:30h, ARD, Reihe »Reportage im Ersten« (30 Min.). Der NDR berichtet ausführlich in einer Multimedia-Doku zu den Hintergründen.

Männer, mit denen man einen Abend verbringen möchte

Die unaufdringlichen Portraits von Gilles Soubeyrand

Text und Interview: Alexander Bentheim
Fotos: Gilles Soubeyrand
Reihe »Bilder und ihre Geschichte« (slideshow by click on pic)

Nachdenkliche Gesichter, das fällt als erstes auf, wenn man die Männerportraits von Gilles betrachtet – und nicht nur einen kurzen Blick auf sie wirft. Vertieft in sich selbst oder konzentriert auf etwas, mit dem sie in diesem Moment beschäftigt sind. Oder aufmerksam für etwas sind, was außerhalb des Bildes, nicht sichtbar, nicht einmal ahnbar für den Betrachter, gerade zu passieren scheint.
»Ich fotografiere Menschen, keine Kleiderständer. Ich suche natürliche Gesichter mit starker Ausstrahlung«, sagt Gilles im Text seiner SedCard. Und deshalb sehen wir keine Typen, die Überlegenheit verkörpern oder andere ihre Verbitterung spüren lassen – sondern Persönlichkeiten, die authentisch erscheinen, einige fast schüchtern, andere stolz, auch geheimnisvoll, gar weise. Die Spuren des Lebens in ihren Gesichtern so nah betrachten zu können ist ein Glück und liegt nicht zuletzt am Gefühl des Fotografen für den Augenblick.
Gilles portraitiert Männer, mit denen man einen Abend verbringen möchte, bei einem guten Roten, um etwas von ihnen zu erfahren, wie sie die Welt sehen und welchen Rat sie wohl bereit halten würden, fragte man sie nach einem. Ob sie einen geben würden, wissen wir nicht. Aber Gilles kann ich befragen nach seinen Portraits und den Momenten ihrer Entstehung.

Gilles, sind Menschen deine hauptsächlichen Fotomotive?
Ja. Denn Menschen sind so unterschiedlich. Sie sind groß, klein, dick, dünn, haben unterschiedliche Haut- und Haarfarben. Vor allem aber – sie leben. Wenn ich mal vergleiche: Ein Gebäude kann ich mir anschauen. Wenn ich es nochmal sehen möchte, kehre ich dorthin zurück. Durch meine jahrzehntelange Erfahrung in der Fotografie habe ich unbewusst gelernt, Bilder in meinem Kopf zu speichern. Also brauche ich von Gebäuden keine Fotos zu machen.
Dagegen ist das Portrait eines Menschen ein unwiderbringlicher Moment, eine 1/125 Sekunde im Leben eines Menschen. Eine Gesichtsausdruck, ein Augenaufschlag, eine Geste. Das kommt so nie wieder. Ich fotografiere Menschen, weil sie leben.

Wo suchst und findest du die Männer, die du portraitierst?
Ich suche sie nicht, ich finde sie. Ich fotografiere sehr viel auf Jazzkonzerten. Und dies ist nach wie vor eine ziemliche Männerdomäne. Die Portraits sind fast ausschliesslich Live-Momente von Musikern, die mich teilweise schon lange kennen, meine Bilder mögen und Vertrauen zu mir haben. Die spontanen Live-Momente sind für mich viel spannender als arrangierte und gestellte Bilder.
Die meisten Männer, die ich fotografiert habe, sind eher introvertiert. Sie haben es nicht nötig, typisch männliche Merkmale wie Muskeln und Entschlossenheit zur Schau zu stellen. Sie leben aus dem Bauch heraus und haben ein natürliches Selbstbewusstsein. Und genau deshalb werden sie für mich als Fotograf interessant.

Mit welchem Blick schaust du auf Männer, mit welchem auf Frauen – die du ja auch fotografierst? Was ist gleich, was ist anders für dich als Fotograf?
Ein Mann muss Charakter, eine gewisse Weisheit und Intelligenz, kurz: eine Persönlichkeit ausstrahlen, damit er für mich fotografisch interessant wird. Nur ein durchtrainierter Body verbunden mit einem ausdruckslosen Blick reizen mich fotografisch nicht. Übrigens gilt das gleiche im Wesentlichen auch für Frauen. Übertrieben gestylte Frauen in aufreizender Kleidung, aber ohne Ausdruck im Gesicht, lassen mich kalt.
In erster Linie sind sowohl Männer wie Frauen Menschen. Und der jeweilige Mensch als Person muss mich interessieren, bevor ich ihn fotografiere. Dazu reicht bei mir eine ganz kurzer Blick – 1 bis 2 Sekunden – ob dieser Mensch mich interessiert.
Natürlich schaue ich ganz unterschiedlich auf Männer und Frauen. Bei einem Mann achte ich auf das Gesamtbild. Wie bewegt er sich, wie redet er, wie ist seine Mimik und Gestik? Bei einer Frau spielt zusätzlich ein gewisser erotischer Faktor eine Rolle. Hier riskiere ich manchmal einen etwas intensiveren »fotografischen« Blick auf das Gesicht, ohne dieser Frau zu nahe zu treten. Mein Fokus liegt dabei auf den Augen. Der zweite Blick fällt auf die Haare. An diesen beiden Merkmalen bleiben ich dann meist hängen. Wenn bei einer Frau, hier, mein Interesse geweckt ist, dann sind andere körperliche Merkmale wie Oberweite, Taille und Po zweitrangig.

Du fotografierst fast ausschließlich schwarzweiß? Warum?
Meine Originalbilder sind farbig. Beim Bearbeiten der Bilder suche ich geeignete Bilder heraus, die ich dann zusätzlich in Schwarzweiß bearbeite.
Die ganze Welt ist farbig, das Fernsehen ist farbig, die Werbung ist farbig, das Internet ist farbig. Unsere Augen sind von Farben übersättigt, ohne dass wir uns dessen bewusst sind.
Ich bin in einer Zeit aufgewachsen, in der das Fernsehen, die Kinofilme und die Fotos noch schwarzweiß waren. Man hat in seiner Phantasie die Farben hinzugefügt. Die großen Fotografen wie Newton, Lindbergh oder Bresson haben meist schwarzweiß fotografiert.
Schwarzweiße Bilder lenken das Auge auf das Wesentliche, das Auge wird nicht abgelenkt durch eine Farbe, die vom eigentlichen Bildinhalt ablenkt. Durch die Bearbeitung eines Farbbildes in Schwarzweiß verschwinden oft auch störende Elemente im Bildhintergrund oder Farbstiche.
Seit der digitalen Fotografie erfährt die Schwarzweißfotografie eine Art Renaissance. Man hat hier die Möglichkeit, aus einem Farbbild unendlich viele Schwarzweiß-Versionen zu machen. Und aus meiner Erfahrung mit über 100 Shootings kann ich sagen: Ausnahmslos jedes meiner Models war von meinen Schwarzweißbildern begeistert.

Wer oder was inspiriert dich in der Fotografie?
Inspiriert werde ich durch schauen, schauen und nochmal schauen. Jeden Tag durchforste ich ganz entspannt Fotoportale im Internet. Und finde dabei teilweise großartige Bilder anderer Fotografen. Diese Bilder bleiben dann ich meinem Kopf hängen, ohne dass ich sie auf meiner Festplatte speichere. Ich habe auch Bildbände bekannter Fotografen und gehe viel in Fotoausstellungen.
Bei meiner eigenen Fotografie versuche ich nicht, andere Bilder zu kopieren. Das geht schief, ist einfach so. Vielmehr warte ich den richtigen Moment bei einem Shooting ab, an dem ich, ohne darüber nachzudenken, meine eigene Interpretation eines Bildthemas finde.

Möchtest du etwas erreichen mit deinen Bildern? Was?
In erster Linie möchte ich meine Sicht der Welt in meinen Bildern wiedererkennen. Darüber hinaus möchte ich anderen interessierten Menschen meine Sichtweise mitteilen.
Ich möchte mit meinen Bildern nicht reich werden, auch nicht zeigen, was ich foto- und bearbeitungstechnisch »drauf« habe, sondern mir und anderen Menschen Freude machen.

Was macht dich glücklich in der Fotografie?
Einerseits der intensive Kontakt zu den Menschen, die ich fotografiere. Man kommt einem Menschen sonst kaum näher, selbst nicht in einem stundenlangen Gespräch. Zum anderen die Möglichkeiten, nach Herzenslust mit dem Licht spielen zu können und einen Ausschnitt aus seinem Gesichtsfeld festzuhalten.
Und schliesslich und ganz besonders: Ein gelungenes Bild lange anzuschauen, das Gefühl, ein Bild zu betrachten und dabei zu sagen: »Dieses Bild ist so großartig – kann gar nicht sein, dass ICH das gemacht habe«. Das ist so unglaublich, dass man es selbst erleben muss.

Wen würdest du noch gern portraitieren?
Den Dalai Lama. Und wenn sie noch leben würden: Meinen Vater und Willy Brandt. Dann einige hochinteressante männliche und weibliche Models in der Model-Kartei. Und ja, viele interessante Menschen, die ich täglich auf der Straße, in öffentlichen Verkehrsmitteln und in Cafés sehe.

Gilles Soubeyrand, Jg. 1957, lebt und arbeitet in Berlin. Er fotografiert seit über 40 Jahren. Zu finden sind er und seine Bilder unter seinem Model-Kartei-Account gilles und bei Facebook.

Die portraitierten Männer (in der Slideshow von Beginn): Mike Basden, Sopran-Saxophonist aus New York, im Oktober 2013 während einer Session. | Uri Gincel, Jazz-Pianist aus Tel Aviv, während einer Session in Berlin. | Guitar Crusher, Blues-Gitarrist und Sänger, der trotz seiner 84 Jahre noch regelmäßig auftritt; im August 2014 während eines Konzerts im Jazz-Club »A Trane« in Berlin. | Sigi, Ex-Bauunternehmer, Schauspieler, Videofilmer, Lebenskünstler, am Rande einer Foto-Version des Bildes »Susanna im Bade« des Fotografen Andreas Maria Kahn, Berlin. | Michael Clifton, Schlagzeuger, Comedian und Entertainer aus Denver, ebenfalls seit 1979 in Berlin lebend, während einer Session. | Ludovico Fulci, Pianist und Komponist aus Italien, während eines Konzerts in Berlin. | Kenneth Dahl Knudsen, Kontrabassist aus Dänemark, während eines Outdoor-Shootings. | Kelvin Sholar, Pianist aus Detroit, im »A Trane« Berlin. | Joel Holmes, Jazz-Pianist aus New York, der in Berlin, Kiew und Rom lebt, während einer Jam-Session. | Günter »Baby« Sommer, Schlagzeuger vom »Zentralquartett« und Free-Jazz-Legende aus der DDR, während einer Probe im Mai 2014. | Eric Vaughn, Jazz-Schlagzeuger aus Geogia (USA), der von Gilles bisher meist fotografierte Mann, während einer Jazz-Session in Berlin. | Dwight Thompson, Jazz-Sänger aus den USA, in Berlin lebend, im Dezember 2012 im »A Trane«. | DOWL, Fotograf und Male Model, in natürlichem Fensterlicht in einer Theaterkantine. | Gilles, der Fotograf.

Von einer Frau und einem roten Notizbuch

Antoine Laurain versucht mit »Liebe mit zwei Unbekannten« nicht nur das Rätsel von Frauen und ihren Handtaschen zu lüften.

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Text: Frank Keil
Foto: ohneski, photocase.de

Männerbuch der Woche, 30ste KW. – Rätselhaft, geheimnisvoll, aufregend: eine Archäologie der anderen Art ist Antoine Laurains Geschichte um ein rotes Notizbuch und der Versuch, dessen Besitzerin zu finden. Nach den vergangenen »Männerbüchern der Woche« um eine schwierige Kindheit, einen Vater, der sich erschießt, und eine Reise nach Auschwitz – die zugegeben eher nicht vor Freude und guter Laune sprühten – kommt diesmal die ganz alltägliche Liebe zu ihrem Recht.

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Radikalisierung & Militanz als Ausdruck von Männlichkeiten?

Der hessische Fachtag Jungenarbeit fragt am 9. und 10. November 2015 im Haus der Jugend in Frankfurt/M. nach Antworten

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Text: Christian Sieling | Marc Melcher
Foto: inkje, photocase.de

 
Nicht erst durch die Berichte über jene, die sich dem IS in Syrien oder dem Irak anschließen wollen, ist der Blick auf die Radikalisierung männlicher Jugendlicher gelenkt. Radikalisierungsdynamiken unter muslimischen Jungen sind unter pädagogischen Fachkräften schon lange Thema. Und auch in der extremen Rechten spielen Männlichkeitskonstruktionen bei der Ansprache und Radikalisierung junger Männer eine wichtige Rolle, die die Fachdebatte prägen.
Was sind die Ursachen für die damit verbundene Faszination für junge Männer und wie kann man dem pädagogisch begegnen? Wir, die Fachgruppe Jungenarbeit als Veranstalter, erwarten uns vom Fachtag für unsere Arbeit mit Jungen neue Einblicke zum Thema durch Impulse der Referenten (Ahmad Mansour, Olaf Jantz, Helge von Horn), Ideen für die Praxis aus der gemeinsamen Arbeit in den Workshops, Vernetzung und Austausch untereinander. Alle weiteren Infos finden sich im Tagungsflyer.