Dem Wissen um die Endlichkeit, der eigenen, der anderer, das Ende von Möglichkeiten und Lebensabschnitten, haftet auch immer etwas Magisches an.

Text: Guido Wiermann
Foto: Alexander Bentheim
Schwerpunkt »Endlichkeiten«
Ich fahre. Der kühle Wind weht mir um die Nase. Ich genieße das gemächliche Fortkommen, denn ich bin mit dem Bio-Bike unterwegs. So nennt sich seit dem Boom der E-Bikes das ganz einfache Fahrrad. Gefühlt schwebe ich, gleite vor mich hin. Und behalte im besten Falle doch Bodenkontakt. Am liebsten radele ich ohne Ziel, ohne Plan und Termin. Und ohne E-Antrieb. Einfach so. Ich spüre den Moment der Endlosigkeit. Endlos wie die Reifen, die mein Fahrrad tragen und immer und immer wieder ihre Runden drehen. Der Kreis als Symbol des Nichtendendwollenden. Keine Ecken oder Kanten. Kein Wenn und Aber – endlos glücklich.
Es ist Mitte Mai 2025. Als Kind hatte ich mir das Leben in der Zeit dieser Jahreszahl oft als utopisches Zukunftsszenario à la Raumschiff Enterprise vorgestellt. Aber ich erwache am Morgen des 16. Mai in einer relativ normalen Welt. Selbst die Nachrichten, die um 6 Uhr morgens aus dem Radiowecker erklingen, erscheinen mir fast gewöhnlich. Drohnenangriffe in der Ukraine, Bundeswehrstationierung in Litauen, Kämpfe und Tote in Gaza und das Erstarken von rechtsradikalen Kräften und Jugendgruppen in Deutschland. Das Wetter…
Wenn da nur nicht dieser Schwindel wäre. Schon beim Wachwerden, noch im Liegen, bemerke ich ihn. Es dreht sich. Ich drehe mich im Bett. Da es mir sonst gut geht, beruhige ich mich. Spiele kurz mit dem Gedanken, heute zu Hause zu bleiben, beschließe dann aber, es zu probieren. Wenn ich Radfahren kann, bin ich arbeitstauglich, so mein logischer Schluss – Endlichkeit ahnend.
Ich fahre, also radele, vorsichtig los – und es geht. Wer Rad fährt, vergisst sogar körperliche Unzulänglichkeiten. Beim Radfahren komme ich immer in einen Zustand der Entspannung, des Träumens. Wie schon erwähnt, gerne ohne Plan und Ziel.
Leider hat der Fahrer des Audi Q3, der aus der Seitenstraße auf die Einmündung zufährt und meinen Radweg kreuzt, sehr wohl einen Plan und auch einen Termin. Nur leider verschwendet er keinen Gedanken an andere Verkehrsteilnehmer. Und zum Glück fahre ich auch träumend fast immer mit dem 7. Sinn, dem aus der bekannten Sendung der 1970er Jahre. Und zum Glück hat mein Fahrrad, fast neu und wenig benutzt, weil ich für die vielen Tausend Kilometer Arbeitsstrecke sonst das E-Bike nehme, auch schon eine moderne Scheibenbremse. Die greifen sehr gut. Was stand in der Werbung des Anbieters? »Schneller bringt dich nur eine Mauer zum Stehen«. Ich stehe also, etwa 20 Zentimeter vor der metallic schwarzen Fahrertür des Wagens. Dessen Insasse schaut erst einigermaßen verdattert, aber nicht schuldbewusst und gibt dann Gas. Ich kann nach einem tiefen Atemzug weiter radeln – endlich.
Ich bin in den 1970ern auf einem abgelegenen Dorf in Schleswig-Holstein aufgewachsen. Und zu der Zeit gab es dort modernste Vorschulen, denn es gab kaum Kindergärten und irgendwo mussten die Kinder ja hin. Also erfand man die Vorschule. Um dort hinzugelangen, mussten die Kinder sehr früh Radfahren lernen. Das war mein Riesenglück. Auch wenn ich in den Lehrwochen vor Beginn meiner Vorschulzeit handfeste Erfahrungen mit der Schwerkraft machen musste. Das Radelvirus hatte mich gepackt.
Fortan fuhr ich morgens los, holte eine Mitschülerin ab und wir radelten gemeinsam zur Grundschule, also Vorschule. Und mittags zurück nach Hause. An einem Tag auf dem Nachhauseweg aber passierte ein Unglück, bei dem sie unter einen Lkw geriet und verstarb. Für heutige Verkehrsverhältnisse mag das einigermaßen möglich erscheinen. Aber wir waren dort auf einem Dorf mit wenigen Hundert Einwohnern und einer einzigen kleinen Raiffeisenkasse. Von dieser jedoch fuhren ein- bis zweimal täglich Lkws ab. Schicksal? Vielleicht, ich weiß es nicht – Ende.
Nun hatte ich wohl von Natur aus eine gute Resilienz mitbekommen und die ließ mich trotz des schrecklichen Ereignisses weiter am Radfahren festhalten. Zum Glück. Denn viel mehr konnte man dort in der Weite des flachen Landes auch nicht machen. Handballspielen noch, aber das wurde nie meins und das ist eine andere Geschichte. Also setzte ich mich immer nach der Schule auf mein Rad und erkundete die Umgebung. Diese kannte ich natürlich schon in- und auswendig, und doch erschien sie mir immer wieder neu. Je nach eigener Laune und nach Jahreszeit. Raus in die Stapelholmer Endmoränenlandschaft. Runter ins Moor, zwischen den alten Torfgruben und lichten Birkenwäldchen drehte ich meine Runden. Und schon damals philosophierte ich wohl still über die Endlichkeit. Denn meine Eltern hatten mir von den schwierigen Bedingungen des Torfabbaus und der landwirtschaftlichen Erschließung in diesem Gebiet erzählt. Von umkippenden Heuwagen und ertrinkenden Pferden erzählten sie Geschichten aus dem Leben ihrer Kindheit und Jugend. Und von einem Besuch im Landesmuseum Gottorf kannte ich schon die dort ausgestellten Moorleichen. Meine Phantasie war unermesslich angeregt. Ich genoss dabei die strahlende Sonne, den duftenden Wind im Gesicht, das vielstimmige Singen der Vögel, die unterschiedlich quakenden Frösche und die scheinbar endlose Weite des Landes. Und radelte ohne Ziel und Ende vor mich hin …
Mit dem Schulabschluss und dem Beginn der ersten Berufsausbildung war dann spätestens das Ende der sorglosen Kindheit eingeläutet. Zweiter Beruf und Studium. Familiengründung und Kindererziehungszeiten. Eins kam nach dem anderen und es mangelte mir nie an Ideen, die es noch umzusetzen galt. Jede Station für sich trug eine gewisse Endlichkeit in sich und doch ging es immer weiter. Alles wurde zu Ende gebracht und immer wieder gab es einen Anfang. Fürs Radfahren fand ich aber dauernd, mal mehr, mal weniger Zeit. Es blieb ein Kontinuum – dauerhaft.
Während der Zeit der Kindererziehung hatte ich Gelegenheit, mich in die Gestaltung und Programmierung von Onlineauftritten einzuarbeiten. So kam mir der Wechsel vom gedruckten »Switchboard« zum online Männerwege-Portal gerade recht, um damit auch persönlich etwas beitragen zu können. Auch ein Ende mit Neuanfang.
Heute in meinem Büro aber, der technischen Verwaltung an einer großen Gesamtschule, bat mich eine Mutter um Rückruf. Sie liegt im Krankenhaus und sagt mir, sie hätte noch etliche Operationen vor und schon einige hinter sich. Sie schildert mir Ihr Anliegen und ihre Situation. Ich ahne, dass es nicht so gut um sie steht. Sie kann sich nicht um die notwendigen Dinge für ihre drei Kinder an dieser Schule fürs nächste Schuljahr kümmern. Ich sage ihr, dass ich alles Nötige übernehmen werde, damit ihre Kinder Schulbücher ausleihen können. Ich spürte ihre Erleichterung, wünschte alles Gute, legte den Hörer auf und schaute dann lange aus dem Fenster – letztendlich.
Nach getaner Arbeit schwinge ich mich wieder aufs Rad und der Fahrtwind vertreibt mir dabei sämtliche Gedanken an den Stress des Tages, die Ungeduld einiger Eltern und den Lärm der Schülergruppen im Gebäude. Vor mir biegt ein seltsames Gefährt auf den Radweg ein. Ich erkenne ein Liegerad mit drei Rädern. Aus dem Gepäckkorb hinter dem knallroten Fahrersitz ragt ein Gehstock, ganz klassisch aus Holz mit aufwendig geschnitztem Griff. Bevor er Gas gibt, der Elektromotor dieses Gefährts befindet sich offenbar nicht mehr im Originalzustand, kann ich den Fahrer noch als älteren Herrn identifizieren. So kann es also weitergehen, vielmehr -fahren, denke ich. Das ist doch beruhigend, selbst wenn das Laufen mal mühsamer werden sollte – unendlich.
Schürfwunden an Knien, Händen und Ellenbögen. Blutige Lippen, zwei zerschlagene, ehemals wunderschöne Schneidezähne, der einzige Stolz meines Karies geplagten Gebisses, und ein ganz leichter, aber sehr schmerzhafter Kapselriss am Fußgelenk. Ein paar Kleinigkeiten habe ich sicher einfach vergessen in meiner Aufzählung von Verletzungen, die mir im Laufe der Jahrzehnte beim Ausfahren meiner Leidenschaft passiert sind. Und es lag immer eine gewisse Zeit dazwischen, so dass ich nie ans Aufhören dachte – niemals!
Doch ich weiß, dass das auf Dauer nicht stimmen wird …
Dem Wissen um die Endlichkeit, der eigenen, der anderer, das Ende von Möglichkeiten und Lebensabschnitten, haftet auch immer etwas Magisches an. Ich habe nie Hermann Hesses berühmten Satz »Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne« wirklich begriffen. Denn wer einen Anfang hat, weiß zumindest grundsätzlich schon, dass es – und vielleicht auch wie – weiter geht. Der wahre Zauber aber steckt im Ende. Oder wie es Edward Cole (gespielt von Jack Nicholson) in »The Bucket List« auf seine Art auf den Punkt bringt; er spielt in dem Film von 2007 einen todkranken Milliardär, der noch einiges erleben möchte vor seinem Abgang: »Ich muss mich wenigstens nicht mit Reinkarnation rumschlagen«, schließt er für sich, als er ins buddhistische Himalaja reist – Neuanfang.
Ich drehe noch eine kleine Feierabendrunde. Der Wind weht mir um die Nase und das Gefühl von Zuhausesein ist mein Gepäck. Angekommen im Fortfahren. Der Horizont scheinbar unendlich. Endlichkeit – du kannst mich mal!
Ich wünsche allen MännerWege-Mitmacher*innen zum 10. Jahrestag immer genug Kraft und Kreativität zum Schreiben, Setzen, Fotografieren, Rezensieren und stets eine Handbreit Tinte auf dem Füller.
Und allen Leser*innen weiterhin viel Neugier und endlose Freuden beim Lesen und Schauen.
