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Wolken ziehen vorüber

Eine Radio-Nacht über das filmische Werk des finnischen Meisterregisseurs Aki Kaurismäki – von Josef Schnelle und Rita Höhne am 30. April im DLF

Zwei Sessel im Schnee

Alexander Bentheim (Redaktion)

Treffen sich zwei Finnen in einer Bar. »Prost« sagt der eine. Darauf der andere: »Ich bin nicht hergekommen, um zu quatschen.« So wortkarg und sarkastisch ist auch der finnische Filmemacher Aki Kaurismäki. Seit 1980 hat er rund 20 Filme gedreht und es sind die schönsten Autorenfilme der letzten Jahre darunter. In »Le Havre« überraschte er mit einem Bekenntnis zur Weltoffenheit der wohl hässlichsten Hafenstadt der Welt. Oder er porträtiert die chronischen Loser: Arbeitslose, Müllmänner, Verzweifelte, schlechte Musiker, Mörder – und schafft es, mit solchen Hauptfiguren grandiose Melodramen zu drehen, die an Stummfilmklassiker früherer Filmepochen anknüpfen. So weiß sich »Das Mädchen aus der Streichholzfabrik« nicht anders zu helfen als mit Rattengift. Im Künstlerelend von »Das Leben der Bohème« dagegen zählt nur der neueste Fisch, auch wenn er überraschenderweise zwei Köpfe hat.
Aki Kaurismäki ist Realist und Visionär zugleich. Mit finnischen Tangos und Punkmusik seiner Hausband »Leningrad Cowboys« mit ihren charakteristischen Haartollen hat Kaurismäki ein Kino zwischen Kult und poetischem Realismus erfunden, dem eine lange Radio-Nacht gewidmet ist. (Foto © PLINK | photocase.de)

Sendung: Samstag, 30.4.16, 23:05h, Deutschlandfunk, Reihe »Lange Nacht« (180 Min.)

Artikel

»Mann, bin ich heute wieder intensiv!«

Wann waren Sie das letzte Mal im Theater? Na, also! Und wann sich das letzte Mal durch ein Theoriebuch gewühlt? Eben! Dabei kann man beides nur empfehlen.

Zwei Männer an einem Tisch im Garten

Frank Keil

Männerbuch der Woche, 14te KW. – Der Soziologe Heinz Bude widmet sich gewohnt kurz, knapp und klug dem vordergründig diffusen Feld der Stimmungen und Gefühle. Dazu passt begleitend ganz wunderbar das neue Heft der »Reihe 5« des Staatstheaters Stuttgart – trägt es doch den Titel »Freiheit und Angst«. Zwei Stimmungszustände, sozusagen. (Foto © busdriverjens | photocase.de)

Zur Rezension

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Kommt ein Mann zur Welt

Theaterstück nach Martin Heckmanns zum Ausbildungsabschluss des 6. Semesters der Hamburger Schauspielschule Frese

Ein Schauspieler und vier Schauspielerinnen im Theater

Alexander Bentheim (Redaktion)

»Ich kann alles werden, ich muss mich nicht entscheiden.« Bruno lebt sein Leben auf der Suche nach Einzigartigkeit und Glück. Er sieht sich als Künstler, schreibt einen Song, mit dem er Erfolg hat, und rennt diesem besonderen Moment ein Leben lang nach.
Seine inneren Stimmen führen uns durch sein Leben von der Geburt bis zu seinem Tod. Sie ermutigen ihn, unterstützen ihn – und vor Allem – sie warnen ihn. Bruno ist im ständigen Kampf mit seinen Stimmen. Keine der Vielzahl von Möglichkeiten, die sich seinem Leben bieten, scheint ihm gut genug. Bis ihn das Alter und seine Endlichkeit einholen. Das Leben in der Multioptionsgesellschaft lässt ihn auf der Jagd nach dem Bild von sich die Wirklichkeit und den Augenblick vergessen. (Foto © Schauspielstudio Frese)

Premiere 29.01.2016, 20:15 Uhr Weitere Vorstellungen: 30.01.2016, 20:15 Uhr und 31.01.2016, 18:00 Uhr Ort Lichthof Theater, Mendelssohnstraße 15 B, 22761 Hamburg Darsteller_innen Celina Kröll, Janis Liburg, Anna Matz, Jessica Mollenhauer, Laura Wollesen Regie Luisa Brandsdörfer Technik Ilka Kops Kartenpreise 8 Euro (ermäßigt) / 12 Euro (Vollpreis) Reservierungen Schulbüro des Schauspiel-Studios FRESE, Tel. 040 – 46 46 26 oder per info@schauspielstudio.de

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Ein Berg von einem Mann

Mit »Virgin Mountain« kommt ein wunderbarer Film aus Island in unsere Kinos, der einen Koloss von Mann ganz zart werden lässt.

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Frank Keil

Dicke Männer haben keine Lobby. Man bemitleidet sie, man macht Scherze über sie, man hat wirklich ein Verständnis dafür, dass sie es im Leben nicht leicht haben. Und Fúsi ist dick, sehr dick. Er passt eigentlich kaum in den schmalen Transporter, mit dem er auf dem Flughafen von Reykjavik die Koffer und Taschen aus der Abflughalle zum Flugzeug oder vom Flugzeug zurück in die Ankunftshalle bugsiert.

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Was muss man noch über ihn wissen? Er ist vierzig Jahre alt, und er wohnt noch bei seiner Mutter. Er ist auf die eigene schüchterne Weise mit einem kleinen Mädchen in seinem Wohnblock befreundet – was die umherwohnenden Erwachsenen sehr seltsam berührt. Er geht jeden Freitag beim Thailänder essen (immer das selbe), noch dazu hat er ein besonderes Hobby: Er stellt Schlachten des Zweiten Weltkrieges mit Hilfe kleiner Figuren und Modellen von Panzern, Haubitzen und Militär-Lkws nach. Aktuell ist er sehr mit der Schlacht bei Al Alamein beschäftigt – als im Spätherbst 1942 die Panzerverbände Rommels auf die Panzerverbände der 8. Britischen Armee stießen und sich die Wende des Zweiten Weltkrieges abzeichnete.

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Und sonst? Sonst geht Fúsi stoisch seiner Arbeit nach, isst in den Pausen die Brote, die ihm seine Mutter morgens geschmiert hat so wie er auch geduldig die Hänseleien seiner Kollegen erträgt, die es einfach nicht fassen können, dass Fúsi noch nie Sex mit einer Frau gehabt haben könnte.

Doch alles ändert sich, als seine Mutter und deren seltsamer Liebhaber ihm zum Geburtstag einen Tanzkurs schenken. Einen Tanzkurs? Da will Fúsi nicht hin. Denn was soll er da? Etwa tanzen? Bis er um der lieben Ruhe Willen doch an einem Abend ins Auto steigt (und Fúsi fährt bei seiner Körpergröße keinen Kleinwagen!) und einmal zum Kurs fährt. Und dort die scheinbar lebenslustige Sjöfn kennenlernt (ja, Sjöfn, in der nordischen Mythologie die Göttin der Liebe). Und Fúsis Leben bekommt einen ganz eigenen Drive – und ein wunderbarer Film über Einsamkeit und Liebe, über Freundschaft und seelische Abgründe entspinnt sich.

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»Fusí« wird grandios gespielt von Gunnar Jónsson. Ihn entdeckte der isländische Regisseur Dagur Kári, als Jónsson vor Jahren einen kurzen Auftritt im isländischen Fernsehen hatte und dabei einen Komiker gab. Jahre später und nach der Realsierung verschiedener Filmprojekte setzte er sich eines Abends hin und schrieb ein Drehbuch – nur und allein für Gunnar Jónsson. Und er legte eines fest: Entweder spielt Jónsson die ihm zugedachte Rolle oder das Drehbuch und damit das Filmprojekt verschwinden für immer in irgendeiner Schublade.
Das Drehbuch erreichte Jónsson dann per eMail, als dieser als Koch auf einem Containerschiff unterwegs war. Er nahm sich einen Tag Zeit, über die ganze Sache nachzudenken. Und gab dann sein »Okay«. Dagur Kári erzählt noch folgendes: »Gunnar sagte kurz vor dem Dreharbeiten zu mir: `Ich weiß ja nicht, wie man schauspielert, als schreie mich an, wenn ich irgendwas falsch mache.´ Ich habe ihn nicht einmal anschreien müssen, und mittlerweile sind wir gute Freunde.«

»Virgin Mountain« – so der internationale Titel der isländischen Originalfassung »Fúsi« – erhielt bei den diesjährigen Nordischen Filmtagen in Lübeck den Publikumspreis. Dieser Tage ist er in unseren Kinos gestartet. Ein Tipp: Wenn möglich, sollte man sich die isländische Fassung mit deutschen Untertiteln schauen. Denn der Sound der isländischen Sprache lässt Fúsis wortkarge Rede noch eindrücklicher erklingen, und viel lesen muss man ohnehin nicht. (Fotos © Alamode/FilmAgentinnen)

Und wer noch nicht überzeugt ist, hier geht es zum Trailer.