Nach dem Schock

Sich einzugestehen, dass man mit seinen Einschätzungen falsch lag, dass man das offensichtliche Unheil nicht hat kommen sehen, obwohl man es hätte erkennen können, ist ein großes Vermögen. Und auch eine Kunst.

Winterlandschaft mit Dörfern von oben

Text: Frank Keil
Foto: Денис Лобанов (Denis Lobanov), pexels.com

 
Männerbuch der Woche, 43te KW. – Der Historiker, Essayist und Osteuropa-Experte Karl Schlögel schaut in den beiden fulminanten Sammelbänden »Auf der Sandbank der Zeit« und »Entscheidung in Kiew – Ukrainische Lektionen« über die Ukraine und deren Geschichte und Gegenwart immer auch auf sich und wie er so lange unwissend auf dieses grundeuropäische Land geblickt hat.

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Heldenreise über den Kniepsand

Fatih Akin hat die Kindheitserinnerungen von Hark Bohm überzeugend umgesetzt: AMRUM ist ein bewegender Film über die letzten Tage der NS-Diktatur in Nordfriesland, eine komplexe Jungenfreundschaft und eine verschlungene Heldenreise.

Text: Frank Keil
Foto: Gordon Timpen | bombero international GmbH & Co. KG | Rialto Film GmbH | Warner Bros. Entertainment GmbH

 
Morgen schon wird es aus dem Volksempfänger tönen: Der Führer ist tot! Ist gefallen in seinem unermüdlichen Kampf gegen den Bolschewismus. Bis zum letzten Atemzug habe er gerungen, doch es hat nicht geholfen. Nun muss das deutsche Volk ohne ihn auskommen; muss sehen, wie es klarkommt. Und während die einen sich für eine neue Zeit bereithalten, was immer sie auch bringen mag, packt die anderen eine Mischung aus brutalem Trotz und nicht mehr niederzuhaltender Verzweiflung.
Wir sind auf der nordfriesischen Insel Amrum, in stoischer Formation ziehen die alliierten Bomber ihrer Wege, lassen dann und wann noch eine Bombe ins Watt fallen, Ballast abwerfen, denn bald, so sieht es aus, ist es geschafft. Ihnen nach schauen Nanning und Hermann, beste Freunde sind sie, 12 Jahre jung und gerade damit beschäftigt, Kartoffeln zu stecken, statt in der Schule zu sein. Die Erde ist schwer und nass und kaum zu bändigen, der Frühling zeigt sich mürrisch und abweisend und gräulich …

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Wie kommt die Gewalt aus dem Mann?

Grundlagen der MännerGewaltArbeit.

Mann mit blutigen Handknöcheln sitzt auf einem Sofa

Text: Alexander Bentheim
Foto: Cottonbro Studios, pexels.com
Reihe »Aus den Tiefen des Archivs«


Auf der Suche – nach etwas ganz anderem – wiederentdeckt: den Abschlussbericht zum Forschungsprojekt »Abbau von Beziehungsgewalt als Konfliktlösungsmuster«, das im Auftrag des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend von der Hamburger Opferhilfe Beratungsstelle in Zusammenarbeit mit der Kontakt- und Beratungsstelle Männer gegen Männer-Gewalt 1990-1993 durchgeführt wurde. Der Bericht wurde Mitte 1995 in der Schriftenreihe des BMFSFJ veröffentlicht (Bd. 102) – warum erst zwei Jahre nach Abschluss des Projektes, ist eine Geschichte für sich; die Printversion war dann vergriffen, ist mittlerweile aber in online-Antiquariaten wie z.B. Booklooker vereinzelt wieder erhältlich.

Worum geht’s? 1989 wurde seitens des BMSFJ die erste empirische, deutschsprachige Bestandsaufnahme u.a. hinsichtlich existierender Arbeitsansätze zur Gewalt von Männern in Partnerschaften ausgeschrieben. Vorgaben waren dabei die Zusammenstellung »bereits vorliegenden Erkenntnisse zum Forschungsthema unter besonderer Berücksichtigung der Männerarbeit mit Auswertung von Untersuchungen und Berichten aus der Praxis von Beratungsstellen und Selbsthilfegruppen. Teil der Bestandsaufnahme soll die überregionale Erfassung von Männer-Selbsthilfegruppen mit Erfahrung in der Beratungsarbeit `Männer gegen Gewalt´ sein (…) Auf der Grundlage der Bestandsaufnahme soll die Untersuchung die Beratungsarbeit von … bereits bestehenden Beratungsstellen wissenschaftlich begleiten und evaluieren. Die Untersuchung muss sich am Handlungsforschungsansatz orientieren und mit verwertbaren Empfehlungen für die Beratungsarbeit und ihre Weiterentwicklung abschließen. Großes Gewicht ist auf die Übertragbarkeit der Untersuchungsergebnisse auf andere Beratungsstellen zu legen«.
Unsere Interessen waren daher, Entstehungsbedingungen von Gewalt in Ehe und Partnerschaft im Hinblick auf Veränderungsmöglichkeiten zu untersuchen sowie die zentrale Fragestellung zu bearbeiten: Welche Mittel und Vorgehensweisen in der Beratungsarbeit sind hilfreich zur Beendigung männlicher Gewalt in der (heterosexuellen) Partnerschaft?

Was wir vor über 30 Jahren mit den Kolleg*innen erforschten, wurde vor 20 Jahren auszugsweise als »Männerteil« extrahiert und in einem anderen Zusammenhang bereits online gestellt. Für unsere neue Reihe »Aus den Tiefen des Archivs« soll dieser »Männerteil« des Projektes aber auch hier nicht fehlen, da er Argumente, Diskussionsstränge und Erkenntnisse enthält, die für die Gewaltarbeit nach wie vor relevant sind.

Zum Männerteil des Forschungsprojektberichtes »Abbau von Beziehungsgewalt als Konfliktlösungsmuster«

»Und überall Affen«

Irgendwann kommt das Ende. Ist nicht mehr abzuhalten. Und was ist zu sehen und womöglich zu erkennen, was einen bis zuletzt trägt, tröstet oder schlicht beschäftigt?

Text: Frank Keil
Foto: Tina Ruisinger

 
Männerbuch der Woche, 35te KW. – Tina Ruisinger zeigt uns in ihrem Bilderband »Lebensbilder – Fotografie in der Palliative Care«, wie einem eigene Fotografien dabei helfen können, den bevorstehenden Tod zu begleiten, vielleicht ihn zu gestalten und für sich Abschied zu nehmen.

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Eine Wiederbegegnung

Wer hat nicht in seiner Jugend Hermann Hesse gelesen? Und später (angeblich erwachsen geworden) dessen Bücher wieder aussortiert? Zeit für eine (mögliche) Urteilsüberprüfung.

zwei Brüder Anfang des 20. Jahrhunderts

Text: Frank Keil
Foto: Brett Jordan, pexels.com

 
Männerbuch der Woche, 34te KW. – Hermann Hesse erzählt in seinem kleinen, kompakten Text »Erinnerung an Hans« vom Suizid seines jüngsten Bruders – und von einem anhaltenden Schuldgefühl.

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Pech und Schwefel

Es gibt viele verständlich-verschlungene Gründe, in den Alkohol zu flüchten und ihn nicht mehr loszuwerden. Doch je nach Klassenlage sind sie sehr unterschiedlich angelegt.

ein Mann mit einem Glas hinter einer Rehe von Flaschen

Text: Frank Keil
Foto: Maxal Tamor, photocase.de

 
Männerbuch der Woche, 32te KW, im Doppelpack. – Alex Schulman erzählt in »Vergiss mich« von der tiefen Alkoholsucht seiner beruflich durchaus erfolgreichen Mutter und noch mehr von seinen eigenen Verstrickungen; Lena Schätte taucht in »Das Schwarz an den Händen meines Vaters« in die keinesfalls eindimensionale Welt einer prekär-lebenden Kleinfamilie ein, in der es ebenfalls um Alkohol geht.

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Drahtseilakt

Aus dem Stand in den Sand.

Zwei Kinder spielen im Sand an der Ostsee

Text und Foto: Alexander Bentheim
Reihe »Bilder und ihre Geschichte«


Die beiden spielten in den Dünen hinter den Strandkörben. Und dann war da dieser Drahtzaun im Weg, der Junge drückte ihn herunter, das Mädchen sprang hinüber, aus dem Stand wieder in den Sand. Es war schon etwas knapp mit dem Draht, doch alles ging gut, das Mädchen wusste sich und die Höhe des Drahtes gut einzuschätzen …

Für die analoge Bewegungsfotografie ist die so genannte Antizipation, das perspektivische Vorfühlen, unverzichtbar und reizvoll zugleich: Was wird – wenn die Szene nicht inszeniert ist – gleich passieren? Wird passieren, von dem ich ahne, dass es so passiert? Und wann öffne ich die Blende für diesen einen Moment, auf den ich hoffe?
Bewegungsbilder sind Leben pur, die meist unverstellte Mimik und Gestik der Beteiligten faszinieren in ihrer Unmittelbarkeit. Und sie beleben einen selbst, weil es der ungeteilten Aufmerksamkeit bedarf, die Flüchtigkeit dieses Augenblicks für die vorläufige Ewigkeit einzufangen.

Das Bild ist bereits viele Jahre alt, die beiden sind jetzt erwachsen und toben vielleicht schon mit eigenen Kindern durch den Sand an der Ostsee.



Mehr aus der Reihe »Bilder und ihre Geschichte« gibt’s im Archiv.

Das einfache Kind

Wenn die Mutter oder der Vater älter wird, allmählich hinfällig, womöglich ernsthaft krank, dann wird es Zeit, noch einmal genau auf die Familie und ihr Leben zu schauen.

Vater und Tochter in der Küche

Text: Frank Keil
Foto: Pavel Danilyuk, pexels.com

 
Männerbuch der Woche, 30te KW. – Didi Drobna lässt in ihrem autofiktionalen Roman »Ostblockherz« am Ende genau dieses höher schlagen.

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Ein Tag auf dem Rad mit der Endlichkeit

Dem Wissen um die Endlichkeit, der eigenen, der anderer, das Ende von Möglichkeiten und Lebensabschnitten, haftet auch immer etwas Magisches an.

Fahrrad vor weitem Himmel mit Horizont

Text: Guido Wiermann
Foto: Alexander Bentheim
Schwerpunkt »Endlichkeiten«


Ich fahre. Der kühle Wind weht mir um die Nase. Ich genieße das gemächliche Fortkommen, denn ich bin mit dem Bio-Bike unterwegs. So nennt sich seit dem Boom der E-Bikes das ganz einfache Fahrrad. Gefühlt schwebe ich, gleite vor mich hin. Und behalte im besten Falle doch Bodenkontakt. Am liebsten radele ich ohne Ziel, ohne Plan und Termin. Und ohne E-Antrieb. Einfach so. Ich spüre den Moment der Endlosigkeit. Endlos wie die Reifen, die mein Fahrrad tragen und immer und immer wieder ihre Runden drehen. Der Kreis als Symbol des Nichtendendwollenden. Keine Ecken oder Kanten. Kein Wenn und Aber – endlos glücklich.

Es ist Mitte Mai 2025. Als Kind hatte ich mir das Leben in der Zeit dieser Jahreszahl oft als utopisches Zukunftsszenario à la Raumschiff Enterprise vorgestellt. Aber ich erwache am Morgen des 16. Mai in einer relativ normalen Welt. Selbst die Nachrichten, die um 6 Uhr morgens aus dem Radiowecker erklingen, erscheinen mir fast gewöhnlich. Drohnenangriffe in der Ukraine, Bundeswehrstationierung in Litauen, Kämpfe und Tote in Gaza und das Erstarken von rechtsradikalen Kräften und Jugendgruppen in Deutschland. Das Wetter…
Wenn da nur nicht dieser Schwindel wäre. Schon beim Wachwerden, noch im Liegen, bemerke ich ihn. Es dreht sich. Ich drehe mich im Bett. Da es mir sonst gut geht, beruhige ich mich. Spiele kurz mit dem Gedanken, heute zu Hause zu bleiben, beschließe dann aber, es zu probieren. Wenn ich Radfahren kann, bin ich arbeitstauglich, so mein logischer Schluss – Endlichkeit ahnend.

Ich fahre, also radele, vorsichtig los – und es geht. Wer Rad fährt, vergisst sogar körperliche Unzulänglichkeiten. Beim Radfahren komme ich immer in einen Zustand der Entspannung, des Träumens. Wie schon erwähnt, gerne ohne Plan und Ziel.
Leider hat der Fahrer des Audi Q3, der aus der Seitenstraße auf die Einmündung zufährt und meinen Radweg kreuzt, sehr wohl einen Plan und auch einen Termin. Nur leider verschwendet er keinen Gedanken an andere Verkehrsteilnehmer. Und zum Glück fahre ich auch träumend fast immer mit dem 7. Sinn, dem aus der bekannten Sendung der 1970er Jahre. Und zum Glück hat mein Fahrrad, fast neu und wenig benutzt, weil ich für die vielen Tausend Kilometer Arbeitsstrecke sonst das E-Bike nehme, auch schon eine moderne Scheibenbremse. Die greifen sehr gut. Was stand in der Werbung des Anbieters? »Schneller bringt dich nur eine Mauer zum Stehen«. Ich stehe also, etwa 20 Zentimeter vor der metallic schwarzen Fahrertür des Wagens. Dessen Insasse schaut erst einigermaßen verdattert, aber nicht schuldbewusst und gibt dann Gas. Ich kann nach einem tiefen Atemzug weiter radeln – endlich.

Ich bin in den 1970ern auf einem abgelegenen Dorf in Schleswig-Holstein aufgewachsen. Und zu der Zeit gab es dort modernste Vorschulen, denn es gab kaum Kindergärten und irgendwo mussten die Kinder ja hin. Also erfand man die Vorschule. Um dort hinzugelangen, mussten die Kinder sehr früh Radfahren lernen. Das war mein Riesenglück. Auch wenn ich in den Lehrwochen vor Beginn meiner Vorschulzeit handfeste Erfahrungen mit der Schwerkraft machen musste. Das Radelvirus hatte mich gepackt.
Fortan fuhr ich morgens los, holte eine Mitschülerin ab und wir radelten gemeinsam zur Grundschule, also Vorschule. Und mittags zurück nach Hause. An einem Tag auf dem Nachhauseweg aber passierte ein Unglück, bei dem sie unter einen Lkw geriet und verstarb. Für heutige Verkehrsverhältnisse mag das einigermaßen möglich erscheinen. Aber wir waren dort auf einem Dorf mit wenigen Hundert Einwohnern und einer einzigen kleinen Raiffeisenkasse. Von dieser jedoch fuhren ein- bis zweimal täglich Lkws ab. Schicksal? Vielleicht, ich weiß es nicht – Ende.

Nun hatte ich wohl von Natur aus eine gute Resilienz mitbekommen und die ließ mich trotz des schrecklichen Ereignisses weiter am Radfahren festhalten. Zum Glück. Denn viel mehr konnte man dort in der Weite des flachen Landes auch nicht machen. Handballspielen noch, aber das wurde nie meins und das ist eine andere Geschichte. Also setzte ich mich immer nach der Schule auf mein Rad und erkundete die Umgebung. Diese kannte ich natürlich schon in- und auswendig, und doch erschien sie mir immer wieder neu. Je nach eigener Laune und nach Jahreszeit. Raus in die Stapelholmer Endmoränenlandschaft. Runter ins Moor, zwischen den alten Torfgruben und lichten Birkenwäldchen drehte ich meine Runden. Und schon damals philosophierte ich wohl still über die Endlichkeit. Denn meine Eltern hatten mir von den schwierigen Bedingungen des Torfabbaus und der landwirtschaftlichen Erschließung in diesem Gebiet erzählt. Von umkippenden Heuwagen und ertrinkenden Pferden erzählten sie Geschichten aus dem Leben ihrer Kindheit und Jugend. Und von einem Besuch im Landesmuseum Gottorf kannte ich schon die dort ausgestellten Moorleichen. Meine Phantasie war unermesslich angeregt. Ich genoss dabei die strahlende Sonne, den duftenden Wind im Gesicht, das vielstimmige Singen der Vögel, die unterschiedlich quakenden Frösche und die scheinbar endlose Weite des Landes. Und radelte ohne Ziel und Ende vor mich hin …

Mit dem Schulabschluss und dem Beginn der ersten Berufsausbildung war dann spätestens das Ende der sorglosen Kindheit eingeläutet. Zweiter Beruf und Studium. Familiengründung und Kindererziehungszeiten. Eins kam nach dem anderen und es mangelte mir nie an Ideen, die es noch umzusetzen galt. Jede Station für sich trug eine gewisse Endlichkeit in sich und doch ging es immer weiter. Alles wurde zu Ende gebracht und immer wieder gab es einen Anfang. Fürs Radfahren fand ich aber dauernd, mal mehr, mal weniger Zeit. Es blieb ein Kontinuum – dauerhaft.

Während der Zeit der Kindererziehung hatte ich Gelegenheit, mich in die Gestaltung und Programmierung von Onlineauftritten einzuarbeiten. So kam mir der Wechsel vom gedruckten »Switchboard« zum online Männerwege-Portal gerade recht, um damit auch persönlich etwas beitragen zu können. Auch ein Ende mit Neuanfang.

Heute in meinem Büro aber, der technischen Verwaltung an einer großen Gesamtschule, bat mich eine Mutter um Rückruf. Sie liegt im Krankenhaus und sagt mir, sie hätte noch etliche Operationen vor und schon einige hinter sich. Sie schildert mir Ihr Anliegen und ihre Situation. Ich ahne, dass es nicht so gut um sie steht. Sie kann sich nicht um die notwendigen Dinge für ihre drei Kinder an dieser Schule fürs nächste Schuljahr kümmern. Ich sage ihr, dass ich alles Nötige übernehmen werde, damit ihre Kinder Schulbücher ausleihen können. Ich spürte ihre Erleichterung, wünschte alles Gute, legte den Hörer auf und schaute dann lange aus dem Fenster – letztendlich.

Nach getaner Arbeit schwinge ich mich wieder aufs Rad und der Fahrtwind vertreibt mir dabei sämtliche Gedanken an den Stress des Tages, die Ungeduld einiger Eltern und den Lärm der Schülergruppen im Gebäude. Vor mir biegt ein seltsames Gefährt auf den Radweg ein. Ich erkenne ein Liegerad mit drei Rädern. Aus dem Gepäckkorb hinter dem knallroten Fahrersitz ragt ein Gehstock, ganz klassisch aus Holz mit aufwendig geschnitztem Griff. Bevor er Gas gibt, der Elektromotor dieses Gefährts befindet sich offenbar nicht mehr im Originalzustand, kann ich den Fahrer noch als älteren Herrn identifizieren. So kann es also weitergehen, vielmehr -fahren, denke ich. Das ist doch beruhigend, selbst wenn das Laufen mal mühsamer werden sollte – unendlich.

Schürfwunden an Knien, Händen und Ellenbögen. Blutige Lippen, zwei zerschlagene, ehemals wunderschöne Schneidezähne, der einzige Stolz meines Karies geplagten Gebisses, und ein ganz leichter, aber sehr schmerzhafter Kapselriss am Fußgelenk. Ein paar Kleinigkeiten habe ich sicher einfach vergessen in meiner Aufzählung von Verletzungen, die mir im Laufe der Jahrzehnte beim Ausfahren meiner Leidenschaft passiert sind. Und es lag immer eine gewisse Zeit dazwischen, so dass ich nie ans Aufhören dachte – niemals!

Doch ich weiß, dass das auf Dauer nicht stimmen wird …

Dem Wissen um die Endlichkeit, der eigenen, der anderer, das Ende von Möglichkeiten und Lebensabschnitten, haftet auch immer etwas Magisches an. Ich habe nie Hermann Hesses berühmten Satz »Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne« wirklich begriffen. Denn wer einen Anfang hat, weiß zumindest grundsätzlich schon, dass es – und vielleicht auch wie – weiter geht. Der wahre Zauber aber steckt im Ende. Oder wie es Edward Cole (gespielt von Jack Nicholson) in »The Bucket List« auf seine Art auf den Punkt bringt; er spielt in dem Film von 2007 einen todkranken Milliardär, der noch einiges erleben möchte vor seinem Abgang: »Ich muss mich wenigstens nicht mit Reinkarnation rumschlagen«, schließt er für sich, als er ins buddhistische Himalaja reist – Neuanfang.

Ich drehe noch eine kleine Feierabendrunde. Der Wind weht mir um die Nase und das Gefühl von Zuhausesein ist mein Gepäck. Angekommen im Fortfahren. Der Horizont scheinbar unendlich. Endlichkeit – du kannst mich mal!

Ich wünsche allen MännerWege-Mitmacher*innen zum 10. Jahrestag immer genug Kraft und Kreativität zum Schreiben, Setzen, Fotografieren, Rezensieren und stets eine Handbreit Tinte auf dem Füller.
Und allen Leser*innen weiterhin viel Neugier und endlose Freuden beim Lesen und Schauen.

Endlichkeiten als Wegmarken

Ohne Endlichkeiten gibt es keine Übergänge und Entwicklungen. Und wir brauchen Endlichkeiten, um uns orientieren zu können.

Text: Alexander Bentheim
Foto: Sia Panayidou, pexels.com
Schwerpunkt »Endlichkeiten«

 
Ein eigenes Zimmer, endlich, da war ich fast acht Jahre alt, und auch wenn es nur ein kleiner Bereich in einem Flur war, der durch einen Vorhang abgetrennt war. Geschwisterfreie Zone, endlich! Dann eine andere Schule, mit einem anderen Morgenweg, und endlich gab es mal wieder Neues zu entdecken, Umgebungen, Freundschaften, Herausforderungen. Einige Jahre später dann endlich auch das erste selbstverdiente Geld, als Handlanger in einem Sägewerk in den Sommerferien, nun konnte der eine oder andere Wunsch wahr werden, ein neues Keyboard für die Band war drin. Und endlich auch der erste Kuss, der nicht nur aufregend schmeckte, sondern auch erwachsener machte. Und dann endlich 18 und Führerschein, mit neuen Freiheiten: Entschuldigungen für die Schule selber schreiben dürfen, mobil über größere Distanzen sein, wo ein Fahrrad nicht mehr hinreichte, und von der Welt einmal mehr ernst genommen werden; ab jetzt konnte man auch darauf bestehen, gesiezt zu werden, wenn jemand einem zu nahekam. Bald danach auch endlich raus in eine andere Stadt, eigene Wohnung, eigenen Gestaltungsmöglichkeiten, eigene Verantwortungen. Dann irgendwann auch endlich mal fertig mit der Uni, und es gab den ersten Lohn im erlernten Beruf, auch wenn es nur ein Teilzeitjob war, noch dazu befristet … Endlichkeiten waren für mich meist etwas, wo ich ankommen konnte – vorläufig, bis es wieder weiterging. Biografische Wegmarken. Orientierungshilfen. Erfahrungen machen, Kräfte einschätzen, schlauer werden. Bei einigem, das begann, war es gut, dass es wieder endete. Anderes wurde zur angenehmen Erinnerung, wenn es vorbei war. Manches hätte gern weitergehen können, da stand die Endlichkeit nur dumm im Weg. Rückblickend aber hatte alles seinen Ort und seine Zeit. Meine Mutter sagte oft: »Wer weiß, wozu das noch gut sein wird …« und hatte dabei durchaus auch die ungewollten Endlichkeiten im Blick.

Denke ich an Endlichkeiten, dann sogleich auch an Unendlichkeiten. So wie ein Zaun ein Gelände begrenzt, und es dahinter mit Sicherheit weitergeht. Oder eine Frage nach einer Antwort verlangt und zugleich die nächste Frage mitliefert. Oder Menschen Kinder kriegen, die wiederum Kinder kriegen, die dann selbst auch wieder Kinder kriegen, wenn nichts dazwischenkommt. Endliches ist aufgehoben im Unendlichen, ohne Zweifel. Umgekehrt kommen die Vorstellungskräfte schon eher an ihre Grenzen, auch wenn wir noch so neugierig sind: Wo komme ich her, wo gehe ich hin? Was war vor mir, was kommt nach mir? Ist die letzte Antwort wirklich die letzte? Was steckt hinter einer Idee, einer Reaktion? Macht Liebeskummer Sinn und wie lange dauert der Shice? Es gibt keine Endlichkeit an sich, vielleicht nur einen kurzen Stopp, eine längere Unterbrechung, manchmal auch einen sehr langen Aufschub, jedoch immer nur ein selbst- oder fremdgesetztes Ende, kontextuell eingebettet in Überforderung, Langeweile, Ärger, Ermüdung oder Zeitmangel.

Bei kleinen Kindern ist die berühmt-berüchtigte Frage: »Und dann?« bekannt. Sie wollen wissen, was passiert und was danach und was auch dann noch. Es könnte ewig so weiter gehen, wenn nicht der strapazierte Nerv des Erwachsenen dem ein (temporäres) Ende setzt oder das Kind von selbst wieder da rauskommt, wo es mit seiner Frage angefangen hat. Ein Kreisfragen quasi, bei dem es nicht nur um die Antworten geht, sondern auch um das In-Kontakt-gehen und -bleiben mit dem Gegenüber, was ja ebenfalls einer Selbstvergewisserung gleichkommt. Endlich ist die Fragerei, aber unendlich der Kreis. Ein Spaziergang um einen See ist nichts anderes und nur zeitlich überschaubarer als eine Weltumrundung. Endlichkeiten im Unendlichen sind biografische Wegmarken, um sich in den eigenen Entwicklungen räumlich, zeitlich und seelisch verorten und Halt finden zu können.