Was Männlichkeit ist und sein kann

Der Schwerpunkt »Alles für den Mann« in der GenderMediathek der Heinrich-Böll-Stiftung.

Mann hockt zwischen Menschen auf einem Platz und schaut nach oben

Text: Alexander Bentheim
Fotos: froodmat, photocase.de (o.) / Sebastianus, photocase.de (u.)


Historien, Perspektiven, Schnittmengen, Gegenentwürfe … Debatten um Männer und Männlichkeiten gibt es seit den späten 1970er Jahren, sie sind und bleiben auch weiterhin aktuell. Seit Juni 2025 bietet die GenderMediathek der Heinrich-Böll-Stiftung Materialien zur Auseinandersetzung mit diesen Debatten, darunter Videoclips, Erklärfilme, Dokumentationen, Texte und Audioformate zu geschlechterpolitischen und (pro)feministischen Themen: Was sind Herausforderungen für Männer und Männer* heute? Wie kann Vaterschaft (neu) gelebt werden? Wieso sind rechte Strömungen gerade bei jungen Männern beliebt und erfolgreich? Wie kann Gleichberechtigung in der Erziehung aussehen und welche Hürden gibt es dabei? Gibt es eine »toxische Männlichkeit« an sich oder kann sich diese nur kulturell, kontextuell, interaktiv, situativ herstellen? Was macht Männer* aus, insbesondere wenn Männlichkeitsideale nicht überall und für alle gleich sind, weil es zum Beispiel für Männer of Colour, schwule, bisexuelle, heterosexuelle, cis und trans Männer je (gänzlich oder graduell) differierende Ausgangslagen, Entwicklungs- und Ausdrucksmöglichkeiten als auch Perspektiven gibt, die von weiteren sozialen, ökonomischen, kulturellen Faktoren beeinflusst sind?

Erweiterungsoffenheiten vorausgesetzt und eben diese Differenzierungen im Blick, kann man die gängigen und möglichen Ideen von Männlichkeit hinterfragen, bewegen, erproben und nur dadurch die Freiheit erlangen, selber zu bestimmen, was jeden persönlich und lebensweltorientiert ausmacht oder ausmachen könnte. »Doch das wird nicht nur als Chance gesehen«, heißt es erläuternd von der Stiftung zur Veröffentlichung des Schwerpunktes, denn »in den letzten Jahren wurde deutlich, dass viele Männer (und auch Frauen) die alten Rollenbilder erhalten wollen. Sie sehnen sich nach bekannten Richtungen und Strukturen, was leider nicht selten in Politik gegen die Selbstbestimmung aller umschlägt«. Hier mit Klärungshilfen und Bildungsmaterialien die Debatten- und Aktionsfelder gewinnbringend zu erhellen ist Anliegen der umfangreichen Mediathek, die – auch mit Hilfe interessierter Engagierter – weiter wachsen soll. Es wird jedoch darauf hingewiesen, dass »wir keine Medien auf(nehmen), die antifeministische, rassistische, sexistische, trans- und interfeindliche oder andere diskriminierende Inhalte transportieren, Geschlechterstereotype reproduzieren oder Geschlecht essentialisieren« – wobei »uns bewusst (ist), dass es auch da unterschiedliche Sichtweisen und Grauzonen in der Bewertung gibt.«

Die GenderMediathek ist ein kollaboratives Projekt vom Gunda-Werner-Institut der Heinrich-Böll-Stiftung mit den 16 Landesstiftungen der Heinrich-Böll-Stiftung; sie entstand im Rahmen des Schwerpunktprojekts »Sichtbar und aktiv – Haltung zeigen!«, das Dozent*innen, Trainer*innen, Multiplikator*innen und Interessierte auf der Suche nach (pro)feministischen und geschlechterbezogenen audiovisuellen Lehr- und Lernmaterialien thematisch systematisiert und zielgruppenspezifisch unterstützt, etwa indem die Materialien über Volltext- oder Schlagwortsuche und Filterfunktionen gefunden werden können und es neben der Beschreibung der Inhalte, den Produzent*innen, technischen Angaben und Bezugsquellen auch Hinweise zum Einsatz der Medien in der Bildungsarbeit gibt.


Theaterleute in lockerer Gesellschaft

Das sitzt!

Neulich im Kunstmuseum – realistisch, gruselig, jugendlich.

Ron Mueck - Plastik Hockender Junge

Text und Foto: Frank Keil
Reihe »Bilder und ihre Geschichte«



»Ey Digga, Kunst ist echt nicht nice«, das mögen sie gedacht, sich einander zugeflüstert haben, die Jugendlichen, wie sie sich in Klassenstärke an einem Vormittag demonstrativ gelangweilt durch die Räume des ARoS schleppten, dem legendären Kunstmuseum im dänischen Aarhus. Doch dann war plötzlich Stille. War Aufmerksamkeit, war Ergriffenheit: als sie im abgedunkelten Untergeschoss vor der Skulptur »Boy« von Ron Mueck standen. Einer wie sie hockte vor ihnen, nur in riesengroß. Verletzlich, seltsam, dabei naturgetreu, irgendwie auch gruselig, schwer zu verstehen. Und sie zückten ihre Handys.
Mueck, Jahrgang 1958, hat lange fürs britische Kinderfernsehen gearbeitet, für die Sesamstraße, für die Muppet-Show; später gründete er eine Werbeagentur. Bis er genug vom kommerziellen Arbeiten hatte und es ihn zur Kunst zog, wo er zum Glück blieb. Hierzulande wurde er bekannt durch seine Skulptur »Dead Dad«, die lange im Landesmuseum Hannover zu sehen war: sein toter Vater lag vor einem, geschaffen aus Silikon und Fiberglas; kleiner, als er je als Vater war.



Mehr Bilder aus der Reihe »Bilder und ihre Geschichte« gibt’s im Archiv.

Beste Freunde

Ein Kurzurlaub mit dem Rad.

zwei Männer mit Fahrrädern am Fluss

Text und Fotos: Georg Schierling
Reihe »Bilder und ihre Geschichte«


Mein Vater mit seinem Freund, 1953, unterwegs auf einer mehrtägigen Radtour mit Kochgeschirr und Zelt, hier zur Erfrischung am Fluss, ob Rhein oder Mosel, Hauptsache Abkühlung. Nach dem Bad hatten die beiden offensichtlich einigen Spaß, sie machten sich verrückte Frisuren, vielleicht hatten sie schon etwas vom Rockabilly gehört, der sich ab etwa Mitte der 1950er Jahre als jugendkultureller Sound und Style etablierte. Vielleicht aber auch nicht, ich erinnere mich, dass das nicht so das »Ding« meines Vaters war. Die Freundschaft aber, eine Verbindung aus der Jugendzeit, hat lange Jahre gehalten.


zwei Männer beim Badespaß


Mehr Bilder aus der Reihe »Bilder und ihre Geschichte« gibt’s im Archiv.

Wie kommt die Gewalt aus dem Mann?

Grundlagen der MännerGewaltArbeit.

Mann mit blutigen Handknöcheln sitzt auf einem Sofa

Text: Alexander Bentheim
Foto: Cottonbro Studios, pexels.com
Reihe »Aus den Tiefen des Archivs«


Auf der Suche – nach etwas ganz anderem – wiederentdeckt: den Abschlussbericht zum Forschungsprojekt »Abbau von Beziehungsgewalt als Konfliktlösungsmuster«, das im Auftrag des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend von der Hamburger Opferhilfe Beratungsstelle in Zusammenarbeit mit der Kontakt- und Beratungsstelle Männer gegen Männer-Gewalt 1990-1993 durchgeführt wurde. Der Bericht wurde Mitte 1995 in der Schriftenreihe des BMFSFJ veröffentlicht (Bd. 102) – warum erst zwei Jahre nach Abschluss des Projektes, ist eine Geschichte für sich; die Printversion war dann vergriffen, ist mittlerweile aber in online-Antiquariaten wie z.B. Booklooker vereinzelt wieder erhältlich.

Worum geht’s? 1989 wurde seitens des BMSFJ die erste empirische, deutschsprachige Bestandsaufnahme u.a. hinsichtlich existierender Arbeitsansätze zur Gewalt von Männern in Partnerschaften ausgeschrieben. Vorgaben waren dabei die Zusammenstellung »bereits vorliegenden Erkenntnisse zum Forschungsthema unter besonderer Berücksichtigung der Männerarbeit mit Auswertung von Untersuchungen und Berichten aus der Praxis von Beratungsstellen und Selbsthilfegruppen. Teil der Bestandsaufnahme soll die überregionale Erfassung von Männer-Selbsthilfegruppen mit Erfahrung in der Beratungsarbeit `Männer gegen Gewalt´ sein (…) Auf der Grundlage der Bestandsaufnahme soll die Untersuchung die Beratungsarbeit von … bereits bestehenden Beratungsstellen wissenschaftlich begleiten und evaluieren. Die Untersuchung muss sich am Handlungsforschungsansatz orientieren und mit verwertbaren Empfehlungen für die Beratungsarbeit und ihre Weiterentwicklung abschließen. Großes Gewicht ist auf die Übertragbarkeit der Untersuchungsergebnisse auf andere Beratungsstellen zu legen«.
Unsere Interessen waren daher, Entstehungsbedingungen von Gewalt in Ehe und Partnerschaft im Hinblick auf Veränderungsmöglichkeiten zu untersuchen sowie die zentrale Fragestellung zu bearbeiten: Welche Mittel und Vorgehensweisen in der Beratungsarbeit sind hilfreich zur Beendigung männlicher Gewalt in der (heterosexuellen) Partnerschaft?

Was wir vor über 30 Jahren mit den Kolleg*innen erforschten, wurde vor 20 Jahren auszugsweise als »Männerteil« extrahiert und in einem anderen Zusammenhang bereits online gestellt. Für unsere neue Reihe »Aus den Tiefen des Archivs« soll dieser »Männerteil« des Projektes aber auch hier nicht fehlen, da er Argumente, Diskussionsstränge und Erkenntnisse enthält, die für die Gewaltarbeit nach wie vor relevant sind.

Zum Männerteil des Forschungsprojektberichtes »Abbau von Beziehungsgewalt als Konfliktlösungsmuster«

»Und überall Affen«

Irgendwann kommt das Ende. Ist nicht mehr abzuhalten. Und was ist zu sehen und womöglich zu erkennen, was einen bis zuletzt trägt, tröstet oder schlicht beschäftigt?

Text: Frank Keil
Foto: Tina Ruisinger

 
Männerbuch der Woche, 35te KW. – Tina Ruisinger zeigt uns in ihrem Bilderband »Lebensbilder – Fotografie in der Palliative Care«, wie einem eigene Fotografien dabei helfen können, den bevorstehenden Tod zu begleiten, vielleicht ihn zu gestalten und für sich Abschied zu nehmen.

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Schnittstellen, die angenehmen

Ein Besuch bei Raymon, Frisenleger im niederländischen Enschede

Text: Alexander Bentheim
Fotos: Susanne Ehrchen
Reihe »Bilder und ihre Geschichte«


Einen Termin bei Raymon hatten sie schon, Robin und Jojo, und sie schwärmten von seinen Frisierkünsten, seiner Freundlichkeit, seiner Ausstrahlung, seit vielen Jahren schon. Mein Kopf war auch mal wieder fällig, nur war ich nicht sicher, worauf ich mich einließ, als Robin sagte: »Ich ruf Raymon an, vielleicht passt es ja, und du kommst auch dran.« Es passte, Raymon hatte neben den beiden Reservierungen noch etwas Zeit, dann ging es in die Niederlande, direkt in seinen kleinen Salon in Enschede. Angenehme Düfte, viele Elvis-Bilder, noch mehr Elvis-Musik, ein Stuhl vor dem Spiegel, zwei Stühle zum Warten. Es folgte eine gute Stunde mit launigen Geschichten nach dem Woher und Wohin und Wieso und Überhaupt, über die Raymon sein professionelles und routiniertes Hand- und Kopfwerk nicht vergaß. Am Ende vollste Zufriedenheit, wir werden ihn wieder besuchen.

 
(Slideshow by click on pic)



Raymon kann man folgen auf Instagram und bei Facebook. Oder ihn in seinem Salon besuchen im Gebäude des Tetem, Stroinksbleekweg 16, 7523 ZL Enschede.



Voll auf Alarm

Wenn der Dino in Mikas Gehirn anspringt …

Text: Ralf Ruhl
Foto: manun, photocase.de

 
Normalerweise ist er ganz normal, der Mika. Nur manchmal eben nicht. Dann tickt er aus, brüllt herum, schreit andere an, macht Sachen kaputt, vielleicht schlägt und tritt er auch, vielleicht wird er aggressiv gegen andere Kinder. Dann finden ihn alle doof. Erwachsene wie Kinder. Verstehen nicht, was in ihm vorgeht. Machen ihm Vorhaltungen. Was ihn noch mehr verletzt, ausgrenzt und in seinem inneren Gefängnis hält. Und manchmal ist Mika auch extrem traurig. Verkriecht sich stundenlang. Fühlt sich allein, verlassen. Und weiß nicht, wieso.
Wie Kinder auf traumatisches Erleben reagieren und wie Erwachsene sie unterstützen können, zeigt das neue Kinderfachbuch »Wenn der innere Dino brüllt« auf pragmatische und einfühlsame Weise.

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Seele auf Halbmast

So wunderbar seitenstarke Bücher sein können … manchmal braucht es nur ein Bündel Seiten und man taucht anhaltend ein in eine komplex-illustrierte Welt.

Hand und Bein eines Mannes

Text: Frank Keil
Foto: Rein Van Oyen, photocase.de

 
Männerbuch der Woche, 33te KW. – Édouard Louis erzählt in »Wer hat meinen Vater umgebracht« unfassbar genau, zupackend und produktiv von einer Sohn-Vater-Hass-Liebe.

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Nach der Wut

Was brauchen Dreijährige, die einen satten Wutanfall hinlegen?

wütender Junge mit Kapuze

Text: Ralf Ruhl
Foto: LP, photocase.de

 
Keinesfalls Mecker oder Strafe. Sondern Platz und Raum für ihr Gefühl. Und später: einfach da sein. »Und dann?« von Heinz Janisch und Helga Bansch ist das beste Kinderbuch zum Thema Wut, das ich in den letzten Jahren gelesen habe.

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Viral-Video

Was passiert, wenn Opfer zu Tätern werden?

Mobbing-Szene mit Gewalt zwischen Jungen

Text: Ralf Ruhl
Foto: 3format, photocase.de

 
Schule ist scheiße. Nicht wegen der langweiligen Stunden und der Prüfungen, das auch, aber vor allem wegen der Mobber. Die gibt es in fast jeder Klasse. Der Ablauf ist immer gleich: Ein Junge, der Dominanz ausstrahlt, schart eine Gruppe von Anhängern um sich. Dann ziehen sie los, suchen sich einen Kleineren und Schwächeren aus …
Andreas Brettschneider’s »Die Falle« ist ein außergewöhnlich guter Jugendkrimi, der zu Recht den Glauser-Preis 2025 gewann.

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