Beste Freunde

Ein Kurzurlaub mit dem Rad.

zwei Männer mit Fahrrädern am Fluss

Text und Fotos: Georg Schierling
Reihe »Bilder und ihre Geschichte«


Mein Vater mit seinem Freund, 1953, unterwegs auf einer mehrtägigen Radtour mit Kochgeschirr und Zelt, hier zur Erfrischung am Fluss, ob Rhein oder Mosel, Hauptsache Abkühlung. Nach dem Bad hatten die beiden offensichtlich einigen Spaß, sie machten sich verrückte Frisuren, vielleicht hatten sie schon etwas vom Rockabilly gehört, der sich ab etwa Mitte der 1950er Jahre als jugendkultureller Sound und Style etablierte. Vielleicht aber auch nicht, ich erinnere mich, dass das nicht so das »Ding« meines Vaters war. Die Freundschaft aber, eine Verbindung aus der Jugendzeit, hat lange Jahre gehalten.


zwei Männer beim Badespaß


Mehr Bilder aus der Reihe »Bilder und ihre Geschichte« gibt’s im Archiv.

»Und überall Affen«

Irgendwann kommt das Ende. Ist nicht mehr abzuhalten. Und was ist zu sehen und womöglich zu erkennen, was einen bis zuletzt trägt, tröstet oder schlicht beschäftigt?

Text: Frank Keil
Foto: Tina Ruisinger

 
Männerbuch der Woche, 35te KW. – Tina Ruisinger zeigt uns in ihrem Bilderband »Lebensbilder – Fotografie in der Palliative Care«, wie einem eigene Fotografien dabei helfen können, den bevorstehenden Tod zu begleiten, vielleicht ihn zu gestalten und für sich Abschied zu nehmen.

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Seele auf Halbmast

So wunderbar seitenstarke Bücher sein können … manchmal braucht es nur ein Bündel Seiten und man taucht anhaltend ein in eine komplex-illustrierte Welt.

Hand und Bein eines Mannes

Text: Frank Keil
Foto: Rein Van Oyen, photocase.de

 
Männerbuch der Woche, 33te KW. – Édouard Louis erzählt in »Wer hat meinen Vater umgebracht« unfassbar genau, zupackend und produktiv von einer Sohn-Vater-Hass-Liebe.

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Junge-sein. Mann-werden.

Neue Filmreihe des renommierten Medienprojekt Wuppertal mit Kurzspielfilmen und Kurzdokus als Streaming, Download, DVD.

4 Jungs im Stadtbild

Text: Alexander Bentheim (Redaktion)
Foto: Kat Wilcox, pexels.com


»Verantwortung«: Cool sein, sensibel sein und später das Geld ranschaffen: Welchen Erwartungen sind Jungs und junge Männer heute ausgesetzt? Im Interview sprechen sie über ihr Bild vom Mann sein und das Erwachsenwerden und ihre persönliche Erfahrung.
»Nordstadt Junge«: In dem Coming-of-Age-Film begleiten wir den 14-jährigen Semih, der in der Dortmunder Nordstadt lebt und seine Urlaubsvideos aus der Türkei mit seinem Leben in der Nordstadt vergleicht. Durch inszenierte Szenen mit den Blickwinkeln seines kleinen Bruders wird Semihs Geschichte lebendig. Durch Einblicke in sein Familienleben und seine Zukunftsvisionen versucht der Film zu zeigen, wie das Aufwachsen in einem multikulturellen Umfeld von Kontrasten und Hoffnungen geprägt sein kann.
»Am Ende sind wir alle nur Knochen«: Almir hat sich früher sehr für sein Körpergewicht und seinen Bauch geschämt. Heute fühlt er sich wohl und erzählt, wie er es geschafft hat, seine große Scham zu überwinden. Auch Connor kennt ähnliche Schamgefühle. Er versucht diese aber nicht zu ernst zu nehmen und schlüpft gerne beim Kostümieren charakterlich und körperlich in die unterschiedlichsten Rollen.
»Eine eigene Art von Body Horror«: Die Pubertät ist schon hart genug, aber wie kann man als Transgender damit umgehen? Julian erzählt davon, wie er auf eigene Faust lernt zu kämpfen.
»Heul leise«: Isa trägt seine Emotionen weniger nach außen, er verarbeitet seine Erlebnisse und Gefühle, indem er Texte schreibt und rappt. Er redet über Freundschaft, Erwartungen und die Rollenbilder von Jungs und Mädchen.
»Wie Männer gesehen werden«: Toprak spricht im Interview über die Ausgrenzung und Demütigung, die er als schwuler Jugendlicher erleben musste. Er teilt seine Erfahrung darin, sich gegen Homophobie zu wehren und für sich selbst einzustehen.

Sechs von insgesamt 16 Filmen, bei denen es darum geht: Wie erleben und fühlen sich Jungen in ihren Geschlechterrollen? Und was verbinden sie damit, ein Mann/* zu werden? In der reflexiven, aus Kurzspielfilmen, Kurzdokus und Interviewfilmen bestehenden Filmreihe geht es um das Erleben der Geschlechterrollen von Jungen und jungen Männern. Mit ihren unterschiedlichen Hintergründen und Lebensentwürfen werden sie porträtiert und befragt: Was sind ihre Wünsche, Herausforderungen und Probleme? Was sind die Gründe für jeweils ihre Interpretationen der Geschlechterrollen? Was ist ihr Umgang mit gelernten Abhängigkeiten und Unabhängigkeiten, z.B. anderen gefallen wollen, begehrt, geliebt, beliebt, attraktiv sein? Und wie ist das mit dem eigenen Körper und auch den damit verbundenen Rollenerwartungen, bis hin zu Social Media? Was bedeutet für ihr Leben Scham, Peinlichkeit und Selbsthass? Und wie verhalten sie sich zu Geschlechterungerechtigkeit und Privilegien?

Nach der erfolgreichen Kinofilmpremiere ist die dokumentarische Filmreihe »Junge-sein. Mann-werden« nun erhältlich als Streaming, zum Download, auch als Multistreaming zur Nutzung für Gruppen in Kursen und Lehrveranstaltungen, auf DVD zum Ankauf oder zur Ausleihe. Die professionell gestalteten Filme wurden von erfahrenen Filmemacher:innen als Bildungs- und Aufklärungsmittel produziert. Sie zeichnen sich durch eine besonders hohe und authentische inhaltliche Dichte und ästhetische Qualität aus. Einige Filme wurden auf Festivals ausgezeichnet und im Fernsehen gesendet

Mehr Infos zu den Inhalten, Lizenzen und Formaten gibt es – ebenso wie einen Trailer – hier.

»Ruhm der Ukraine!«

Zuweilen kann ein schmaler Erzählband intensiver über das Leben erzählen als eine seitenstarke politische Analyse.

Mann mit Gasmaske sitzt in einem Sessel vor dem Fernseher

Text: Frank Keil
Foto: plastikman1912, photocase.de

 
Männerbuch der Woche, 28te KW. – Serhij Zhadan schildert in seinen heldenfreien Geschichten »Keiner wird um etwas bitten« mit zu Herz gehender Dringlichkeit vom Kriegsleben in der Ukraine.

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Ein Tag auf dem Rad mit der Endlichkeit

Dem Wissen um die Endlichkeit, der eigenen, der anderer, das Ende von Möglichkeiten und Lebensabschnitten, haftet auch immer etwas Magisches an.

Fahrrad vor weitem Himmel mit Horizont

Text: Guido Wiermann
Foto: Alexander Bentheim
Schwerpunkt »Endlichkeiten«


Ich fahre. Der kühle Wind weht mir um die Nase. Ich genieße das gemächliche Fortkommen, denn ich bin mit dem Bio-Bike unterwegs. So nennt sich seit dem Boom der E-Bikes das ganz einfache Fahrrad. Gefühlt schwebe ich, gleite vor mich hin. Und behalte im besten Falle doch Bodenkontakt. Am liebsten radele ich ohne Ziel, ohne Plan und Termin. Und ohne E-Antrieb. Einfach so. Ich spüre den Moment der Endlosigkeit. Endlos wie die Reifen, die mein Fahrrad tragen und immer und immer wieder ihre Runden drehen. Der Kreis als Symbol des Nichtendendwollenden. Keine Ecken oder Kanten. Kein Wenn und Aber – endlos glücklich.

Es ist Mitte Mai 2025. Als Kind hatte ich mir das Leben in der Zeit dieser Jahreszahl oft als utopisches Zukunftsszenario à la Raumschiff Enterprise vorgestellt. Aber ich erwache am Morgen des 16. Mai in einer relativ normalen Welt. Selbst die Nachrichten, die um 6 Uhr morgens aus dem Radiowecker erklingen, erscheinen mir fast gewöhnlich. Drohnenangriffe in der Ukraine, Bundeswehrstationierung in Litauen, Kämpfe und Tote in Gaza und das Erstarken von rechtsradikalen Kräften und Jugendgruppen in Deutschland. Das Wetter…
Wenn da nur nicht dieser Schwindel wäre. Schon beim Wachwerden, noch im Liegen, bemerke ich ihn. Es dreht sich. Ich drehe mich im Bett. Da es mir sonst gut geht, beruhige ich mich. Spiele kurz mit dem Gedanken, heute zu Hause zu bleiben, beschließe dann aber, es zu probieren. Wenn ich Radfahren kann, bin ich arbeitstauglich, so mein logischer Schluss – Endlichkeit ahnend.

Ich fahre, also radele, vorsichtig los – und es geht. Wer Rad fährt, vergisst sogar körperliche Unzulänglichkeiten. Beim Radfahren komme ich immer in einen Zustand der Entspannung, des Träumens. Wie schon erwähnt, gerne ohne Plan und Ziel.
Leider hat der Fahrer des Audi Q3, der aus der Seitenstraße auf die Einmündung zufährt und meinen Radweg kreuzt, sehr wohl einen Plan und auch einen Termin. Nur leider verschwendet er keinen Gedanken an andere Verkehrsteilnehmer. Und zum Glück fahre ich auch träumend fast immer mit dem 7. Sinn, dem aus der bekannten Sendung der 1970er Jahre. Und zum Glück hat mein Fahrrad, fast neu und wenig benutzt, weil ich für die vielen Tausend Kilometer Arbeitsstrecke sonst das E-Bike nehme, auch schon eine moderne Scheibenbremse. Die greifen sehr gut. Was stand in der Werbung des Anbieters? »Schneller bringt dich nur eine Mauer zum Stehen«. Ich stehe also, etwa 20 Zentimeter vor der metallic schwarzen Fahrertür des Wagens. Dessen Insasse schaut erst einigermaßen verdattert, aber nicht schuldbewusst und gibt dann Gas. Ich kann nach einem tiefen Atemzug weiter radeln – endlich.

Ich bin in den 1970ern auf einem abgelegenen Dorf in Schleswig-Holstein aufgewachsen. Und zu der Zeit gab es dort modernste Vorschulen, denn es gab kaum Kindergärten und irgendwo mussten die Kinder ja hin. Also erfand man die Vorschule. Um dort hinzugelangen, mussten die Kinder sehr früh Radfahren lernen. Das war mein Riesenglück. Auch wenn ich in den Lehrwochen vor Beginn meiner Vorschulzeit handfeste Erfahrungen mit der Schwerkraft machen musste. Das Radelvirus hatte mich gepackt.
Fortan fuhr ich morgens los, holte eine Mitschülerin ab und wir radelten gemeinsam zur Grundschule, also Vorschule. Und mittags zurück nach Hause. An einem Tag auf dem Nachhauseweg aber passierte ein Unglück, bei dem sie unter einen Lkw geriet und verstarb. Für heutige Verkehrsverhältnisse mag das einigermaßen möglich erscheinen. Aber wir waren dort auf einem Dorf mit wenigen Hundert Einwohnern und einer einzigen kleinen Raiffeisenkasse. Von dieser jedoch fuhren ein- bis zweimal täglich Lkws ab. Schicksal? Vielleicht, ich weiß es nicht – Ende.

Nun hatte ich wohl von Natur aus eine gute Resilienz mitbekommen und die ließ mich trotz des schrecklichen Ereignisses weiter am Radfahren festhalten. Zum Glück. Denn viel mehr konnte man dort in der Weite des flachen Landes auch nicht machen. Handballspielen noch, aber das wurde nie meins und das ist eine andere Geschichte. Also setzte ich mich immer nach der Schule auf mein Rad und erkundete die Umgebung. Diese kannte ich natürlich schon in- und auswendig, und doch erschien sie mir immer wieder neu. Je nach eigener Laune und nach Jahreszeit. Raus in die Stapelholmer Endmoränenlandschaft. Runter ins Moor, zwischen den alten Torfgruben und lichten Birkenwäldchen drehte ich meine Runden. Und schon damals philosophierte ich wohl still über die Endlichkeit. Denn meine Eltern hatten mir von den schwierigen Bedingungen des Torfabbaus und der landwirtschaftlichen Erschließung in diesem Gebiet erzählt. Von umkippenden Heuwagen und ertrinkenden Pferden erzählten sie Geschichten aus dem Leben ihrer Kindheit und Jugend. Und von einem Besuch im Landesmuseum Gottorf kannte ich schon die dort ausgestellten Moorleichen. Meine Phantasie war unermesslich angeregt. Ich genoss dabei die strahlende Sonne, den duftenden Wind im Gesicht, das vielstimmige Singen der Vögel, die unterschiedlich quakenden Frösche und die scheinbar endlose Weite des Landes. Und radelte ohne Ziel und Ende vor mich hin …

Mit dem Schulabschluss und dem Beginn der ersten Berufsausbildung war dann spätestens das Ende der sorglosen Kindheit eingeläutet. Zweiter Beruf und Studium. Familiengründung und Kindererziehungszeiten. Eins kam nach dem anderen und es mangelte mir nie an Ideen, die es noch umzusetzen galt. Jede Station für sich trug eine gewisse Endlichkeit in sich und doch ging es immer weiter. Alles wurde zu Ende gebracht und immer wieder gab es einen Anfang. Fürs Radfahren fand ich aber dauernd, mal mehr, mal weniger Zeit. Es blieb ein Kontinuum – dauerhaft.

Während der Zeit der Kindererziehung hatte ich Gelegenheit, mich in die Gestaltung und Programmierung von Onlineauftritten einzuarbeiten. So kam mir der Wechsel vom gedruckten »Switchboard« zum online Männerwege-Portal gerade recht, um damit auch persönlich etwas beitragen zu können. Auch ein Ende mit Neuanfang.

Heute in meinem Büro aber, der technischen Verwaltung an einer großen Gesamtschule, bat mich eine Mutter um Rückruf. Sie liegt im Krankenhaus und sagt mir, sie hätte noch etliche Operationen vor und schon einige hinter sich. Sie schildert mir Ihr Anliegen und ihre Situation. Ich ahne, dass es nicht so gut um sie steht. Sie kann sich nicht um die notwendigen Dinge für ihre drei Kinder an dieser Schule fürs nächste Schuljahr kümmern. Ich sage ihr, dass ich alles Nötige übernehmen werde, damit ihre Kinder Schulbücher ausleihen können. Ich spürte ihre Erleichterung, wünschte alles Gute, legte den Hörer auf und schaute dann lange aus dem Fenster – letztendlich.

Nach getaner Arbeit schwinge ich mich wieder aufs Rad und der Fahrtwind vertreibt mir dabei sämtliche Gedanken an den Stress des Tages, die Ungeduld einiger Eltern und den Lärm der Schülergruppen im Gebäude. Vor mir biegt ein seltsames Gefährt auf den Radweg ein. Ich erkenne ein Liegerad mit drei Rädern. Aus dem Gepäckkorb hinter dem knallroten Fahrersitz ragt ein Gehstock, ganz klassisch aus Holz mit aufwendig geschnitztem Griff. Bevor er Gas gibt, der Elektromotor dieses Gefährts befindet sich offenbar nicht mehr im Originalzustand, kann ich den Fahrer noch als älteren Herrn identifizieren. So kann es also weitergehen, vielmehr -fahren, denke ich. Das ist doch beruhigend, selbst wenn das Laufen mal mühsamer werden sollte – unendlich.

Schürfwunden an Knien, Händen und Ellenbögen. Blutige Lippen, zwei zerschlagene, ehemals wunderschöne Schneidezähne, der einzige Stolz meines Karies geplagten Gebisses, und ein ganz leichter, aber sehr schmerzhafter Kapselriss am Fußgelenk. Ein paar Kleinigkeiten habe ich sicher einfach vergessen in meiner Aufzählung von Verletzungen, die mir im Laufe der Jahrzehnte beim Ausfahren meiner Leidenschaft passiert sind. Und es lag immer eine gewisse Zeit dazwischen, so dass ich nie ans Aufhören dachte – niemals!

Doch ich weiß, dass das auf Dauer nicht stimmen wird …

Dem Wissen um die Endlichkeit, der eigenen, der anderer, das Ende von Möglichkeiten und Lebensabschnitten, haftet auch immer etwas Magisches an. Ich habe nie Hermann Hesses berühmten Satz »Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne« wirklich begriffen. Denn wer einen Anfang hat, weiß zumindest grundsätzlich schon, dass es – und vielleicht auch wie – weiter geht. Der wahre Zauber aber steckt im Ende. Oder wie es Edward Cole (gespielt von Jack Nicholson) in »The Bucket List« auf seine Art auf den Punkt bringt; er spielt in dem Film von 2007 einen todkranken Milliardär, der noch einiges erleben möchte vor seinem Abgang: »Ich muss mich wenigstens nicht mit Reinkarnation rumschlagen«, schließt er für sich, als er ins buddhistische Himalaja reist – Neuanfang.

Ich drehe noch eine kleine Feierabendrunde. Der Wind weht mir um die Nase und das Gefühl von Zuhausesein ist mein Gepäck. Angekommen im Fortfahren. Der Horizont scheinbar unendlich. Endlichkeit – du kannst mich mal!

Ich wünsche allen MännerWege-Mitmacher*innen zum 10. Jahrestag immer genug Kraft und Kreativität zum Schreiben, Setzen, Fotografieren, Rezensieren und stets eine Handbreit Tinte auf dem Füller.
Und allen Leser*innen weiterhin viel Neugier und endlose Freuden beim Lesen und Schauen.

»Aufhören – ja, warum denn nicht?«

Eine Begegnung und ein Gespräch mit dem Fotografen Klaus Andrews über die Werkstatt seines Vaters, Hubschrauberflüge in der Arktis und warum sein Berufsleben nun für immer endet.

Mann mit Eselswagen vor alter Tankstelle

Text: Frank Keil
Foto: Klaus Andrews
Schwerpunkt »Endlichkeiten«


Ich lerne den Fotografen Klaus Andrews kennen, als ich im Stadtmuseum Schleswig seine Ausstellung besuche. Es geht um Tankstellen in Georgien.
Tankstellen in Georgien?
Er holt mich vom Bahnhof ab. Er trage eine blaue Jacke und stehe auf dem Parkplatz neben einem roten Auto, hatte er mir zuvor gemailt. Und nun steht neben einem roten Auto ein Mann in einer blauen Jacke. Wir fahren zum Museum, im Erdgeschoss (knarrender Holzfußboden, jeder Schritt ist zu hören) sind rundum seine Bilder gehängt.

Klaus Andrews stammt aus Norddeutschland, er hat in Hamburg vor vielen Jahrzehnten an der dortigen HfBK Visuelle Kommunikation studiert, und eine seiner ersten konzeptionellen Arbeiten, er ist damals im dritten Semester, war eine Foto-Serie über stillgelegte Tankstellen im Landkreis Pinneberg.
Ihm seien seinerzeit eines Tages die vielen Tankstellen aufgefallen, die nicht mehr in Betrieb waren und wie sie da verloren in der Landschaft gestanden hätten; er sei damals als junger Mann recht schüchtern gewesen, Leute anzusprechen und mit ihnen zu reden, nicht so sein Ding; da wären Tankstellen, noch dazu stillgelegte, verwaiste, genau das Richtige für ihn gewesen, passend, sozusagen, erzählt er mir während des Rundganges.
Und danach habe er immer wieder Tankstellen fotografiert, auf seinen vielen Reisen, etwa durch die USA, entlang der legendären Routen, die man aus Film und Literatur so gut zu kennen meine (Route 66 und Co). Und zuletzt ging es eben nach Georgien, dort gezielt und ausschließlich Tankstellen fotografieren: stillgelegte, aufgegebene und längst verlassene Tankstellen wie auch die, die unbeeindruckt in Betrieb seien; an die man fahre, um zu tanken, nachts weithin hell erleuchtet.

»Für mich schließt sich mit dieser Ausstellung ein Kreis«, sagt er.
Er sagt: »2600 Kilometer in zwei Wochen.« Und er zeigt auf eine Landkarte von Georgien, das von der Fläche etwa so groß ist wie Bayern.
Denn so viele Kilometer fahren sie (ihn begleitet die Übersetzerin Eto Jincharadse) mit einem Leihwagen kreuz und quer durchs Land; sie besuchen die Hauptstadt Tbilissi, fahren ans Schwarze Meer, reisen ins Grenzgebiet zu Aserbaidschan, zu den weitgehend versiegten Erdölquellen des Landes. Die so genannten abtrünnigen und vom Nachbarland Russland kontrollierten Provinzen Abchasien und Ossetien müssen sie auslassen.

Ich erfahre bei unserem Rundgang viel über die Geschichte Georgiens anhand seiner Tankstellen: dass zu Sowjetzeiten Tankstellen gebaut wurden, wenn immer Material vorhanden war, egal, ob man sie brauchte oder nicht; heute stehen viele von ihnen als zugewachsene Ruinen in der Landschaft herum. Dass mit der Unabhängigkeit des Landes 1991 ein regelrechter Tankstellenboom einsetzte; immer neuere Autos, die man sich vorher nicht leisten konnte, bevölkerten das Land und brauchten unentwegt Benzin. Korruption und Misswirtschaft wie auch Wirtschaftskrisen beendeten dann den Boom, von vormals 4.500 Tankstellen wurden 1.600 wieder geschlossen, heute sind die großen Tankstellenbetreiber in russischer Hand so wie auch die neue, zentrale Autobahn, die einmal quer durch das Land von Ost nach West führt, von chinesischen Investoren gebaut wird, womit China seinen auch politischen Einfluss auf Georgien erheblich ausbaut, während es besonders die junge Bevölkerung nach Europa drängt.

Mir gefallen seine Fotos; ihr schlichter, auf den Punkt gebrachter dokumentarischer Charakter ohne Kunstschnörkelei. Ich habe das alles nicht gewusst, was er mir erzählt, etwa über Tankstellenruinen als Treffpunkte für die Lkw-Trucker, die sich hier zu Konvois zusammenfinden, es wird geschätzt, dass jeden Tag bis zu 1.000 Lkws das Land durchqueren, auf dem Weg nach Russland, in die Türkei, nach Aserbaidschan und das mit ihm verfeindete Armenien; dass man an jeder noch so abgeschiedenen Tankstelle selbstverständlich mit der Bank- oder Kredit-Karte bezahlen kann, dass man aber selbst in der Hauptstadt sein Fahrzeug nicht selbst betanken kann, sondern das ein Tankwart erledigt, und wie er das visuell umgesetzt hat – das ist sehr gelungen.

Und zum Abschied sage ich etwas aufgekratzt: »Sie halten mich auf dem Laufenden, wenn Ihr nächstes Projekt spruchreif ist?«
»Es wird kein nächstes Projekt geben«, sagt er. Denn dies sei seine letzte Ausstellung gewesen, er höre auf zu fotografieren. Und zwar ganz und gar. Er sei jetzt Rentner.
Ich bin irritiert, er bemerkt das. »Aufhören – ja, warum denn nicht?«, sagt er freundlich und reicht mir die Hand.

Zum Gespräch und mehr Fotos.

Der wenig erforschte Diskurs

Mit Männlichkeiten haben sich die Gender Studies bislang nur am Rande beschäftigt. Sylka Scholz, Soziologin an der Uni Jena, hat jetzt ein Grundlagenwerk zu dem weithin unterbelichteten Thema vorgelegt.

Mann hält seine Hand ans Ohr

Text: Thomas Gesterkamp
Foto: Andrea Piacquado, pexels.com

 
Bücher über Männer und männliche Emanzipation sind im Vergleich zur viel umfangreicheren feministischen Literatur nach wie vor eine subkulturelle Angelegenheit. In Buchhandlungen oder Bibliotheken werden sie nur am Rande präsentiert, und wenn, dann meist nur in geringem Umfang. (…) Seminare und Vorlesungen zu Themen wie Rollenstereotype oder sexuelle Orientierung an den Hochschulen sind sehr beliebt – und häufig überfüllt. Diese Erfahrung hat auch Sylka Scholz gemacht. Die Soziologin an der Universität Jena, die wie andere Dozentinnen oft nur »nebenbei« Veranstaltungen zu Gender-Themen anbieten kann, hat gerade ein materialreiches Grundlagenwerk zur Männlichkeitsforschung vorgelegt. Es richtet sich, als Lehrbuch konzipiert, vorrangig an Studierende, liefert aber zudem anregende Details zur Geschichte eines bisher weitgehend unterbelichteten Fachgebiets. Scholz benennt und analysiert Schlüsselbegriffe wie hegemoniale Männlichkeit, männlicher Habitus und männliche Sozialisation. Sie liefert einen Überblick über die wichtigsten Bereiche der Konstruktion von Männlichkeiten wie Erwerbsarbeit, Vaterschaft, Paarbeziehung, Migration und Rechtspopulismus; auch neuere alternative Ansätze wie Queer- und Transtheorien hat sie eingearbeitet. (…)

Zur Rezension

Später ist es irgendwann zu spät

Es kommt nicht drauf an, den Gipfel zu bezwingen, sondern zu wissen, wann man umkehren muss.

zwei Männer vor einem Haus

Text und Foto: Tom Focke
Schwerpunkt »Endlichkeiten«


Also mein Leben ist eine Uhr, oder ein Kuchen. Geviertelt. Das letzte Viertel bricht an. Vielleicht wird es das Schönste nach der Jugend. Als Atheist glaube ich im Gegensatz zu Udo Lindenberg nicht daran, dass es hinter‘m Horizont weitergeht; im Radio läuft ein Podcast »Der Tod gehört zum Leben«.

Nach 40 Jahren Selbständigkeit als Tischlermeister fahre ich noch Senioren zur Tagespflege – es ist ein guter Abschluss, gerade zum Thema Endlichkeit. Da ich so ziemlich alle Gebrechen an Bord habe, überlege ich gerade, was besser ist, Schlaganfall oder Demenz. Ich entscheide mich für Schlaganfall, sollte es soweit sein, denn dann kann ich noch mit Leuten plaudern, wenn alles gut geht, so wie oben im Bild mit Genosse Scharfenberg, früher VoPo, dann Westcop und jetzt im betreuten Wohnen. Dafür erzähle ich ihm von den Grenztruppen der DDR, wo ich als Kurier mal eine Bild-Zeitung nach Berlin fahren musste. War ja schließlich ein Grenzdurchbruch und faxen konnte man nicht. Mit Demenz wird‘s schwierig mit der Konversation, die ich so liebe.

Ja, nach fünf Kindern, mehreren Häusern und einigen Turbulenzen werden meine eher rückständigen Tugenden Demut und Geduld noch etwas weiterentwickelt, denn die Endlichkeit nun täglich vor Augen und zuvor jahrzehntelang verdrängt, fühle ich mich jetzt gewappnet für die Dinge, die da noch kommen. Gute Freunde und Freundinnen haben mittlerweile Krebs – was auch ich meinem sudeten-wolgadeutschen Körper über die Jahre angeboten habe, war schon fahrlässig. Jetzt habe ich ein schlechtes Gewissen bei jeder Zigarette – mit so viel mühsam errungener Erkenntnis und Lebenslust wäre es jetzt echt blöd, vor der Ziellinie zu sterben. Aber Helmut Schmidt ist mein Argument: alles kann, nichts muss.

Ich bin jedoch auch vorbereitet, Patientenverfügung, etwas Rente und frei im Kopf, freue ich mich auf die nächsten 10 Jahre und ziehe nach MV. Vier Wohnungen und eine Scheune bieten genug Möglichkeiten für MännerWG, FeWo, Werkstatt oder Pflegefachkraft. »Oben fit und unten dicht – mehr wünsch‘ ich mir für‘s Alter nicht«? Mal schauen was wird … Es kommt nicht drauf an, den Gipfel zu bezwingen, sondern zu wissen, wann man umkehren muss. Zweite Scheidung läuft 🙂

Am Ende nur Endlichkeiten?

War das schon alles? Hatten wir nicht so viel vor in unserem Leben? Also noch mal in die Hände spucken und den Turbo starten, oder vielmehr auf die Bremse treten und lockerlassen? Oder beides parallel?

vier Männer stehen vor einem Sternenhimmel

Text: Frank Keil und Alexander Bentheim
Foto: Kendall Hoopes, pexels.com

 
Seit zehn Jahren gibt es die MännerWege jetzt online; eine lange Zeit seit dem Juni 2015. Unser Jubiläum können wir nur nicht mehr in unseren langjährigen Redaktionsräumen begehen, Eigenbedarf und eine fehlende Feuerleiter waren offizielle Stichworte, und so hat die Vertreibung aus unserem kleinen Paradies in der Hamburger Schanze vor einigen Monaten das Nachdenken über Endlichkeiten angestoßen.
Endlichkeiten sind mal traurige Endgültigkeiten, mal schmerzhafte Zäsuren, manchmal aber auch verheißungsvolle Neuanfänge oder gar die Erfüllung sehnsüchtiger Erwartungen – es gibt viele Betrachtungen. In unserem Fall: nein, wir denken nicht ans Aufhören, wie schon gemutmaßt wurde. Eher ist es ein Innehalten, um frischen Impulsen und neuen Pfaden die Fenster zu öffnen. So lässt sich ja auch jubilieren.

Wir haben unsere Autoren und Autorinnen daher auch um je ihre Betrachtungen zum weiten Feld der »Endlichkeiten« gebeten, in die sich, was nicht verwundert, auch einige Unendlichkeiten mischten. Ob in Gedichtform, als abstrakte Analyse oder intime Lebensbeichte – alles war möglich und erwünscht. Nun entlassen wir die Beiträge nach und nach in die Welt, auf dass sie ihre Resonanzen finden mögen.

Was erwartet euch? Ein Mann hat zu seinem Song gefunden. Demenz oder Schlaganfall, fragt ein anderer, während wieder einer den Gürtel seines Regenmantels fester zieht. Der nächste findet Bilder zum Abschied nehmen; in Grußweite steht ein Fahrrad. Noch einer schreibt Tagebuch und liest vor allem darin! Und ein Fotograf hört auf zu fotografieren, spricht aber über gute Zeiten. Darum geht es, und um noch viel mehr.

Wir wünschen eine anregende Lektüre und gute Gedanken!

 
In diesem Themenschwerpunkt erschienen:
:: Georg Paaßen, Mein leben ist endlich
:: Bernhard Stier, Nachdenken über die »Endlichkeit«
:: Marc Melcher, Love me Gender
:: Georg Schierling, Die Endlichkeit im Bild
:: Christoph Rommel, Werner und die Angst vor dem Tod
:: Ralf Ruhl, Endlichkeit, 1
:: Ralf Ruhl, Endlichkeit, 2
:: Ralf Ruhl, Endlichkeit, 3
:: Ralf Ruhl, Endlichkeit, 4
:: Ralf Ruhl, Endlichkeit, 5
:: Tom Focke, Später ist es irgendwann zu spät
:: Martin Verlinden, Momente der Leichtfüßigkeit
:: Holger Barth, Ein gutes Ende finden!
:: Frank Keil, »Aufhören – ja, warum denn nicht?«
:: Martin Verlinden, Zeit und Vertrauen tief fühlen
:: Alexander Bentheim, Endlichkeiten als Wegmarken
:: Guido Wiermann, Ein Tag auf dem Rad mit der Endlichkeit

Alle Beiträge mit weiteren Illustrationen gibt es in einem gemeinsamen PDF zum Download.