Vaterschaft, die stille Revolution im Körper

Vater zu werden ist ein sowohl emotional als auch körperlich einschneidendes Ereignis im Leben eines Mannes; Neurobiologie und Anthropologie befassen sich zunehmend mit diesen Zusammenhängen. Eine ARTE-Dokumentation zeigt, dass Männer in einem förderlichen gesellschaftlichen Rahmen ihr väterliches Potenzial voll entfalten können.

zwei Männer pflegen ein Kleinkind

Text: Alexander Bentheim (Redaktion)
Foto: Karola G, pexels.com


Seit 1965 verbringen Väter in Deutschland, Frankreich und vielen anderen westlichen Ländern viermal so viel Zeit mit ihren Kindern wie früher. Doch was bedeutet das für sie? Mit dem wissenschaftlich lange vernachlässigten Thema Vaterschaft befassen sich heute Forschende verschiedener Disziplinen, von der Neurobiologie bis zur Anthropologie.
Der US-Anthropologe Lee Gettler hat herausgefunden, dass sich bei Männern, die kürzlich Väter wurden, der Hormonhaushalt verändert: Der Testosteronspiegel sinkt, während das Stresshormon Cortisol und das »Bindungshormon« Oxytocin ansteigen. Noch überraschender: Je mehr sich ein Vater um sein Kind kümmert, desto stärker fällt dieser Effekt aus – und über die Epigenetik können diese Veränderungen sogar an die nächsten Generationen weitergegeben werden.

Doch nicht nur Biologie prägt die Vaterschaft. Der französische Bioakustiker Nicolas Mathevon widerlegt das Klischee, dass nur Mütter das Weinen ihres Babys sicher erkennen. Entscheidend dafür ist allein, wie viel Zeit ein Elternteil mit dem Kind verbringt.
Und die israelische Neurobiologin Ruth Feldman zeigt: Bei schwulen Vätern, die gemeinsam ein Kind großziehen, aktivieren sich im Gehirn sowohl typisch »mütterliche« als auch »väterliche« Areale. Die amerikanische Anthropologin Sarah Blaffer Hrdy bestätigt diese Hypothese und betont die Bedeutung der sogenannten »Allo-Eltern«, die die biologischen Erzeuger beim Großziehen des Nachwuchses unterstützen.

Dass Väter für die Entwicklung ihrer Kinder wichtig sind, ist kein modernes Phänomen. Studien an Baumsteigerfröschen und Nachtaffen belegen, dass väterliche Fürsorge in der Evolution schon früh überlebenswichtig war. Beim Menschen kommt es jedoch auf den gesellschaftlichen Rahmen an: In tansanischen Ethnien, wo Väter stark in die Kindererziehung eingebunden sind, haben sie messbar weniger Testosteron als kinderlose Männer.
Die Botschaft der Forschung ist damit klar: Väter sind nicht nur »Helfer«, sondern prägen ihre Kinder biologisch und emotional – wenn die Umstände es zulassen (was im Umkehrschluss aber auch bedeutet: wenn es die Umstände nicht zulassen oder verhindern, hat dies ebenso Auswirkungen). Die Dokumentation von Jacqueline Framer zeigt, wie Vaterschaft Männer tiefgreifend prägt und warum die Bindung zwischen Vater und Kind für unsere Gesellschaft essenziell ist.

Die ARTE-Dokumentation wird gesendet am 06.12.25 und ist dort in der Mediathek verfügbar bis einschließlich 05.02.26.

Papa mit Herz und Hand

Eine Depression betrifft die gesamte Familie – in diesem Kinderbuch kümmert sich der Vater um alles, was die Situation erträglicher macht.

Vater versorgt die Wunde des Sohnes mit einem Pflaster

Text: Ralf Ruhl
Foto: Pavel Danilyuk, pexels.com

 
Eine seelische Krankheit, vor allem eine Depression, betrifft die gesamte Familie. Im sehr realistisch illustrierten Bilderbuch »Wilmo« von Francis Kaiser kümmert sich der Vater mit viel Herz und Hand um die Kinder und seine erkrankte Frau. Und hält damit die Familie zusammen.

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Männer und Depression – das stumme Leiden

Nach neuestem Wissensstand sind wesentlich mehr Männer von Depressionen betroffen als bislang bekannt. Die ARTE-Dokumentation zeigt, warum »männliche Depressionen« oft unentdeckt bleiben, beleuchtet aktuelle Erkenntnisse zur Diagnostik und Behandlung sowie Möglichkeiten, das mitunter tödlich endende Schweigen der Männer zu überwinden.

Mann sitzt traurig an einem Tisch

Text: Alexander Bentheim (Redaktion)
Foto: Andrew Neel, pexels.com


In den meisten europäischen Ländern sind Frauen doppelt so häufig wegen Depressionen in Behandlung wie Männer. Zugleich gelten Depressionen als Hauptursache für Suizide und unter den jährlich 47.000 Menschen, die sich in der EU das Leben nehmen, befinden sich dreimal so viele Männer wie Frauen. Wie kann das sein?

Tatsächlich sind sehr viel mehr Männer depressiv. Ihre Krankheit wird jedoch häufig nicht diagnostiziert – unter anderem, weil sie sich als vermeintlich »starkes« Geschlecht keine Hilfe suchen. Alex McClintock aus Perth in Schottland will dieses Rollenbild überwinden; er hat eine Gruppe gegründet, in der Männer über ihre Gefühle sprechen.
Depressionen bei Männern bleiben oft auch unerkannt, weil sie sich häufig hinter unerwarteten Symptomen wie etwa aggressivem Verhalten verstecken. Eine Klinik in der Nähe von Paris bietet die Behandlung von aggressivem Verhalten bei »männlichen« Depressionen an. Dort hat sich Vincent Rouchère schon mehrmals behandeln lassen. »Meine Traurigkeit kann ich nicht rauslassen. Ich weiß nicht, wie man weint«, sagt er. »Dieser Überfluss an Traurigkeit ist in Wut umgeschlagen.« In der Klinik lernt er, seine Wut zu kanalisieren und wieder Zugang zu den dahinter liegenden Emotionen zu finden.

Depressionen bei Männern geraten zunehmend in den wissenschaftlichen Fokus. Die Dokumentation von Ole Neugebauer (Deutschland 2024, 53 Minuten) blickt auf den aktuellen Stand der Depressionsforschung und zeigt, wie männliche Betroffene von einer geschlechtersensiblen Prävention sowie einer auf Männer zugeschnittenen Diagnostik und Behandlung profitieren. Der Film ist in der ARTE-Mediathek noch verfügbar bis zum 15.01.2026.

»Ganz oben, letzte Reihe«

Trump. Die hohen Zustimmungswerte für die AfD. Der fortlaufende Krieg gegen die Ukraine, der Völkermord im Sudan, dazu die Klima-Krise und all das private Ungemach – Tag für Tag mehr als genug Gelegenheiten wie Gründe, um zu verzweifeln. Und nun?

Text: Frank Keil
Foto: nicolasberlin, photocase.de

 
Männerbuch der Woche, 46te KW. – Heike Geißler nähert sich in ihrem mäandernden und vor allem offenherzigen Essay »Verzweiflungen« den Grundgefühlen unserer Tage.

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Das eigene Ende

Am Ende kommt das Ende. Aber vorher kann man noch einiges beobachten, notieren, bedenken. Für später.

ein trauriger Mann schützt sein Gesicht mit den Armen

Text: Frank Keil
Foto: Alex Green, pexels.com

 
Männerbuch der Woche, 44te KW. – Ulf Nilsson hat mit »Ein kleines Buch über die Kunst zu sterben« ein eben kleines, aber wichtiges Buch über (s)ein bevorstehendes Sterben hinterlassen.

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Zucker fürs Zockerhirn

Ein eindrücklicher Kinderroman über Armut, Mobbing und das tägliche Überleben in diesen Verhältnissen.

Hinterkopf einer Person vor dem laufenden Fernseher

Text: Ralf Ruhl
Foto: sör alex, photocase.de

 
Armut ist grausam. Das erfährt Jana tagtäglich. Schon, weil sich niemand in der Schule neben sie setzen will. Wie Armut das Familienleben mit Papa bestimmt und wie die clevere Zehnjährige einen Ausweg findet, das beschreibt Rachel van Kooij fast zärtlich in ihrem Kinderroman »Eher fällt der Mond vom Himmel«.

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»Ich höre auf zu kämpfen«

Eine Einladung zu »Erfahrung, Kraft und Hoffnung unter Männern« in der Hamburger »Kirche der Stille« am 01. November 2025.

Person sitzt meditierend im Zimmer

Text: Alexander Bentheim (Redaktion)
Foto: Francesco Ungaro, pexels.com


»Wenn ich kämpfe, neige ich dazu, mich zu verstricken. Ich denke in Kreisen, Strategien, Plänen, Manipulationen. Ich bin Ärger, Wut, Kritik … Ich fühle wenig anderes. Mehr und mehr isoliere ich mich von Anderen und vor allem von mir selbst«. Jedoch: »Ich habe für mich erfahren, dass es auch anders geht«.
Mit seiner Einladung möchte Rainer M. Zimpel (Coach, Teamentwickler, Sänger, Musiker & Chorleiter) anhand von inhaltlichen Impulsen und praktischem Tun – darunter Übungen für Körper, Geist und Seele; Umgang mit Widerständen, Ablenkungen und Verstrickungen; einzeln und gemeinsam still werden; spirituelle Prinzipien wie Annahme, Bereitschaft, Vertrauen – einen Raum der Achtsamkeit schaffen: Schritt für Schritt lernen, mit sich selbst respekt- und liebevoll zu sein, um dann auch Anderen friedvoll und freundlich zu begegnen.

Ort: Kirche der Stille, Helenenstraße 14A, 22765 Hamburg | Zeit: Sonnabend, 01.11.25, 10-14 Uhr | Anmeldung und Infos: Rainer M. Zimpel, stillepaedagogik@web.de. Anmeldung erwünscht, spontanes Dazukommen möglich | Finanzieller Beitrag: 25-35 Euro nach Selbsteinschätzung, bitte bar vor Ort. Deine Teilnahme sollte nicht am Geld scheitern, im Zweifelsfall melde Dich bei Rainer.

Durch die Schichten des Schweigens

Wenn etwas vorbei ist, beginnt bald etwas Neues. Das weiß man, auch wenn es nicht hilft, denn alles braucht seine Zeit.

Eine Frau und ein Mann gehen im Lichtkegel einer beschatteten Straße

Text: Frank Keil
Foto: N.O.B., photocase.de

 
Männerbuch der Woche, 40te KW. – Sehr behutsam verknüpft Sylvain Prudhomme in seinem fabelhaften Roman »Der Junge im Taxi« eine Familiensuche mit dem Ende einer Liebe.

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Das sitzt!

Neulich im Kunstmuseum – realistisch, gruselig, jugendlich.

Ron Mueck - Plastik Hockender Junge

Text und Foto: Frank Keil
Reihe »Bilder und ihre Geschichte«



»Ey Digga, Kunst ist echt nicht nice«, das mögen sie gedacht, sich einander zugeflüstert haben, die Jugendlichen, wie sie sich in Klassenstärke an einem Vormittag demonstrativ gelangweilt durch die Räume des ARoS schleppten, dem legendären Kunstmuseum im dänischen Aarhus. Doch dann war plötzlich Stille. War Aufmerksamkeit, war Ergriffenheit: als sie im abgedunkelten Untergeschoss vor der Skulptur »Boy« von Ron Mueck standen. Einer wie sie hockte vor ihnen, nur in riesengroß. Verletzlich, seltsam, dabei naturgetreu, irgendwie auch gruselig, schwer zu verstehen. Und sie zückten ihre Handys.
Mueck, Jahrgang 1958, hat lange fürs britische Kinderfernsehen gearbeitet, für die Sesamstraße, für die Muppet-Show; später gründete er eine Werbeagentur. Bis er genug vom kommerziellen Arbeiten hatte und es ihn zur Kunst zog, wo er zum Glück blieb. Hierzulande wurde er bekannt durch seine Skulptur »Dead Dad«, die lange im Landesmuseum Hannover zu sehen war: sein toter Vater lag vor einem, geschaffen aus Silikon und Fiberglas; kleiner, als er je als Vater war.



Mehr Bilder aus der Reihe »Bilder und ihre Geschichte« gibt’s im Archiv.

»Und überall Affen«

Irgendwann kommt das Ende. Ist nicht mehr abzuhalten. Und was ist zu sehen und womöglich zu erkennen, was einen bis zuletzt trägt, tröstet oder schlicht beschäftigt?

Text: Frank Keil
Foto: Tina Ruisinger

 
Männerbuch der Woche, 35te KW. – Tina Ruisinger zeigt uns in ihrem Bilderband »Lebensbilder – Fotografie in der Palliative Care«, wie einem eigene Fotografien dabei helfen können, den bevorstehenden Tod zu begleiten, vielleicht ihn zu gestalten und für sich Abschied zu nehmen.

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