Eine ziemlich wirklich wahre Bärengeschichte

Winnie Pu gab es wirklich! Die wahre Geschichte hinter den weltberühmten erzählten Geschichten bringt dabei nicht nur eine BärIN als Hauptperson hervor …

Mädchen mit Bärenkostüm

Text: Ralf Ruhl
Foto: Liliana Drew, pexels.com

 
A. A. Milne’s Geschichten von Winnie the Pooh sind legendär. Zu dessen 100. Geburtstag haben Lindsay Mattick (Text) und Sophie Blackall (Illustrationen) die wahre Geschichte neu herausgebracht. Absolut lesenswert!

Zur Rezension

Und wer nach dem Kinderbuch noch mehr Hintergrund will, wird hier fündig.

Ein gutes Ende finden!

Über das Älterwerden und den Tod

Handinnenfläche
Text: Holger Barth
Foto: iotas, photocase.de
Schwerpunkt »Endlichkeiten«


Sprachlos

Als ich jung war,
drehte sich die Welt um mich,
und ich erhob meine Stimme,
mit den Fäusten zum Himmel.

Jetzt im Alter
dreh ich mich um die Welt,
mit den Händen in der Tasche,
und es verschlägt mir die Sprache.



Prolog

Um es gleich vorwegzunehmen: Ich will in diesem Beitrag, wo es um die eigene Endlichkeit gehen soll, nicht nur mit Witz oder gar Klugschwätzerei brillieren. Denn dafür ist mir das Thema viel zu ernst und zu wichtig. Würde ich das tun, ließe ich das Wesentliche nicht an mein Herz heran. Womit wir vielleicht gleich beim Anlass des Schreibens wären. Nämlich, welchen Zugang speziell Männer dazu haben. Meist wird dieses Ende von ihnen – so lautet ein gängiges Vorurteil – eher theoretisiert oder objektiviert. Um ihm den Stachel zu nehmen, den Horror. Um die eigene Endlichkeit nicht denken zu müssen.

MännerWege stellt sich nicht nur die Aufgabe, Männern eine Stimme zu geben, sondern bietet ihnen ein Forum, neue (Lebens)Perspektiven zu entwickeln. Deshalb möchte ich das Privileg der Alten nutzen, über das Ende nachdenken zu dürfen. Denn die Jungen können sich seiner Bedeutung nur wenig bewusst werden, weil es schlicht nicht auftaucht an ihrem Horizont. Ganz nach dem Motto des griechischen Philosophen Epikur: »Wenn wir sind, dann ist der Tod nicht da, wenn der Tod da ist, sind wir nicht.« (1)

Bevor ich aber darauf zu sprechen komme, muss ich mich der Vorstufe, dem Älterwerden zuwenden. Warum dieser Exkurs? Man kennt die Alten, denen man auf der Straße oder im Supermarkt begegnet. Diese ewigen Nörgler! Ihnen ist nichts recht und früher war alles besser. Sie haben den Anschluss an die Gegenwart verpasst und sich in ihrem Panoptikum eingerichtet, einbalsamiert von ihrem durchweg geregelten Dasein. Im Gegensatz dazu gibt es die Variante, permanent jugendlicher Vitalität und körperlicher Attraktivität nachzueifern. Das Ende jedoch zu ignorieren und sich in einer subjektiven Idealwelt einzurichten, ist auch keine Lösung.

Vieles spricht dafür, dass die Frage des Lebensendes eine Frage des vorangegangenen Lebens ist. Nähere ich mich dieser Vermutung aus der Perspektive des Schreibens: Will ich wie jetzt zu einem bestimmten Thema etwas schreiben, lese ich mich in fremde Texte ein, schreibe prägnante Zitate ab, mache mir eigene Gedanken. So langsam entsteht eine Idee, worüber und wie ich darüber schreiben will. Doch mit dem Anfang tue ich mich immer schwer: Steige ich gleich ein oder hole weit aus? Überrasche ich oder wähle einen gewohnten Einstieg? Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass ich den Leser oder die Leserin gleich zu Anfang catchen muss, sonst habe ich ihn oder sie verloren, bevor es überhaupt losgeht. Das gilt aber auch gleichermaßen für das Ende: Soll es offenbleiben oder mit einer Gewissheit enden? Habe ich die richtigen Schlussfolgerungen gezogen? Ein schlechtes Ende kann das ganze Lesevergnügen verderben. Man kann am Ende viel falsch machen.

Okay, will ich also über das unwiderrufliche Ende schreiben. Das Ende, nach dem nix mehr kommt. »We are on a road to nowhere«, wie es die Talking Heads Mitte der 1980er Jahren gesungen haben, als wir Boomer noch in der Blüte unseres Lebens standen.

Abschied auf Raten

»Älterwerden ist nichts für Feiglinge«, steht es gedruckt auf einer Postkarte. Was hier spaßig gemeint ist, lässt sich durchaus als eine ernstzunehmende Erfahrung verstehen. Eine Erfahrung, die subjektiv und deshalb nur schwer vermittelbar erscheint. Man spricht nicht gerne darüber, auch, weil sie mit Verlusten zu tun hat. Anders als in manchen Urvölkern, wo Ältere verehrt werden, fällt ihnen in unserer Gesellschaft keine tragende Rolle zu. Sie verschwinden in einem Paralleluniversum, in dem sie sich gut einrichten. Man sieht sie in Cliquen auf ihren E-Bikes den Elbradweg entlangradeln. Aber auch in der Philharmonie oder im Deutschen Theater trifft man sie an, weil sie an Kunst und Kultur interessiert sind. Sie setzen sich am Ku’damm in Cafés zusammen, und vereinzelt verabreden sich Großeltern zum Eisessen mit ihrem Enkelkind. Doch meist bleiben sie unter sich, weil sie Vertriebene sind. Vertrieben aus einer Welt, die sie zu kennen glaubten. Aber diese Welt verändert sich in einem rasanten Tempo und es ist für sie nicht mehr möglich, Schritt mit ihr zu halten. Die Vertreibung findet dabei auf allen Ebenen statt: zeitlich, räumlich, geistig und emotional.

Der stetige Verlust der Bedeutsamkeit, der Gesundheit und der Leistungsfähigkeit – solche existenziellen Verluste machen uns zu Vertriebenen (2). In meiner Generation waren es oft noch die Männer, die Projekte entwickelt und umgesetzt haben. Sie haben Bücher geschrieben, Häuser gebaut oder einen Betrieb geleitet. Wie geht es ihnen, wenn sie nicht mehr gebraucht werden? Es heißt ja, dass Männern der Übergang vom Erwerbsleben in den Ruhestand schwerfällt, sie nicht selten an depressiven Verstimmungen erkranken. Sind da Frauen anders, weil sie weicher fallen? Frauen haben als Mütter oft sehr starke Bindungen zu ihren Kindern. Sie haben durch das Zusammenleben mit ihnen gelernt, Veränderungen anzunehmen, und können loszulassen. Allgemein sagt man Frauen ebenso nach, dass sie mehr als Männer Beziehungen pflegen. Solche gelebten Bezüge kann man im Alter gut gebrauchen. Doch wie muss es erst denen gehen – egal, ob Mann oder Frau – für die sich im Leben nicht alles erfüllt hat, die gescheitert sind? Irgendwann stellt sich der Zeitpunkt ein, wo es gilt, sich auch damit arrangieren zu müssen und Niederlagen in die eigene Biografie einzubinden.

Kurzum, es geht gar nicht um das Älterwerden an sich, sondern um die Verluste, die damit einhergehen. Es sind Herausforderungen, denen sich jeder im Alter stellen muss. Abschied auf Raten: Wir trauern um Freunde, die zu früh aus dem Leben geschieden sind. Wir trauern um unsere Zähne, die durch eine Teilprothese ersetzt werden. Und vom Libidoverlust ganz zu schweigen. Für mich war es persönlich mit einer sehr traurigen Erfahrung verbunden, die eigenen Eltern ins Pflegeheim begleiten zu müssen. Da bricht etwas hinter einem weg, das eine große Bedeutung im eigenen Leben hatte. Der anschließende Verkauf des Elternhauses führte zu einem spürbaren Heimatverlust. Ich war plötzlich auf mich allein gestellt.

Sich selbst begegnen

Augenblick mal, wird jetzt der eine oder die andere Leser:in zurecht widersprechen, bei aller Schwarzmalerei ist das Älterwerden doch auch ein Zugewinn. Stimmt, zumal jede:r auch für sich entscheidet, wann er oder sie sich zum »alten Eisen« zählt, wie es so schön heißt. Für mich gab es diesen Moment in der Kita meiner Enkeltochter, als ich meine eigene Stimme hörte, während ich mich als »Opa« outete. Erschreckend und beruhigend zugleich, festzustellen, dass man das Zepter an die junge Generation weitergibt. Nun lädt man zu Weihnachten nicht mehr die Kinder und ihre Familien ein, sondern feiert bei ihnen. Auf der Arbeit habe ich als Sozialarbeiter die höchste Erfahrungsstufe erreicht, obwohl es die junge Kollegin ist, die den Laden zusammenhält. Die Lebensumstände und Verantwortlichkeiten kehren sich zwischen den Generationen um.

Was den Alten bleibt, sind Lebenserfahrungen und Alltagswissen, die zu ihrem Leidwesen in der digitalen Welt von ihren Nachkommen nicht mehr so nachgefragt werden. Ich erinnere mich noch, wie viele Telefonate es mich gekostet hat, bis ich den Oldenburger Grünkohl so wie meine Mutter kochen konnte. Meine Kinder dagegen rufen bei solchen Angelegenheiten eher ein Tutorial bei YouTube auf. Abgesehen davon, machen die Lebenserfahrungen vor allem mit uns und unserer Einstellung zum Leben etwas; sie haben unser Sein und Wesen über die vielen Jahre geprägt. Den Alten sagt man Tugenden wie Gelassenheit, Klugheit und die Kraft des Verzeihens nach. In der Tat, wir haben so manche Krisen durchlebt, Schicksalsschläge durchlitten und Herausforderungen gemeistert. Und, wir leben noch! Es ist die Kombination aus dem Wissen, dass mich so schnell nichts mehr erschüttern kann, und dem Erleben von Vergänglichkeit, die das Gefühl erzeugt, nicht mehr »so an dem Leben gebunden zu sein, ohne jedoch dem Leben gegenüber gleichgültig zu sein«, wie es Ina Schmidt so vortrefflich in ihrem Buch »Über die Vergänglichkeit« formuliert. (3)

Nun ist der Zeitpunkt gekommen, um mich auf das vorangestellte Gedicht zu beziehen. Denn uns wird ja nicht nur bewusst, dass unser Leben vergänglich ist, sondern durch die Verlusterfahrung gewinnen wir Distanz zu uns selbst und begegnen uns anders. Am Ende des Lebens empfindet man sich nicht mehr als Zentrum, vielmehr vermute ich wie Hans Blumberg, »dass der Welt unser Leben gleichgültig bleibt« (4). Dieses Bewusstsein verschafft ungeahnte Freiheiten. Ich muss nicht immer Recht haben, sondern nehme die eigene Bekehrbarkeit in den Blick. In politischen Diskussionen bin ich neugierig auf die Position meines Gegenübers, denn die eigene kenne ich ja bereits. Weil ich vermute, dass das Gesagte so nicht gemeint war, kann ich meinem Onkel nach 20 Jahren seinen damaligen Lapsus verzeihen. Und weil ich nicht weiß, was nach meinem Ende kommt, kann ich im Sinne Ernst Blochs wieder Hoffnung haben (5), dass die Welt eine Bessere sein wird. Auch wenn es mir in Anbetracht der derzeitigen Weltlage nicht leicht fällt.

Erzählung & Resonanz

Mein Vater wollte zeitlebens, dass ich als Sohn in seine Fußstapfen trete und sein Architekturbüro weiterführe. Also geht es zum Lebensende auch um Hinterlassenschaften. Um etwas, was von mir bleibt und das an mich erinnern soll. Neben materiellen Dingen, wie ein Familienunternehmen, ein vererbtes Elternhaus oder das Lieblingsporzellan der Oma, sind es vor allem Erzählungen, die die Hinterbliebenen an den oder die Verstorbene:n erinnern. Denn »nicht was wir gelebt haben, ist das Leben, sondern das, was wir erinnern und wie wir es erinnern, um davon zu erzählen« (6), schreibt Gabriel García Márquez in einem seiner Romane. Dabei werden Geschichten immer wieder repetiert, schließlich muss jede Erzählung glaubhaft gemacht und von anderen bestätigt werden.

Bereits zu Lebzeiten ist das biografische Erzählen von großer Bedeutung für die persönliche Identitätsbildung, also für das Selbstverständnis und die Darstellung der eigenen Person. Erst über das Erzählen ist das Verstehen der Mitmenschen, sind zwischenmenschliche Beziehungen möglich. Erst über das Erzählen lassen sich Wissen und Erfahrungen über die Welt vermitteln, kann das »Nicht-Erfahrbare erfahrbar« gemacht werden. Jeder erinnert sich an seine Kindheit und Jugend als eine Lebensphase, wo das Herz offen ist und man Eindrücke aufsaugt wie ein Schwamm.

Doch im Alter kann der Vorrat an Empathie verbraucht sein. Dann wird das Leben zur Last, weil es einen Zustand der Langeweile, Gleichgültigkeit und Kälte erreicht hat. Dieser Bedrohung durch ein Leben, in dem wir keine Resonanzen mehr erleben (7), lässt sich entgegenwirken, indem wir den Verlust von Sinn und Bezogenheit anerkennen. Die Trauer erlaubt uns, verletzbar zu sein und genau dadurch wieder empfänglich zu werden. Es fällt mir manchmal schwer, auf das kindliche Glucksen meiner Enkeltochter adäquat zu reagieren: nämlich glucksend! Aber nur so kann ich mit ihr und der Welt in Resonanz gehen. So robbe ich mich ins eigene Leben zurück und gewinne die Deutungshoheit über das eigene Leben zurück. Es ist letztlich der Versuch, in einer Welt wieder heimisch zu werden, die einem das Gefühl von Zugehörigkeit genommen hat und die auf dieselbe Weise nie wieder Heimat werden kann.

Bilanz ziehen

Mein 21-jähriger Sohn erzählte mir vor Kurzem voller Bewunderung von dem US-amerikanischen Influencer Bryan Johnson, der sich Longevity auf die Fahnen geschrieben hat, also die Aufgabe, niemals zu sterben. Dafür nutzt er mit sichtbarem Erfolg Körperscans, Tests, Nahrungsergänzungsmittel und einen Lebensstil, der seinen Alterungsprozess verlangsamen oder gar umkehren soll.
Ich denke an meine Schwester, die seit letzter Woche zum Sterben im Hospiz liegt. Der Verlust eines geliebten Menschen ist Grund genug, den Tod ein Arschloch zu nennen. Und doch fehlt mir die Vorstellungskraft, wie kümmerlich ein Leben ohne Ende wäre. Dabei hängt es nicht von der Lebensdauer ab, denn ein kurzes Leben kann genauso gelungen sein wie ein langes Leben. Die Endlichkeit des Lebens zwingt uns, wichtige Projekte rechtzeitig zu Ende zu bringen. Ein endliches Leben ist auf den Tod als Ziel- und Endpunkt ausgerichtet. Viele Menschen treffen in Angesicht ihres bevorstehenden Todes Vorkehrungen. Sie setzen ein Testament auf, um für ihre Angehörigen zu sorgen und mit ihrem Leben abzuschließen. Die Biografie wird so zu einer Geschichte, die irgendwann zu Ende erzählt ist und ihren Abschluss findet. Ein Sterblicher kann am Ende seines Lebens Bilanz ziehen und aus seiner subjektiven Perspektive beurteilen, ob sein Leben gut oder schlecht war.

Nun kommt die Zeit, über Gott nachzudenken. Sind wir als Jugendliche aus der Kirche ausgetreten, stellen wir nun im Alter fest, dass wir das Leben nicht vom Ende her gedacht haben. Gott kann Trost geben. Auferstehung von den Toten, Wiedergeburt, Seelenwanderung – alles Strategien, um dem Ende seinen Schrecken zu nehmen.

Uns treibt die Frage um, ob wir selbst entscheiden können, wie das Ende aussehen soll, denn schließlich wollen wir nicht sabbernd in einem Alten- und Pflegeheim dahinsiechen und auf den Tod warten, oder? Das Ende wollen wir selbst in die Hand nehmen. Am besten noch den Soundtrack für die Trauerfeier auswählen. Obwohl es uns doch völlig egal sein kann, denn wir werden ja nicht dabei sein.

Epilog

Ich schrieb anfangs von dem Verkauf meines Elternhauses und wie ich mich dadurch heimatlos fühlte. Heute wohnt dort eine junge Familie mit zwei Kindern, für die das Haus ein Anfang ist. Ich habe sie letztens besucht und mich davon überzeugt, dass das Haus in guten Händen ist.



Anmerkungen
(1) Epikur: Briefe, Sprüche, Werkfragmente. Stuttgart, 1980: 45.
(2) Den Zusammenhang zwischen Verlust und Vertreibung, Verlust als soziales Phänomen, stellt der Soziologe Andreas Reckwitz in seinem neuen Buch her. Vgl. Andreas Reckwitz: Verlust. Ein Grundproblem der Moderne. Frankfurt a.M., 2024.
(3) Ina Schmidts Buch habe ich viele inspirierende Gedanken zum Thema zu verdanken. Vgl. Ina Schmidt: Über die Vergänglichkeit. Hamburg, 2019: hier S. 24.
(4) Hans Blumberg: Lebenszeit und Weltzeit. Frankfurt a.M., 1986.
(5) Vgl. Ernst Bloch: Das Prinzip Hoffnung. Frankfurt a.M., 1985.
(6) Gabriel García Márquez: Leben, um davon zu erzählen. Köln, 2002.
(7) Den Begriff der Resonanz, wie ich ihn hier verwende, hat der Soziologe Hartmut Rosa geprägt. Vgl. Hartmut Rosa: Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehung. Frankfurt a.M., 2016.

Die Endlichkeit im Bild

Drei fotografische Impressionen und meine Gedanken dazu

Text und Fotos: Georg Schierling
Schwerpunkt »Endlichkeiten«


Das Ende des Schienenstrangs – die Schiene ist zu Ende. Einfach so. Sie hört auf. Verläuft nicht weiter. Ohne Begründung. Kein Schotterbett mehr, also auch keine Bahnschwelle mehr. Hier geht es nicht mehr weiter. Der Unterbau fehlt. Und so geht es eben nicht. Und weil man die Schiene nicht einfach auf die Wiese legen kann, kommt hier eben nur noch: Wiese.



Diese »Lebensweg«-Radierung (Farbstich) habe ich in einem Bauernhofmuseum fotografiert. Das Bild stammt aus dem 19. Jahrhundert und war damals in ländlichen Gebieten sehr verbreitet als »Stufenalter des Mannes« (das Äquivalent gibt es als »Stufenalter der Frau«).
Die klischeeartige Darstellung der Lebensalterstufen zeigt die verschiedenen Lebensstufen, wie sie damals im ländlichen Bereich üblicherweise verstanden wurden. Jedes Lebensalter hat dabei seinen besonderen Reiz und seine ureigenste Herausforderung; hier findet sich der Inbegriff der Vergänglichkeit. Dazu fällt mir das Bibelzitat ein aus Psalm 90, 10+12: »Unser Leben dauert siebzig Jahre, und wenn wir noch Kraft haben, dann auch achtzig Jahre. Und was uns daran so wichtig erschien, ist letztlich nur Mühe und trügerische Sicherheit. Denn schnell eilen unsere Tage vorüber, als flögen wir davon. (…) Lehre uns zu bedenken, wie wenig Lebenstage uns bleiben, damit wir ein Herz voll Weisheit erlangen!« (Neue Genfer Übersetzung)



Ein schwarzer Schleier an einem Grabkreuz mit den Jahreszahlen 1954-2010. Mit 55 muss man eigentlich noch nicht sterben, denkt man. Aber es geschieht trotzdem. In Oberschwaben werden bei den katholischen Gräbern die Grabkreuze oft mit einem schwarzen Schleier geschmückt, der dann im Wind leise dahinflattert – das Leben als ein vergänglicher Windhauch. Oder wie es in der Bibel beschrieben wird in Prediger 1,14: »Ich sah an alles Tun, das unter der Sonne geschieht, und siehe, es war alles eitel und Haschen nach Wind.«

Männer/* und ihre Wege

Beiträge für ein biografisch geprägtes Archiv zur persönlichen, ehrenamtlichen und professionellen Auseinandersetzung mit Jungen-, Männer- und Väterthemen – über den MännerWege Fragebogen

Mann sitzt über einer alten Schreibmaschine

Text: Alexander Bentheim
Foto: Andreas Berheide, photocase.de

 
Was ist uns wichtig? Warum tun wir, was wir tun? Was hat uns inspiriert oder provoziert, etwas besser oder anders machen zu wollen angesichts dessen, was wir vorgefunden haben? Und wie bewerten wir all das, im Nachhinein vielleicht radikaler oder milder als seinerzeit?

Länger projektiert, nun auf den Weg gebracht: der MännerWege Fragebogen mit seinen Leitfragen, zu denen wir uns von Kollegen, Freunden, Partnern, Wegbegleitern persönliche Antworten wünschen. Gedanken dazu, wie sie ihre Zugänge zur ehrenamtlichen oder professionellen Beschäftigung mit Männlichkeits*themen gefunden haben. Wie sie ihre biografisch geprägten Entwicklungen, Erweiterungen und Veränderungen empfinden, wie ihre inneren Verortungen, Überzeugungen und Begründungen aussehen. Und wie sie das alles – auch beruflich, partnerschaftlich, geschlechterpolitisch – reflektieren.

Mit der Reihe wollen wir nicht nur die Vielfalt von Gedanken, Erfahrungen, Einschätzungen abbilden, sondern auch Grundlagen für intergenerative Dialoge legen.

 
Bisherige Beiträge (32):
:: Dirk Achterwinter, Bielefeld
:: Dirk Bange, Hamburg
:: Alexander Bentheim, Hamburg
:: Harry Friebel, Hamburg
:: Marc Gärtner, Berlin
:: Thomas Gesterkamp, Köln
:: Gerhard Hafner, Berlin
:: Jeff Hearn, Örebro (Schweden)
:: Andreas Heilmann, Berlin
:: Markus Hofer, Feldkirch (Österreich)
:: Frank Keil, Hamburg
:: Michael Kimmel, New York (USA)
:: Hans-Joachim Lenz, Ebringen b. Freiburg
:: Peter Maier, Kühbach b. Augsburg
:: Marc Melcher, Frankfurt/M.
:: Christian Meyn-Schwarze, Hilden
:: Karl-Heinz Michels, Ruderting
:: Hans-Georg Nelles, Düsseldorf
:: Gunter Neubauer, Tübingen
:: Georg Paaßen, Mülheim
:: Hans Prömper, Offenbach
:: Josef Riederle, Kiel
:: Wolfgang Rosenthal, Oldenburg
:: Michael Roth, Duisburg
:: Ralf Ruhl, Göttingen
:: Thomas Scheskat, Göttingen
:: Uwe Sielert, Kiel
:: Christian Sieling, Dietzenbach b. Frankfurt/M.
:: Matthias Stiehler, Dresden
:: Bernhard Stier, Hamburg
:: Rainer Ulfers, Hamburg
:: Martin Verlinden, Köln

Weitere zugesagte Beiträge:
:: Stefan Baier, Dresden
:: Matthias Becker, Nürnberg
:: Frank Beuster, Hamburg
:: Peter Bienwald, Dresden
:: Theo Brocks, Köln
:: Tobias Bücklein, Konstanz
:: Ulrich Dirks, Dortmund
:: Wolfgang Englert, Wehrheim b. Frankfurt/M.
:: Frank-Ole Haake, Dresden
:: Volker Handke, Berlin
:: Stephan Höying, Berlin
:: Olaf Jantz, Hannover
:: Karsten Kassner, Berlin
:: Karsten Knigge, Göttingen
:: Birol Mertol, Essen
:: Michel Meurer, Meckenheim
:: Sascha Möckel, Dresden
:: Mario Nitsch, Ruderting b. Passau
:: Peter Pfingstl, Weingarten b. Karlsruhe
:: Christian Raschke, Müncheberg b. Berlin
:: Tim Rohrmann, Hildesheim
:: Martin Rosowski, Kassel
:: Klaus Schwerma, Berlin
:: Uli Severin, Frankfurt/M.
:: Holger Strenz, Dresden
:: Markus Theunert, Basel (Schweiz)
:: Michael Tunç, Köln
:: Detlef Vetter, Bielefeld

Zeitenwende

Beleidigungen in der Postmoderne

Parkbank mit Grafitti

Text und Foto: Alexander Bentheim
Reihe »Bilder und ihre Geschichte«

Satire, ein Orthographieproblem oder einfach nicht zugehört? Jedenfalls war der Schmunzler perfekt, als wir im Hamburger Stadtpark an dieser Bank vorbeikamen. »Ein Sohn mit nur einer Uhr?«, »Jemand, der es mit der Pünktlichkeit so genau nimmt, dass er auf seine Verabredung keine 5 Minuten wartet?« Fragen über Fragen. »Hauptsache, er tickt noch ganz richtig«, bemerkte ein Freund. Alles andere ist dann egal.



Reihe »Bilder und ihre Geschichte/n«
#16 | Frank Keil, Warten auf den nächsten Zug
#15 | Alexander Bentheim, Im Bistro am Ölberg
#14 | Alexander Bentheim, »Riskanter, als Aktien zu haben … ist keine zu haben.«
#13 | Rolf Lüüs, Geschenkte Momente
#12 | Christian Thiel, Ein Augenblick der Ruhe und Verbundenheit
#11 | Tom Focke, Berliner Trompeten
#10 | Kerstin Maier, 9 Tage Glück / Familiensachen
#09 | Jo Fröhner, Rollentausch am Arbeitsplatz / Wenn Männer Männer pflegen
#08 | Kerstin Maier, Roadmovie / Männersachen
#07 | Caio Jacques, Von Luis zu Mina / Eine Reise zwischen den Geschlechtern
#06 | Alexander Bentheim und Frank Keil, Stephen Sondheim’s Musical »Assassins«
#05 | Soumita Bhattacharya, Mandeep Raikhy’s »A MALE ANT HAS STRAIGHT ANTENNAE«
#04 | Gilles Soubeyrand, Portraits und ein Interview
#03 | Jens Kuhn, Fotografische Männergeschichten und ein Interview
#02 | Kerstin Maier, 11 Freunde
#01 | Sebastian Ansorge, malender Kreativitätsbegleiter

Vier Stunden, leichte Wanderung

Wo ist man daheim? Wo findet man ein neues Zuhause? Erst recht, wenn man nicht freiwillig gegangen ist.

ein Mann wandert durch eine Berglandschaft

Text: Frank Keil
Foto: AllzweckJack, photocase.de

Männerbuch der Woche, 37te KW. – Usama Al Shahmani erzählt in seinem bedrückenden Roman »Der Vogel zweifelt nicht am Ort, zu dem er fliegt« vom Schmerz des Exils, von den Mühen des Ankommens, aber auch von einer heilsamen Wanderung entlang der Aare durch die Deutschschweiz.

Zur Rezension | Die offizielle Buchpremiere gibt es am 29.9.22 um 19.30 Uhr auf YouTube.

»Gefühlvoll – aber kein Weichei!« Über das Mannsein heute

Digitale und analoge Salonabende – eine neue Veranstaltungsreihe des MännerKompetenzCentrum Hamburg

Mann mit Luftballons an einer Straße in einer einsamen Landschaft

Text: Alexander Bentheim (Redaktion)
Foto: Nordreisender, photocase.de

Das im letzten Jahr gegründete MännerKompetenzCentrum Hamburg startet am 4. Mai eine Salonabend-Reihe mit vielfältigen Männer-Themen von engagierten Impulsgebern – zunächst digital, aber wenn es die pandemischen Umstände zulassen, auch wieder analog. Auf das Mannsein aus verschiedenen Perspektiven blicken ist Programm, miteinander ins Gespräch kommen das Ziel – und das an jedem ersten Dienstag im Monat.

Den Auftakt macht der Bielefelder Diplom-Psychologe, Psychotherapeut und Männerbuchautor Björn Süfke. »Kein Wunder«, sagt er, »dass Männer heute verwirrt sind: Doppelanforderungen im Hinblick auf Partnerschaft und Karriere, Vaterschaft zwischen Anspruch und Erwartung, Gefühle zwischen Empathie und Kontrolle.« Björn Süfke, Autor von u.a. »Den Mann zur Sprache bringen«, »Männerseelen« und »Männer. Was es heute heißt, ein Mann zu sein«, plädiert für eine vollständige Gleichstellung von Vätern bei der Erziehungsarbeit, damit die nachfolgende Generation – vor allem Jungen – auch mit männlichen, emotional präsenten Identifikationsfiguren aufwachsen kann. Und: es müsse in unserer Gesellschaft möglich werden, über männliches Leid zu sprechen, ohne ausgelacht oder in einen unwürdigen Geschlechterkampf hineingezogen zu werden. Dass das traditionelle Verständnis von Männlichkeit im Zerfall begriffen ist, gilt ihm als positive und notwendige Entwicklung, denn: dieses Bild von Männlichkeit hat verheerende Konsequenzen für Männer in puncto Gesundheit, Beziehungen, Sexualität, Gewalt und psychischem Wohlergehen. Zur Diskussion stellt Björn Süfke Erkenntnisse aus seiner Arbeit: eine positive männliche Emanzipation, eine männliche Versagenskultur und ein Ende der Männerabwertung und des Geschlechterkampfes.

Moderation: Andreas Leschke, MännerKompetenzCentrum Hamburg e.V. | Zeit: 4. Mai 2021, 18.30 – 20.00 Uhr | Ort: Zoom-Videokonferenz | Teilnahmebeitrag: Spende nach eigenem Ermessen | Anmeldung: Zugangs- und Kontodaten nach Erhalt der Anmeldung oder Mail an salonabend@mkc.hamburg bis zum 30. April 2021 | Eine Vorschau auf weitere Termine und Themen gibt hier.

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Der Mann mit der Cola-Dose

oder: wie ich heute die DDR suche

Männer in Ostberlin schauen auf eine Zigarettenwerbung

Text und Foto: Frank Keil | Special: 30 Jahre Mauerfall, plusminus

Wir waren für einen Tag nach Ost-Berlin gefahren, also Hauptstadt der DDR, Mitte 1990. Wo wir damals übernachteten, in West-Berlin natürlich, es will mir nicht recht einfallen. Was zeigt, dass man mit seinen Erinnerungen vorsichtig sein sollte. Was weiß man schon, was war. Was genau war und was nicht und wann; was sich in Erinnerungsschichten übereinander legt. Mal ist man sicher, sich richtig zu erinnern, mal weniger. Mal kommt alles ins Schwimmen. Dann helfen Fotos.
Jedenfalls: Wir waren in Ost-Berlin. Gingen über den »Alex«, den Alexanderplatz, die Hosentaschen voller Geld. Wir hatten gleich hinter der Grenze, die keine Grenze mehr war, auch wenn da noch Grenzer standen, die höflich nach unseren Ausweisen gefragt, aber gar nicht richtig hingeschaut hatten, in einem Hauseingang Geld getauscht. Eins zu sieben, nicht eins zu neun oder eins zu zehn, was wir auch hätten machen können, überall standen Leute (Männer) mit Geldbündeln in der Hand, die für ihr Ostgeld Westgeld haben wollten, D-Mark.

Zum gesamten Rückblick

Wo man sein will, woher man kam

Steigt das Kind sozial auf, bleiben die Eltern noch mal anders zurück. Schmerzhaft ist es für beide, und man möchte mit beiden nicht tauschen.

Ein Mann schaut durch ein Fenster

Text: Frank Keil
Foto: to-fo, photocase.de

Männerbuch der Woche, 25te KW. – Annie Ernaux erzählt in »Der Platz« von erst dem Leben und dann Sterben ihres Vaters. Es ist ein schönes, ein rabiates, also ein durch und durch ehrliches Buch.

Zur Rezension